Gestern Morgen gegen 9 Uhr zerstörte die Israelische
Armee sämtliche Brücken, die nach Beit Hanoun bzw. heraus
führten. Beit Hanoun liegt im Norden des Gazastreifens. Anschließend
nahmen israelische Panzer u. Helikopter die Stadt 18 Stunden lang unter
Beschuss. Vorgestern Nacht drangen israelische Besatzungstruppen auch in
Gaza-Stadt ein. Eines der von ihnen zerstörten Häuser liegt in der
Nähe jenes Hauses, in dem ich früher gewohnt habe. Viele
Palästinenser leben noch in der Nähe. Ungewöhnlich, dass das
israelische Militär Gaza-Stadt vom Land her einnimmt - so verfahren sie
normalerweise nur im restlichen Gazastreifen: In der Stadt Rafah, im Süden
des Gazastreifens, ist mittlerweile jedes Haus, in dem ich je gelebt habe, ein
Trümmerhaufen. Meine Wohnung hatte ich nur kurz für eine Stunde
verlassen (in Rafahs Block O), u. als ich heimkam, war das Haus von
israelischem Militär zerstört. Aber Gaza-Stadt selbst greift die
IOF*, wie gesagt, normalerweise nur aus der Luft an. Dann feuert sie Raketen
aus Apache-Kampfhubschraubern - ein Geschenk der USA - so auch letzte Nacht
wieder. Freunde vom Al-Mezan-Zentrum für Menschenrechte (Al-Mezan Center
for Human Rights) in Gaza-Stadt schrieben mir: In den frühen
Morgenstunden des Freitag, 24. Januar 2003, drang die IOF in das Viertel
az-Zaytun, im Westen von Gaza-Stadt, ein. Sie zerstörten ein Haus mittels
Sprengstoff. Es gehörte der Familie von Masud Ayad, der im Jahr 2000
von israelischem Militär ermordet worden war. Zudem verhaftete die IOF 4
Palästinenser - drei davon Mitglieder der Ayad-Familie. Durch die
Explosion wurden rund 20 Häuser im Viertel beschädigt. In der
gleichen Nacht feuerten israelische Helikopter 5 Raketen auf eine
Metallwerkstätte in Gaza-Stadt ab. Eine Rakete traf dabei die
Sankt-Philips-Kirche, innerhalb des Al-Ahly-Hospitals. Eine andere schlug mit
voller Wucht in ein Wohnhaus ein u. zerstörte es. Eine ältere Frau
starb an einem Herzanfall, drei weitere Personen erlitten
Verletzungen.
Heute Morgen die Fortsetzung (des Berichts):
Gleichfalls am Freitag, dem 24. Januar 2003, gegen 9 Uhr morgens, griff
die IOF die Stadt Beit Hanoun, im Norden des Gazastreifens, an. Sie
zerstörte 4 Brücken am Eingang der Stadt; dadurch ist die kleine
Stadt jetzt komplett isoliert. Anschließend beschossen israelische Panzer
u. Helikopter die Stadt bis gegen 3 Uhr morgens. Der 18jährige Hasan Yusif
Fayad wurde dabei getötet, 20 weitere Menschen verletzt. Zahlreiche
Häuser sind infolge des Granatbeschusses beschädigt, zudem Telefon-
u. Stromleitungen. Am selben Tag ermordete die IOF den 24jährigen
Geistigbehinderten Muhammad al-Musadar aus dem Flüchtlingslager
Al-Maghazi.
In Rafah tobt das israelische Militär noch immer
durch die Häuser der Leute. Gestern durchpflügten sie Block
O erneut, wobei 21 Häuser zerstört wurden. Die ganze Gegend
dort ist ja ohnedies durch Abwasser überschwemmt, kaum noch bewohnbar. Es
existiert dort inzwischen auch eine zweite Mauer - neben der Apartheid-Mauer,
die die israelische Militärregierung errichten läßt -, u. zwar
eine aus Betten, zerstörtem Spielzeug u. Häusertrümmern. Die
Kinder wissen nicht mehr wohin. Niemand weiß das mehr. Wie schafft es die
israelische Propaganda-Maschinerie nur immer, dies alles hier der
internationalen Gemeinschaft zu verkaufen? Die Kinder von Dschenin schrieben:
Wer ist der Terrorist? Ihr seid die Terroristen! Wie kann ich Terrorist
sein, wenn ich nur in meiner eigenen Heimat lebe?
