Haaretz / ZNet 19.01.2003Zur selben Zeit, als
der erste israelische Astronaut ins All aufbrach, versuchten zehntausende
Palästinenser - darunter Kranke, Alte u. Kinder - von ihren Dörfern
in die nächste Stadt zu gelangen. Und zur selben Zeit, als Ramons
Raumfahrzeug seine Erdumlaufbahn erreichte, kämpften sich diese Menschen
durch Regen u. Matsch u. versuchten, die Dreckbarrieren zu überwinden, die
ihre Dörfer abriegeln. Sie taten dies, weil sie zur Arbeit mussten, zum
Arzt, zum Einkaufen. Schwer zu sagen, welche Gedanken diesen
Palästinensern durch den Kopf gingen, als sie von Israels hochtrabendem
Erfolg erfuhren. Vielleicht fanden einige ja bittern Trost in jenen Zeilen in
Emile Habibis Roman Der Optimist (The Optimist), als
Said al Nahas al Mishtaal, der Held, sagt: Und jetzt ist uns der Mond
also näher als der Feigenbaum, dessen Früchte dieses Jahr lange zum
Reifen brauchen, in unserm trauernden Dorf.
Die israelischen
Medien waren fleißig dabei, den nationalen Karneval, der diesen Start
begleitete, zum allgemeinen Wahnsinn hochzupeitschen: (Fliege, Ramon,
durchstoße du die Himmel, Ein großer Schritt für
Israel, Den Himmel berühren), daher hatten sie - wie
üblich - keine Zeit, die Qualen der Menschen zu erwähnen, die nichts
weiter wollen, als sich hier auf Erden ein wenig zu bewegen. Das Festival, das
den Abflug von Oberst Ilan Ramons ins All begleitete, verdeutlicht einmal mehr
u. auf akute Weise jenen Kontrast zwischen falscher Ausgelassenheit einerseits
u. der grausamen Realität, vor der die meisten Israelis ihre Augen
verschließen. Mehr denn je ignorieren die Israelis das
palästinensische Leid - ein Leid, das mittlerweile unvorstellbare
Ausmaße angenommen hat. Hier (in Israel) nimmt man Palästinenser nur
wahr, wenn sie herkommen, um den Tod zu säen. Die einzigen
Palästinenser, über die man noch spricht, sind die
Selbstmordattentäter. Und die einzigen (palästinensischen) Kinder,
die noch erwähnt werden, sind die Terrorkinder. Nicht
über die in Armut lebenden Kinder spricht man, auch nicht über die
Waisen, nicht über diejenigen, deren Elternhäuser vor ihren Augen
abgerissen werden, auch nicht über die Kinder, deren Väter mitten in
der Nacht unter demütigenden Umständen verhaftet werden, Väter,
die ohne Gerichtsverhandlung in Haft sitzen - manchmal monate-, manchmal
jahrelang - eh sie zurückkehren. Die meisten Zeitungen u. elektronischen
Medien erwähnen die Ausgangssperren nicht einmal mehr, ebensowenig die
Belagerungen oder die Armut, das Leid. Auch in den Wahlkampagnen ist dies kein
Thema. Und nur eine Autostunde von diesem Leid entfernt, können viele
Israelis ein ganz normales Leben führen - ein Leben, das während der
letzten beiden Jahre kaum Störungen erfahren hat. Aber selbst diejenigen
Israelis, die Leid erfuhren - und deren Zahl nimmt zu -, konzentrieren sich nur
auf ihr eigenes Leid. In Tel Aviv sind die Cafés u. Restaurants voll mit
Menschen, während Dschenin stirbt; das israelische Fernsehen ist voller
Unterhaltungssendungen.
Aus diesem Grund gilt es auch einige Fakten in
Erinnerung zu rufen: Allein während der letzten beiden Wochen wurden 26
Palästinenser getötet - etwas ganz Alltägliches im Grunde.
Lediglich 7 der Getöteten trugen Waffen (laut palästinensischer
Menschenrechtsorganisation). Bei 10 der Toten handelt es sich um Kinder bzw.
Jugendliche. Die Häuserdemolierungen haben ein erschreckendes Ausmaß
angenommen. Inzwischen reißt man auch schon die Häuser von
Terroristen ab, die ihre Tat vor einem oder gar zwei Jahren begangen haben.
Immer mehr Familien verlieren ihr Dach über dem Kopf. Kaum ein Tag, an dem
keine unschuldigen Zivilisten getötet werden, kaum eine Nacht ohne
Zerstörung u. Vernichtung. Allein seit letztem September wurden fast 2000
Palästinenser verhaftet, u. die Zahl derer, die in Administrativ-
gewahrsam sitzen, hat die 1000-Marke überschritten. Letzte Woche
besuchten Ärzte von Physicians for Human Rights (Ärzte
für Menschenrechte) Kafr al Lubed. Dabei sahen sich diese israelischen
Ärzte mit einer schockierenden medizinischen Versorgungslage konfrontiert
- Folge der Ausgangssperren sowie der katastrophalen ökonomischen
Situation. Schwere Krankheiten können dort überhaupt nicht mehr
behandelt bzw. diagnostiziert werden - die Menschen können sich
schließlich nicht ungehindert bewegen bzw. haben kein Geld. Die Kinder u.
Kleinkinder zeigen Symptome von Unterernährung. Aber das alles brennt sich
keineswegs ins Bewußtsein der israelischen Öffentlichkeit ein, denn
einerseits wird darüber kaum berichtet, und andererseits interessiert es
auch niemanden.
Kurz vor Tu Bishvat - dem jüdischen Tag des
Baumes, den wir gestern begingen -, veröffentlichte das
palästinensische Landwirtschaftsministerium eine Statistik bzgl. der Baum-
und Landzerstörungen durch die Israelische Armee während der jetzigen
Intifada. Danach wurden bisher mehr als eine Dreiviertelmillion Bäume
abgeholzt u. mehr als 53 000 Dunams (etwa 5 300 Hektar) Land eingeebnet. Selbst
wenn diese Zahlen etwas übertrieben sein sollten, ein kurzer Trip durch
die Gebiete genügt, um sich vom Ausmaß der
Zerstörungen zu überzeugen. Während also unsere israelischen
Kinder am Feiertag Baumsetzlinge pflanzen, sind ihre älteren Brüder
dabei, immer noch mehr Bäume abzuholzen - das meiste Olivenbäume bzw.
Bäume mit Zitrusfrüchten - die ganze Existenzgrundlage ihrer
Besitzer. Ich frage mich: Verschwenden diejenigen, die diese Bäume
abholzen, einen Gedanken an die Pflanzaktionen am Tu Bishvat?
Nichts
spricht dafür, dass sich an dieser Situation in naher Zukunft etwas
ändern könnte - ganz im Gegenteil. Es existiert keine kritische
Öffentlichkeit - überhaupt keine - und angesichts des zu erwartenden
Wahlausgangs muss von Israels Seite aus mit noch härteren Maßnahmen
gerechnet werden. Die Palästinenser werden ihre Terroranschläge
intensivieren, die Israelis werden ihre Schikanen intensivieren - sodass es,
auf Dauer gesehen, selbst einem Astronauten mit blau-weißer Fahne nicht
mehr gelingen dürfte, von den blutigen Folgen
abzulenken.
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Übersetzt von: Andrea Noll Orginalartikel:
"As
Ramon Was Launched Into Space" |