Der versiegelte PC
Die Industrie-Allianz TCPA (Trusted Computing
Platform Alliance) will den PC durch zusätzliche Hardware sicherer
machen: Ein integrierter Chip wacht darüber, ob an der Hardware gepfuscht,
Software ohne Lizenz genutzt oder ein Dokument ohne Erlaubnis geöffnet
wird. Auf diesen Ansatz baut Microsoft: Das in die nächste Windows-Version
integrierte Palladium soll zentral gesteuert Raubkopien lahm legen und die
Wiedergabe illegaler Multimedia-Dateien sperren.
Bisher konnten sich die wenigsten Verfahren zum Schutz
digitaler Inhalte bewähren - die meisten Schutzmechanismen wurden bereits
kurz nach ih-rer Veröffentlichung geknackt, etwa die
CSS-Verschlüsselung von DVD-Video oder Adobes E-Book-Sicherung. Einige
Verfahren wurden sogar geknackt, bevor sie am Markt erschienen, etwa die
DRM-Komponente (Digital Rights Management) des Multimedia-Formats Windows Media
7 von Microsoft [1].
Ein wesentlicher Grund dafür liegt darin, dass heutige
PCs sicherheitstechnisch außer Stande sind, Software vor Angriffen zu
schützen. Solange auf jedem Rechner ein Debugger das Verhalten der
laufenden Software beobachten kann, wird sich daran auch nichts ändern.
Dieses Problem hat auch die PC-Industrie erkannt. Das
TCPA-Modell soll den Missstand beseitigen, indem Sicherheitsmechanismen direkt
in die PC-Hardware integriert werden. In absehbarer Zeit soll ein
Krypto-Coprozessor in die CPU selbst integriert werden und den PC damit zu
einer sicheren Plattform machen
[2]. Der Chip wird
nach dem US-Senator Fritz Hollings auch Fritz Chip genannt.
Fritz kommt
Der Fritz-Chip soll nicht nur Anwender authentifizieren und
identifizieren, sondern auch Aufgaben zur Ver- und Entschlüsselung
übernehmen. Er erzeugt zudem asymmetrische Schlüssel und
überprüft empfangene Zertifikate auf deren Gültigkeit. Der
Fritz-Chip soll auch Manipulationen an der installierten Soft- und Hardware
erkennen und sich daraufhin abschalten - und damit auch den ganzen TCPA-PC.
Ein solcher Rechner lässt sich zwar auch ohne TCPA
starten - in diesem Modus kann der Anwender jedoch weder TCPA-Anwendungen
nutzen noch auf seine verschlüsselten Dokumente zugreifen.
Auf den ersten Blick erscheint diese Erweiterung der
PC-Architektur als vielversprechender Weg, den PC sicherer zu machen. Die TCPA
demonstriert anhand interessanter Beispiele, wie der Fritz-Chip den PC stabiler
und zuverlässiger macht
[3, 4]. Zwei
Highlights: Ein entsprechend ausgestattetes Mail-Programm kann verifizieren, ob
E-Mails tatsächlich vom angegebenen Absender stammen - das Ende für
Spam, Viren und Trojaner. Und sollte ein privates Word-Dokument doch mal in
fremde Hände geraten, können Unbefugte die Datei nicht ohne
Schlüssel öffnen. Scheinbar werden hier also lang gehegte
Wünsche und Forderungen der Anwender und Sicherheitsexperten wahr. Wo soll
da also ein Haken sein?
Wie funktioniert TCPA?
Um dem Anwender tatsächlich Sicherheit bieten und
Manipulationen verhindern zu können, setzt TCPA im Systemkern an. In der
Einführungsphase wird der TCPA-Coprozessor als separater Chip auf dem
Motherboard stecken, spätere PC-Generationen integrieren ihn entweder in
den Chipsatz oder gar in den Prozessor.
Im Fritz steckt ein 8-Bit-RISC-Prozessor mit 33 MHz Takt,
der einen 2048 Bit langen RSA-Schlüssel in 0,5 Sekunden berechnet.
