|
Man muß kein
Wirtschaftsexperte sein, um zu merken, daß viele Israelis darben. An
Supermarkt-Ausgängen bitten Kinder neuerdings Käufer mit
gefüllten Einkaufstaschen um Essen für ihre bedürftigen
Familien. Menschen, die in Mülltonnen nach Verwertbarem wühlen, sind
keine Seltenheit mehr. Lehrer bezeugen, daß immer mehr Kinder ohne
Pausenbrot in die Schule kommen und kein Geld für die Busfahrt haben.
In den Zentren von Jerusalem, Tel Aviv und Haifa wiederum stehen immer
mehr verriegelte Läden zur Vermietung. Die Fenster von Hotels in Jerusalem
und Tel Aviv sind dunkel. Die Zahl der Hotel-Übernachtungen ist auf das
Niveau von 1966 gesunken - bei fünf Mal so vielen Zimmern wie einst. Das
Ausbleiben von Touristen hat nicht nur Rezeptionisten, Zimmermädchen und
Kellner auf die Straße geschickt, sondern läßt auch
Busunternehmer, Taxifahrer und Tour-Guides, T-Shirt-, Postkarten- und
Andenken-Händler ohne Einkommen. Auch Cafés und Restaurants sind
vom Touristenmangel betroffen.
Ausgehen und Einkaufen ist aber auch für Israelis nicht mehr
attraktiv: "Zu gefährlich, zu teuer", sagen viele.
Die wirtschaftlichen Daten sprechen eine klare Sprache. Nach
Angaben des Internationalen Währungsfonds wird Israels
Wirtschaftsentwicklung auch dieses Jahr mit minus 1,5 Prozent wieder negativ
sein, nachdem das Wachstum im Jahr 2000 noch 6,2 Prozent betrug, trotz
Intifada-Beginns Ende September. Der Absturz begann gleich nach Ariel Scharons
Regierungsantritt. Der Lebensstandard sank von 2001 auf 2002 um sechs Prozent
auf ein Niveau der fünfziger Jahre. Exporte fielen von 25prozentigem
Wachstum im Jahr 2000 auf 11,7 Prozent in diesem Jahr.
Nach dem gerade veröffentlichten Jahresbericht 2001 über
die Armut im Lande lebten im Vorjahr bereits nahezu 20 Prozent Israelis
unterhalb der Armutsgrenze (die monatlich bei knapp 600 Euro für ein Paar,
knapp 1000 Euro für eine Zwei-Kinder-Familie liegt). Preise für
Wohnungen, Lebensmittel und Bekleidung sind in Israel oft doppelt so hoch wie
in Europa, bei wesentlich niedrigeren Gehältern. Nach den im
Haushaltsentwurf 2003 vorgesehenen Kürzungen von Sozialhilfen dürfte
die Zahl der Armen nächstes Jahr auf fast 22 Prozent ansteigen.
Geld fließt ins Ausland
Wer Geld hat, schafft es ins Ausland. 2,6 Milliarden Dollar wurden im
ersten Halbjahr 2002 außerhalb Israels investiert, mehr als doppelt so
viel wie in derselben Periode im Vorjahr. Ausländische Firmen haben ihre
Investitionen im selben Zeitraum um 1,4 Millarden Dollar reduziert.
Die Arbeitslosenzahl stieg auf 274.000 - eine nie gekannte Höhe
von 10,7 Prozent. Ein Drittel aller selbständigen Betriebe steht vor dem
Bankrott: 50.000 werden vor Jahresende schließen, nachdem schon im
Vorjahr 30.000 kollabierten. Gehälter sanken dieses Jahr um sechs Prozent.
Das hat automatisch einen negativen Einfluß auf das Staatseinkommen durch
Steuereinzug.
Die Verteidigungslasten sind dafür seit zwei Jahren immens
gestiegen. Sie sollen 19 Prozent der auf 270 Milliarden Schekel (rund 60
Milliarden Euro) geschätzten Staatsausgaben für 2003 ausmachen. Seit
Beginn der Intifada sind verstärkt Reservisten bis zum Alter von 40 in den
besetzten Gebieten für Perioden von jeweils 30 Tagen zum Einsatz gekommen,
deren Verdienstausfall kompensiert werden muß. Der Schutz der Siedlungen
wurde beachtlich verstärkt, die Errichtung eines 360 Kilometer langen
Sicherheitszauns entlang der grünen Linie kostet Hunderte Millionen Euro
extra, ebenso wie der Unterhalt von Gefängnis-Lagern für Tausende
palästinensische Häftlinge. Hinzu kommt jetzt die Vorbereitung der
Heimatfront auf die möglichen Konsequenzen eines US-Schlags gegen Irak.
Rund eine halbe Million Gasmasken beispielsweise muß das
Verteidigungsministerium im Ausland kaufen, da die israelische Produktion dem
Bedarf nicht nachkam.
Anlaß für den Auszug der Arbeitspartei aus Scharons
großer Koalition war der Vorwurf ungerechter Verteilung des Budgets:
enorme Zuwendungen an die Siedler in den besetzten Gebieten auf Kosten von
Unterstützung der sozial schwachen Gruppen im Lande.
diepresse vom 14.11.02: Im Gelobten Land regiert die
Armut
|