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Alle Krebsformen verbreiten sich mit einem Mechanismus, der Gewebe
zerstört. Nachstehendes Beispiel beschreibt die Entwicklung von
Leberkrebs. Die Leber ist das zentrale Stoffwechselorgan des Körpers, das
Giftstoffe im Körper neutralisiert und entfernt. Giftstoffe, die durch die
Ernährung in den Körper gelangen, wie Pestizide und
Konservierungsmittel, sind die wichtigste Ursache von Leberkrebs. Auch alle
pharmazeutischen Produkte müssen von der Leber beseitigt werden (alle
Giftstoffe werden neutralisiert und entfernt). In diesem Zusammenhang warnte
die Zeitschrift the Journal of the
American Medication Association (JAMA) im Januar 1996, dass alle im
Handel erhältlichen cholesterinsenkenden Medikamente (Statins) karzinogen
(krebserregend) seien.
Somit ist es höchst merkwürdig, dass EU-Kommissar Frits
Bolkenstein, der auch für das pharmazeutische Unternehmen Merck, Sharp
& Dome (MSD) arbeitet, die niederländische Ministerin Els Borst in
einem persönlichen Brief bat, das cholesterinsenkende MSD-Produkt Cozaar
in das niederländische Erstattungssystem aufzunehmen. Normalerweise werden
solche Skandale vertuscht.
Dieser Skandal erregte jedoch viel Aufmerksamkeit in den
niederländischen Zeitungen und im Internet. Der folgende Auszug vermittelt
einen kurzen Eindruck.
Dokumentation zum Bolkestein-Skandal:
1. Telegraaf 23.
September 1996
Bolkestein ins Gerede gekommen
wegen Lobbyarbeit für Medikament
Von unserer parlamentarischen
Redaktion - DEN HAAG, Montag
VVD-Vorsitzender Bolkestein ist ins Gerede
gekommen, weil er versucht hatte, zu Gunsten des pharmazeutischen Unternehmens
MSD Einfluss auf die niederländische Gesundsheitsministerin Borst
auszuüben.
Im Rahmen seiner
Nebentätigkeit als Aufsichtsratsmitglied dieses Unternehmens hat
Bolkestein die Ministerin in einem persönlichen Schreiben gebeten, das
Medikament Cozaar des Unternehmens MSD in das Erstattungssystem für
Medikamente aufzunehmen. Dem Magazin Netwerk nach soll Bolkestein
außerdem bei Ministerin Borst auf eine Senkung des Erstattungslimits des
Medikaments Zocor des Unternehmens MSD gedrängt haben.
Die zweite Kammer hat scharfe
Kritik an der Vermischung von Interessen seitens Bolkestein
geäußert. PvdA und GroenLinks werden Ministerin Borst diese Woche um
Aufklärung bitten. Denn das können wir nicht akzeptieren,
sagt der Fraktionsvorsitzende Rosenmöller der Partei GroenLinks. Die
Ministerin äußert sich dazu selbst: Ich bin kein
Befürworter von Politikern, die sich als Aufsichtsratsmitglied in die
Regierungspolitik einmischen.
Die Koalitionspartner PvdA und D66
sowie die Oppositionspartei CDA sind der Meinung, dass Bolkestein zu weit
gegangen ist. "Was er tut, ist dumm und ungeschickt", meint der
stellvertretende D66-Fraktionsvorsitzende Van Boxtel. "Bolkestein muss uns
schnellstens Rede und Antwort stehen. Die VVD hat hier offensichtlich ein
Problem."
CDA-Sprecher Smits ist auf jeden
Fall der Ansicht, dass man der Ministerin Borst nichts vorwerfen kann. "Sie hat
sich für ihre eigene Politik entschieden. Was Bolkestein getan hat, würde unsere Partei niemals
tun." Die VVD wird sich in ihrer Fraktionssitzung morgen ausführlich mit dieser
Angelegenheit beschäftigen. Bolkestein wird jedoch nicht anwesend sein,
denn er ist diese Woche für einen Kurzurlaub auf Zypern. "Wir wollen
zuerst genau wissen, was los ist", sagt Bolkesteins Sprecher. "Wir werden uns
noch telefonisch mit ihm in Verbindung setzen." Der ehemalige
Staatssekretär Simons (Gesundheitsministerium) sagt in
Netwerk, dass Bolkesteins Verhalten ihn 'erschreckt hat. Er
hält eine politische Debatte über diese Angelegenheit für
angemessen.