Zwischen zehn und zwanzig Schlüssel speichert der Chip intern. Den ersten
dieser Schlüssel generiert der Mainboard-Hersteller speziell für das
jeweilige Board. Er wird mit dem Schlüssel des Herstellers signiert, der
wiederum von einem Master-Key der TCPA signiert wurde. Weitere Schlüssel
dienen später dazu, den Benutzer beim ersten Rechner-Start zu
identifizieren. Der Anwender muss seine Schlüssel wiederum von einer
Prüfstelle signieren lassen. Eins bringt der Aufwand ganz sicher:
steigende PC-Preise.
Der Fritz-Chip nimmt seine Arbeit auf, sobald der PC
eingeschaltet ist. Ist TCPA aktiviert, überprüft der Coprozessor
zunächst das BIOS und startet die CPU. Danach testet Fritz alle
BIOS-Erweiterungen der Steckkarten im Rechner, bevor er den Prozessor auf sie
zugreifen lässt. Bei jedem Schritt speichert der TCPA-Chip eine
Prüfsumme (SHA1 Hash) ab und bewertet danach den Zustand des PC.
| TCPA startet den PC in einem
definierten, sicheren Zustand und übergibt dann die Kontrolle an das
TCPA-konforme Betriebssystem. |
Der SHA1-Hash-Algorithmus berechnet aus einem beliebig
langen Datenstrom wie dem BIOS-Inhalt und einem Schlüssel einen 160 Bit
langen eindeutigen Wert. Ändert jemand das BIOS oder verwendet einen
anderen Schlüssel, entsteht eine andere Prüfsumme und TCPA
schlägt Alarm.
Nur nichts ändern
Im nächsten Schritt wird die Platte auf
TCPA-Konformität geprüft, dann der Bootsektor, der
Betriebssystem-Lader, der Kernel, die Gerätetreiber und alles, was zum
Start des Betriebssystems in den Speicher geladen wird.
Doch wehe, es kommt an einer Stelle zu Unstimmigkeiten -
etwa weil der Anwender neue Hardware eingebaut hat. Dann ist der Rechner nicht
mehr TCPA-konform und muss neu zertifiziert werden. Dies geschieht online
anhand einer Liste mit geprüfter Hardware (HCL) und gesperrten
Seriennummern (SRL).
Hat der Fritz-Chip den PC und das OS für TCPA-konform
befunden, übergibt er die Kontrolle an das Betriebssystem. Bei
zukünftigen Windows-Versionen wird hier vermutlich Palladium angesprochen,
bei Linux eventuell das von Hewlett Packard geplante HP-Linux.
Beim Start des TCPA-konformen
Betriebssytem gleicht der Rechner den sicheren Timer im Fritz-Chip ab und
lädt Listen mit kompatibler Hardware und gesperrten Seriennummern vom
Server. |
An dieser Stelle startet das Betriebssystem den
sicheren Timer im Fritz-Chip und gleicht die Zeit mit einem
authentifizierten Zeit-Server aus dem Internet ab - um Manipulationen an der
Systemuhr zu verhindern. Bei dieser Gelegenheit bringt der Rechner auch gleich
die HCL und die SRL auf den aktuellen Stand.
Ruft der Benutzer nun ein Programm auf, so
überprüft das Betriebssystem dies erst über Fritzens
Hash-Funktion auf TCPA-Konformität - dazu gehören auch eine passende
Plattform-ID und eine gültige Lizenz. Letztere wird mit der SRL
abgeglichen, die ja stets über das Internet auf dem neuesten Stand
gehalten wird. Sollte die Lizenz abgelaufen sein oder der Hersteller die
Seriennummer gesperrt haben, schießt das Betriebssystem das Programm
automatisch aus dem Speicher.
Stimmen Lizenz und Seriennummer, holt das Betriebssystem
noch eine Liste gesperrter Dokumente (DRL) von einem Server, damit der Anwender
keine verbotenen Dateien öffnet oder diese in einer unerlaubten Form
nutzt. Erst von diesem Punkt an kann der Anwender mit dem Programm arbeiten.
Tabula rasa
Natürlich existiert auch die Option, nicht
TCPA-konforme Software aufzurufen - zumindest in der Einführungsphase.
Startet eine solche Anwendung, erhalten alle TCPA-konformen Anwendungen ein
Signal, dass das System kompromittiert wurde (SIGCOMP). Daraufhin
überschreiben sämtliche TCPA-Anwendungen den von ihnen genutzten
Arbeitsspeicher mit Nullen und beenden sich.
