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31.10.2002 © Martin Welk Welk
Der Verrat im Computer

Zeit für ein Digital Civil Rights Movement

Vorab: Meine Freunde und Bekannten kennen mich als jemanden, der Verschwörungstheorien jeder Art ziemlich abhold ist und mit größter Skepsis gegenübersteht. Der/die geneigte Leser/Leserin möge dies bedenken, wenn die folgende Story recht abenteuerlich klingt und mit Ingredienzien typischer Verschwörungstheorien ausgestattet ist. Am Schluss der Seite finden sich einige Verweise auf Seiten mit umfassenderen Informationen.

Welche Gefahr droht uns da?

Weite Bereiche unseres täglichen Lebens sind mittlerweile vom Gebrauch von Computern durchdrungen. Wir kennen Computer als Geräte,

  • die wir frei programmieren können (für mich wie für Kollegen meines Faches nach wie vor einer der wichtigsten Aspekte),
  • mit denen wir beliebige Daten frei verarbeiten können und denen wir, sofern sie korrekt funktionieren, wichtige Informationen anvertrauen können, ohne dass diese Dritten zugänglich werden,
  • die uns über das Internet freien Zugang zu vielfältigen Informationen und offenem Meinungsaustausch geben.
All das wird in Frage gestellt. Bereits in wenigen Jahren kann jede der genannten Funktionen der Vergangenheit angehören.

Wie kann das passieren?

Kürzlich sind Pläne eines Firmenkonsortiums bekannt geworden, dem an die 200 – vorwiegend amerikanische – Firmen aus der Hard- und Softwarebranche angehören. Bemerkenswerterweise behandelt das Firmenkonsortium seine Mitgliederliste inzwischen als Verschlusssache, sodass im Netz nur veraltete Listen zur Vefügung stehen (mehrfach gepostet im unten verlinkten Heise-Forum). Doch schon diese Listen lesen sich wie ein Who is who der Computer- und Unterhaltungsindustrie. Die von diesen Firmen repräsentierte Marktmacht ist erdrückend, und wenn wir als freie Bürger deren Bestrebungen nicht gutheißen, dann ist es allerhöchste Zeit, etwas dagegen zu unternehmen.

Worum geht es bei diesem Projekt mit dem technisch klingenden Namen Trusted Computing Platform Alliance (TCPA)? Durch eine Kombination von Hardware- (so genannter Fritz chip) und Softwaremaßnahmen soll sicher gestellt werden, dass auf einem Computer nur noch Programme laufen können, die von einer Zertifizierungsstelle des Konsortiums (oder einer von diesem anerkannten) für sicher befunden wurden und ein entsprechendes Zertifikat erhalten haben. Das wird beim Start des Systems und beim Programmstart mit Hilfe eines Zertifikats-Servers im Netz kontrolliert. Die Zertifizierung eines Programms (für dessen Hersteller) wird nicht kostenlos sein, sondern – diese konkrete Angabe liegt vor – einen «sechsstelligen Dollarbetrag» kosten.

Weiterhin sollen nur solche Dateien geöffnet werden können, für die der Benutzer die Berechtigung besitzt. Auch dies wird durch Kontaktaufnahme des Rechners mit einem Zertifikatsserver im Netz überprüft.

Der Datenaustausch mit dem Zertifikatsserver wird mit einem sicheren Verfahren verschlüsselt.

Wozu dieser ganze Aufwand?

Der vordergründige Zweck dieser Maßnahmen ist, Raubkopierern von Programmen und Daten (wie urheberrechtlich geschützten Musikstücken und Filmen) das Handwerk zu legen und weiterhin den Urhebern (beispielsweise geheimer) Dokumente Kontrolle darüber zu geben, wer mit diesen Dokumenten was tun darf. Die Bezeichnung für diesen Anwendungsbereich ist Digital Rights Management (DRM).

