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27.01.2003 von Kristen Ess
Übersetzt von: Andrea Noll
Orginalartikel: "Occupied Palestine."
ZNet
Das Okkupierte Palästina am 25. Januar
Gestern Morgen gegen 9 Uhr zerstörte die Israelische Armee sämtliche Brücken, die nach Beit Hanoun bzw. heraus führten. Beit Hanoun liegt im Norden des Gazastreifens. Anschließend nahmen israelische Panzer u. Helikopter die Stadt 18 Stunden lang unter Beschuss. Vorgestern Nacht drangen israelische Besatzungstruppen auch in Gaza-Stadt ein. Eines der von ihnen zerstörten Häuser liegt in der Nähe jenes Hauses, in dem ich früher gewohnt habe. Viele Palästinenser leben noch in der Nähe. Ungewöhnlich, dass das israelische Militär Gaza-Stadt vom Land her einnimmt - so verfahren sie normalerweise nur im restlichen Gazastreifen: In der Stadt Rafah, im Süden des Gazastreifens, ist mittlerweile jedes Haus, in dem ich je gelebt habe, ein Trümmerhaufen. Meine Wohnung hatte ich nur kurz für eine Stunde verlassen (in Rafahs ‘Block O’), u. als ich heimkam, war das Haus von israelischem Militär zerstört. Aber Gaza-Stadt selbst greift die IOF*, wie gesagt, normalerweise nur aus der Luft an. Dann feuert sie Raketen aus Apache-Kampfhubschraubern - ein Geschenk der USA - so auch letzte Nacht wieder. Freunde vom Al-Mezan-Zentrum für Menschenrechte (Al-Mezan Center for Human Rights) in Gaza-Stadt schrieben mir: “In den frühen Morgenstunden des Freitag, 24. Januar 2003, drang die IOF in das Viertel az-Zaytun, im Westen von Gaza-Stadt, ein. Sie zerstörten ein Haus mittels Sprengstoff. Es gehörte der Familie von Mas’ud Ayad, der im Jahr 2000 von israelischem Militär ermordet worden war. Zudem verhaftete die IOF 4 Palästinenser - drei davon Mitglieder der Ayad-Familie. Durch die Explosion wurden rund 20 Häuser im Viertel beschädigt. In der gleichen Nacht feuerten israelische Helikopter 5 Raketen auf eine Metallwerkstätte in Gaza-Stadt ab. Eine Rakete traf dabei die Sankt-Philips-Kirche, innerhalb des Al-Ahly-Hospitals. Eine andere schlug mit voller Wucht in ein Wohnhaus ein u. zerstörte es. Eine ältere Frau starb an einem Herzanfall, drei weitere Personen erlitten Verletzungen.”

Heute Morgen die Fortsetzung (des Berichts): “Gleichfalls am Freitag, dem 24. Januar 2003, gegen 9 Uhr morgens, griff die IOF die Stadt Beit Hanoun, im Norden des Gazastreifens, an. Sie zerstörte 4 Brücken am Eingang der Stadt; dadurch ist die kleine Stadt jetzt komplett isoliert. Anschließend beschossen israelische Panzer u. Helikopter die Stadt bis gegen 3 Uhr morgens. Der 18jährige Hasan Yusif Fayad wurde dabei getötet, 20 weitere Menschen verletzt. Zahlreiche Häuser sind infolge des Granatbeschusses beschädigt, zudem Telefon- u. Stromleitungen. Am selben Tag ermordete die IOF den 24jährigen Geistigbehinderten Muhammad al-Musadar aus dem Flüchtlingslager Al-Maghazi”.

