ein Report aus dem
Okkupierten Palästina
von Kristen
Ess
Die okkupierende Israelische Armee zwingt die
Palästinenser in ihre Häuser - sie sind gefangengesetzt in ihren vier
Wänden für zahllose Tage. Hier in Bethlehem sind es jetzt 5 Tage,
in Nablus waren es Monate. Geschäfte, Schulen - alles zu. Eine Frau ging
vor Tagen nach Ramallah zur Schule. Dort ist sie immer noch. Die Schule ist zu,
aber heim kann die Frau auch nicht mehr. Zuhause ist sie im
Flüchtlingslager Aida bei Bethlehem. Eine andere Frau war gezwungen, ihr
Baby alleine zur Welt zu bringen. Ihr Mann arbeitet in Ramallah u. durfte nicht
mehr heim. Unmöglich, fortzugehn. Unmöglich, rauszukommen. Die
israelischen Soldaten poltern gegen die Haustüren, u. die Familie (im
Innern) springt auf, um zu öffnen, denn wenn sie es nicht auf der Stelle
tut, brechen die Soldaten die Tür auf oder schießen. Dann trampeln
die israelischen Soldaten durchs Haus - mit ihren schweren Stiefeln, ihren
Helmen, mit ihrer Armee-Montur u. dem M-16-Maschinengewehr in der Hand. Alten
Männern drücken sie ihre Gewehrläufe in den Magen, fordern den
Ausweis. Die Familien beeilen sich, zu beweisen, dass die israelische Regierung
ihre Existenz tatsächlich legitimiert hat. Die Kinder fangen an zu heulen,
die ganze Familie wird nach draußen kommandiert. Dann müssen sie
sich an der Mauer aufstellen. Die israelischen Soldaten halten ihnen
Gewehrläufe an den Kopf - u. das alles in ihrer eigenen Straße.
Manche müssen sich jetzt auf die Erde legen. Stunden vergehen. Es regnet.
Derweil knabbern die israelischen Soldaten Schokoriegel u. feixen miteinander.
Die Familie darf nicht sprechen. Es wird nacht. Die Soldaten verbinden einigen
der Palästinenser die Augen, fesseln ihnen die Hände. Man wirft sie
hinten in die Jeeps, schafft sie in israelischen
Administrativgewahrsam, das heißt, man hält sie 3 Monate
lang ohne Anklage fest - zum Verhör. Wobei Verhör
Befragung plus Folter heißt. Freunde von mir (die es überlebt haben)
erzählten, worin diese Folter besteht: Man fesselt die Gefangenen zum
Beispiel auf kleine Stühle u. verprügelt sie. Oder sie müssen
auf Zehenspitzen stehen, die Hände irgendwo oben an der Wand festgebunden
- tagelang ohne Unterbrechung. Man schlägt sie, brüllt sie an.
Manchmal bringt man sie dazu, Verbrechen zu beichten.
Vielfach ist auch von sexuellen Übergriffen die Rede, aber was genau da
mit den Leuten passiert, keiner will mit der Sprache raus. Dann senken sie nur
den Blick u. sagen, sie wollten vergessen. Manche lächeln bitter, haben
Tränen in den aufleuchtenden Augen: So ist das Leben, sagen
sie.
Die Israelische Armee ist erneut in Bethlehem eingerückt u.
hat darüberhinaus das gesamte Gebiet A der Westbank unter
Ausgangssperre gestellt. Wir erinnern uns: Gebiet A ist jenes
Gebiet, über das Palästina, gemäß der
Osloer-Verträge, Souveränität erhielt. Nachts fahren
die israelischen Soldaten durchs (Aida-) Lager u. brüllen über
Lautsprecher: Achtung, alle Familien im Aida-Lager! Ihr steht unter
Ausgangssperre! Es ist euch nicht erlaubt, eure Häuser zu verlassen.
Was für eine arrogante Besatzerarmee - wer erlaubt ihnen eigentlich, hier
zu sein! Die israelischen Soldaten rufen: Al-Akbar! (Teil des
muslimischen Gebetsaufrufs, dem die Muslime hier im Lager stündlich
folgen). Dann lachen die Soldaten u. brüllen u. lassen die Motoren ihrer
Panzer laut aufheulen. Tagsüber sitzen die Familien einfach nur in ihren
Häusern. Sie können nicht kurz mal über die Straße,
Freunde besuchen. Wer sich nach draußen gewagt hatte, kurz bevor die
israelischen Soldaten hier einrückten, sitzt jetzt im Haus eines Freundes
fest - für Tage. Heute Morgen hat ein Mann seine Nase zur vordern
Haustür rausgestreckt - nur, um nach seinem Neubau auf der andern
Straßenseite zu sehn -, sofort packten ihn israelische Soldaten,
verlangten seinen Ausweis. Sollte er sich nochmal draußen
erwischen lassen, so drohten sie ihm, wandere er ins
Gefängnis. Man bedenke: dies hier ist ein palästinensisches
Flüchtlingslager. Den Menschen hier wurden ihre (ursprünglichen)
Häuser schon einmal geraubt - von der (israelischen) Regierung u. den
Bewohnern Israels. Und jetzt läßt man sie also nicht mal mehr hinaus
auf die engen Durchgänge, die hier als Straßen
gelten.