Nun liegt es mir fern, für Raubkopierer eine Lanze zu brechen, aber das Projekt schüttet in so eklatanter Weise das Kind mit dem Bade aus, dass wohl reichlich Naivität dazu gehört, zu glauben, die «Nebenwirkungen» seien den beteiligten Firmen unbekannt oder von diesen nicht beabsichtigt. (Dies umso mehr, als unter den Firmen des Konsortiums jene für die Qualität ihrer Produkte und ihre Wahrheitsliebe sattsam bekannte Softwarefirma aus dem Nordwesten der USA ist, bei der schon oft und gerichtsnotorisch die öffentlich vorgetragenen Zielsetzungen und tatsächlichen Intentionen, nun ja, stark divergierten.) Ich will nur einige der denkbaren Nebenwirkungen aufzählen; schon daraus dürfte hinreichend deutlich werden, dass sie gegenüber den oben genannten Punkten weit überwiegen, und zwar auch dann noch, wenn man berücksichtigt, dass nicht alles Beschriebene im vollen Umfang eintreten muss – ich beschreibe hier Aspekte eines Worst-case-Szenarios.

  • Neben illegalen Raubkopien werden auch die legalen Privatkopien unmöglich gemacht.
  • Der Zugriff auf Datendateien muss kontrolliert werden; das heißt, dass der Rechner des Nutzers verschlüsselte Informationen über die Datei an den Zertifizierungsrechner sendet. Bei einer derart verschlüsselten Datenübertragung am Nutzer vorbei ist auch die (zumindest teilweise) Übertragung von Dateiinhalten zur Überprüfung möglich. Das Konsortium kann so Zugriff auf Nutzerdaten erlangen.
    Ergo: Man hat keine Wahl, ob man dem Konsortium seine Daten zugänglich machen möchte, man muss es. Der Verrat am Nutzer ist im Computer eingebaut.
  • Als Konsequenz: Man ist der Entscheidung des Konsortiums ausgeliefert, ob das Zertifikat erteilt wird. Schriebe ich also auf einem TCPA-Rechner einen Text wie diesen, und das Konsortium hätte – vielleicht nicht unvorstellbar – kein Wohlgefallen daran, so könnte es (ganz aus Versehen?) passieren, dass ich selbst darauf keinen Zugriff mehr bekomme oder der Text von meinem Computer gelöscht wird. Oder Sie, liebe Leserin/lieber Leser, bekommen den Text nicht zu sehen, weil Ihr TCPA-Computer Ihnen auf Weisung des Zertifikatsservers den Zugriff verweigert. Als Extremfall: das Konsortium setzt einen anderen Text an seine Stelle.
    M.a.W.: Das Konsortium verfügt über Mittel, die es ermöglichen, jederzeit die Erstellung, Speicherung und Verbreitung missliebiger Informationen nach Gutdünken zu unterbinden. Der freie Meinungsaustausch ist nicht länger gewährleistet. So etwas nennt man Zensur.
  • Das Konsortium erlangt so auch uneingeschränkten Zugriff auf die Datenbestände in der öffentlichen Verwaltung, auf den Rechnern von Regierungen und Parlamenten. Da die Verwaltungs- und Regierungsarbeit von Rechnern durchdrungen ist wie jeder Bereich unseres Lebens, eröffnen sich subtile Möglichkeiten für eine etwaige
    Einflussnahme auf Verwaltungen und Regierungen – weit jenseits des Rahmens herkömmlicher Lobbyarbeit.
  • Man darf einen Haufen Geld für einen schnellen Prozessor ausgeben und hat anschließend allenfalls einen Bruchteil der Rechenleistung für die eigenen Zwecke zur Verfügung – der Rest der vom Nutzer bezahlten Leistung geht für die Überwachungsaufgaben des Konsortiums drauf.
    Jeder muss für die Kosten der eigenen Ausspionierung aufkommen.
  • Kleine und mittelständische Softwareunternehmen, die nicht regelmäßig sechsstellige Beträge für die Zertifizierung ihrer Programme aufbringen können, werden über kurz oder lang auf der Strecke bleiben.
    Es kommt noch schlimmer: Software, die mit den Geschäftsinteressen des Konsortiums kollidiert, kann durch Verweigerung der Zertifizierung vom Markt gedrängt werden. (Die Verweigerung kann auch anders heißen: Sicherheitsprüfung komplexer als angenommen, dauert länger; Sicherheitsbedenken nicht ausgeräumt, Test nicht bestanden.)
    Konkurrenz wird ausgeschaltet, das Konsortium vergrößert seine Marktmacht.
  • Die in den letzten Jahren sehr erfolgreiche Open-Source-Software z.B. unter der Gnu Public License (GPL) wird ad absurdum geführt. Dazu gehört unter anderem das auch von der großen Redmonder Softwarefirma bereits als ernsthafte Konkurrenz angesehene Linux. Mit TCPA reicht nämlich die Weitergabe des Quelltextes nicht mehr aus, um dem Empfänger die Modifikation und Herstellung eigener lauffähiger Programme zu ermöglichen: zusätzlich müssen erst einmal die Zertifizierungskosten aufgebracht werden.
    Linux und andere freie Software können mit TCPA stranguliert werden.
  • Damit das System wasserdicht ist, darf man keine eigenen Programme mehr schreiben können, jedenfalls keine solchen mehr, die von den Ressourcen des Computers umfassenden Gebrauch machen. Genauer: Ein selbst geschriebenes Programm, das mit TCPA-Programmen koexistieren muss, beispielsweise weil es mit ihnen Daten austauschen soll oder auf einem Rechner laufen soll, auf dem gleichzeitig Standardsoftware benutzt wird, könnte höchstens dann ohne eigene unbezahlbare Zertifizierung auskommen, wenn es in einer Art hermetisch abgeriegelter «Sandkasten»-Umgebung und damit im Prinzip auf einem Interpreter läuft, was unweigerlich die verfügbare Rechenleistung auf einen Bruchteil senkt.
    Das macht für Leute wie mich den Computer weitestgehend nutzlos.
    Der Gebrauchswert des Computers als programmierbares Werkzeug wird verstümmelt.
  • Für Programmierer und solche, die es werden wollen, wird es praktisch unmöglich, systemnahe Programmierung zu erlernen.
    Ausbildung wird verhindert.

