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Nahost-Politik und Antisemitismus
Ariel Sharons Gang
über den Haram al-Sharif in Jerusalem und der blutige Konflikt, der darauf
folgte, haben weltweit hohe Wellen geschlagen. Verschwörungstheorien und
wechselseitige Beschuldigungen der Voreingenommenheit haben die Beziehungen
zwischen Journalisten und Eigentümern einiger der einflussreichsten
Zeitungen in Großbritannien ernsthaft beschädigt. Berichte und
Kommentare über den angeblichen Aufstieg eines neuen Antisemitismus waren
dementsprechend in beinahe jeder britischen Zeitung zu finden. Bekannte
Journalisten und Kolumnisten haben sich über eine Meinungsmache zugunsten
Israels durch Zensur und Schikanen von Herausgeberseite beschwert. William
Dalrymple, A. N. Wilson und Piers Paul Read schrieben einen Brief an den
"Spectator", in dem sie sich darüber beklagten, dass unter Conrad Blacks
Ägide eine seriöse kritische Berichterstattung über Israel
innerhalb der Telegraph Media Group nicht mehr geduldet werde. Deborah Orr vom
"Independent" beschwerte sich, sie sei es leid, als antisemitisch bezeichnet zu
werden, nur weil sie es wage, Israel zu kritisieren. Sam Kiley, ein
Auslandskorrespondent, verließ die "Times", weil er die Anweisung
erhalten hatte, in einem Artikel über israelische Soldaten, die den
12jährigen Mohammed al-Durrah erschossen hatten, als er Schutz in den
Armen seines Vaters suchte, "das tote Kind" nicht zu erwähnen. Gewiss: Die
Genannten, durchweg bekannte und erfolgreiche Journalisten, haben sich zur Wehr
gesetzt und behauptet. Aber nicht alle genießen den Schutz eines
berühmten Namens, was zur Folge hat, dass in einem großen Teil der
britischen Medien die Berichterstattung stark tendenziös zugunsten Israels
ist, sei es aus Überzeugung oder aus Furcht.
Der Aufschrei des
Entsetzens von Barbara Amiel und Conrad Black, den führenden Vertretern
des pro-israelischen Lagers, basiert auf dem Anwachsen zweier Phänomene:
zum einen auf der Kritik an Israel in den Medien und der Gesellschaft durch
Intellektuelle vornehmlich vom linken Flügel, zum anderen auf den
gewalttätigen Angriffen auf Synagogen und Großbritanniens
jüdische Bevölkerung. Das erste ist das vorhersagbare und logische
Ergebnis des Miss-brauchs staatlicher Gewalt. Israel hat einen unglaublichen
Mangel an Zurückhaltung bei seinen Vorstößen in die Westbank
und den Gazastreifen bewiesen. Das Resultat war, völlig zu Recht, ein
Meinungsumschwung im Westen weg von der bedingungslosen Unterstützung des
israelischen Handelns. Kommentare und Kritik dieser Art sind weder
antisemitisch noch notwendigerweise antiisraelisch. Sie sollten akzeptiert und
ernst genommen werden. Es handelt sich bei ihnen eben nicht um eine
schleichende Rückwendung zu jener Dynamik, die in den Holocaust
mündete, im Gegenteil: Die Kultur, die jetzt Israel verurteilt, ist ja
gerade als Reaktion auf den Holocaust entstanden, und sie trägt Ideale wie
Menschenrechte, Aufgeklärtheit und Toleranz im Herzen also alles
das, was wir Freiheit nennen.
Auf der anderen Seite
sind die physischen und symbolischen Angriffe auf die jüdische Gemeinde in
Großbritannien weitgehend das Ergebnis eines Zustandes der
Gesetzlosigkeit und der fehlenden sozialen Kontrolle, einer Anomie, die sich im
Umfeld bestimmter Organisationen verdichtet. Diese Organisationen bedienen sich
der Sprache des Antisemitismus aus verschiedenen Gründen, von denen viele
nichts mit Israel zu tun haben. Es ist symptomatisch für diese Anomie,
dass die britische Gesellschaft in einem Besorgnis erregenden Ausmaß
unter Kriminalität leidet; so ist etwa die Jugendkriminalität weit
verbreitet. Vieles davon ist der spezifischen Art des sozialen Wandels in
Großbritannien geschuldet, der weniger einen Schmelztiegel hervorgebracht
hat als die Auflösung sozialer Regeln und die Suche nach
Selbstbestätigung. Als Reaktion darauf haben sich in Großbritannien
manche auf der Suche nach einer mythologisierten "reineren" islamischen oder
britischen Identität antisemitischen Gruppen zugewandt. Diese Gruppen
waren es auch, die im vergangenen Jahr Rassenunruhen in Oldham, Bradford und
Burnley angezettelt und ernsthafte Missverständnisse etwa über die
palästinensische nationale Bewegung und den Islam, eine Religion der
Toleranz, provoziert haben. Diese Gruppen werden aber genau beobachtet und
kontrolliert.
Antisemitismus als
Ideologie einer Minderheit hat in Großbritannien lange existiert und, wie
in jedem Land, kann man ihn noch immer finden. Das ist aber in keiner Weise das
Gleiche wie eine Kultur des Antisemitismus. Wie der West-Londoner Rabbi Mark
Winer festgestellt hat, ist es weitaus leichter, Ressentiments gegen Araber,
Albaner und Türken zu finden, die der muslimische Glauben eint, als solche
gegen Juden. Es ist eine für alle Beteiligten gefährliche Falle,
diese beiden Phänomene miteinander zu verbinden. Zu behaupten, dass Kritik
an Israels Vorgehen gegenüber der Intifada zu einem Ansteigen der
antisemitischen Gewalt in Großbritannien führt, ist zu einfach. Als
ein demokratischer Staat, ausgestattet mit allen Vorteilen, die es mit sich
bringt, ein Ehrenmitglied des "Westens" zu sein, muss es Israel akzeptieren,
dass es von den Hütern der Demokratie angegriffen wird, seien sie nun in
den Medien, in den Universitäten oder auf der Straße zu finden. Die
Zensur solcher Kritik birgt eher die Gefahr in sich, dass Großbritannien
und seine Einwohner in ihrem Engagement für Israel nachlassen, als ihre
gelegentlichen Übertreibungen.
Aus dem Englischen von
Joachim Staron
Jago Salmon ist
wissenschaftlicher Mitarbeiter und Postdoktorand an der
Humboldt-Universität Berlin
IFA:
Wird Großbritannien antisemitisch? |