Der New Yorker Politikwissenschaftler Norman G.
Finkelstein - Autor der umstrittenen "Holocaust-Industrie" - hat auf der
Frankfurter Buchmesse sein gerade auf Deutsch erschienenes Buch "Der Konflikt
zwischen Israel und den Palästinensern" vorgestellt. Besonders in seinem
aktuellen Vorwort zeigt sich Finkelstein als pointierter Kritiker des
Zionismus, den er für die Dauer-Krise im Nahen Osten verantwortlich macht.
FAZ.NET sprach mit Finkelstein, dessen Eltern zu den Überlebenden von
Auschwitz gehören, über die Haltung der Deutschen zum Holocaust, das
deutsch-amerikanische Verhältnis und den Friedensprozess in Nahost.
Herr Finkelstein, der deutsche Bundestagswahlkampf war -
zumindest für die FDP - sehr vom Thema Antisemitismus geprägt. Was
halten Sie von der Art und Weise, in der die Deutschen mit dem Thema umgehen?
Es gibt Probleme, über die man in Deutschland nicht
vernünftig reden kann. Das eine ist der Holocaust der Nazis. Das andere
ist der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Ich finde das sehr
bedauerlich, weil die Deutschen bei der Lösung des Konflikts zwischen
Israelis und Palästinensern eine bedeutende Rolle spielen könnten und
es auch tun sollten. Leider führt jede ernsthafte Debatte hierüber
immer und automatisch zu einer Debatte über Antisemitismus. Für die
Deutschen ist es an der Zeit, einzusehen, dass sich die Welt auch
außerhalb dieser Themen bewegt und dass es nicht immer nur um sie, den
Antisemitismus und ihre eigene Nabelschau geht.
Wie weit dürfen
sich die Deutschen aus dem Fenster hängen?
Es gibt deutsche
Journalisten, die rufen ständig ihre Freunde in Amerika an und fragen, was
sie schreiben dürfen. Sie kriechen geradezu im Staub vor den
mächtigen jüdischen Organisationen. Dabei wissen sie genau, was in
Israel passiert. Viele spielen sich als Helden auf, weil sie immer wieder den
Holocaust und den Antisemitismus anprangern. Mir ist es geradezu peinlich, das
zu lesen. Die Deutschen sollten wahren moralischen Mut zeigen und sagen:
Was im Zweiten Weltkrieg geschehen ist, war ein unbeschreibliches
Verbrechen, wir haben keinerlei Absicht, es jemals zu vergessen, aber wir
werden nicht mehr zulassen, dass man uns unter Hinweis darauf zum Schweigen
bringt, wenn anderswo Verbrechen gegen die Menschenrechte begangen
werden.
Eine offene Diskussion, über Themen, wie die von
Ihnen unterstellten, quasi kriminellen, Machenschaften jüdischer
Organisationen, ist eine heikle Sache. Wie wollen Sie verhindern, dass
Rechtsextremisten dies für sich nutzen?
Kommen Sie, das ist
doch hier nicht die Weimarer Republik im Jahre 1928. Deutschland ist nach
über 50 Jahren Demokratie kein vom Faschismus bedrohtes Land mehr, in dem
hinter jeder Ecke Nazis lauern und nur darauf warten, die Macht zu ergreifen.
Sie sollten eine offene Diskussion führen. Von mir aus spült die dann
auch ein paar rechte Figuren an die Oberfläche. Das ist aber nicht das
Ende Deutschlands.
Entspricht das den Erfahrungen, die Sie selbst in
Deutschland gemacht haben?
Ich war oft genug in Deutschland. Das
Risiko, dass hier plötzlich wieder Vernichtungslager aus dem Erdboden
wachsen, ist nicht sehr groß. Viele Politiker gebrauchen das als Ausrede
für ihren Opportunismus und ihre Feigheit. Was wirklich zu Antisemitismus
führt, ist die Tatsache, dass Ihr Deutschen die Diskussion darüber
unterdrückt. Wenn man offen darüber spräche, hätten die
ganzen Betrüger und Gangster keine Chance mehr, Ihr Geschäft mit dem
Holocaust weiter zu betreiben.
Beim Thema Irak sind die Deutschen
mutiger. Wie beurteilen Sie die Weigerung des deutschen Bundeskanzlers, sich im
Irak-Konflikt hinter George Bush zu stellen?
Es gibt ja in
Wirklichkeit gar keinen Irak-Konflikt. Die Vereinigten Staaten machen sich
vielmehr der größten Aggression seit der Nazi-Zeit schuldig, in
totaler Verachtung des internationalen Rechts und aller internationalen Normen.
