Die »Columbia«-Katastrophe: Der Pate der
Space-Shuttle-Flotte ist das Pentagon Der Absturz der ältesten, 1981
erstmals gestarteten amerikanischen Raumfähre »Columbia« hat
die nie verstummte Diskussion über den Sinn der bemannten Raumfahrt neu
entfacht. Immerhin betragen die bisherigen Kosten der Entwicklung und Fertigung
der fünf im Weltraum einsetzbaren Orbiter »Columbia«,
»Challenger«, »Discovery«, »Atlantis« und
»Endeavour« sowie für ihren Einsatz und die Wartung bei
113 Missionen rund 80 Milliarden Dollar. Zwei der Raumfähren, die
»Challenger« und die »Columbia« stürzten ab, womit
die Space-Shuttle-Flotte zu 40 Prozent vernichtet wurde. Zugleich
verschwendeten die USA in den letzten 20 Jahren 125 Milliarden Dollar für
Sternenkriegspläne zuerst mit dem Schwindeletikett SDI (Strategic
Defense Initiative = Strategische Verteidigungsinitiative) versehen, heute NMD
(National Missile Defense = Nationale Raketenabwehr) genannt, ohne daß
ein funktionierendes Abwehrsystem zustande kam.
Auch das
Space-Shuttle-Programm wurde und wird weitgehend von Militärs bestimmt.
Etwa ein Viertel aller Missionen diente unter der Bezeichnung DoD (Departement
of Defense Verteidigungsministerium) und der höchsten
Geheimhaltungsstufe »cocmic secret« ausschließlich oder
überwiegend militärischen Zwecken. Bei den meisten Einsätzen der
Raumfähren fanden einzelne oder mehrere Experimente im Auftrag des
Pentagon statt.
So auch bei der 28. Mission der »Columbia«.
Das als »letzte reine Forschungsmission« deklarierte Unternehmen,
das nicht zur internationalen Raumstation führte, stand weitgehend unter
der Regie der Militärs. Kein Wunder, wenn sechs der sieben Crewmitglieder
hohe Offiziere mit Diensträngen von Oberstleutnant und Oberst der Air
Force sowie Fregattenkapitän und Kapitän der Navy einnahmen.
Der erste israelische Astronaut Ilan Ramon war Oberst der
Luftstreitkräfte und Chef für Entwicklung, Bedarf und Beschaffung von
Waffen. 1973 hatte er am Jom-Kippur-Krieg und 1982 an der Invasion gegen
Libanon teilgenommen. Einer der Schwerpunkte seiner Arbeit an Bord der
»Columbia« war die Beobachtung der Wüstenregionen um das
Mittelmeer mit einer Multispektralkamera, die von den Militärs als
exzellentes Aufklärungsmittel eingesetzt wird. Israel, der 33. Staat, der
bemannte Raumfahrt betreibt, verfügt über solche Aufnahmegeräte
mit einem Auflösungsvermögen von ein bis zwei Metern. Da die
»Columbia« die Erde in einer Höhe von 278 Kilometer und einem
Neigungswinkel ihrer Bahn zum Äquator von 39 Grad 16 Tage lang umflog,
hatte sie alle Länder des Nahen und Mittleren Ostens, insbesondere die
»Schurkenstaaten« Irak, Iran und Syrien direkt im Visier.
Gefährliche Feststoffbooster
Anfang der sechziger
Jahre hatte die amerikanische Weltraumbehörde NASA Studien für einen
Space Shuttle in Auftrag gegeben, der zwischen der Erde und einer für die
zweite Hälfte der siebziger Jahre geplanten Raumstation hin- und
herpendeln sollte. Nachdem die Station aus Kostengründen gestrichen worden
ist, wäre der Raumpendler, der kein Anflugziel mehr hatte, nicht unbedingt
notwendig gewesen. Doch das Pentagon hatte Interesse an einem Raumkreuzer, es
stand Pate für den Space Shuttle.
Von den hochfliegenden
Plänen eines vollständig wiederverwendbaren Raumflugkörpers
blieb allerdings nicht viel übrig. Budgetkürzungen führten dazu,
daß der große Außentank als teurer Schrott zurück ins
Meer stürzte und die ursprünglich vorgeschriebenen Katapultsitze
für die Besatzungen entfielen. Statt relativ sicherer
Flüssigkeitstriebwerke als Starthilfe wurden zwei gefährliche
Feststoffbooster verwandt, obwohl Wernher von Braun, der »Vater der
Saturn«, nachdrücklich davor gewarnt hatte. Defekte Dichtungsringe
an einer dieser Raketen waren denn ja auch die Ursache für das bis dahin
schwerste Unglück der bemannten Raumfahrt die Explosion der
»Challenger« am 28. Januar 1986, der sieben Astronauten, darunter
zwei Frauen, zum Opfer fielen.
