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12.2002 [ Übersetzt von: Andrea Noll | Orginalartikel: "Reinvaded Bethlehem HMS
Wiedereinmarsch in Bethlehem


ein Report aus dem ‘Okkupierten Palästina’

von Kristen Ess


Die okkupierende Israelische Armee zwingt die Palästinenser in ihre Häuser - sie sind gefangengesetzt in ihren vier Wänden für zahllose Tage.
Hier in Bethlehem sind es jetzt 5 Tage, in Nablus waren es Monate. Geschäfte, Schulen - alles zu. Eine Frau ging vor Tagen nach Ramallah zur Schule. Dort ist sie immer noch. Die Schule ist zu, aber heim kann die Frau auch nicht mehr. Zuhause ist sie im Flüchtlingslager Aida bei Bethlehem. Eine andere Frau war gezwungen, ihr Baby alleine zur Welt zu bringen. Ihr Mann arbeitet in Ramallah u. durfte nicht mehr heim. Unmöglich, fortzugeh’n. Unmöglich, rauszukommen. Die israelischen Soldaten poltern gegen die Haustüren, u. die Familie (im Innern) springt auf, um zu öffnen, denn wenn sie es nicht auf der Stelle tut, brechen die Soldaten die Tür auf oder schießen. Dann trampeln die israelischen Soldaten durchs Haus - mit ihren schweren Stiefeln, ihren Helmen, mit ihrer Armee-Montur u. dem M-16-Maschinengewehr in der Hand. Alten Männern drücken sie ihre Gewehrläufe in den Magen, fordern den Ausweis. Die Familien beeilen sich, zu beweisen, dass die israelische Regierung ihre Existenz tatsächlich legitimiert hat. Die Kinder fangen an zu heulen, die ganze Familie wird nach draußen kommandiert. Dann müssen sie sich an der Mauer aufstellen. Die israelischen Soldaten halten ihnen Gewehrläufe an den Kopf - u. das alles in ihrer eigenen Straße. Manche müssen sich jetzt auf die Erde legen. Stunden vergehen. Es regnet. Derweil knabbern die israelischen Soldaten Schokoriegel u. feixen miteinander. Die Familie darf nicht sprechen. Es wird nacht. Die Soldaten verbinden einigen der Palästinenser die Augen, fesseln ihnen die Hände. Man wirft sie hinten in die Jeeps, schafft sie in israelischen ‘Administrativgewahrsam’, das heißt, man hält sie 3 Monate lang ohne Anklage fest - zum Verhör. Wobei ‘Verhör’ Befragung plus Folter heißt. Freunde von mir (die es überlebt haben) erzählten, worin diese Folter besteht: Man fesselt die Gefangenen zum Beispiel auf kleine Stühle u. verprügelt sie. Oder sie müssen auf Zehenspitzen stehen, die Hände irgendwo oben an der Wand festgebunden - tagelang ohne Unterbrechung. Man schlägt sie, brüllt sie an. Manchmal bringt man sie dazu, “Verbrechen” zu “beichten”. Vielfach ist auch von sexuellen Übergriffen die Rede, aber was genau da mit den Leuten passiert, keiner will mit der Sprache raus. Dann senken sie nur den Blick u. sagen, sie wollten vergessen. Manche lächeln bitter, haben Tränen in den aufleuchtenden Augen: “So ist das Leben”, sagen sie.

Die Israelische Armee ist erneut in Bethlehem eingerückt u. hat darüberhinaus das gesamte ‘Gebiet A’ der Westbank unter Ausgangssperre gestellt. Wir erinnern uns: ‘Gebiet A’ ist jenes Gebiet, über das Palästina, gemäß der Osloer-Verträge, Souveränität “erhielt”. Nachts fahren die israelischen Soldaten durchs (Aida-) Lager u. brüllen über Lautsprecher: “Achtung, alle Familien im Aida-Lager! Ihr steht unter Ausgangssperre! Es ist euch nicht erlaubt, eure Häuser zu verlassen”. Was für eine arrogante Besatzerarmee - wer erlaubt ihnen eigentlich, hier zu sein! Die israelischen Soldaten rufen: “Al-Akbar!” (Teil des muslimischen Gebetsaufrufs, dem die Muslime hier im Lager stündlich folgen). Dann lachen die Soldaten u. brüllen u. lassen die Motoren ihrer Panzer laut aufheulen. Tagsüber sitzen die Familien einfach nur in ihren Häusern. Sie können nicht kurz mal über die Straße, Freunde besuchen. Wer sich nach draußen gewagt hatte, kurz bevor die israelischen Soldaten hier einrückten, sitzt jetzt im Haus eines Freundes fest - für Tage. Heute Morgen hat ein Mann seine Nase zur vordern Haustür rausgestreckt - nur, um nach seinem Neubau auf der andern Straßenseite zu seh’n -, sofort packten ihn israelische Soldaten, verlangten seinen Ausweis. Sollte er sich nochmal draußen “erwischen” lassen, so drohten sie ihm, wandere er ins Gefängnis. Man bedenke: dies hier ist ein palästinensisches Flüchtlingslager. Den Menschen hier wurden ihre (ursprünglichen) Häuser schon einmal geraubt - von der (israelischen) Regierung u. den Bewohnern Israels. Und jetzt läßt man sie also nicht mal mehr hinaus auf die engen Durchgänge, die hier als ‘Straßen’ gelten.

