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12.2002 von Desmond Tutu
Quelle: „The Guardian“
Übersetzt von: Andrea Noll
 
Apartheid im 'Heiligen Land'

Wenn wir nachstehend diesen schwarzen unchristlichen linksextremistischen Bischof zu Wort

kommen lassen, so nicht deshalb, weil wir Ihnen für einen besonderen Experten in Sachen Frieden

halten. Wir lassen ihn deshalb zu Wort kommen, weil sein Wort bei den Linksintellektuellen von

Gewicht ist und weil er bisher als Freund der USA galt, die ihn massiv unterstützten. Die

Amerikaner und die Linken sollten sich schon anhören, was ihnen ihr politischer Freund zu sagen

hat.

Apartheid im 'Heiligen Land'

von Desmond Tutu

In der Zeit, als wir gegen die Apartheid (in Südafrika) gekämpft haben, zählten Juden zu unseren größten

Verbündeten. Sie haben sich quasi instinktiv auf die Seite der Entrechteten gestellt, auf die Seite derer, die

ohne Stimme waren u. die gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung u. das Böse ankämpften.

Mein Herz war immer beim jüdischen Volk. Ich bin deswegen auch Pate eines Holocaust-Zentrums bei uns in

Südafrika. Ich glaube daran, daß Israel das Recht hat, seine Grenzen zu sichern. Was ich jedoch nicht

begreife u. keinesfalls billige, ist die Art, wie Israel mit einem anderen Volk umspringt - um seine eigene

Existenz zu sichern. Während meiner Reise ins 'Heilige Land' sah ich Dinge, die mich tief erschüttert haben

- weil sie mich nämlich genau an jene Dinge erinnerten, die uns Schwarzen damals in Südafrika angetan

wurden. Ich habe gesehen, wie Palästinenser an Checkpoints u. Straßensperren gedemütigt wurden. Das hat

mich daran erinnert, was wir durchmachten, wenn junge weiße Polizisten uns an unserer Bewegungsfreiheit

hinderten. Auf einer meiner Reisen ins 'Heilige Land' fuhr ich zusammen mit dem Anglikanischen Bischof

von Jerusalem zu einer Kirche. Er deutete auf die (Israelischen) Siedlungen, u. Tränen schwangen in seiner

Stimme mit. Natürlich kam mir das Bedürfnis der (jüdischen) Israelis nach Sicherheit in den Sinn - aber was

ist eigentlich mit den Palästinensern, die doch ihr Land u. ihre Heimstätten verloren haben? Ich habe mit

Palästinensern gesprochen, die auf eine Stelle hinzeigten: dort hat früher unser Haus gestanden, u. jetzt

leben dort Israelische Juden. Einmal machte ich beispielsweise in Jerusalem einen Spaziergang mit

Kanonikus Naim Ateek (Leiter des Ökumenischen Zentrums von Sabeel). Er wies (mit der Hand) in eine

bestimmte Richtung u. sagte: "Dort drüben war meine Heimat. Man hat uns von dort vertrieben. Jetzt ist sie

von Israelis besetzt“. Mein Herz bricht. Warum nur haben wir ein so kurzes Gedächtnis? Haben unsere

jüdischen Schwestern u. Brüder denn ihre eigene Demütigung inzwischen schon vergessen? Haben sie die

Geschichte ihrer eigenen 'kollektive Bestrafung', die Zerstörung ihrer eigenen Häuser vergessen? Haben sie

sich abgewandt von ihren tiefgründigen u. idealistischen religiösen Traditionen? Denken sie nicht mehr

daran, daß Gott doch auf seiten der Entrechteten ist? Durch die Unterdrückung eines anderen Volkes wird

Israel nie wirklich Sicherheit u. Ruhe erlangen. Wahrer Friede gründet sich letztendlich immer auf

Gerechtigkeit. Wir verurteilen die Gewalt der Selbstmordattentäter, u. wir verurteilen den Haß, der jungen

