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22.10.2002 von Robert Fisk
übersetzt von: Andrea Noll
ZNet
Wie man seine Kritiker zum Schweeigen bringt

The Independent / ZNet 22.10.2002

Gott sei Dank gibt es die israelische Presse, wie ich immer sage. Denn wo sonst wird heutzutage noch die grausame, brutale Behandlung verurteilt, die Israel den Palästinensern angedeihen läßt? Wo sonst stünde beispielsweise zu lesen, dass Moshe Ya’alon, Ariel Scharons neuer Stabschef, die “palästinensische Bedrohung” als “etwas wie Krebs” bezeichnet. “Es gibt verschiedene Möglichkeiten Krebsgeschwüre zu behandeln. Im Moment versuch’ ich’s grade mit Chemotherapie” (so Ya’alon wörtlich). Oder wo sonst stünde wohl gedruckt, was der Vorsitzende der israelischen Herut-Partei, Michael Kleiner, äußerte: “... für jedes unserer Opfer müssen 1000 Palästinenser sterben”. Oder wo sonst könnte man wohl nachlesen, was Eitan Ben Eliahu, der vormalige israelische Kommandeur der Luftwaffe, gesagt hat, nämlich: “Letztendlich müssen wir die Zahl der Palästinenser in den Territorien ausdünnen”. Oder wo sonst stünde, dass der neue Chef des Mossad, General Meir Dagan, ein Busenfreund Ariel Scharons, an den Einsatz von “Todeskommandos” glaubt bzw. wo steht, dass andere Mossad-Leute Dagan als Risiko einschätzen, denn “wenn Dagan seine Art Moral in den Mossad einbringt, könnte Israel zu einem Land werden, in dem kein normaler Jude mehr leben möchte”. Aber derlei Informationen finden Sie nur in der ‘Ha’aretz’, in ‘Ma’ariv’oder ‘Yediot Ahronot’. Denn in der westlichen Welt ist derzeit fast überall eine extrem bösartige Verleumdungskampagne im Gange. Jeder Journalist, jeder Aktivist fällt ihr zum Opfer, der oder die es wagen sollte, die israelische Politik u. die sie gestalten zu kritisieren. Immer wahlloser wird dabei die Allzweck-Verleumdungswaffe des ‘Antisemitismus’ zum Einsatz gebracht, selbst gegenüber Leuten, die die Skrupellosigkeit palästinensischer Selbstmordanschlägeum kein Haar weniger verurteilen als die Grausamkeit Israels, das auch immer wieder Kinder tötet. Man versucht die Leute einfach mundtot zu machen. So haben beispielsweise derzeit Daniel Pipes u. Martin Kramer vom ‘Middle East Forum’ (Nahostforum) in den USA eine Website geschaltet, mit der sie Akademiker an den Pranger stellen, von denen sie glauben, sie hätten “Hass auf Israel” an den Tag gelegt. Insgesamt bereits 8 Professoren stehen auf dieser verurteilenswerten Liste ganz im Stile McCarthys - groteskerweise ‘Campus Watch’ (Campuswächter) genannt. Einer der Professoren steht darauf, weil er die Todsünde beging, eine Petition für den palästinensischen Intellektuellen Edward Said zu unterzeichnen. Pipes fordert Studierende dazu auf, Professoren zu denunzieren, die sich des Vergehens des “Campus-Antisemitismus” schuldig gemacht hätten.

Im Fadenkreuz steht z.B. die ‘University of North Carolina’ - offensichtlich, weil man dort Studienanfänger dazu angehalten hat, Passagen aus dem Koran zu lesen - aber ebenso Harvard, weil dort Studierende der unteren Semester - übrigens gemeinsam mit Studierenden vieler anderer US-Unis - gefordert hatten, ihre Unis sollten nicht mehr in Unternehmen investieren (also devestieren), die Waffen an Israel verkaufen. Verschiedene amerikanische Universitäten - die im Übrigen bereitwillig darauf einstiegen, nicht mehr in Tabakkonzerne zu investieren -, sind inzwischen dazu übergegangen, ihre Investment-Listen vor ihren Studierenden zu verbergen. Lawrence Summers, der jüdische Harvard-Präsident, verurteilt “anti-israelische Einstellungen zutiefst”, “in Kreisen progressiver Intellektueller”, (ich liebe diesen akademischen Taschenspielertrick!) die “Aktionen rechtfertigen bzw. selbst durchführen, die entweder im Endeffekt oder sogar absichtlich antisemitisch sind”. Edward Said hat darüber bereits geschrieben*. Er bezeichnet es als Kampagne, durch die “Studierende u. Fakultät dazu gebracht werden” sollen, “ihre pro- palästinensischen Kollegen zu denunzieren; der Redefreiheit soll mittels Angstmache ein Riegel vorgeschoben, die akademische Freiheit empfindlich eingeschränkt werden”*.