Doch zunächst gab US-Präsident
Robert Nixon 1972 mit seinem »shuttle go« den Auftrag zum Bau einer
Flotte von fünf Orbitern, die zwischen 1978 und 1990 insgesamt 581
Flüge unternehmen sollten, von denen ein großer Teil
militärischen Zwecken gedient hätte. Pro Jahr wären das 48
Missionen gewesen. Die Realität sieht etwas anders aus: 113 Missionen in
den 22 Jahren von 1981 bis 2003 macht gerademal fünf Einsätze im
Jahr.
Zwischen Anfang der siebziger und Anfang der achtziger Jahre
verdoppelte sich der Stückpreis für einen Raumgleiter von 675
Millionen auf 1,47 Milliarden Dollar, und die Kosten für eine Mission
stiegen von 28 Millionen auf 260 Millionen Dollar um fast das Zehnfache. Nach
der Planung sollten die Transportkosten je Kilogramm Nutzlast gegenüber
herkömmlichen Trägerraketen auf 220 Dollar sinken, tatsächlich
erhöhten sie sich auf 11000 Dollar um das Fünfzigfache. Die
Nutzlastkapazität erreichte statt 30 nur 24 Tonnen, die Zeit zwischen
Landung und Neustart statt sieben Tage sieben Wochen.
Doch die
Wünsche der Generale, insbesondere der Air Force, gingen in
Erfüllung. Ihnen wurden schnelle Raumkreuzer zur Verfügung gestellt,
die einen festen Platz in den am 23. März 1983 von Ronald Reagan
verkündeten »Star Wars«-Plänen erhielten. Schon im
März 1974 hatte der Programmleiter der NASA, Dr. Myron Malkin,
bekanntgegeben, daß mindestens ein Drittel aller Missionen dem Pentagon
dienen und vom Luftwaffenstützpunkt Vandenberg in Kalifornien starten
werden. Generale und Admirale zogen in die Chefetage der NASA ein, Obristen und
Kapitäne in alle Gliederungen der Weltraumagentur, die mit dem Space
Shuttle zu tun hatten. Auf der Air-Force-Basis Vandenberg entstanden eine
eigene Startrampe und ein Bodenkontrollsystem für die militärischen
Missionen. In Kreisen des Pentagon wurde ganz offen darüber diskutiert,
aus zwei der fünf geplanten Orbiter eine eigene Flotte von Raumkreuzern zu
formieren, um nicht jedesmal die Unternehmen des Pentagon mit der NASA
abstimmen zu müssen. In Colorado Springs wurde ein vereinigtes Space
Comand der Teilstreitkräfte gegründet und der Vizedirektor der NASA
und Leiter des Büros für Raumtransportsysteme,
Luftwaffen-Generalleutnant James Abrahamson zum Chef der Organisation für
Strategische Verteidigungsinitiative SDIO berufen.
Die »Blue
Shuttles«
Die US-Air-Force machte mit martialischen Grafiken ihre
Ansprüche an die »Blue Shuttles« deutlich, so genannt wegen
der beabsichtigten luftwaffenblauen Lackierung des zentralen Außentanks,
auf dem der Orbiter huckepack startet. Auf einer dieser Zeichnungen mit der
Unterschrift »Satellite napping« ist ein Kidnapping im Kosmos zu
erkennen, bei dem in den freien Weltraum ausgestiegene Militärastronauten
einer russischen Salut-Station die Solarzellen abhacken, um sie in den
geöffneten Laderaum des Space Shuttle zu verfrachten und als
Sternenkriegsbeute zur Erde zu bringen. Eine andere Darstellung zeigt die
»Star Warriors« (Sternenkrieger) mit ihren Raumkreuzern im Einsatz
gegen sowjetische Satelliten und Raumschiffe, die mit Laserkanonen beschossen
werden. Im einzelnen wurden folgende militärischen Potenzen der schnellen
Raumkreuzer dargestellt, die zum Teil auch realisiert wurden:
Forschung, Entwicklung und Erprobung neuer kosmischer Waffensysteme wie
Antiraketen, Leserkanonen und Killersatelliten;
Aufklärung
und Spionage militärischer und industrieller Objekte auf der Erde;
Führung und Feuerleitung für strategische
Verbände zu Lande, zu Wasser und in der Luft;
Transport von
militärischen Objekten wie Angriffs- und Abwehrraketen in den erdnahen
Weltraum;
Nachtanken militärischer Raumflugkörper in
der Erdumlaufbahn;
Verfolgen und Kapern feindlicher
Raumflugkörper;
Blenden und Zerstören feindlicher
Objekte im Orbit.
In seinem Buch »SOS im All« vermerkt
Matthias Gründer: »Zwar überboten sich die Propagandisten des
Ostblocks lauthals in ihren Beschuldigungen, die USA betrieben machtvoll die
Militarisierung des Weltraums, doch waren die Sowjets in dieser Beziehung nicht
gerade Waisenknaben.« So verbargen sich hinter den Bezeichnungen Salut 2,
Salut 3 und Salut 5 militärische Projekte des Typs Almas (Diamant), die
mit zahlreichen optischen und elektronischen Beobachtungsgeräten für
eine dreiköpfige Besatzung ausgerüstet waren. Aufklärungsfotos
wurden an Bord entwickelt und per chiffriertem Funkkanal zur Erde
übertragen.