2. NRC 30.
September 1997:
Bolkestein tritt von Amt bei MSD
zurück DEN
HAAG, 30. OKT. Der VVD-Vorsitzende Bolkestein tritt als Aufsichtsratsmitglied
des pharmazeutischen Unternehmens MSD zurück. Letztes Jahr war Bolkestein
in die Schlagzeilen geraten, als er versuchte, Gesundheitsministerin Borst zu
Gunsten des Unternehmens MSD zu beeinflussen.
3. NRC 28.
September 1996:
Händler-Politiker
Wenn sich der Reiseplan nicht
ändert, endet diese Woche genau so wie sie angefangen hat: mit Bolkestein.
Umschwärmt von mitreisenden Journalisten, die auf Zypern keine Gelegenheit
bekamen, mit ihm zu sprechen, und erwartet von Journalisten, die davon
ausgehen, dass er sich bei seiner Ankunft wohl äußern wird, sollte
der Vorsitzende der Parlamentsfraktion der VVD heute auf Schiphol landen. Das
könnte die vorläufige Apotheose einer Woche werden, in der die
politischen Nachrichten ausnahmsweise nicht von Bolkestein beherrscht wurden,
sondern in der die Nachrichten hauptsächlich von Bolkestein handelten.
Der Stein kam letzten Sonntag ins
Rollen durch die Enthüllung im Fernsehprogramm Netwerk, dass
Bolkestein im vergangenen Jahr in seiner Funktion als Aufsichtsratsmitglied des
pharmazeutischen Unternehmens Merck, Sharp and Dohme (MSD) einen Brief an
Gesundheitsministerin Borst geschickt hatte, in dem er dafür
plädierte, ein bestimmtes Medikament in das Arzneimittelerstattungssystem
aufzunehmen. Die entscheidende Frage lautet, ob Bolkestein sich durch dieses
Verhalten der Vermischung von Interessen schuldig gemacht hat. Aber die
nationale Debatte, die hieraus entstanden ist, beschäftigt sich inzwischen
mit allen möglichen Themen: von der fatalen Rolle der Medien
im Allgemeinen bis hin zur Theorie über politische Verschwörung.
Hoffentlich wird die Debatte mit Bolkesteins Rückkehr ebenfalls wieder auf
das richtige Maß zurückgeführt. Denn die einzige Frage, die uns
jetzt beschäftigen sollte, ist die, ob Bolkestein richtig gehandelt hat
oder nicht.
Die Verteidigung, die
man hauptsächlich bei der VVD oft gehört hat dass Bolkestein
den Brief an Ministerin Borst als Aufsichtsratsmitglied geschrieben habe
ist unzureichend. Obwohl
zwischen den Tätigkeitsbereichen eines Politikers und denen eines
Aufsichtsratsmitglieds formell zwar ein deutlicher Unterschied gemacht werden
kann, hat diese Doppelfunktion in der Praxis eine andere Auswirkung. Das gilt
sowohl für Bolkesteins Tätigkeiten als Politiker als auch für
seine Tätigkeiten als Aufsichtsratsmitglied. Was Letzteres betrifft: Ein
Aufsichtsratsmitglied ist hauptsächlich dazu da, den Vorstand eines
Unternehmens zu kontrollieren. Sich politisch für dieses Unternehmen
einzusetzen, was Bolkestein mehrmals gemacht hat, gehört sicherlich nicht
zu den primären Aufgaben eines Aufsichtsratsmitgliedes. In diesem Fall
schien das Gespür für die richtigen Verhältnisse denn auch
verloren gegangen zu sein.