Leuten gepredigt wird u. der ihre Köpfe verwirrt. Aber ebenso vehement verurteilen wir die Gewalt

militärischer Operationen in den besetzten Gebieten, u. wir verurteilen die Unmenschlichkeit einer Politik,

die es Ambulanzen verbietet, zu verletzten Menschen zu fahren. Ich sage mit großer Sicherheit voraus: die

derzeitige Militäraktion wird den Israelis nicht den Frieden u. die Sicherheit bringen, die sie sich von ihr

erhoffen. Sie wird vielmehr den Haß schüren. Meiner Meinung nach hat Israel jetzt drei Optionen: es kann

zurückkehren zu seiner früheren Politik/Situation des Stillstands, es kann die Palästinenser ganz vertreiben

oder es kann - und das hoffe ich sehr -, sich um einen Frieden bemühen, der auf Gerechtigkeit gründet

sowie auf dem Rückzug aus allen 'Besetzten Gebieten'; zudem muß Israel einen lebensfähigen

Palästinensischen Staat ermöglichen (in den 'Besetzten Gebieten'): zwei Staaten Seite an Seite, zwei

Staaten in sicheren Grenzen. Wir in Südafrika durften einen relativ friedlichen Übergang erleben. Aber wenn

der Wahnsinn in unserem Land auf diese gute Weise beendet werden konnte, wieso sollte das dann nicht

überall auf der Welt möglich sein? Wenn der Friede nach Südafrika kommen konnte, so kann er doch gewiß

auch ins 'Heilige Land' kommen, oder nicht? Mein Bruder Naim Ateek hat die gleichen Worte gebraucht, wie

wir sie früher gebraucht haben: "Ich bin nicht pro dieses Volk oder pro jenes. Aber ich bin pro Gerechtigkeit,

pro Freiheit, u. ich bin andererseits contra Ungerechtigkeit u. contra Unterdrückung.“ Aber Sie wissen

wahrscheinlich genausogut wie ich, daß die Israelische Regierung (von den USA) auf ein Podest gehoben

wurde. Wenn man diese Regierung kritisiert, wird man sogleich als 'antisemitisch' hingestellt - geradeso, als

ob die Palästinenser keine Semiten wären! Ich bin noch nicht einmal 'anti-weiß' - und mit diesem anderen

Wahnsinn habe ich erst rechts nichts im Sinn. Außerdem möchte ich die Frage aufwerfen:

Weshalb hat der Staat Israel damals eigentlich mit dem Apartheids-Staat Südafrika so eng in

Sicherheitsfragen kooperiert? In diesem Land (USA) fällt es den Menschen schwer, öffentlich zu sagen,

Seite 398 WIR LASEN IN ANDEREN MEDIEN 29.11.2002

daß falsch gleich falsch ist. Die jüdische Lobby ist mächtig - sehr mächtig. Aber was soll das? Um

Himmelswillen - dies ist doch eine göttliche Welt! In unserem Universum regiert die (göttliche) Moral! Das

Apartheids-Regime in Südafrika war so unglaublich stark - und dennoch hat es aufgehört zu existieren.

Hitler, Mussolini, Stalin, Pinochet, Milosevic u. Idi Amin - alles starke Männer, aber letzten Endes wurden sie

doch zerschmettert. Ich sage Ihnen: Ungerechtigkeit u. Unterdrückung werden niemals siegen. Diejenigen

mit Macht werden sich am göttlichen 'Lackmus-Test' messen lassen müssen, der da untersucht: Wie geht ihr

mit den Armen um? Wie mit den Hungernden? Mit denen, die keine Stimme haben? Auf der Basis dieser

Fragen wird Gott sein Urteil (über die Mächtigen) sprechen. Wir müssen folglich einen Weckruf an die

Regierung von Israel sowie an das Palästinensische Volk starten u. ihnen sagen: glaubt uns, der Frieden ist

machbar - ein wirklicher Frieden auf der Grundlage von Gerechtigkeit ist machbar. Und wir, wir werden alles

tun, um Euch bei diesem Frieden behilflich zu sein - das ist ja Gottes Traum - und ihr werdet

freundschaftlich als Brüder u. Schwestern zusammen leben können.--

(Quelle: „The Guardian“ Übersetzt von: Andrea Noll, Orginalartikel: "Apartheid in the Holy Land")



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