Wir haben in den Vereinigten Staaten ein Gangster-Regime, das außer
Kontrolle geraten ist. Jeder außerhalb Amerikas weiß das.
Und nur die Deutschen wagen es, dies offen auszusprechen?
Was die Amerikaner jetzt ärgert, ist dass Deutschland in
bemerkenswerter Weise seine Lektion aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt hat. Die
meisten Nationen, die einen Krieg verlieren, denken nur darüber nach, was
sie machen müssen, um das nächste Mal zu gewinnen. Nicht so die
Deutschen. Sie haben gelernt: Wir haben verloren und wir hatten es auch
verdient, denn kriminelle Angriffskriege und gesetzlose Gangster-Regime sind
falsch. Und sie haben danach gehandelt. Man kann es der Mehrheit hier, die sich
gegen den Krieg gestellt hat, nicht hoch genug anrechnen, dass sie einem
kriminellen Angriffskrieg eine Absage erteilt hat. Sie sind ein großes
Vorbild für alle anderen: Sie hatten als erste den Mut, eine Regierung auf
Grund ihrer Anti-Kriegs-Agenda zu wählen, die dem Washingtoner Regime
Paroli bietet.
Und wer soll dem Bagdader Regime Paroli bieten?
Das Bagdader Regime startet jedenfalls keinen Angriffskrieg auf die
Vereinigten Staaten. Wie man damit umgehen soll? Es gibt eine Menge krimineller
Regime auf der Welt. Die meisten werden doch von den USA an der Macht gehalten.
Nichts kümmert die US-Regierung weniger, als die Frage, ob ein Regime
kriminell ist. Die Frage ist doch nur, ob deren Verbrechen uns, oder jemand
anderem dienen. So lange sie unseren Interessen dienen, ist die Regierung damit
sehr zufrieden.
Herr Finkelstein, Sie vertreten in ihrem neuen Buch
Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern die These,
dass es das Ziel von Premierminister Sharon sei, die Palästinenser aus
Israel zu vertreiben. Unter welchen Umständen könnte ein solches
Szenario Realität werden?
Diese These stammt nicht von mir,
sondern von dem führenden israelischen Militärhistoriker Martin van
Crefeld. Er nennt vor allem zwei Szenarien, die dafür als Voraussetzung
dienen könnten. Erstens: Ein Angriff der USA auf den Irak, der die
Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft in Beschlag nimmt. Ein anderer Vorwand
wäre ein spektakulärer palästinensischer Anschlag.
Anschläge gibt es doch regelmäßig - auch
spektakuläre.
Das ist nicht ganz richtig. Lassen sie uns einen
Blick auf die Statistik, der vergangenen Monate werfen: Im Juli hatten die
militanten Palästinensergruppen ein Abkommen ausgearbeitet, in dem ein
Ende aller Selbstmordanschläge gegen israelische Zivilisten vereinbart
war. 90 Minuten bevor eine entsprechende Erklärung veröffentlicht
werden konnte, bombardierte Israel - in vollem Wissen um die bevorstehende
Bekanntmachung - ein dicht bevölkertes Wohngebiet in Gaza.
Elf
palästinensische Kinder wurden dabei getötet. Dabei wurde klar, dass
die israelische Regierung nichts mehr fürchtet, als ein Ende der
Selbstmordanschläge. Dann wäre sie nämlich gezwungen, zu
verhandeln. Israels Hauptziel besteht aber darin, noch mehr
Selbstmordanschläge zu provozieren, um eine diplomatische Lösung zu
verhindern und Vorwände für weitere Repressionen zu erhalten.
Was müsste passieren, damit sich Israel tatsächlich aus
den besetzten Gebieten zurückzieht?
Es gibt vor allem drei
Möglichkeiten. Erstens: Auf amerikanischen Druck hin, was nicht sehr
wahrscheinlich ist. Zweitens: Erfolgreicher militärischer Widerstand der
Palästinenser, was ebenfalls nicht sehr realistisch ist. Drittens: Druck
der Staatengemeinschaft auf die USA und Israel, um zu einer gerechten
Lösung zu kommen. Das bedeutet, dass Menschen in Deutschland, in Europa,
in Amerika und überall auf der Welt entsprechenden Druck ausüben, so
wie die Deutschen es bei der Bundestagswahl mit Kanzler Schröder getan
haben. Schröder hat seine Anti-Kriegs-Agenda ja auch nur deshalb
angenommen, weil er wusste, wie die Mehrheit der Menschen, der Wähler
darüber denkt und nicht, weil er so ein radikaler Kriegsgegner ist. So
kann man die Regierungen dazu zwingen, neue Standpunkte einzunehmen. Ich
weiß, es ist nicht leicht und die Widerstände sind groß.