Auf den ersten Blick dienen diese Schritte tatsächlich
der besseren Sicherheit. Bootsektor-Viren haben auf einem solchen System keine
Chance mehr; es kann auch kein Trojaner mehr eine DLL einschmuggeln.
0190-Dialer können das DFÜ-Netzwerk nicht mehr unbemerkt auf eine
teure Nummer umbiegen.
Ein TCPA-System bootet immer in genau den Status, den der
Anwender bei der Installation festgelegt hat. Jede Änderung der
Konfiguration muss explizit bestätigt werden. Sollte doch einmal eine
bösartige DLL oder ein Trojaner erst im Nachhinein entdeckt werden, kann
das Betriebssystem den Schädling beim nächsten Update der SRL oder
der DRL einfach aus dem System entfernen.
Knackpunkte
Genau an dieser Stelle wird es Datenschützern flau im
Magen - ein solches System ließe sich theoretisch auch zum Schutz vor
unerwünschten Konkurrenzprodukten nutzen.
Um den Teufel an die Wand zu malen: Würde sich etwa
Microsoft von der Browser-Alternative Opera bedrängt fühlen, landete
sie einfach auf der schwarzen Liste - irgendeine Begründung wird sich
schon finden lassen. Crackern öffnen sich ganz neue Horizonte: Das neue
Ziel sind keine Einzel-PCs mehr, sondern die zentralen Server für SRL, DRL
und HCL. Wer zuerst den Palladium-Bootloader auf die schwarze Liste setzt, legt
Millionen von PCs lahm und geht in die Geschichte ein.
Ausgerechnet Microsoft hat in der Vergangenheit wenig
Glück mit Zertifikaten gehabt: Im vergangenen Jahr hatte der
Betriebssytem-Gigant vergessen, die Server-Zertifikate für den
Passport-Server zu erneuern. Als es Mitte 2001 ablief, konnte sich niemand mehr
bei MSN und Passport anmelden. Wenige Monate zuvor hatte das Unternehmen vor
einem VeriSign-Zertifikat gewarnt, das sich ein Unbekannter auf den Namen
Microsoft Corporation erschlichen hatte. Solche Zertifikate sollen
Internet-Nutzern beim Herunterladen von Dateien oder bei vertraulichen E-Mails
garantieren, dass sich niemand zwischen Absender und Empfänger geschaltet
hat - trügerische Sicherheit.
Sicherheitsexperten sehen zudem das Risiko, dass Anwender
durch Palladium und TCPA noch weniger Rücksicht auf die Sicherheit ihrer
Daten nehmen. In der Automobilbranche ist zu beobachten, dass eigentlich
sinnvolle Sicherheitsmaßnahmen wie das Antiblockiersystem (ABS) und
Airbags viele Leute zu riskanterem Fahren verleiten - das Auto passt ja auf.
Palladium dürfte einen ähnlichen Effekt haben - wozu noch auf
Sicherheit achten, wenn das Betriebssystem doch automatisch alle
bösartigen Programme abwehrt.
Letztendlich ist es keine Frage, ob Palladium unterwandert
wird, sondern nur, wann es passiert. Hard- und Software sind leider dafür
bekannt, in den ersten Versionen reichlich Fehler zu enthalten. Warum sollte es
ausgerechnet bei TCPA und Palladium anders sein? Der größte
anzunehmende Unfall wäre hier ein Fehler in der TCPA-Hardware selbst, also
dem Fritz-Chip. Für die Behebung einer solchen Panne müssten
Prozessor oder Mainboard ausgetauscht werden - ein hoher finanzieller Aufwand.
Lizenzen
Apropos Austausch: Die stringenten
Sicherheitsmaßnahmen besitzen einen für Microsoft sicherlich
äußerst interessanten Nebeneffekt. Um Sicherheit zu garantieren,
muss Palladium neben Dokumenten auch Programme anhand der Hardware- und
Benutzer-ID verschlüsseln - zumindest teilweise. Damit wird die Software
untrennbar an die Hardware gekoppelt (neudeutsch verdongelt) und
lässt sich nicht mehr weiterverkaufen.