Aus den Antworten der Ministerin
Borst auf Fragen aus dem Parlament geht hervor, dass der Politiker Bolkestein
letztes Jahr auf Verlangen der Ministerin bezüglich des Gesetzentwurfs
für Arzneimittelpreise ein Gespräch mit dem Ministerialdirektor des
Gesundheitsministeriums hatte, bei dem die VVD als einzige Koalitionspartei
gezögert hatte. Laut Borst hat der Fraktionsvorsitzende ,,am Rande
dieses Gesprächs das Medikament Zocor des Unternehmens MSD zur Sprache
gebracht; dasselbe Produkt, für das er sich schon vorher an die Ministerin
gewandt hatte. Dass die Ministerin in ihren Antworten ausdrücklich vom
Fraktionsvorsitzenden spricht, ist charakteristisch. Im
Gesundheitsministerium ist das Gespräch ,,am Rande offenbar nicht
als Einmischung des Aufsichtsratsmitglieds Bolkestein aufgefasst worden. Die
Trennungslinien waren also nicht deutlich. Das hat diejenigen, an die sich der
Politiker/das Aufsichtsratsmitglied gewandt hatte, in eine schwierige Lage
versetzt. Erneut scheint es so, als seien die richtigen Verhältnisse aus
dem Auge verloren worden.
Zu den fast
natürlichen Reaktionen auf derartige Angelegenheiten gehört der Ruf
nach Verhaltensregeln. Dies ist ein Kunstgriff, der zwar gut aussieht,
ansonsten aber überflüssig wäre. Denn ein Politiker, der
über ein gutes Gespür für Beziehungen verfügt, braucht
keine Verhaltensregeln. Dasselbe gilt, wenn Politikern die Übernahme von
Ämtern als Aufsichtsratsmitglieder untersagt wird. Auch in diesem Fall
sollte der Politiker selbst
bzw. seine Partei
die Entscheidung treffen.
Trotzdem ist ein
kritischer Blick auf die Kombination Politiker
Aufsichtsratsmitglied
dringend notwendig. Denn sie führt immer wieder zu Schwierigkeiten. Die
Interessen eines Unternehmens und das Gemeinwohl lassen sich nun mal nicht
immer kombinieren. Es wird zu leicht gesagt, dass Parlamentsmitglieder ihren
Horizont erweitern können, wenn sie gleichzeitig als
Aufsichtsratsmitglieder tätig sind (weil sich ihr Horizont sonst oftmals
auf die Ministerien im Regierungsviertel beschränkt). Auf diese Weise
nähert man sich dem Problem von der falschen Seite. Einer Zweiten Kammer,
die als Volksvertretung agieren möchte, ist nicht unbedingt mit
Mitgliedern geholfen, die über ihre Tätigkeit als
Aufsichtsratsmitglied wirtschaftliche Beziehungen pflegen oder aufnehmen. Der
Kammer ist in dieser Hinsicht mehr mit Politikern geholfen, die über einen
Hintergrund in der Wirtschaft verfügen.
4. Reformatorisch
Dagblad Dezember 1998:
Lobbyarbeit: Spezialisten und ihr
Wissen in den Wandelgängen
Von P. Chr. van Olst Wer
an den Binnenhof (Parlamentsgebäude in Den Haag) denkt, sieht Minister vor
seinem geistigen Auge, die sich durch Journalistenreihen hindurch bewegen oder
Parlamentsmitglieder, die ins Gespräch mit Staatssekretären vertieft
sind. An Beamte oder Mitarbeiter der Fraktionen wird man wohl auch noch denken.
Jedoch nicht an das große Heer der Lobbyarbeit betreibenden
Interessenvertreter es bleibt im Schatten des Informellen verborgen.