Letzte Woche in
Khan Younis: 70 israelische Panzer reißen die Hauptstraße auf. Sie
haben es auf Kfz-Werkstätten u. ähnliche Geschäfte abgesehen. Es
ist die übliche Praxis der israelischen Militärregierung. Sie will
hier jede wirtschaftliche Existenzgrundlage der Palästinenser vernichten.
Ebenso an der Tagesordnung sind gezielte Schüsse. Nicht immer soll dabei
die Ziel-Person getötet werden; oft werden bestimmte Körperteile
verstümmelt, sodass die Person sich nicht mehr richtig bewegen u. nicht
mehr arbeiten kann bzw. nur noch sehr eingeschränkt. Im
Flüchtlingslager Aida bei Bethlehem schossen israelische Soldaten auf
Kinder, die Steine gegen die einrückenden, massiv gepanzerten israelischen
Jeeps u. Panzer warfen. Auch hier wurde speziell auf die Beine gezielt. Zwei
der Kinder - eines 10 Jahre alt (und nicht 12, wie zunächst berichtet),
der andere ein junger Teenager - werden nie mehr richtig gehen können. Im
letzten Sommer wurde ein junger Mann von einer Apache-Rakete getroffen. Er hat
zwar überlebt, hinkt aber seitdem u. muss mit ständigen Schmerzen
leben. Einen anderen Jungen erwartet jetzt gerade eine sehr langwierige
Operation bzw. Rekonvaleszenz; man muss ihm Kugeln aus seinem Bein entfernen.
Auch die Folter, die in den Gefängnissen angewendet wird, führt
häufig zu Behinderungen. Während eines Verhörs brachen
israelische Soldaten beispielsweise den Arm eines Freundes von mir oben an der
Schulter. Er musste ihn sich selber wieder einrichten, da medizinische Hilfe
verweigert wurde. Seither kann er den Arm nicht mehr richtig bewegen u. leidet
unter ständigen Schmerzen. Er hat auch eine Kugel im Rücken. Die
Schmerzen erschweren ihm das Schlafen, und auch das Treppensteigen bereitet
Probleme. Ein anderer Freund befindet sich in israelischer Haft. Er hat dort
ein illegales Handy, auf dem er mich anrief. Er hat meine schlimmsten
Befürchtungen hinsichtlich seiner Behandlung durch die israelischen
Soldaten bestätigt. Man hält ihn dort ohne Anklage fest. Aber wenn er
rauskommt - falls er rauskommt - wird das der israelischen
Militärregierung noch als Propaganda dienen - die kann sie dann wieder der
internationalen Weltgemeinschaft verkaufen: Seht her, wir töten nur
Terroristen u. Schwerverbrecher. Und die Palästinenser - alle
Palästinenser - halten wir auch nur unter Ausgangssperre, um uns
selbst zu schützen. Mittlerweile hat die Israelische
Okkupationsarmee erneut 10 Palästinenser bei Nacht u. Nebel aus ihren
Betten gerissen u. entführt - diesmal in Bethlehem.
Israel
genießt das Privileg, Wahlen abzuhalten - während man gleichzeitig
die Palästinenser der Westbank unter Hausarrest hält. Weder
können sie zur Schule gehen, noch zur Arbeit, und vor allem können
sie eines nicht: Wahlen abhalten.
Kristen Ess, am 25. Januar 2003 im
Okkupierten Palästina.
Anmerkung d. Übersetzerin
*IOF
(Israeli Occupation Force = Israelische Okkupationsarmee) ist wohl
als Wortspiel gedacht auf IDF (Israeli Defense Force = Israelische
Armee)
--
|