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06.11.2002 Werner Pirker Junge Welt
Scharon am Ende
Vor Neuwahlen in Israel
Israels Premier Ariel Scharon hat die jüngste Regierungskrise nicht zu meistern vermocht. Seinem Wunsch nach vorzeitiger Auflösung der Knesset und der Ausschreibung von Neuwahlen wurde am Dienstag von Staatspräsident Moshe Katzav entsprochen. Im permanenten Kriegszustand mit den Palästinensern findet das Land auch innenpolitisch keinen Frieden. Die »Regierung der nationalen Einheit« war vergangene Woche zerbrochen, nachdem die Arbeitspartei der Bereitstellung von weiteren enormen Budgetmitteln zum Ausbau der Siedlungen die Zustimmung verweigerte. In Zeiten einer zugespitzten ökonomischen und sozialen Krise wird die aufwendige staatliche Zuneigung zu den Irren von Judäa und Samaria von der Klientel der Arbeitspartei als übertrieben, wenn nicht als unzumutbar empfunden. Zumal einer Mehrheit unter den Israelis durchaus bewußt ist, daß der israelisch-palästinensische Ausgleich an der Siedlungspolitik gescheitert ist. Ben Elieser, Peres und Kollegen haben den Absprung gerade noch vollzogen, bevor sie endgültig ihr Gesicht verloren hätten.

Scharon versuchte, den Verlust der parlamentarischen Mehrheit durch eine Verschiebung des Regierungsspektrums noch weiter nach rechts zu verhindern. Doch die ultrareaktionäre »Nationale Union – Israel Beiteinu« stellte Bedingungen, die selbst er nicht annehmen konnte. Das Oslo-Abkommen sollte für null und nichtig erklärt und die PLO – wie vor Oslo – wieder als terroristische Organisation eingestuft werden. Zwar entsprach die Scharon-Politik schon immer diesen Forderungen, sie offiziell anzuerkennen aber hätte zu offenkundig dem internationalen »common sense« widersprochen.

Damit zeichnet sich das Ende der Ära Scharon ab. Doch liegt die strategische Initiative nun nicht bei den Linkszionisten, sondern bei Scharons parteiinternen Gegenspielern, namentlich bei Benjamin Netanjahu. Der hatte seine Beteiligung am Kabinett als Außenminister von einer Vorverlegung der Knesset-Wahlen abhängig gemacht. Diese Situation ist nun gegeben. Netanjahu weiß die Mehrheit der Likud-Mitglieder hinter sich. Er wird es wohl auch sein, der den Rechtsblock bei den Wahlen anführt. Scharon bewährte sich als Stratege der Besiedlung, der Bantustanisierung Palästinas, was seinen Vorstellungen eines Palästinenserstaates entspricht. Netanjahu ist für die Annexion der besetzten Gebiete – unter Aussparung eines Palästinenserstaates.

Da an ein Großisrael mit Bürger- und Minderheitenrechte für die arabische Bevölkerung nicht gedacht sein dürfte, bedeutete dies in der Praxis den »Transfer« der Palästinenser – eine euphemistische Umschreibung für Vertreibung. Doch mit einer solchen »Alles oder Nichts«-Politik dürfte selbst Israel an seine Grenzen stoßen. Darin lägen mehr Chancen für die Palästinenser als in der bisherigen Politik ihrer Domestizierung.


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