Als Politiker mag Frits Bolkestein
seinen guten Ruf zurecht besitzen, als Lobbyist ist er ein Stümper. Der
ehemalige Chef der Partei VVD (Volkspartij voor Vrijheid en Democratie,
niederländische liberale Partei) wandte sich als Aufsichtsratsmitglied des
Arzneimittelherstellers Merck, Sharpe und Dohme (MSD) an Gesundheitsministerin
Borst, um mit ihrer Hilfe zu erreichen, dass das von MSD hergestellte
Präparat Cozaar im Arzneimittel-Erstattungssytem zugelassen wird. Sein
Vorgehen war Fachleuten zufolge nicht nur wegen der Verknüpfung von
Interessen politisch unsauber, sondern auch nicht durchdacht und ungeschickt.
Punkt eins: Gerade wegen
seines Namens und seines Rufs ist Bolkestein nicht die geeignete Person
für Lobbyarbeit für MSD. Jemand seines Formates darf sich nicht auf
so etwas einlassen. Er zieht zu viel Aufmerksamkeit auf sich. Moderne
Lobbyisten erledigen ihre Geschäfte low profile, ohne viel
Aufhebens. Und sie bevorzugen informelle Kontakte, die nicht wahrgenommen
werden, zum Beispiel bei einer Bootsfahrt, einem Essen oder per Telefon. Auch
diese Regel hat Bolkestein ignoriert
er wandte sich mit der
(formellen) Anrede Liebe Els schriftlich an die Ministerin.
Als meinungsweisender Politiker
hatte Bolkestein natürlich die erforderliche Macht. Aber jeder Lobbyist
weiß, dass nichts mehr zu retten ist, sobald auch nur ein Anflug von
Interessenverquickung oder Unehrlichkeit an jemandem haftet. Die Lobbyarbeit
wäre Erfolg versprechender gewesen, wenn nicht das bekannte
Aufsichtsratsmitglied sondern einfach ein normaler professioneller Vertreter
des Betriebs tätig geworden wäre. Unter der Voraussetzung, dass er
rechtzeitig aktiv geworden wäre, und nicht wie Bolkestein erst dann
reagiert hätte, als die Angelegenheit schon in der Beschlussfassung war.
Gebräuche Machtmenschen wie Bolkestein aufgepasst:
Lobbyarbeit ist eine Angelegenheit für Profis geworden, ein Bereich,
dessen Sitten und Gebräuche man kennen muss, um erfolgreich zu sein. Der
moderne Lobbyist zieht nicht ohne Strategie ins Feld. Er beherrscht viele
Taktiken, um Menschen zu beeinflussen, und er kennt seine Grenzen. Obwohl er
für sein Handwerk nach wie vor auf das Informelle angewiesen ist, übt
der Lobbyist von heute einen ehrbaren und respektablen Beruf aus.
Ein guter Lobbyist ist stets
freundlich, immer ehrlich und erledigt seine Hausarbeiten mit Sorgfalt, so G.
Alferink, Vertreter der Koninklijke Nederlandse Jagersvereniging (KNJV,
Königlicher Niederländischer Jägerverband), und sein Gegner P.
Eichholtz vom Tierschutz, beide alte Hasen auf diesem Gebiet. Freundlich muss
er sein, um mit Politikern und Beamten gute Beziehungen unterhalten zu
können. Höflichkeit gehört dazu. Die Kenntnis von Namen und
Hobbys seiner politischen Kontakte geben dem Lobbyisten die Gelegenheit, ein
freundschaftliches Gespräch zu führen und das Eis zu brechen.
Außerdem muss das Gespräch vor allem kurz und sachlich sein, denn
Politiker haben viel zu tun und ihre Zeit ist kostbar.
Der Lobbyist lügt nicht.
Immer ehrlich sein, lautet sowohl Alferinks als auch
Eichholtz Rat. Sonst ist man morgen weg vom Fenster. Wenn man
mit unzuverlässigen Informationen auffält, kann man es vergessen im
Binnenhof.
Zuverlässige Informationen
liefern ist für den Lobbyisten so wichtig, weil Informationen und Wissen
für ihn exzellenteTauschware darstellen. Der gestresste Politiker ist
unmöglich in der Lage, die Details aller Akten zu kennen. Oft braucht er
dafür den Lobbyisten einer bestimmten Gemeinde, Provinz oder Organisation.