In Rafah tobt das israelische Militär noch immer durch die Häuser der Leute. Gestern durchpflügten sie ‘Block O’ erneut, wobei 21 Häuser zerstört wurden. Die ganze Gegend dort ist ja ohnedies durch Abwasser überschwemmt, kaum noch bewohnbar. Es existiert dort inzwischen auch eine zweite Mauer - neben der Apartheid-Mauer, die die israelische Militärregierung errichten läßt -, u. zwar eine aus Betten, zerstörtem Spielzeug u. Häusertrümmern. Die Kinder wissen nicht mehr wohin. Niemand weiß das mehr. Wie schafft es die israelische Propaganda-Maschinerie nur immer, dies alles hier der internationalen Gemeinschaft zu verkaufen? Die Kinder von Dschenin schrieben: “Wer ist der Terrorist? Ihr seid die Terroristen! Wie kann ich Terrorist sein, wenn ich nur in meiner eigenen Heimat lebe?”

Letzte Woche in Khan Younis: 70 israelische Panzer reißen die Hauptstraße auf. Sie haben es auf Kfz-Werkstätten u. ähnliche Geschäfte abgesehen. Es ist die übliche Praxis der israelischen Militärregierung. Sie will hier jede wirtschaftliche Existenzgrundlage der Palästinenser vernichten. Ebenso an der Tagesordnung sind gezielte Schüsse. Nicht immer soll dabei die Ziel-Person getötet werden; oft werden bestimmte Körperteile verstümmelt, sodass die Person sich nicht mehr richtig bewegen u. nicht mehr arbeiten kann bzw. nur noch sehr eingeschränkt. Im Flüchtlingslager Aida bei Bethlehem schossen israelische Soldaten auf Kinder, die Steine gegen die einrückenden, massiv gepanzerten israelischen Jeeps u. Panzer warfen. Auch hier wurde speziell auf die Beine gezielt. Zwei der Kinder - eines 10 Jahre alt (und nicht 12, wie zunächst berichtet), der andere ein junger Teenager - werden nie mehr richtig gehen können. Im letzten Sommer wurde ein junger Mann von einer Apache-Rakete getroffen. Er hat zwar überlebt, hinkt aber seitdem u. muss mit ständigen Schmerzen leben. Einen anderen Jungen erwartet jetzt gerade eine sehr langwierige Operation bzw. Rekonvaleszenz; man muss ihm Kugeln aus seinem Bein entfernen. Auch die Folter, die in den Gefängnissen angewendet wird, führt häufig zu Behinderungen. Während eines Verhörs brachen israelische Soldaten beispielsweise den Arm eines Freundes von mir oben an der Schulter. Er musste ihn sich selber wieder einrichten, da medizinische Hilfe verweigert wurde. Seither kann er den Arm nicht mehr richtig bewegen u. leidet unter ständigen Schmerzen. Er hat auch eine Kugel im Rücken. Die Schmerzen erschweren ihm das Schlafen, und auch das Treppensteigen bereitet Probleme. Ein anderer Freund befindet sich in israelischer Haft. Er hat dort ein illegales Handy, auf dem er mich anrief. Er hat meine schlimmsten Befürchtungen hinsichtlich seiner Behandlung durch die israelischen Soldaten bestätigt. Man hält ihn dort ohne Anklage fest. Aber wenn er rauskommt - falls er rauskommt - wird das der israelischen Militärregierung noch als Propaganda dienen - die kann sie dann wieder der internationalen Weltgemeinschaft verkaufen: Seht her, wir töten nur Terroristen u. Schwerverbrecher. Und die Palästinenser - alle Palästinenser - halten wir auch nur unter Ausgangssperre, um uns “selbst zu schützen”. Mittlerweile hat die Israelische Okkupationsarmee erneut 10 Palästinenser bei Nacht u. Nebel aus ihren Betten gerissen u. entführt - diesmal in Bethlehem.

Israel genießt das Privileg, Wahlen abzuhalten - während man gleichzeitig die Palästinenser der Westbank unter Hausarrest hält. Weder können sie zur Schule gehen, noch zur Arbeit, und vor allem können sie eines nicht: Wahlen abhalten.

Kristen Ess, am 25. Januar 2003 im Okkupierten Palästina.

Anmerkung d. Übersetzerin

*IOF (‘Israeli Occupation Force’ = Israelische Okkupationsarmee) ist wohl als Wortspiel gedacht auf IDF (‘Israeli Defense Force’ = Israelische Armee)

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