Was ist mit dem Nahost-Friedensprozess, der 1993 in Oslo begonnen
hat?
Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass es zwei
Friedensprozesse gibt: Den wirklichen Friedensprozess und den
amerikanisch-israelischen Friedensprozess. Der wirkliche Friedensprozess begann
kurz nach dem Juni-Krieg 1967, als die Uno ein Abkommen herbeiführte.
Dieses verlangte einen vollständigen Rückzug der Israelis aus der
Westbank und dem Gaza-Streifen. Im Gegenzug wurde die volle Anerkennung Israels
durch die Araber verlangt, später auch eine Zwei-Staaten-Lösung, mit
einerm eigenen Staat für die Palästinenser. Das ist der eigentliche
Friedensprozess, den die gesamte internationale Gemeinschaft unterstützt
hat. Der zweite Friedensprozess ist der, über den Sie in den
Zeitungen lesen: Er besagt schlicht, dass nur das Frieden bedeutet, was
Israelis und Amerikaner den Palästinensern auferlegen. Die
Zurückweisung dieser Forderungen wird mit Terrorismus gleich gesetzt. Ziel
dieses Prozesses war die Errichtung eines palästinensischen Homelands nach
dem Modell Südafrikas, wo eine Hand voll Menschen - namentlich die PLO -
im Austausch gegen Macht und Privilegien als Adjutanten israelischer und
amerikanischer Interessen fungieren sollen, um die Palästinenser zu
kontrollieren.
Sie vergleichen Israel mit Südafrika?
Ja.
Ist Israel ein rassistischer Staat?
Dieser Vergleich stammt ja nicht nur von mir. Auch viele prominente
Politiker in Israel, die ich im Vorwort zu meinem Buch nenne, ziehen diesen
Vergleich und stellen fest, dass die Menschen in den besetzten Gebieten auf
Grund ihrer ethnischen Zugehörigkeit diskriminiert werden und dass es eine
auffällige Ähnlichkeit zum Apartheid-Regime in Südafrika gibt.
Sie haben selbst einige Zeit in den von Israel besetzten Gebieten
verbracht. Wodurch ist das Leben dort geprägt?
Ich bezweifle
stark, dass es große Unterschiede zu irgendeiner anderen
militärischen Besatzung gibt. Mit einer Ausnahme: Ziel der meisten
Besatzungsmächte ist nicht, die Zivilbevölkerung zu vertreiben. Im
Konflikt zwischen Israel und Palästina besteht das Endziel aber genau
darin, das Gebiet zu entvölkern und der jüdischen Bevölkerung
mehr Raum zu geben.
Sie klagen Israel an, Nazi-Methoden in den
besetzten Gebieten anzuwenden, ähnlich denen der SS im Warschauer Ghetto.
Ist das nicht ein wenig übertrieben?
Der Vergleich stammt von
einem hohen israelischen Offizier, der die Vorgabe gemacht hat, bei der
Niederschlagung der Unruhen von Beispielen zu lernen. Dabei nannte er vor allem
die Niederschlagung des jüdischen Aufstandes im Warschauer Ghetto durch
die SS. Leider ist er es, der das gesagt hat und nicht ich.
Das Ziel
der israelischen Streitkräfte ist aber im Unterschied dazu nicht die
Auslöschung der Palästinenser.
Nicht die
Auslöschung, sondern ihre Niederwerfung. Der Unterschied ist
natürlich entscheidend.
Es gibt aber auch entscheidende
Ähnlichkeiten.
Können sie ausschließlich Israel
für den Konflikt verantwortlich machen? Was ist mit dem Antisemitismus in
der palästinensischen Gesellschaft und der arabischen Welt?
Das ist so, als würde man den amerikanischen Ureinwohnern
vorwerfen, anti-europäisch zu sein. Wenn Sie fragen, ob die
Palästinenser die Israelis hassen, lautet die Antwort vermutlich ja. Ich
wäre ehrlich überrascht, ja sogar misstrauisch, wenn sie anders
ausfiele.
Wie hat man Sie als amerikanischen Juden in den besetzten
Gebieten aufgenommen?
Die ersten zwei Jahre, in denen ich dorthin
ging - 1988/89 - wurde ich wie ein Adliger behandelt. 1990 besuchte ich die
Gebiete wieder und verbrachte einige Zeit in einem Flüchtlingslager in
Hebron sowie in einem palästinensischen Dorf nahe Bethlehem. Zu dieser
Zeit jedenfalls kümmerte sich keiner darum, ob ich Jude oder Ire war.
Das Gespräch führte Christian Kreutzer
Quelle: FAZ.NET