Dieser wartet auf den richtigen Moment, um seine Information weiterzugeben.
Gegen Goodwill natürlich.
Jeder Lobbyist weiß, dass er
sein Idealziel nie erreichen wird. Ergebnisse von Lobbyarbeit sind häufig
nicht einmal messbar. Aber er weiß: Ist er nicht da, wird nur sein Gegner
gehört. Alferink von den Jägern könnte auch zuhause bleiben,
aber dann bildet er bei den Parlamentsmitgliedern kein Gegengewicht gegen die
Argumentationen des Tierschützers Eichholtz.
Das höchste Ziel der
Lobbyarbeit besteht also in den meisten Fällen darin, den privaten
Interessen, für die Lobbyarbeit betrieben wird, bei den Entscheidungen,die
der Politiker für das allgemeine Interesse treffen soll, so viel Gewicht
wie möglich zu verleihen. Das kennzeichnet die besondere Beziehung
zwischen Politiker (als Vertreter der allgemeinen Interessen) und Lobbyisten
(als Vertreter spezifischer Interessen).
Informelle
Kommunikation Die ursprüngliche Definition vom Wesen
der Lobbyarbeit deutet bereits auf die wundersame Verbindung zwischen Politiker
und Lobbyist hin. Lobbyarbeit bedeutet informelle Kommunikation mit
ausgewählten Politikern. In diesem Sinne ist sie natürlich so
alt wie das Auserwählen von Trägern öffentlicher Ämter.
Umfassendere und aktuellere Definitionen sprechen deswegen vom Kontakt mit
formellen Amtsträgern oder Officials. Die so
genannte maximale Definition von Lobbyarbeit lautet: der informelle
Versuch, formelle Machthaber zu beeinflussen.
Der Begriff selbst wurde in der
alten britischen und amerikanischen politischen Praxis zum ersten Mal
verwendet. Vertreter von Wahlgebieten und Organisationen hielten sich in den
Wandelgängen und Nischen der Parlamentsgebäude auf, um
vorübergehende Volksvertreter anzusprechen. Somit sind auch die
Wandelgänge immer untrennbar mit der Lobbyarbeit verbunden. Die englische
Bezeichnung lobbies für die Nischen, in denen die
Interessenvertreter sich aufhielten, erklärt die Herkunft des Wortes
Lobbyarbeit.
In den Niederlanden sprach man erst
im achtzehnten Jahrhundert zum ersten Mal von Lobbyarbeit. In einer Zeit, in
der die großmächtigen Herren aus Den Haag das einseitige
Diktieren von Gesetzen und Beschlüssen immer mehr auf die Spitze trieben,
beschlossen verschiedenen Stadtverwaltungen, in Den Haag einen eigenen Mann
anzustellen. So wurde Willem van Thiel von Hulst angenommen, um
sinngemäß bei allen Geschäften, die in seine
Verantwortung gelegt werden, stets das Interesse des Kollegiums und der
Gemeinde der Stadt Hulst zu wahren, zu fördern und dafür zu
werben. Offensichtlich hatte der anglo-amerikanische Begriff
Lobbyarbeit noch nicht Einzug gehalten.
Heimlichtuerei Der moderne Lobbyist ist ein Profi geworden.
Nicht jeder sieht das so. Da der Lobbyist in den Wandelgängen und hinter
den Kulissen agiert, haftet ihm stets eine Spur von Heimlichtuerei an. Er
kämpft mit dem Image des Fadenziehers, des finsteren Kunglers. Zu Unrecht,
findet der Lobbyist selbst. Wir sind keine quengelnden Kinder, die
anderen am Ärmel hängen und nach verbotenen Süßigkeiten
schielen. Nein, der Lobbyist aus Den Haag ist every inch a
gentleman. Ein Spezialist von Kopf bis Fuß.
Manchmal gibt der Lobbyist selbst
Anlass zu derartigen Verdächtigungen. Wenn er bestimmte
Beeinflussungsmechanismen wählt, kann er auf die schiefe Ebene geraten.