Will jemand jedoch seinen Palladium-PC mitsamt der Software
verkaufen, löscht er logischerweise seine Schlüssel, damit der
Nachbesitzer nicht unter seiner Identität arbeiten und seine Dateien lesen
kann. Bis dahin ist das noch praktisch, doch bedeutet dies bei einem zu TCPA
und Palladium konformen System ebenfalls, dass die installierte Software
überhaupt nicht mehr läuft. Selbst wenn man es also von der
Gesetzeslage her dürfte, kann man TCPA-kompatible Software nicht mehr
weitergeben. Dies ginge nur über eine Seriennummernfreigabe, und davon ist
im Standard bisher noch nichts zu finden. Unter dem Deckmäntelchen der
besseren Sicherheit würden Microsoft und Co endlich erreichen, was ihre
Lizenzvereinbarungen nicht geschafft haben: unübertragbare Software.
TCPA und Linux
Was wird unter der neuen Sicherheitsordnung aus Linux und
der GNU-/GPL-Software? Wenn Microsoft sich durchsetzt, muss Linux wohl
TCPA-kompatibel werden - sonst wird es plötzlich als nicht
sicher aus den Netzwerken verbannt.
Grundsätzlich dürfte es nicht schwer fallen, Linux
an TCPA anzupassen. Das Problem dürften die darauf folgenden Kosten sein.
Schätzungen zufolge kostet eine Zertifizierung bis zu sechsstellige
Dollar-Beträge - pro Anwendung. Wie beziehungsweise wovon soll ein
Open-Source-Entwickler das bezahlen?
Derweil hat Hewlett-Packard bereits mit der Entwicklung
eines TCPA-konformen Linux begonnen. Der Schritt mag verwundern, doch der
britische Sicherheitsexperte Ross Anderson hat dazu eine plausible Theorie auf
Lager [7]: Durch TCPA
und Palladium ließe sich mit Linux plötzlich richtig Geld verdienen.
Dazu macht ein Unternehmen ein GPL-Programm zunächst TCPA-konform und
reicht es dann zur Zertifizierung ein. Den Quellcode muss das Unternehmen dabei
zwar zum freien Download anbieten, doch lässt sich dieser auf
TCPA-konformer Hardware erst mit einer gültigen Signatur für die
Binärdateien und einem Zertifikat für den Benutzer starten. Anderson
bezweifelt, dass etwa HP diese zwingenden Zusätze auf Dauer kostenlos
verteilen wird.
Als Nebeneffekt würde damit die GPL zu Grabe getragen.
Sobald die Mehrzahl der installierten Systeme TCPA-konform ist, kann die GPL
nicht mehr nach dem Willen ihrer Schöpfer funktionieren, da die Software
ja an eine kostenpflichtige Signatur gebunden wäre.
Bekannte Größen der Chip-Industrie wie Intel und
AMD, aber auch Systemhersteller wie IBM, HP und Dell spielen bei TCPA und
Palladium in der ersten Reihe mit. Der Grund liegt auf der Hand: Die
Unternehmen versprechen sich vom neuen Konzept den Absatz neuer Rechnersysteme;
bestehende Hardware lässt sich schließlich nicht auf TCPA
aufrüsten. Nachdem die Bedeutung der Rechner-Performance immer weiter ins
Hintertreffen gerät, soll das künftige Verkaufsargument
Sicherheit heißen.
Gerade Intel hat handfestes Interesse an TCPA und Palladium.
Angesichts der Marktdominanz des Unternehmens kann es nur noch wachsen, wenn
sich der Markt vergrößert. Dies klappt über den Verkauf neuer,
sicherer Prozessoren und durch den breiten Einstieg des
Personalcomputer in den Unterhaltungsmarkt.
Die Entertainment-Industrie signalisiert bereits seit
Jahren, wie wesentlich ihr die Sicherheit ihrer Werke ist - am liebsten
wäre ihr, wenn sich Unterhaltungsmedien und -inhalte überhaupt nicht
mehr kopieren ließen. TCPA und Palladium sind die Garanten, dass sich das
zu diesem Zweck verwendete Digital Rights Management nicht aushebeln
lässt. AMD scheint dasselbe Ziel vor Augen zu haben und ist sogar etwas
eher auf den TCPA-Zug aufgesprungen als Intel.
