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Originally
appeared in The Wall Street Journal, Nov. 7, 1989. We are grateful for
permission to reprint this article.
Breggin ist
praktizierender Psychiater in Bethesda, Maryland, und Autor von Toxic
Psychiatry, von Talking Back to Prozac und Mitverfasser von The War Against
Children
Der weitverbreitete Gebrauch von
psychiatrischer Diagnose, Medikamenten und Einweisung in psychiatrische
Krankenhäuser erhebt ernsthafte Fragen, wie wir mit emotionalen
Belastungen von Kindern umgehen sollten. Bietet uns die Psychiatrie Antworten
an oder eine Flucht vor unseren eigenen Problemen auf Kosten unserer
Kinder?
Die vollständige Anzahl der
psychiatrischen Einweisungen von Kindern unter 18 Jah-ren stieg von 82.000 in
1980 auf 112.000 in 1986, mit dem höchsten Zuwachs in privaten, auf Profit
ausgerichteten Institutionen. Die Zahlen eskalieren weiterhin, und der
Präsident der American Academy of Child and Adolescent
Psychiatry bezeichnet die neulichen Zunahmen als
enorm."
Die Ausgabe vom 7. Juli der
Psychiatric News, der offiziellen Zeitung der American
Psychiatric Association (Amerikanische Gesellschaft für
Psychiatrie), beschreibt den Mißbrauch, der mit der Einweisung von
Kindern in psychiatrische Kliniken getrieben wird, als skandalös. Paul
Fink, ehemaliger Präsident der Gesellschaft, wird mit der Aussage zitiert,
daß das meiste an der Kritik gerechtfertigt sei."
Vizepräsident
Lawrence Hartmann, Vorsitzender im
Komitee der Gesellschaft, der das Problem untersuchte, bezeichnete es als
kurzsichtige Profitmacherei" von einigen privaten, auf Gewinn
ausgerichteten Krankenhäusern. Das sind starke Aussagen von einer
Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Interessen und das Image
des Berufsstandes weiter zu fördern.
Viel Druck innerhalb der Psychiatrie
begründet die Zunahme an stationären Aufnahmen von Kindern und
Jugendlichen. Finanziell geht es der Psychiatrie seit den
70er Jahren relativ schlecht, da
Psychiater auf der medizinischen Einkommensskala rangmäßig unten
stehen. Psychiater, die ambulante Psychotherapie, einschließlich Kinder-
und Familientherapie anbieten, sind gezwungen worden, mit drastischen
Kürzungen bei der Kostendeckung durch die Krankenversicherung fertig zu
werden. Sie stehen in starker Konkurrenz mit weniger teuren nichtmedizinischen
Therapeuten. Auf diese Weise können sie es praktischer und lohnender
finden, Kinder für die Dauer ihrer Versicherung zu hospitalisieren.
Derselbe Druck hat die Psychiatrie
motiviert, eine verstärkte Haltung in bezug auf das Diagnostizieren von
Kindern als psychisch Kranke einzunehmen und sie mit Medikamenten innerhalb
oder außerhalb der Krankenhäuser zu behandeln. Organisationen wie
das National Institute of Mental Health (NIMH) und die
American Psychiatric Association haben Schätzungen
vorgezeigt, daß etwa 20 % oder mehr amerikanische Kinder psychiatrische
Behandlung benötigen. In der Presse werden diese Behauptungen als
wissenschaftliche Untersuchungen" bezeichnet anstatt als aggressive
Werbung und Beeinflussung der Abgeordneten.
Viele diagnostizierte Kinder werden
medikamentös behandelt, und nicht weniger als einer Million Kindern wird
nun Ritalin verschrieben, ein Medikament, das wilde, rebellische oder unruhige
Kinder ruhigstellt, wobei es sich fast immer um Jungen handelt. Ich habe
Fälle gesehen, in denen Kinder und Jugendliche hospitalisiert worden sind
als Folge der schädigenden Auswirkungen dieser Medikamente, die
suchterzeugend sind und gerade dieselben Probleme, die sie behandeln sollen,
hervorrufen können, nämlich Unaufmerksamkeit und
Überaktivität.
Ein Elternteil zu sein ist der
härteste Beruf auf der Welt, und Psychiater haben keine spezifischen
Qualifikationen oder Berufsausbildung auf diesem Gebiet. Wenn ein Elternteil
einen modernen Psychiater aufsucht, um Rat einzuholen, wie mit einem Kind
umzugehen ist, so gibt es wenig Grund anzunehmen, daß die Vorstellungen
des Psychiaters zu diesem Thema genauso vernünftig sind wie die eines
freundlichen, erfahrenen Nachbarn oder Großelternteils. Zunehmend werden
Psychiater vorwiegend in harten Wissenschaften", wie Medizin, Biochemie,
Neuroanatomie und Psychopharmakologie ausgebildet. Natürlich wird der
Psychiater sich Lösungen zuwenden, mit denen er oder sie sich am besten
identifizieren kann und auskennt - Diagnose, Medikamente und
Krankenhauseinweisung.
