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STATT EINER "WEIHNACHTSGESCHICHTE"

"Die meisten Israelis hätten ihren Augen nicht getraut, wenn sie am letzten Samstag bei Sonnenuntergang dabei gewesen wären. Mitten in Havarah, einem kleinen Dorf südlich von Nablus, standen 63 Israelis, Männer und Frauen, Junge und Alte mit Dutzenden von palästinensischen Dorfbewohnern zusammen. Juden und Araber plauderten miteinander, tranken den von den Gastgebern angebotenen Saft, tauschten Adressen und Telefonnummern aus. Die Kinder des Dorfes trugen die von den Gästen mitgebrachten Abzeichen: die die Flagge Israels und Palästinas zeigten. Keiner trug eine Waffe. Alle waren glücklich und das mit Grund: sie hatten gerade einen harten Tag der Olivenernte hinter sich. Sie waren zusammen unter den Bäumen. Sie waren auch zusammen, als die israelischen Siedler das Feuer eröffneten. All dies geschah mitten im palästinensischen Gebiet nach zwei Jahren gewalttätiger Konfrontation. Ein Fest von israelisch-palästinensischer Verbrüderung inmitten blutiger Angriffe. Eine menschliche Erfahrung. Ein politischer Akt. Ein symbolisches Ereignis.
Seit biblischen Zeiten sind die Olivenbäume das Symbol dieses Landes gewesen. Sie haben die Bauern vieler Generationen – Kanaaniter, Israeliten und Araber – am Leben erhalten. Das ganze Jahr über arbeiten sie in den Olivenhainen, die vom Vater auf den Sohn vererbt werden, sie beschneiden die Bäume, bearbeiten den Boden, entfernen die Unkräuter. Während der wenigen Erntewochen pflückt die ganze Familie die Oliven – Männer und Frauen, alte Leute und Kinder. Die Oliven müssen zur richtigen Zeit abgeerntet und zur Olivenpresse gebracht werden, wo die goldene Flüssigkeit herausgepresst wird, das Olivenöl. Das sind Tage der Freude. Eine ganze Familie kann nun von zehn Olivenbäumen leben. Ohne diese können sie nicht existieren. Je härter die Besatzung wird, je mehr sie die freie Bewegung einengt und den Lebensunterhalt verweigert, um so abhängiger werden die Dorfbewohner von den Olivenbäumen.
(...)
Fast jedes palästinensische Dorf hat Olivenhaine, die an irgend eine Siedlung oder an einen sogenannten Außenposten grenzt, der nun von Siedlern kontrolliert wird. Wenn sich die Besitzer nähern, um den Boden unter den Bäumen für die Ernte vorzubereiten oder um die Oliven zu ernten, schießen die Siedler auf sie - "nach Absprache mit der Armee". Der einfache Vorwand: wenn die Dorfbewohner in der Nähe der Siedlung ernten, könnten sie sehen, was dort geschieht und sie bedrohen. Das ist in der Tat eine monströse Verdrehung: eine Siedlung mitten in eine von Palästinensern dicht besiedelte Umgebung zu setzen und ihnen dann zu verbieten, ihr Land zu bearbeiten, weil dieses nahe der Siedlung liegt . In einigen Fällen beließen es die Siedler nicht beim Schießen, sondern fielen in die Olivenhaine ein, trieben die Dörfler weg und raubten die schon gepflückten Oliven. (...) Raub am helllichten Tage. Und die Armee sieht zu und tut nichts dagegen. (...) Sie wollen das Leben der Dorfbewohner zur Hölle machen, um sie dahin zu bringen, das Land zu verlassen. Das ist das, was man "freiwilligen Transfer" nennt oder einfach ausgedrückt "ethnische Säuberung".

Für anständige Israelis bedeutet dies: sie machen sich auf, um den Dorfbewohnern bei der Olivenernte zu helfen, bevor die Oliven an den Bäumen verfaulen oder gestohlen werden. Sie bilden einen menschlichen Schutzschild gegen die Siedler. Während der vergangenen Wochen haben Hunderte von Israelis mit Leuten der Internationalen Solidaritätsbewegung (ISM) genau das getan. Am vergangenen Samstag reagierten 260 Israelis auf die Anfragen verschiedener Friedensorganisationen (Gush Shalom, Ta’ayush, die Frauenkoalition, ein Teil von Peace Now, u.a.) Sie teilten sich auf die Dörfer auf, wo das Ernten am gefährlichsten ist.