Am 9. September kündigte Intel auf dem Intel Developer
Forum (IDF) das LaGrande-Projekt offiziell für alle Produkte an. Bei
LaGrande handelt es sich um nichts anderes als TCPA-konforme Prozessoren und
Chipsätze. Damit hat der Fritz-Chip den Weg in die kommende PC-Generation
geschafft. Die Buchstaben TCPA erwähnte Paul Otellini, der
President und Chief Operating Officer von Intel, in seiner Keynote jedoch kein
einziges Mal. Als Beispiel für ein Zielsystem nannte er vielmehr
ausschließlich Palladium.
Ausblick
Die Bewertung der TCPA-Initiative und Palladium fällt
nicht leicht - zumal noch unklar ist, wie stark sich DRM-Verfahren in Zukunft
auf die neuen Möglichkeiten stützen werden.
Ausgerechnet Microsoft stellt sich jetzt als große
vertrauenswürdige Autorität dar. Dabei sind die diversen
Windows-Versionen die mit Abstand am häufigsten von
Sicherheitslöchern, Viren und Hintertüren geplagten Systeme am Markt
- dies lässt sich nicht allein durch deren große Verbreitung
erklären.
Mit Palladium soll jetzt auf einen Schlag alles anders
werden; vollmundig verspricht Microsoft die absolute Sicherheit für den
Anwender. Mit Digital Rights Management hat das System angeblich gar nichts zu
tun (siehe auch Kasten Hacker meldet Palladium-Patente an).
Möglicherweise sind die Palladium-Entwicker selbst
tatsächlich von der Tugend ihres Werks überzeugt. Doch Microsofts
PR-Abteilung weiß erwiesenermaßen kreativ mit Realität und
Wahrheit umzugehen - man denke nur an das Gerangel darum, ob Windows ohne
Internet Explorer überhaupt laufe.
Es passt auch schlecht zu Microsofts Beteuerungen, wenn Bill
Gates die Motivation für Palladium damit zu erklären versucht, man
habe zunächst nur an die Sicherung von Musikdateien gedacht und erst
später gemerkt, dass E-Mail und Dokumente wesentlich interessantere
Bereiche seien (We came at this thinking about music, but then we
realized that e-mail and documents were far more interesting domains
[8]).
Somit spricht einiges dafür, dass Palladium nicht nur
zum Schutz des Anwenders vor bösen E-Mails, Viren und Hackern konzipiert
wurde. Das System scheint vielmehr darauf abzuzielen, die beiden leidigen
Themen Raubkopien und Digital Rights Management auf einen Streich zu
lösen.
Ginge es Microsoft wirklich um die Sicherheit seiner
Anwender, blieben dem Unternehmen auch ohne Palladium zahlreiche
Möglichkeiten, seine Betriebssysteme weniger angreifbar zu machen. So
könnten bei Standardinstallationen alle Skriptsprachen deaktiviert bleiben
- wer sie nutzen will, muss sie dann gezielt einschalten. Outlook könnte
E-Mails stets nur als reinen Text anzeigen und erst nach dem Klick auf einen
Schalter in die HTML-Sicht wechseln - das würde vielen Spam-Adresssammler
das Handwerk legen. Unerklärlich ist auch, warum Word und Excel nach der
Installation so konfiguriert sind, dass sie automatisch startende Makros
ausführen.
Diskussionsbedarf
Welche großen Gefahren TCPA und vor allem Palladium
bergen, beweisen auch die hitzigen und erstaunlich umfangreichen Diskussionen
weltweiter Sicherheitsexperten. Zumindest Ross Anderson
[10] und die
Krypto-Koryphäe Bruce Schneier
[11] befürworten
die Idee, das Sicherheitsproblem am PC mit Hilfe von Hardware auf unterster
Ebene zu lösen.
Grundsätzlich stellt TCPA sicherlich einen Schritt nach
vorne dar. Gegen die geplante Implementierung sprechen hingegen die Kosten zur
Zertifizierung, die freier Software zum Galgenstrick werden können. Jeder
sieht aber auch die große Gefahr durch Microsofts Eigeninteressen. Der
Software-Gigant strebt offensichtlich einen eigenen Standard an, der über
TCPA hinausgeht und klar in einer Hand liegt.
Hinzu kommt die Unsicherheit, vor wem ein TCPA-PC
letztendlich sicher sein wird - nur vor dem Anwender oder auch von außen?
