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USA. Wenn Kinder in Schule oder Familie
verhaltensauffällig werden, lautet die schnelle Diagnose meist
Konzentrationsschwäche und Hyperaktivität. Die Billigtherapie mit
Psychopharmaka kommt einem Opiumkrieg gegen die Kinder gleich.
Die Welle der neuen Gewalt in den USA, die vor
allem auch Kinder und Jugendliche einschließt, ist keineswegs
zufällig. Eine der wesentlichen Ursachen dafür ist die sog. New
Economy und die damit einhergehende Ideologie und Kultur, deren Opfer
insbesondere die Kinder sind. Das dahinter liegende Problem ist sehr einfach
und ganz alt: Es paßt einfach nicht in das Weltbild der superreichen
Oligarchie und der Großspekulanten, daß die Bevölkerung gut
ausgebildet und versorgt ist. In ihrem System sind Familien und das Aufziehen
von Kindern nicht vorgesehen. Das ist einer der Gründe dafür,
daß in den USA von insgesamt 110 Millionen Haushalten nur 11 Millionen
Familien vom Einkommen eines Verdieners leben können. Da deswegen immer
weniger Eltern genügend Zeit für die Erziehung ihrer Kinder haben,
hat sich in den USA eine spezielle Neuheit entwickelt: Kinder und
Jugendliche, die unruhig oder anderweitig verhaltensgestört sind, werden
mit Psychopharmaka ruhiggestellt.
4 Millionen von etwa 69,4
Millionen Kindern unter 17 Jahren nehmen bereits das Medikament Ritalin, das in
Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. Das Journal of
the American Medical Association JAMA) berichtete über Studien aus dem
Jahre 1998, in denen festgestellt wurde, daß in zwei Landkreisen von
Virginia 18-20% der Schüler von 5. Klassen Ritalin verabreicht
wurde.
Ritalin darf zwar laut Verschreibungsanweisung erst Kindern ab
sechs Jahren gegeben werden, doch in den USA ist es mittlerweile nichts
Ungewöhnliches mehr, wenn das Medikament Kindern ab zwei Jahren gegeben
wird. JAMA berichtete im Februar 2000 außerdem, bei Kindern
einkommensschwacher schwarzer Familien würden immer häufiger und in
immer jüngeren Alter die Diagnose ADHD (Attention Defidt
Hyperactivity Disorder, Konzentrationsschwäche (Hyperaktive Störung)
gestellt und Ritalin verschrieben. Das Antidepressivum Prozac (in
Deutschland als Fluctin auf dem Markt) werde genauso mißbräuchlich
eingesetzt. Aus den Unterlagen der US-Food and Drug Administration gehe hervor,
daß 1994 sogar etwa 3000 Kleinkindern, die noch nicht einmal ein Jahr alt
waren, Prozac verschrieben wurde. Ein Hauptgrund für die verbreite
Vergabe von Psychopharmaka an Heranwachsende ist in den USA das vollkommen auf
Kostensenkung ausgerichtete Gesundheitssystem. Die sog. Health Maintenance.
Organizations (HMO) - profitorientierte Gesundheitsdienstleister, die teilweise
Versicherung, Krankenkasse und Krankenhausträger in einem sind - zahlen
bei der Diagnose ADHD in der Regel keine andere Art der Behandlung mehr um
Kosten zu sparen. Die automatische Verschreibung von Psychopharmaka statt
langfristiger Verhaltenstherapie bedeutet, daß Kinder unkontrolliert mit
Medikamenten vollgestopft werden. Viele amerikanische Ärzte zögern
zwar, Ritalin zu verschreiben, letztlich verordnen sie es aber doch, weil die
finanziellen Hürden für eine andere Therapie schier
unüberwindlich sind. Das Mindeste sind monatelange
Verzögerungen, und insbesondere arme Familie haben kaum eine Chance, eine
solche Therapie überhaupt finanziert zu bekommen. Joseph Woolston,
Kinderpsychiater und Leiter der kinderpsychiatrischen Abteilung des Yale-New
Haven Hospitals, bestätigte, daß unter der Kontrolle der HMOs die
Verabreichung von Psychopharmaka an Kinder massiv zu genommen habe: Jeden
Tag hören wir von mindestens einem HMO Sachbearbeiter, der uns sagt: ,Wenn
Sie dieses Kind nicht innerhalb von 24 Stunden nach der Aufnahme auf diese
Medikation setzen, bezahlen wir keinen weiteren Tag Klinikaufenthalt für
dieses Kind'. Noch besorgniserregender sei, so Woolston, daß
wahrscheinlich Zehntausende von Kindern wahllose Kombinationen von
Psychopharmaka erhalten. Wir benutzen die Kinder als Versuchskaninchen,
ohne daß wie bei normalen Versuchkaninchen die Wirkungen abverfolgt
werden. Privat-Therapeuten berichten, daß HMO-Sachbearbeiter fast
immer nach etwa sechs therapeutischen Sitzungen verlangen, daß die
Behandlung der Kinder auf Medikamente umgestellt wird - auch wenn es sich
ganz eindeutig um psychologische Störungen handele, wie sie etwa nach
einer Scheidung der Eltern auftreten. Im Rahmen von managed care ist das
der billigste Weg, die Probleme loszuwerden, erklärte ein
Kinderpsychologe. Die häufig schweren Nebenwirkungen einer solchen
massiven Psychopharmaka-Therapie teilweise mit Todesfolge werden einfach nicht
zur Kenntnis genommen. Neben den physischen
Nebenwirkungen auf Herz und Kreislauf sind die psychischen Folgen auf
Geist und Seele der Kinder gar nicht absehbar: Amerika führt einen
Opiumkrieg gegen seine
Kinder.
Michel Steinberg
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