Mein Los war es, nach Havarah zu kommen, einem Dorf, das in einem Tal zwischen zwei hohen Bergen liegt. Seine Olivenhaine liegen an den steilen Berghängen, die voller Felsen und mit stacheligen Büschen bewachsen sind. Es war ziemlich schwierig, nur dort hinzugelangen. Immer wieder fiel jemand hin und bekam Kratzer ab. Schließlich waren alle an Ort und Stelle. Gruppen von Pflückern, Israelis und Palästinenser, begannen mit dem Pflücken. Die Besitzer der Bäume nützten die Tatsache aus, dass Israelis dabei waren und arbeiteten schnell – im Gegensatz zur üblichen Praxis schlugen sie mit Stöcken in die Äste, damit die Früchte auf die grünen Plastikplanen herunterfallen sollten, die unter den Bäumen ausgebreitet waren. Das ist zwar nicht so gut für die Bäume, geht aber schneller; denn die Zeit war knapp bemessen. Jeder arbeitete fieberhaft, hielt die fruchtbeladenen Äste und füllte Eimer und Säcke oder sammelte vom Boden auf.. Jede Olive ist kostbar. Sportliche Männer und Frauen kletterten in die Bäume und füllten Hüte und Plastiktüten.

Die Gruppen, die die Bergkuppe erreichten, standen auf einmal den Siedlern von Yitzhar gegenüber, einem berüchtigten Nest von Fanatikern, die in Sabbatkleidung, schwarzen Hosen und weißen Hemden, ihre Gewehre hielten. Sie bedrohten die Pflücker, schossen in die Luft und auf den Boden. (...) Das Echo der Schüsse hallte zwischen den Bergen. Vierzig Minuten später erschienen Soldaten, die die Siedler zunächst herzlich begrüßten und dann den Pflückern befahlen, das Gebiet zu verlassen. Sie erklärten, dass die Siedler recht hätten, wenn sie das Feuer eröffneten, weil die Pflücker die Siedlung gefährdeten. Die Pflücker machten hartnäckig weiter, da sie sich vom "menschlichen Schutzschild" der Israelis sicher fühlten.. Aber nach und nach wurden sie von den Siedlern den Abhang hinuntergedrängt. Die Soldaten zwischen den Pflückern und Siedlern. In den andern Olivenhainen konnte die Arbeit ohne Unterbrechung fortgesetzt werden. Währenddessen wurden Zigaretten ausgetauscht, trotz der Sprachschwierigkeiten Gespräche angefangen, zunächst zurückhaltend, dann lebhafter.

(...)
Bevor die Dunkelheit anbrach, wurden die Planen eingesammelt und zusammengefaltet, die Leute schulterten die schweren, vollen Säcke oder luden sie den Eseln auf und begannen den Abstieg von den steilen Abhängen, von einer Terrasse zur andern. Für die jungen Burschen der Gegend war es kein Problem; die Älteren und die Gäste bewegten sich vorsichtiger, hielten sich an den Büschen fest und halfen sich gegenseitig.
Viele glückliche Leute gab es. Diejenigen, die den Rowdys getrotzt hatten, waren glücklich, weil sie nicht geflohen waren. Die israelischen Pflücker waren glücklich, weil sie eine politische Demonstration mit einer sinnvollen Aktivität verbinden konnten. Die Palästinenser waren glücklich, dass sie wenigstens einen Teil ihrer Ernte gerettet hatten. Sie trugen die schweren Säcke auf ihren Schultern. Am Fuß des Berges wurden die Säcke auf Esel und alte Karren geladen, die aussahen, als würden sie jeden Augenblick auseinanderfallen. Schließlich gab es eine bewegende Verabschiedung: Hunderte von palästinensischen Männern, Frauen und Kindern winkten begeistert den abfahrenden Israelis nach, auf dem Dorfplatz, in den Gassen und aus den Fenstern – ein ganzes Dorf.

Das war der glückliche Lohn einer Tagesarbeit."



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