Zeit für «DCRM»

Was meine ich damit? Ich bin ein gesetzestreuer Bürger und habe es nicht nötig, dass mich irgendwelche Firmen unter Generalverdacht stellen und überwachen. Ich weiß auch ohne die, was ich zu tun und zu lassen habe.

Ich stamme aus Ostdeutschland und möchte die Bürgerrechte, die unsere Bevölkerung sich 1989 erkämpft hat, nicht durch die Hintertür wieder abgenommen bekommen.

Nötiger als Digital Rights Management ist angesichts der geschilderten Gefahren ein

Digital Civil Rights Movement.

Die kritische Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit muss auf das TCPA-Projekt gelenkt werden, damit

  • jeder beim Kauf von Computern und anderen Geräten darüber nachdenkt, ob er seine Bürgerrechte einschränken lassen möchte, und ggf. vom Kauf von TCPA-Hardware rechtzeitig Abstand nimmt, und
  • unsere nationalen Regierungen und die EU-Institutionen veranlasst werden, massiv gegen diese Pläne vorzugehen (hinsichtlich der USA-Regierung hege ich nicht viel Hoffnung).
Ansätze gibt es:
Listen mit «sauberer» und «verseuchter» Hardware werden durch die Beiträge engagierter fachkundiger Mitmenschen zusammengestellt und im Netz veröffentlicht (vgl. die Links auf Stefan Urbats Seite bei den Verweisen unten;
das europäische Kartellamt scheint im Zusammenhang mit allerhand anderen Wettbewerbsverstößen der Redmonder auch das Palladium-System (deren Implementation der TCPA-Software) unter die Lupe zu nehmen.

Verschiedenes

Technische Details sind anderswo gut beschrieben, vergleiche die Verweise. Deswegen beschränke ich mich hier auf einige grobe Angaben.

Schleichende Unterwanderung

Es liegt nahe, die Realisierbarkeit des Vorhabens in Zweifel zu ziehen. Schließlich werden die Leute doch nicht freiwillig TCPA-Geräte kaufen, wenn sie damit so in ihren Rechten beschnitten werden. Man denke bloß an den verbreiteten Widerwillen gegen die Verfolgung von Internetbenutzern durch Cookies oder an die Versuche vor einigen Jahren, Internetsurfer durch eine vom Prozessor gesendete Seriennummer zu identifizieren.

Doch die Industrie hat ja schließlich auch dazugelernt und wird nicht wieder so mit der Tür ins Haus fallen. Zunächst werden die Maschinen mit abgeschaltetem TCPA verkauft, dann zwangsweise die Betriebssysteme aufgerüstet, und eines schönen Tages, wenn der Marktanteil dieser Systeme groß, genug ist, das System zentral aktiviert und damit der Sack zugemacht (so genannte Salamitaktik...).