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sowohl TCPA als auch Palladium für die
Strafverfolger ein Hintertürchen bereithalten. Man denke daran, wie
irritiert etwa die US-Regierung und der deutsche Bundesinnenminister bereits
auf bestehende kryptographische Verschlüsselungsmöglichkeiten wie PGP
reagiert haben.
Insbesondere ansgesichts der derzeitigen Terror-Paranoia
dürften Gesetzeshüter kein Interesse an der massenhaften Verbreitung
von PCs haben, die ihre Inhalte grundsätzlich stets vor jeglichen fremden
Augen verschlüsseln. Denn TCPA kann nur funktionieren, wenn die
entsprechenden PCs eine kritische Verbreitungsmasse erreichen. Dass von
offizieller Seite bislang noch keinerlei Kritik an TCPA und Palladium laut
geworden ist, wird manchen Privatanwender das Schlimmste befürchten lassen
- eine kleine Backdoor in jedem Rechner, von der PC-Industrie sicher verwaltet.
(ghi)
[1] Clemens Gleich, Entfesselte Musik, Microsofts neues
Digital Rights Management ausgehebelt, c't 23/01, S. 62
[2] Gerald Himmelein, Der digitale Knebel, Intel und
Microsoft wollen Daten vor dem Anwender schützen,
c't 15/02, S. 18
[3] TCPA-Homepage
[4]
Microsoft-Papier
zu Palladium
[5] Bruce Schneier, Secrets & Lies, Digital Security in
a Networked World, Wiley Computer Publishing 2000, S. 127 ff.
[6] MULTICS-Homepage
[7] Ross
Anderson zu TCPA und GPL
[8] Präsentation zu TCPA
von Lucky Green , S. 21
[9] Cormac Herley, Why Watermarking Is Nonsense, IEEE Signal
Processing Magazin 09/02, S.10
[10] Ross Andersons FAQ zu
TCPA
[11]
Bruce Schneier zu
TCPA
[12]
Lucky
Green zum Palladium-Patent
Hacker meldet Palladium-Patente an
Microsoft beteuert unentwegt, Palladium habe auf keinen Fall
etwas mit DRM oder der Unterbindung von Raubkopien zu tun. Kein Wunder:
Gäbe man dies zu, würden wohl viele Leute einen großen Bogen um
Palladium machen.
Der amerikanische Krypto-Hacker Lucky Green hat auf
Microsofts Versicherungen hin ein Patent auf die Nutzung von Palladium als
Mittel gegen Raubkopien angemeldet
[12]. Seine Chancen
stehen gut, damit durchzukommen. Das US-Patentamt stellt drei
grundsätzliche Anforderungen für Patentanträge: Ihr Inhalt muss
neu, nützlich und nicht offensichtlich sein. Das kann Green belegen:
- Der Nutzen dürfte außer Zweifel stehen, wenn
man sich das Gejammer der Software-Hersteller und deren Interessengemeinschaft
BSA (Business Software Alliance) anhört, welche Milliardenverluste sie
vorgeblich durch Raubkopien erlitten.
- Die Idee scheint neu zu sein, da Microsofts Product
Manager für Palladium, Peter Biddle, öffentlich verkündet hat,
er wüsste nichts von einem solchen Einsatzzweck - und das nach fünf
Jahren Entwicklung. Diese Aussage wurde von Microsofts Sicherheitsexperten,
Brian LaMacchia, bestätigt.
- Derselben Argumentation folgend ist die Idee auch nicht
offensichtlich: Wäre der Einsatz als Mittel gegen Raubkopien
offensichtlich, hätten die Entwickler bei Microsoft dies ja erkennen
müssen.
Damit ist es Lucky Green gelungen, Microsoft in eine
Zwickmühle zu bringen: Entweder gibt Microsoft die PR-Lüge zu, oder
der Software-Riese muss hinterher möglicherweise Lizenzgebühren an
den frechen Hacker zahlen.
Die Ursprünge der Sicherheit
Es gab Zeiten, da verband man Sicherheit und
Vertraulichkeit direkt mit der Hardware: Da gab es separate
Computer für allgemein zugängliche, für vertrauliche und
für hoch-sensitive Daten. Die Rechner arbeiteten vollkommen getrennt und
boten dadurch die nötige Sicherheit - allerdings ziemlich umständlich
und mit hohen Kosten.