Andere Druckmittel, um Kinder
stationär zu behandeln, liegen außerhalb der Psychiatrie, jedoch in
der Handhabung der ärztlichen Versorgung im allgemeinen.
Hervorsprießende Ketten von
profitorientierten Krankenhäusern haben harte Konkurrenz um Patienten
geschaffen und sich zunehmend auf relativ niedrige Unkosten der
hochprofitorientierten Psychiatriebetten verlassen. Bemühungen der
Bundesregierung und privater Versicherungen, die Kosten der medizinischen
Hospitalisation zu kontrollieren, haben die Krankenhäuser dazu getrieben,
leichteren Profit auf den weniger regulierten psychiatrischen Schauplätzen
zu suchen.
In den 60er Jahren erklärten viele
Bücher, Berichte und Kommissionen, daß die öffentlichen Schulen
für die Lernfähigkeit von Kindern untauglich würden. Reformen
würden benötigt, um mit energiegeladenen jungen Menschen umzugehen,
die mit unterbesetztem Personal in langweiligen, autoritär geführten
Klassenzimmern zusammengepfercht seien. Wenige dieser Reformen fanden statt.
Statt dessen wandten sich die Schulen psychiatrischer Diagnose und Behandlung
als Lösung für Verhal-tens- und Lernprobleme" zu. Eine massive
Industrie für seelische Gesundheit förderte die Schuldzuweisung der
Kinder für die Probleme der Familie und Gesellschaft.
Die Septemberausgabe 1989 der
Clinical Psychiatric News berichtet über eine Studie, die
darauf hinweist, daß eine Menge Ärger, die Kinder den
Erwachsenen, insbesondere Lehrern bereiten, die treibende Kraft zu sein
scheint, die für die Überweisung der Kinder an Einrichtungen für
seelische Gesundheit entscheidend ist." Diejenigen, die zur psychiatrischen
Behandlung überwiesen worden waren, wurden von Lehrern als schwierig
betrachtet und waren eher schwarz, männlichen Geschlechts und
arm."
Verschiedene Trends innerhalb der Familie
haben es Eltern zunehmend schwerer gemacht, ihre Kinder großzuziehen. Es
ist zur Regel geworden, daß beide Elternteile arbeiten, und sog.
Schlüsselkinder sind etwas Alltägliches geworden. Eine neuliche
Studie zeigt, daß die Wahrscheinlichkeit, daß diese Kinder sich
Drogen zuwenden, zweimal höher liegt.
In zerrütteten Familien können
es gestreßte Mütter, die oft der Doppelbelastung als
Ganztagsverdiener ausgesetzt sind, als äußerst schwierig empfinden,
ihre Kinder großzuziehen. Für eine alleinstehende berufstätige
Mutter, die ohne einen aktiv beteiligten Vater ein Kind aufziehen muß,
kann es fast unmöglich sein, einen wilden Jungen großzuziehen. Das
Kind wird leichtfertig diagnostiziert, an Hyperaktivität" zu leiden,
oder es wird mit der neuesten Marotte, der Diagnose
Aufmerksamkeitsstörung", behaftet. Ich habe sie als
Aufmerksamkeitsstörung des Vaters" bezeichnet, um die Situation der
meisten schwer umgänglichen" Jungen darzustellen.
Als Psychiater bin ich insbesondere
besorgt darüber, wie die Erklärungen der psychiatrischen
Ärzteschaft darauf abzielen, daß dem Kind für die Probleme der
Eltern, Familien, Schulen und Gesellschaft die Schuld zugewiesen wird.
Zunehmend finden es Schulen und Eltern beruhigend, die neue biologische
Orientierung der Psychiatrie zu akzeptieren, die das Kind als genetisch und
biologisch defekt erklärt und für eine psychiatrische Behandlung,
auch mit Medikamenten und Krankenhauseinweisung, als geeignet betrachtet.
Eltern sind der Versuchung ausgesetzt,
die Verantwortung für das Großziehen ihrer Kinder aufzugeben und
schädigen dabei nicht nur ihre Nachkommen, sondern bringen sich selbst um
die Befriedigung, gute Eltern zu sein. Die Kinder werden gebrandmarkt und
fühlen sich schuld an Problemen, die fast immer völlig
außerhalb ihrer Kontrolle liegen.
Wir brauchen eine dramatische
Kehrtwendung, indem wir als verantwortliche Erwachsene die Verantwortung
für unsere Kinder wieder übernehmen.
4628 Chestnut Street
Bethesda, Maryland 20814
USA
breggin@tmn.com
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