Politiker mit Geschenken zu ködern ist eines dieser undurchsichtigen
Mittel. Was soll man von Politikern halten, die bei einem Werksbesuch eine
Kamera geschenkt bekommen, denen ein üppiges Abendessen aufgedrängt
wird, und die als Tüpfelchen auf dem i noch eine Art Weihnachtspaket
erhalten? Wenn das nicht für Goodwill sorgt...
In solchen Momenten kann
Lobbyarbeit der Korruption gefährlich nah kommen. Die Grenze zwischen
einer angemessenen Aufmerksamkeit und einem wertvollen Geschenk ist nicht klar
zu ziehen. Eine Flasche Beerenburg darf es sein, zwei sind eine zu
viel, so ungefähr
lautete das Resultat eines Kongresses über die ethischen Grenzen der
Lobbyarbeit, der kürzlich stattfand.
Finsterer Club Auch ohne Beerenburgflaschen
können Lobbyisten eine unethische Portion Macht erwerben. Die Lobby
Nederland Distributieland (Distributionsland Niederlande) ist
berüchtigt, der finstere Club, in dem viele Organisationen und
Größen aus dem Transportsektor gemeinsame Sache machen, um ein
für die Niederlande möglichst günstiges Transportklima zu
schaffen. Diese Lobby stellte sich hinter die Hochgeschwindigkeitsstrecke, die
Betuwestrecke, den Ausbau des Flughafens Schiphol und alle diese
größeren Infrastrukturprojekte.
Durch ihre Zusammenarbeit bilden
die Organisationen hinter Nederland Distributieland ein Netzwerk,
das so mächtig, allgegenwärtig und in allen Argumenten beherrschend
ist, dass die Politik ihm nur schwer entgegentreten kann. Den ehemaligen
Staatssekretär des Verkehrsministeriums aus der Regierung Den Uyl, M. van
Hulten, veranlasste es vor nicht allzu langer Zeit zu dem verzweifelten
Ausspruch: Es ist gesetzlich erlaubt, hinsichtlich der Vorgehensweise
sehe ich aber keinen Unterschied zur Mafia.
Lobbyisten wissen die Gefühle
von Politikern und Assistenten auch mit harmlosen Techniken zu nutzen. So kann
eine beiläufig vorgebrachte Bemerkung über die Gunst der Wähler
viel auslösen: Weißt du eigentlich, wie viele Mitglieder
deiner Partei hinter mir stehen? Und was soll ich ihnen denn nun sagen, wenn
sie fragen, was ihre Partei dafür tut?
Politische
Vormachtstellung Da die
Effektivität aller einflussreichen Lobbys infolge der Abschaffung von
politischer und kultureller Aufsplitterung zu groß wurde, beschloss die
Politik vor ungefähr zehn Jahren, mit dem so genannten Woestijnwet (Wet
Herstructurering Adviesstelsels, Gesetz zur Restrukturierung von
Beratungssystemen) eine große Zahl von offiziellen
Beratungsorganisationen aufzulösen. Die Vormachtstellung der Politik
musste wieder hergestellt werden, so lautete das Plädoyer von (unter
anderem) VVD-Parteivorsitzendem Bolkestein (sic!).
Wissenschaftler wie der Rotterdamer
Hochschullehrer Van Schendelen (der Lobby-Kenner par excellence) ziehen daraus
den Schluss, dass der Einfluss der professionellen Lobbys lediglich mit der
Einführung des Poldermodells aus Diskussion und Gemeinschaft gestiegen
ist. Alle Anstrengungen zur Wiederherstellung der Vormachtstellung der Politik
haben höchstens dazu geführt, dass derzeit der Konkurrenzkampf
zwischen den verschiedenen Interessen stärker sichtbar ist.