In den 60er Jahren entwickelten D. Elliott Bell und Leonard
J. LaPadula ein Modell, um alle Sicherheitsstufen auf einem einzigen System zu
implementieren. Auf diesem Multilevel Security Model beruhen alle
aktuellen Betriebssysteme. Der Ansatz arbeitet mit einem Schichtenmodell, das
die Daten in verschiedene Sicherheitsklassen einteilt, etwa
unklassifiziert, vertraulich, geheim und
streng geheim. Die Benutzer des Systems erhalten ebenfalls eine
Sicherheitsstufe zugewiesen. Auf dieser dürfen sie Dateien anlegen, lesen
und schreiben. Darüber hinaus erlaubt das Modell aber auch einen
Informationsfluss von unten nach oben. Das Verfahren wird auch als no
read-up/no write-down bezeichnet. Anwender dürfen Dateien mit einer
geringeren Sicherheitsstufe nur lesen, aber nicht schreiben. Andererseits kann
der Benutzer zwar Dateien mit einer höheren Sicherheitsstufe anlegen,
derartige Daten aber nicht lesen.
Auf den ersten Blick mag dieses System unsinnig wirken;
seine Vorteile erschließen sich erst in der Praxis: So darf
beispielsweise ein Benutzer auf der Geheim-Stufe mit Daten aus
einer geheimen Datei arbeiten, kann daraus aber keine
unklassifizierten Daten machen, die Unbefugten zugänglich wären.
Dieselben Regeln würden auch einen Virus treffen: Er könnte also
keine vertraulichen Dokumente in alle Welt versenden, wie es E-Mail-Würmer
gern tun.
Anders als bei heutigen Sicherheitskonzepten darf der
Benutzer bei no read-up/no write-down jedoch Dateien erzeugen, die
eine höhere Sicherheitsstufe tragen als ihr Urheber. Der Lesezugriff auf
diese Dateien bleibt ihm dagegen verwehrt. So können Daten also in
höhere Sicherheitsstufen wandern; wichtige Informationen sickern aber
nicht nach unten [5].
Ab 1965 wurde dieses Bell-LaPadula-Modell tatsächlich
in die Praxis umgesetzt. Alle Funktionen des Betriebssystems wurden erst in
Code umgewandelt, nachdem sie mathematisch als korrekt beweisen worden waren.
Dabei entstand das kompromisslos auf Sicherheit ausgelegte MULTICS
(MULTiplexed Information and Computing Service)
[6] - hier verlangte
selbst das Logout ein Passwort. Bis vor kurzem lief das System noch auf
Mainframes. 1985 erlangte MULTICS als erstes und für lange Zeit einziges
Betriebssystem das B2-Sicherheitszertifikat des Orange Book des NCSC
(National Computer Security Center). Die Sicherheitseinstufung von
MULTICS fiel nicht schwer, da hier erstmals das Konzept des
schlanken Kernels umgesetzt wurde - er war nur 56 000 Code-Zeilen
lang. So ließ sich der Systemkern tatsächlich prüfen und als
vertrauenswürdig einstufen.
Microsoft kehrt diese Erkenntnis um und pervertiert sie
damit: Da der Kernel per Definition als sicher gilt, wird einfach so viel wie
möglich hineingepackt - angeblich entsteht dabei ganz von selbst ein
sicheres Gesamtsystem. Wie aber will man ein vertrauenswürdiges System
schaffen, wenn der Anwender jede Woche neue Gerätetreiber aus dem Internet
einspielt - und dies immer auf der höchsten Privilegierungsebene? Um
Palladium wirklich sicher zu machen, müsste Microsoft Windows im Kern neu
konzipieren. Dies ist allerdings nicht geplant, da Palladium nur eine
Zusatzfunktion der nächsten Windows-Version (Codename
Longhorn) werden soll.
Kommentare: nicht
NUR auf Nicht-TCPA Zukunft HOFFEN... (chrisnerz, 14.12.2002 18:44) bereits
ausgehebelt ?! (Tomgo, 8.12.2002 1:04) Re:
Leide ich wirklich an zu wenig Sicherheit? (serioussteve, 26.11.2002
12:10) mehr...
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