The Independent / ZNet 22.10.2002Gott sei Dank gibt es
die israelische Presse, wie ich immer sage. Denn wo sonst wird heutzutage noch
die grausame, brutale Behandlung verurteilt, die Israel den Palästinensern
angedeihen läßt? Wo sonst stünde beispielsweise zu lesen, dass
Moshe Yaalon, Ariel Scharons neuer Stabschef, die
palästinensische Bedrohung als etwas wie Krebs
bezeichnet. Es gibt verschiedene Möglichkeiten Krebsgeschwüre
zu behandeln. Im Moment versuch ichs grade mit Chemotherapie
(so Yaalon wörtlich). Oder wo sonst stünde wohl gedruckt, was
der Vorsitzende der israelischen Herut-Partei, Michael Kleiner,
äußerte: ... für jedes unserer Opfer müssen 1000
Palästinenser sterben. Oder wo sonst könnte man wohl nachlesen,
was Eitan Ben Eliahu, der vormalige israelische Kommandeur der Luftwaffe,
gesagt hat, nämlich: Letztendlich müssen wir die Zahl der
Palästinenser in den Territorien ausdünnen. Oder wo sonst
stünde, dass der neue Chef des Mossad, General Meir Dagan, ein Busenfreund
Ariel Scharons, an den Einsatz von Todeskommandos glaubt bzw. wo
steht, dass andere Mossad-Leute Dagan als Risiko einschätzen, denn
wenn Dagan seine Art Moral in den Mossad einbringt, könnte Israel zu
einem Land werden, in dem kein normaler Jude mehr leben möchte. Aber
derlei Informationen finden Sie nur in der Haaretz, in
Maarivoder Yediot Ahronot. Denn in der westlichen
Welt ist derzeit fast überall eine extrem bösartige
Verleumdungskampagne im Gange. Jeder Journalist, jeder Aktivist fällt ihr
zum Opfer, der oder die es wagen sollte, die israelische Politik u. die sie
gestalten zu kritisieren. Immer wahlloser wird dabei die
Allzweck-Verleumdungswaffe des Antisemitismus zum Einsatz gebracht,
selbst gegenüber Leuten, die die Skrupellosigkeit palästinensischer
Selbstmordanschlägeum kein Haar weniger verurteilen als die Grausamkeit
Israels, das auch immer wieder Kinder tötet. Man versucht die Leute
einfach mundtot zu machen. So haben beispielsweise derzeit Daniel Pipes u.
Martin Kramer vom Middle East Forum (Nahostforum) in den USA eine
Website geschaltet, mit der sie Akademiker an den Pranger stellen, von denen
sie glauben, sie hätten Hass auf Israel an den Tag gelegt.
Insgesamt bereits 8 Professoren stehen auf dieser verurteilenswerten Liste ganz
im Stile McCarthys - groteskerweise Campus Watch
(Campuswächter) genannt. Einer der Professoren steht darauf, weil er die
Todsünde beging, eine Petition für den palästinensischen
Intellektuellen Edward Said zu unterzeichnen. Pipes fordert Studierende dazu
auf, Professoren zu denunzieren, die sich des Vergehens des
Campus-Antisemitismus schuldig gemacht hätten.
Im
Fadenkreuz steht z.B. die University of North Carolina -
offensichtlich, weil man dort Studienanfänger dazu angehalten hat,
Passagen aus dem Koran zu lesen - aber ebenso Harvard, weil dort Studierende
der unteren Semester - übrigens gemeinsam mit Studierenden vieler anderer
US-Unis - gefordert hatten, ihre Unis sollten nicht mehr in Unternehmen
investieren (also devestieren), die Waffen an Israel verkaufen. Verschiedene
amerikanische Universitäten - die im Übrigen bereitwillig darauf
einstiegen, nicht mehr in Tabakkonzerne zu investieren -, sind inzwischen dazu
übergegangen, ihre Investment-Listen vor ihren Studierenden zu verbergen.
Lawrence Summers, der jüdische Harvard-Präsident, verurteilt
anti-israelische Einstellungen zutiefst, in Kreisen
progressiver Intellektueller, (ich liebe diesen akademischen
Taschenspielertrick!) die Aktionen rechtfertigen bzw. selbst
durchführen, die entweder im Endeffekt oder sogar absichtlich
antisemitisch sind. Edward Said hat darüber bereits geschrieben*. Er
bezeichnet es als Kampagne, durch die Studierende u. Fakultät dazu
gebracht werden sollen, ihre pro- palästinensischen Kollegen
zu denunzieren; der Redefreiheit soll mittels Angstmache ein Riegel
vorgeschoben, die akademische Freiheit empfindlich eingeschränkt
werden*.
