In letzter Minute, am Abend des Tags vor Heiligabend,
verkündete die israelische Regierung plötzlich, die Ausgangssperre
über Bethlehem sei aufgehoben. Nur ein weiterer Schachzug in diesem ganzen
endlosen Propaganda- spiel der Israelis - man hatte ja schon darauf gewartet.
Tausende Augen waren auf Bethlehem gerichtet, jene Stadt in der Westbank, die
nun schon seit einem Monat unter Ausgangssperre steht bzw. in die sie vor einem
Monat erneut einmarschiert sind. Und zum zweitenmal hintereinander verbot die
israelische Regierung dieses Jahr Präsident Arafat (an Weihnachten) nach
Bethlehem zu kommen - Ramallah ist ja nur 13 Meilen entfernt. Aber in der
Geburtskirche hatte man einen Stuhl aufgestellt, darauf das Foto Arafats sowie
eine Kafia*. Die gesamte Westbank bleibt weiterhin unter Ausgangssperre, u.
auch die Invasion ist nicht beendet. Auch aus Bethlehem zog das israelische
Militär keineswegs ab. Man hatte sich lediglich außerhalb
Kamerareichweite zurückgezogen. Fünf hohe Gebäude im ganzen
Bethlehemer Gebiet wurden vom Militär besetzt - als Wachtürme u.
Heckenschützen-Positionen. Israelische Militär-Jeeps patrouillierten
durch die Straßen u. um die Flüchtlingslager. Die Nacht vor
Heiligabend zerrten israelische Soldaten 8 Palästinenser aus ihren
Häusern u. verschleppten sie in israelische Gefängnisse, wo man sie
verhörte. In der Nacht darauf waren es 7. In der Weihnachtsnacht
verschleppten die israelischen Soldaten 10 Palästinenser. Mittlerweile
hält die israelische Militärregierung bereits über 8 000
Palästinenser als Geiseln in ihren Gefängnissen fest.
Heute,
am Tag nach Weihnachten**, besetzte das israelische Militär erneut den
Krippenplatz (in Bethlehem). Sie schossen um sich, feuerten Tränengas ab.
Sie brüllten durch ihre Jeep-Lautsprecher, die Ausgangssperre sei wieder
in Kraft. Einige Bewohner Bethlehems leisteten 2 Stunden lang steinewerfenden
Widerstand.
Letzte Woche hat sich im Bethlehemer Flüchtlingslager
Azzeh Folgendes zugetragen: 50 israelische Soldaten stürmten das Haus
einer schlafenden Familie. Diese Familie war diejenige, die mich das ganze
letzte Jahr über wie eine Schwester bzw. Tochter aufgenommen hat. Einer
der Söhne - man lebt auf drei Stockwerke verteilt, er wohnt im 2. Stock -,
ging an die Tür u. rief nach draußen: Ich bin unbewaffnet. Ich
öffne jetzt die Tür. Er hat mir die Sache selbst erzählt.
Jeder in der Familie erzählt mir, was sich zugetragen hat. Ich
konnte nicht wissen, weißt du, genausogut hätten sie mich auf der
Stelle erschießen können. Wir können niemals wissen, ob sie uns
nicht alle töten werden. Die israelischen Soldaten stürmten
durch das Haus, forderten sämtliche Bewohner auf, nach draußen zu
gehen. Sie drückten den Leuten ihre Gewehrläufe in den Rücken,
drängten diejenigen, die in den obern Stockwerken wohnen. Selbst die
Decken, in die man die Babies gewickelt hatte, wurden durchsucht. Eine der
Frauen der Familie ist schwanger; ein Sohn ist geistigbehindert. Mutter u.
Vater sind beide schon älter. Nichtsdestotrotz wurde die gesamte Familie
gezwungen, sich im Lagerdurchgang aufzustellen, die Hände an der
Zementwand. Dabei war es schon 2 Uhr nachts - u. mitten im Winter. Einer der
Söhne wurde von den Israelis mitgenommen. Er trägt eine Brille, lacht
laut, schreibt Gedichte, hört gern Musik, macht guten Kaffee. Er ist
Student. Sie fesselten seine Hände u. verbanden ihm die Augen. Dann
verfrachteten sie ihn hinten in den Jeep. Die Kinder riefen ihm auf
Wiedersehen! nach. Mittlerweile befindet er sich in einem israelischen
Gefängnis - ohne Anklage. Der Vater der Familie sowie sämtliche
Söhne außer zweien sind schon mal auf diese Weise verschleppt
worden. Und die ganze Zeit über weint die Mutter. Sie haben jetzt einfach
genug.
Da ist dieser Mann aus Rafah. Er bewohnte ein Haus in Rafahs
Block O (im Süden des Gazastreifens), bevor das israelische
Militär kam u. es abriss, um ihre Trennmauer errichten zu können. Er
erklärt mir mit sanfter Stimme: Wissen Sie, hier macht er eine
lange Pause, ich befürchte, jetzt sind wir alle Gesuchte. In
der Nacht vor Heiligabend hat das israelische Militär in Rafah 30
Häuser zerstört. Panzer feuerten in die Häuser, die Familien
rannten ins Freie. Dann begannen die Bulldozer ihr Werk. Nicht mal eine halbe
Sekunde Vorwarnzeit hat man den Leuten gelassen.
Kristen Ess, aus dem
Okkupierten Palästina, am 26. Dez. 2002
Anmerkung d.
Übersetzerin
*Palästinensertuch
**Da der
Artikel vom 26. Dez. datiert ist, ist hier wohl der 2. Weihnachtsfeiertag
gemeint.
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