Ted Honderich, ein kanadisch-stämmiger Philosoph - derzeit lehrt er am University College in London -, berichtet mir, die Organisation Oxfam** weigere sich, 5000 Pfund bzw. weitere Tantiemen aus seinem neuesten Buch ‘After the Terror’ (Nach dem Terror) (als Spende) entgegenzunehmen. Dies als Resultat einer Kampagne des Torontoer ‘Globe and Mail’. Auch ich persönlich akzeptiere nicht sämtliche von Professor Honderichs Schlussfolgerungen - andererseits preist der amerikanisch-jüdische Intellektuelle Noam Chomsky Honderichs Buch. Ich halte das Buch aber für zu schwammig. Vor allem stößt mir Honderichs Behauptung auf, in ihrem Befreiungskampf gegen die Besatzung hätten die Palästinenser “das moralische Recht auf Terrorismus”. Kinder in einer Pizzeria in die Luft jagen, halte ich für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, es gibt kein ‘moralisches Recht’ für sowas - wobei Professor Honderich derartige Gräuel in seinem Werk natürlich in keinster Weise unterstützt. Warum um alles in der Welt weigert sich Oxfam, Honderichs Geld anzunehmen u. für humanitäre Zwecke einzusetzen? Wer steckt dahinter?

Neulich drehte ‘unser’ John Pilger für ‘Carlton Television’ eine Dokumentation mit dem Titel: ‘Palestine Is Still The Issue’ (Palästina noch immer Thema). Ich hab’ sie mir dreimal angesehen: akkurat bis ins letzte historische Detail. Pilgers historischer Berater für die Sendung war nicht umsonst ein linker Akademiker aus Israel. Michael Green hingegen, Chef des Carlton-Kanals, glaubte erklären zu müssen, die Sendung “sei eine Tragödie für Israel - hinsichtlich ihrer (mangelnden) Akkuratesse”. Greens Statement zählt wohl zu den feigsten in der jüngeren Geschichte des britischen Journalismus überhaupt. Warum Green so einen Blödsinn von sich gibt - ich kann es nicht sagen. Aber was soll das Wort ‘Tragödie’ in diesem Zusammenhang? Hält er Pilger etwa für einen Selbstmordattentäter?

Und so weiter und so fort. In Israel selbst bleibt es - wie sollte es anders sein -, jemandem wie Uri Avnery vorbehalten, festzustellen, dass “die Scharon-Regierung ein einziges riesiges Labor zur Züchtung des Antisemitismus-Virus darstellt”. Und zurecht fährt Avnery fort, dass, indem man Leute, die die Verfolgung der Palästinenser ablehnen, als Antisemiten beschimpft, man gleichzeitig “dem Wort (Antisemitismus) den Stachel zieht. Man belegt es fast schon mit so etwas wie Respektabilität”. Da tröstet, dass zumindest 28 tapfere Akademiker eine Petition gegen Präsident George Bushs Kriegspläne unterzeichnen - bzw. gegen Israels Unterstützung hierfür. Zudem warnen die 28 davor, Israel plane womöglich ein ‘Verbrechen gegen die Menschlichkeit’ im Hinblick auf die Palästinenser - inklusive ethnischer Vertreibung. Haben Pipes u. seine Spießgesellen die Namen dieser 28 aufrechten Frauen u. Männer etwa auch schon auf ihre Liste des Hasses gesetzt? Wetten dass nicht? Bei den 28 handelt es sich nämlich um israelische Intellektuelle, die an israelischen Universitäten lehren. Seltsam, dass uns darüber niemand informiert hat.

Anmerkung d. Übersetzerin

*Eward Saids Artikel hier auf dieser Seite: ‘Am Tiefpunkt der Ohnmacht’ (‘Low Point of Powerlessness’)

**Oxfam ist eine weltweit aktive, progressive Hilfsorganisation, bestehend aus diversen NGOs; Oxfam sieht sich einer gerechten Weltordnung verpflichtet

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Übersetzt von: Andrea Noll
Orginalartikel: "How To Shut Up Your Critics With A Single Word"


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