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12.2002 von Jago Salmon Kritische Stimme
 Wird Großbritannien antisemitisch? 

Nahost-Politik und Antisemitismus

Ariel Sharons Gang über den Haram al-Sharif in Jerusalem und der blutige Konflikt, der darauf folgte, haben weltweit hohe Wellen geschlagen. Verschwörungstheorien und wechselseitige Beschuldigungen der Voreingenommenheit haben die Beziehungen zwischen Journalisten und Eigentümern einiger der einflussreichsten Zeitungen in Großbritannien ernsthaft beschädigt. Berichte und Kommentare über den angeblichen Aufstieg eines neuen Antisemitismus waren dementsprechend in beinahe jeder britischen Zeitung zu finden. Bekannte Journalisten und Kolumnisten haben sich über eine Meinungsmache zugunsten Israels durch Zensur und Schikanen von Herausgeberseite beschwert. William Dalrymple, A. N. Wilson und Piers Paul Read schrieben einen Brief an den "Spectator", in dem sie sich darüber beklagten, dass unter Conrad Blacks Ägide eine seriöse kritische Berichterstattung über Israel innerhalb der Telegraph Media Group nicht mehr geduldet werde. Deborah Orr vom "Independent" beschwerte sich, sie sei es leid, als antisemitisch bezeichnet zu werden, nur weil sie es wage, Israel zu kritisieren. Sam Kiley, ein Auslandskorrespondent, verließ die "Times", weil er die Anweisung erhalten hatte, in einem Artikel über israelische Soldaten, die den 12jährigen Mohammed al-Durrah erschossen hatten, als er Schutz in den Armen seines Vaters suchte, "das tote Kind" nicht zu erwähnen. Gewiss: Die Genannten, durchweg bekannte und erfolgreiche Journalisten, haben sich zur Wehr gesetzt und behauptet. Aber nicht alle genießen den Schutz eines berühmten Namens, was zur Folge hat, dass in einem großen Teil der britischen Medien die Berichterstattung stark tendenziös zugunsten Israels ist, sei es aus Überzeugung oder aus Furcht.

Der Aufschrei des Entsetzens von Barbara Amiel und Conrad Black, den führenden Vertretern des pro-israelischen Lagers, basiert auf dem Anwachsen zweier Phänomene: zum einen auf der Kritik an Israel in den Medien und der Gesellschaft durch Intellektuelle vornehmlich vom linken Flügel, zum anderen auf den gewalttätigen Angriffen auf Synagogen und Großbritanniens jüdische Bevölkerung. Das erste ist das vorhersagbare und logische Ergebnis des Miss-brauchs staatlicher Gewalt. Israel hat einen unglaublichen Mangel an Zurückhaltung bei seinen Vorstößen in die Westbank und den Gazastreifen bewiesen. Das Resultat war, völlig zu Recht, ein Meinungsumschwung im Westen weg von der bedingungslosen Unterstützung des israelischen Handelns. Kommentare und Kritik dieser Art sind weder antisemitisch noch notwendigerweise antiisraelisch. Sie sollten akzeptiert und ernst genommen werden. Es handelt sich bei ihnen eben nicht um eine schleichende Rückwendung zu jener Dynamik, die in den Holocaust mündete, im Gegenteil: Die Kultur, die jetzt Israel verurteilt, ist ja gerade als Reaktion auf den Holocaust entstanden, und sie trägt Ideale wie Menschenrechte, Aufgeklärtheit und Toleranz im Herzen – also alles das, was wir Freiheit nennen.

Auf der anderen Seite sind die physischen und symbolischen Angriffe auf die jüdische Gemeinde in Großbritannien weitgehend das Ergebnis eines Zustandes der Gesetzlosigkeit und der fehlenden sozialen Kontrolle, einer Anomie, die sich im Umfeld bestimmter Organisationen verdichtet. Diese Organisationen bedienen sich der Sprache des Antisemitismus aus verschiedenen Gründen, von denen viele nichts mit Israel zu tun haben. Es ist symptomatisch für diese Anomie, dass die britische Gesellschaft in einem Besorgnis erregenden Ausmaß unter Kriminalität leidet; so ist etwa die Jugendkriminalität weit verbreitet. Vieles davon ist der spezifischen Art des sozialen Wandels in Großbritannien geschuldet, der weniger einen Schmelztiegel hervorgebracht hat als die Auflösung sozialer Regeln und die Suche nach Selbstbestätigung. Als Reaktion darauf haben sich in Großbritannien manche auf der Suche nach einer mythologisierten "reineren" islamischen oder britischen Identität antisemitischen Gruppen zugewandt. Diese Gruppen waren es auch, die im vergangenen Jahr Rassenunruhen in Oldham, Bradford und Burnley angezettelt und ernsthafte Missverständnisse etwa über die palästinensische nationale Bewegung und den Islam, eine Religion der Toleranz, provoziert haben. Diese Gruppen werden aber genau beobachtet und kontrolliert.

Antisemitismus als Ideologie einer Minderheit hat in Großbritannien lange existiert und, wie in jedem Land, kann man ihn noch immer finden. Das ist aber in keiner Weise das Gleiche wie eine Kultur des Antisemitismus. Wie der West-Londoner Rabbi Mark Winer festgestellt hat, ist es weitaus leichter, Ressentiments gegen Araber, Albaner und Türken zu finden, die der muslimische Glauben eint, als solche gegen Juden. Es ist eine für alle Beteiligten gefährliche Falle, diese beiden Phänomene miteinander zu verbinden. Zu behaupten, dass Kritik an Israels Vorgehen gegenüber der Intifada zu einem Ansteigen der antisemitischen Gewalt in Großbritannien führt, ist zu einfach. Als ein demokratischer Staat, ausgestattet mit allen Vorteilen, die es mit sich bringt, ein Ehrenmitglied des "Westens" zu sein, muss es Israel akzeptieren, dass es von den Hütern der Demokratie angegriffen wird, seien sie nun in den Medien, in den Universitäten oder auf der Straße zu finden. Die Zensur solcher Kritik birgt eher die Gefahr in sich, dass Großbritannien und seine Einwohner in ihrem Engagement für Israel nachlassen, als ihre gelegentlichen Übertreibungen.

Aus dem Englischen von Joachim Staron

Jago Salmon ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Postdoktorand an der Humboldt-Universität Berlin IFA: Wird Großbritannien antisemitisch?



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