5. Website der
sozialistischen Partei:
Fehlt die Bereitschaft, sich auf
nationale Verhaltensregeln zu einigen, so sollten nationale Politiker in jedem
Fall dafür sorgen, selbst kein falsches Beispiel für
Normenverwässerung zu sein. Die jüngsten Erfahrungen beweisen leider
das Gegenteil. Bolkesteins Unschuld-vom-Lande-Verhalten bezüglich seiner
umstrittenen Interventionen als MSD-Aufsichtsratsmitglied bei Ministerin Borst
und Jorritsmas Was ist schon dabei-Naivität bezüglich
ihrer vom Groninger Unternehmer Koop bezahlten Flüge können beim
allerbesten Willen nicht als kräftige Impulse für Integrität in
Politik und Verwaltung gewertet werden.
6.
Telegraaf 24.
September 1996:
Arzneimittelhersteller zufrieden
mit Bolkesteins Engagement
Von unseren Korrespondenten - DEN
HAAG, Dienstag
Der Arzneimittelhersteller Merck Sharpe &
Dome (MSD) ist laut Sprecher des Unternehmens Wim Böhne "sehr zufrieden"
mit dem ins Gerede gekommenen
Aufsichtsratsmitglied und VVD-Chef Frits Bolkestein. "Das Engagement von
Bolkestein war sehr effektiv. Er hat es auf seine eigene Weise getan, auf
eigene Verantwortung. Er kann selbst am besten sagen, wie es vor sich ging."
Böhne spielt damit auf die
Zulassung zum Arzneimittel-Erstattungssystem des blutdrucksenkenden
Präparats Cozaar vor dem Juni diesen Jahres an. Gerade rechtzeitig.
Hätte es länger gedauert, wäre der Vertrieb dieses Medikaments
von den Niederlanden nach Frankreich verlagert worden. Hat die
Hauptgeschäftsführung einmal einen solchen Schritt getan, folgen
andere nach. Wir in Haarlem hatten davor große Angst.
Das Unternehmen, das seit bereits 40 Jahren in
den Niederlanden ansässig ist, hat in den vergangenen Jahren NLG 372
Millionen in die Niederlassung Haarlem investiert. Bolkestein muss eine
Chance bekommen, die Beweggründe darzulegen, sagt Böhne.
VVD-Chef Bolkestein selbst
bestreitet, zu weit gegangen zu sein, als er Gesundheitsministerin Borst im
Interesse von MSD beeinflussen wollte.
Er ließ gestern aus Zypern über seinen
Sprecher wissen, dass er die Anschuldigung wegen Interessenverquickung nicht
berechtigt findet. Ferner wollte er noch loswerden, dass er im Rahmen der
für Politiker geltenden Regeln gehandelt habe.
Der ins Gerede gekommene
Fraktionsvorsitzende der Liberalen hat deswegen auch nicht vor, seinen
Aufenthalt auf Zypern abzubrechen. Er will erst am Sonnabend bei seiner
Rückkehr am Flughafen Schiphol eine Erklärung abgeben.
Die Fraktion der liberalen Partei VVD in der
Zweiten Kammer stellte sich gestern offiziell vollständig hinter ihren
Vorsitzenden. Die VVD-Parlamentsmitglieder bezeichnen die Angelegenheit als
sehr hochgespielt. Einige liberale Parlamentarier, die nicht
namentlich genannt werden wollen, finden allerdings, dass Bolkestein
ungeschickt vorgegangen ist.
Vize-Fraktionschef Korthals von der
VVD ist der Meinung, dass sein Vorsitzender korrekt gehandelt hat, als er die
Ministerin in Ausübung seines Nebenjobs bei MSD in einem persönlichen
Brief bat, das Medikament Cozaar dieses Herstellers in die Leistungen der
gesetzlichen Krankenkassen aufzunehmen.
Ministerin Borst erklärte
hingegen zuvor, keine Befürworterin von Politikern zu sein, die sich als
Aufsichtsratsmitglied in die Regierungspolitik einmischen.
Korthals gibt jedoch zu, dass es eine Grauzone
gibt, wenn Parlamentsmitglieder Nebenämter ausüben.
Möglicherweise können Verhaltensregeln ungerechtfertigte
Interessenverquickung verhindern. Andererseits muss ein Politiker für sich
selbst abwägen, was er tun kann und was nicht.