Eine Frau - ihr Mann wurde nach Gaza exiliert -,
wird mit ihren 3 kleinen Kindern aus ihrem Haus geholt. Man zwingt die Familie,
den ganzen Tag draußen zu stehn. Und dann müssen sie direkt
noch dankbar sein, dass man sie schließlich wieder ins Haus
zurückläßt - in ein Haus, das zur Gefängniszelle mutiert
ist.
Der israelische Verteidigungsminister hat der
derzeitigen Aktion den Namen Operation Schritt für Schritt
verliehen. Der Presse erklärt er: Wir fangen gerade erst an.
Und er sagt, das israelische Militär werde bis zu den israelischen Wahlen
im Januar im Innern Bethlehems verbleiben. Schon in der Nacht vor dem
Selbstmord-Bombenanschlag in Al-Quds (Jerusalem) war das israelische
Militär hier in Bethlehem einmarschiert. Aber jetzt muss der Anschlag als
Rechtfertigung für den Einmarsch herhalten. Gestern wurde ein
palästinensischer Journalist verhaftet, seine Videoaufnahmen stahlen die
israelischen Soldaten. Das alles ist Teil eines Dauerbeschusses auf die
Wahrheit. Internationale Medien berichten, die Israelis würden
Zurückhaltung üben. Aber das hier ist eine illegale
Besatzungsarmee u. eine ebensolche Regierung.
Das israelische Militär schießt
mit Gummigeschossen u. Tränengas auf Kinder. Sie verprügeln Kinder u.
töten sie manchmal auch. In Wirklichkeit sind es die Palästinenser,
die Zurückhaltung üben. Um sich gegen die kontinuierliche israelische
Besatzung bzw. die jetzige Reinvasion zur Wehr zu setzen, werfen ein paar
Palästinenser hier auch Steine. Aber das ist ein Akt des kollektiven
Widerstands - der Geist der Ersten Intifada erwacht erneut. Man sieht kleine
Kinder steinewerfend hinter schwarzen, Rauch fauchenden, Panzern herrennen. Sie
benutzen kleine u. kleinste Betonklumpen, die sie aus den Trümmern ihrer
zerstörten Elternhäuser klauben. Mit allem, was sie gerade so finden
- Müll, alten Autoreifen - errichten die Kinder kleine
Straßensperren. Viele von ihnen werden früher oder später im
Gefängnis landen - praktisch jeder, den ich hier getroffen habe, war
irgendwann mal drin. Bei vielen lautete die Anklage schlicht auf
Steinewerfen. Für dieses Verbrechen gab es während der
Ersten Intifada 5 Jahre Zuchthaus - in einem israelischen
Gefängnis.
Die Polizei der
Palästinenserbehörde - ein Produkt Oslos - ist hier in
Bethlehem zwischenzeitlich größtenteils gefangengesetzt. Die
israelische Regierung, die die palästinensische Infrastruktur
kontinuierlich angreift, scheint nicht der Meinung zu sein, die Unterjochten
hätten ein Recht auf eine eigene Polizeitruppe. Abed Al-Ahmar - inhaftiert
von Mai 2001 bis Mai 2002 u. damals von Amnesty International zum
Gefangenen aus Gewissensgründen erklärt -, holten sie
diesmal mitten in der Nacht. Auch seine Familie wurde 2 Stunden lang mit
vorgehaltener Waffe festgehalten. Seine Frau ist übrigens Rechtsberaterin
bei der UN. Unsere Freunde, die dort waren (als er verhaftet wurde), sagen, die
israelischen Soldaten hätten zugegeben, Al-Ahmar werde gar nicht
gesucht. Mitgenommen haben sie ihn trotzdem.
Draußen
rattern jetzt die Panzer vorbei. Ein junger Mann schielt zum Fenster raus. Die
israelischen Soldaten haben schon über 50 Palästinenser gekidnappt -
50, die noch hinzukommen werden zu jenen über 5000 politischen Gefangenen
(Palästinenser), die derzeit illegalerweise in israelischen
Gefängnissen einsitzen. Israelische Bulldozer haben viele Häuser von
Gesuchten-Angehörigen niedergerissen. Die Angst, die
Resignation in dieser Stadt sind greifbar - in dieser Stadt, in der alte
Männer sich vor schwerbewaffneten jungen Kerlen fürchten müssen
- jungen Burschen, die ganz genau wissen, dass sie Israel, die USA u. alle die
vor den USA Angst haben hinter sich haben. Kristen Ess, gestrandet in
Bethlehem, Okkupiertes Palästina, am 26. November
2002.
[ Übersetzt von: Andrea Noll |
Orginalartikel: "Reinvaded Bethlehem"
]
Quelle: ZNet |