Ted Honderich, ein kanadisch-stämmiger Philosoph -
derzeit lehrt er am University College in London -, berichtet mir, die
Organisation Oxfam** weigere sich, 5000 Pfund bzw. weitere Tantiemen aus seinem
neuesten Buch After the Terror (Nach dem Terror) (als Spende)
entgegenzunehmen. Dies als Resultat einer Kampagne des Torontoer Globe
and Mail. Auch ich persönlich akzeptiere nicht sämtliche von
Professor Honderichs Schlussfolgerungen - andererseits preist der
amerikanisch-jüdische Intellektuelle Noam Chomsky Honderichs Buch. Ich
halte das Buch aber für zu schwammig. Vor allem stößt mir
Honderichs Behauptung auf, in ihrem Befreiungskampf gegen die Besatzung
hätten die Palästinenser das moralische Recht auf
Terrorismus. Kinder in einer Pizzeria in die Luft jagen, halte ich
für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, es gibt kein
moralisches Recht für sowas - wobei Professor Honderich
derartige Gräuel in seinem Werk natürlich in keinster Weise
unterstützt. Warum um alles in der Welt weigert sich Oxfam, Honderichs
Geld anzunehmen u. für humanitäre Zwecke einzusetzen? Wer steckt
dahinter?
Neulich drehte unser John Pilger für
Carlton Television eine Dokumentation mit dem Titel:
Palestine Is Still The Issue (Palästina noch immer Thema). Ich
hab sie mir dreimal angesehen: akkurat bis ins letzte historische Detail.
Pilgers historischer Berater für die Sendung war nicht umsonst ein linker
Akademiker aus Israel. Michael Green hingegen, Chef des Carlton-Kanals, glaubte
erklären zu müssen, die Sendung sei eine Tragödie für
Israel - hinsichtlich ihrer (mangelnden) Akkuratesse. Greens Statement
zählt wohl zu den feigsten in der jüngeren Geschichte des britischen
Journalismus überhaupt. Warum Green so einen Blödsinn von sich gibt -
ich kann es nicht sagen. Aber was soll das Wort Tragödie in
diesem Zusammenhang? Hält er Pilger etwa für einen
Selbstmordattentäter?
Und so weiter und so fort. In Israel selbst
bleibt es - wie sollte es anders sein -, jemandem wie Uri Avnery vorbehalten,
festzustellen, dass die Scharon-Regierung ein einziges riesiges Labor zur
Züchtung des Antisemitismus-Virus darstellt. Und zurecht fährt
Avnery fort, dass, indem man Leute, die die Verfolgung der Palästinenser
ablehnen, als Antisemiten beschimpft, man gleichzeitig dem Wort
(Antisemitismus) den Stachel zieht. Man belegt es fast schon mit so etwas wie
Respektabilität. Da tröstet, dass zumindest 28 tapfere
Akademiker eine Petition gegen Präsident George Bushs Kriegspläne
unterzeichnen - bzw. gegen Israels Unterstützung hierfür. Zudem
warnen die 28 davor, Israel plane womöglich ein Verbrechen gegen die
Menschlichkeit im Hinblick auf die Palästinenser - inklusive
ethnischer Vertreibung. Haben Pipes u. seine Spießgesellen die Namen
dieser 28 aufrechten Frauen u. Männer etwa auch schon auf ihre Liste des
Hasses gesetzt? Wetten dass nicht? Bei den 28 handelt es sich nämlich um
israelische Intellektuelle, die an israelischen Universitäten lehren.
Seltsam, dass uns darüber niemand informiert hat.
Anmerkung d.
Übersetzerin
*Eward Saids Artikel hier auf dieser Seite: Am
Tiefpunkt der Ohnmacht (Low Point of
Powerlessness)
**Oxfam ist eine weltweit aktive, progressive
Hilfsorganisation, bestehend aus diversen NGOs; Oxfam sieht sich einer
gerechten Weltordnung verpflichtet
--
Übersetzt von: Andrea
Noll Orginalartikel: "How To Shut Up Your Critics With A Single Word" |