Eine Frau - ihr Mann wurde nach Gaza ‘exiliert’ -, wird mit ihren 3 kleinen Kindern aus ihrem Haus geholt. Man zwingt die Familie, den ganzen Tag draußen zu steh’n. Und dann müssen sie direkt noch dankbar sein, dass man sie schließlich wieder ins Haus zurückläßt - in ein Haus, das zur Gefängniszelle mutiert ist.

Der israelische “Verteidigungsminister” hat der derzeitigen Aktion den Namen ‘Operation Schritt für Schritt’ verliehen. Der Presse erklärt er: “Wir fangen gerade erst an”. Und er sagt, das israelische Militär werde bis zu den israelischen Wahlen im Januar im Innern Bethlehems verbleiben. Schon in der Nacht vor dem Selbstmord-Bombenanschlag in Al-Quds (Jerusalem) war das israelische Militär hier in Bethlehem einmarschiert. Aber jetzt muss der Anschlag als Rechtfertigung für den Einmarsch herhalten. Gestern wurde ein palästinensischer Journalist verhaftet, seine Videoaufnahmen stahlen die israelischen Soldaten. Das alles ist Teil eines Dauerbeschusses auf die Wahrheit. Internationale Medien berichten, die Israelis würden “Zurückhaltung üben”. Aber das hier ist eine illegale Besatzungsarmee u. eine ebensolche Regierung.
Das israelische Militär schießt mit Gummigeschossen u. Tränengas auf Kinder. Sie verprügeln Kinder u. töten sie manchmal auch. In Wirklichkeit sind es die Palästinenser, die Zurückhaltung üben. Um sich gegen die kontinuierliche israelische Besatzung bzw. die jetzige Reinvasion zur Wehr zu setzen, werfen ein paar Palästinenser hier auch Steine. Aber das ist ein Akt des kollektiven Widerstands - der Geist der Ersten Intifada erwacht erneut. Man sieht kleine Kinder steinewerfend hinter schwarzen, Rauch fauchenden, Panzern herrennen. Sie benutzen kleine u. kleinste Betonklumpen, die sie aus den Trümmern ihrer zerstörten Elternhäuser klauben. Mit allem, was sie gerade so finden - Müll, alten Autoreifen - errichten die Kinder kleine Straßensperren. Viele von ihnen werden früher oder später im Gefängnis landen - praktisch jeder, den ich hier getroffen habe, war irgendwann mal drin. Bei vielen lautete die Anklage schlicht auf “Steinewerfen”. Für dieses Verbrechen gab es während der Ersten Intifada 5 Jahre Zuchthaus - in einem israelischen Gefängnis.

Die Polizei der ‘Palästinenserbehörde’ - ein Produkt Oslos - ist hier in Bethlehem zwischenzeitlich größtenteils gefangengesetzt. Die israelische Regierung, die die palästinensische Infrastruktur kontinuierlich angreift, scheint nicht der Meinung zu sein, die Unterjochten hätten ein Recht auf eine eigene Polizeitruppe. Abed Al-Ahmar - inhaftiert von Mai 2001 bis Mai 2002 u. damals von Amnesty International zum ‘Gefangenen aus Gewissensgründen’ erklärt -, holten sie diesmal mitten in der Nacht. Auch seine Familie wurde 2 Stunden lang mit vorgehaltener Waffe festgehalten. Seine Frau ist übrigens Rechtsberaterin bei der UN. Unsere Freunde, die dort waren (als er verhaftet wurde), sagen, die israelischen Soldaten hätten zugegeben, Al-Ahmar werde gar nicht “gesucht”. Mitgenommen haben sie ihn trotzdem.

Draußen rattern jetzt die Panzer vorbei. Ein junger Mann schielt zum Fenster raus. Die israelischen Soldaten haben schon über 50 Palästinenser gekidnappt - 50, die noch hinzukommen werden zu jenen über 5000 politischen Gefangenen (Palästinenser), die derzeit illegalerweise in israelischen Gefängnissen einsitzen. Israelische Bulldozer haben viele Häuser von “Gesuchten”-Angehörigen niedergerissen. Die Angst, die Resignation in dieser Stadt sind greifbar - in dieser Stadt, in der alte Männer sich vor schwerbewaffneten jungen Kerlen fürchten müssen - jungen Burschen, die ganz genau wissen, dass sie Israel, die USA u. alle die vor den USA Angst haben hinter sich haben. Kristen Ess, gestrandet in Bethlehem, ‘Okkupiertes Palästina’, am 26. November 2002.


[ Übersetzt von: Andrea Noll | Orginalartikel: "Reinvaded Bethlehem" ]


Quelle: ZNet


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