Der Wink des liberalen Politikers
wirkt. Der Vorsitzende der Sozialistischen Partei Marijnissen wird heute beim
Präsidium der Zweiten Kammer um Verhaltensregeln bitten, an Hand derer die
Nebentätigkeiten der Parlamentarier geprüft werden können. Der
Sprecher der sozialistischen Partei PvdA Oudkerk unterstützt diese
Initiative.
Auch der Fraktionsvorsitzende der
1966 gegründeten demokratischen Partei D66 Wolffensperger ist der Meinung,
dass die Kammer so schnell wie möglich eine Grundsatzdebatte darüber
führen muss, was sich Parlamentarier in puncto Interessenvertretung
erlauben können.
Fraktionschef Rosenmöller von
der grünen Partei GroenLinks hat zwischenzeitlich bei Ministerin Borst
nachgefragt, ob Bolkestein als Aufsichtsratsmitglied von MSD öfter an sie
oder ihre Minister herangetreten ist, um Bereiche der Gesundheitspolitik
zu beeinflussen.
VVD-Parteivorsitzender Hoekzema wird erst dann
eine Beurteilung abgeben, wenn Bolkestein seiner Fraktion Rede und Antwort
gestanden hat. Auch Premierminister Kok und der ehemalige VVD-Chef Wiegel
warten mit ihrer Reaktion, bis Bolkestein selbst einen Kommentar abgegeben
hat.
7. Kolumne des
Kabarettisten Youp van t Hek in NRC 5. Oktober 1996
Majestät,
Sie hatten mich gebeten,
während Ihrer Abwesenheit ein wenig auf Ihr Königreich aufzupassen,
und ich kann Ihnen sagen: Es ist wenig passiert. Den Haag
war Bolkestein und die Angelegenheit
hatte ein sehr peinliches Ende. Wim hat drei Briefe geschrieben (Lieber Gerrit,
Lieber Frits und Lieber Jacques), dann haben sich die drei Musketiere mit
Dijkstal im Büro des Ministerpräsidenten getroffen und ausgeheckt,
dass die Koalition nicht zerplatzen soll. Und daraufhin gab es am Mittwoch
nachmittag eine schamlose Theatervorstellung. Kurz vor Anfang der Debatte nahm
Frits in seinem bekannten Ton das Wort "Demokratie'' ein paar Mal etwas zu
feierlich in den Mund und der Rest dürfte Ihnen bekannt sein. Er tut so,
als sei er ein naiver Trottel, behauptet, nichts Unlauteres gemacht zu haben,
während er ganz genau weiß, dass das nicht stimmt. Aus juristischer
Sicht scheint er nichts falsch gemacht zu haben, aber das ist bei der VVD schon
seit Jahren der Fall. Und was sind dieser Wallage und Wolffensperger für
feige Zündflammenpolitiker.
Werden Sie unseren Bolkestein
jemals wieder ernst nehmen? Einen Mann, der zusammen mit seinem Parteigenossen
Dick Dees im Fraktionsraum der VVD einen führenden Beamten empfängt
und glaubt, dass dieser ihn in diesem Moment als Aufsichtsratsmitglied des
Haarlemmer Pillendrehers sieht, darf man doch als ernsthaft durcheinander
bezeichnen. Verlust des Dekorums wird dies in der Psychiatrie genannt, und bei
MSD gibt es dagegen das Mittel TRYPTIZOL. Wird von den gesetzlichen
Krankenkassen vergütet, aber ich schätze, dass Frits privat
versichert ist.
Meinungsumfragen zufolge hat die
ganze Angelegenheit Bolkestein der VVD keineswegs geschadet,
folglich können Sie sich denken, was für ein schreckliches Volk Sie
regieren. Kommenden Montag und Dienstag trete ich bei Ihnen in der Nähe
auf, wenn alles klappt, schau ich anschließend kurz bei Ihnen
vorbei. Alles Gute und liebe Grüße von Ihrem Verbündeten im
Staunen,
YOUP VAN 'T HEK
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