Es ist schon im Gang

Die ersten Computer mit dem Überwachungschip sind bereits im Verkauf, nämlich die neueste Generation der Thinkpad-Notebooks von IBM.

In den Lizenzbedingungen der neuesten Betriebssysteme der Redmonder Firma sind bereits vom Nutzer zu akzeptierende Abtretungserklärungen enthalten, die der Firma das Recht zu Betriebssystemänderungen ohne Einwilligung des Kunden einräumen. Die Zwangsregistrierung und die sukzessive Einführung des Abonnements-Lizenzmodells können ebenfalls als vorbereitende Schritte für die umfassende Einführung des «verräterischen Rechners» angesehen werden.

Den Kram einfach abschalten?

Kann man das Ganze nicht einfach abschalten? Am Anfang bestimmt. Falls es später auch noch gehen sollte, dann wird man die Nachteile tragen müssen: kein Zugriff auf irgendeine Datei, die auf TCPA-Systemen erzeugt wurde, damit ggf. kein E-Mail- und Internetzugang. In den USA drohen möglicherweise auch strafrechtliche Konsequenzen.

Kryptografie

Ich betone, dass nach heutigem Kenntnisstand davon auszugehen ist, dass dieses System tatsächlich realisierbar und mit angemessenem Aufwand unumgehbar ist. Insbesondere soll der Datenaustausch zwischen dem Computer und dem Zertifikatsserver verschlüsselt erfolgen. Verwendet wird ein mathematisch fundiertes Verschlüsselungsverfahren (RSA mit Schlüssellänge 2048 Bit), das noch für längere Zeit unknackbar sein dürfte. (Ich weiß, wovon ich rede. Das kriegen auf absehbare Zeit die größten existierenden Rechner nicht hin, und auch hochmotivierte Hacker haben so schnell keine Chance.)

Betrieb von Zertifizierungsservern

Es ist denkbar und vorgesehen, dass Zertifizierungsserver nicht nur vom Konsortium selbst bzw. seinen Mitgliedsfirmen, sondern auch von weiteren Firmen oder Institutionen betrieben werden können. Allerdings kann das ganze System nur dann funktionieren, wenn diese Zertifizierungsserver einander gegenseitig kennen und ihre Zertifikate gegenseitig akzeptieren. Andernfalls müsste nämlich jedes Programm einer dem Konsortium angehörenden Firma den «fremden» Zertifikaten misstrauen und folglich die Zusammenarbeit mit den vom anderen Server zertifizierten Programmen verweigern.

Dadurch ist es letztlich unerheblich, wieviele Zertifikatsserver es gibt und von wem diese betrieben werden. Dem Nutzer tritt das gesamte Zertifizierungsnetzwerk als ein verflochtenes System entgegen. Die marktbeherrschende Stellung von Konsortiumsfirmen für Betriebssysteme und eine Anzahl wichtiger Anwendungsprogramme hat zur Folge, dass in diesem Netzwerk das Konsortium die Fäden sicher in der Hand hält.

Gesetzlicher Zwang

In den USA sind Gesetzesprojekte in Arbeit, die Digital Rights Management (DRM) und damit voraussichtlich TCPA für Computer zwingend vorschreiben sollen. Computer ohne TCPA wären dann in den USA illegal (im Gegensatz zu Schießeisen...).

Die Idee, die Spionagevorrichtung zwangsweise und serienmäßig in alle Rechner einzubauen, erinnert mich im Übrigen fatal an die Telefone in Rumänien zur Ceaucescu-Zeit. Ich kann diese Information nicht nachprüfen, aber es heißt, damals wurde die «Wanze» bereits werksseitig eingebaut.

Verweise zu anderen Informationsquellen


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E-Mail: dr.welk@gmx.net


Rechtlicher Hinweis: Für den Inhalt der Seiten, auf die durch Links von dieser Homepage aus verwiesen wird und die nicht mein Copyright tragen, kann ich keinerlei Verantwortung übernehmen, insbesondere auch nicht für die dort enthaltenen Verweise.
© Martin Welk 31.10.2002 (überarbeitet und ergänzt 19.11.2002, 8.12.2002)


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