30873 Siliziumkacheln
Die
»Columbia«, der erste im Weltraum einsetzbare Orbiter der
Space-Shuttle-Flotte, verlor schon 1980 während ihrer Testflüge, zu
denen sie huckepack auf einer Boeing 747 CA transportiert wurde, bei
Freiflügen in der Atmosphäre Tausende Keramikkacheln ihres
Hitzeschildes. Das brachte der ältesten Raumfähre den Beinamen
»Dachziegelbomber« ein. 30873 ziegelartige Siliziumkacheln mit
einer Gesamtmasse von 8000 Kilogramm sollten die »Columbia« beim
Wiedereintritt in die Atmosphäre schützen. Beginnend in etwa 150
Kilometer Höhe wird die Geschwindigkeit von mehr als 28000 auf weniger als
1000 Kilometer in der Stunde abgebremst. Die dabei auftretenden Temperaturen
heizen die Oberfläche des Orbiters bis zu 1700 Grad Celsius auf. Im
Vergleich dazu liegen die Schmelzpunkte von Stahl bei 1350, die von Eisen bei
1580 und die von Titan bei 1800 Grad. Je nach Belastung bestehen die Kacheln
aus fünf verschiedenen Materialien unterschiedlicher Stärke. Die am
meisten aufgeheizte Rumpfspitze und Unterseite wird von einer zehn Zentimeter
dicken Schicht aus Karbon und Borsilikatschaum geschützt. Während der
ersten Weltraumeinsätze 1981 und 1982 verlor die »Columbia«
immer noch Hunderte Kacheln, und Tausende mußten erneuert werden. Das war
eine außerordentlich komplizierte Arbeit, da der Form nach kaum einer der
»Ziegel« dem anderen glich. Mit dem nach langem Suchen entwickelten
Klebstoff Ludux schien das Problem gelöst, obwohl auch weiterhin einzelne
Kacheln verlorengingen.
US-Präsident George W. Bush, der sich als
»Enkel Reagans« betrachtet, erhöhte nach der
»Columbia«-Katastrophe als »Soforthilfe« die Mittel
für die Space-Shuttle-Flotte in dem am 1. Oktober beginnenden
Haushaltsjahr 2004 von 3,2 auf 3,9 Milliarden Dollar. Dazu kommen im gleichen
Zeitraum 7,4 Milliarden Dollar für sein Sternenkriegsprogramm.
Um
die Frage nach dem Sinn der bemannten Raumfahrt zu beantworten, muß
folgendes bedacht werden: Seit dem Start von Sputnik 1 im Jahre 1957 starteten
etwa 5000 Raumflugkörper, von denen 243, also knapp fünf Prozent,
bemannt waren. Insgesamt wurden mehr als eine Billion Dollar, das sind
eintausend Milliarden Dollar, für die Raumfahrt ausgegeben, davon 75
Prozent für militärische Zwecke. Die friedliche Erforschung und
Nutzung des Weltraums hat jedoch der Menschheit schon vieles gebracht, was
heute als selbstverständlich gilt weltweite
Nachrichtenverbindungen, sichere Navigation für die See- und Luftfahrt,
Erkundung von Bodenschätzen, neue Medizintechnik und exotische Werkstoffe.
Die Raumfahrtmedizin bereicherte die Früherkennung und Behandlung von
Erkrankungen des Herz-Kreislauf- und des Nervensystems, der Osteoporose und der
Muskelatrophie. Neue Erkenntnisse hinsichtlich der Bekämpfung von Krebs
und AIDS sind von der medizinischen Grundlagenforschung auf der internationalen
Raumstation zu erwarten. Deshalb, Kampf gegen den militärischen
Mißbrauch und für den zivilen Gebrauch.
Keine
Rettungschancen
Noch sind die Ursachen für das Auseinanderbrechen
und den Absturz der »Columbia« aus 63 Kilometer Höhe am 1.
Februar nicht geklärt. Die Katastrophe kann auf eine Beschädigung des
Hitzeschildes der Raumfähre durch Weltraummüll beim Start am 16.
Januar zurückgehen. Aber auch ein Versagen des Autopiloten für die
Steuerung des Orbiters beim Wiedereintritt in die dichten Schichten der
Erdatmosphäre, ein falscher Eintauchwinkel oder das Zusammentreffen
mehrerer Faktoren ist möglich.
Neueste Informationen lassen darauf
schließen, daß die sieben Astronauten keine Chance hatten, sich zu
retten. Zwar gab es zwei Raumanzüge an Bord, aber keine Luftschleuse
für den Ausstieg in den freien kosmischen Raum, um den Schaden in
Augenschein zu nehmen. Die Schleuse war durch den Tunnel blockiert, der das
Mitteldeck mit dem doppelten Forschungslabor Spacehab in der Ladebucht verband,
wo es ebenfalls keine Ausstiegsmöglichkeiten gab. Zwar hätte die
»Columbia« in die Nähe der internationalen Raumstation
manöveriert werden können, doch ein Anlegen wäre unmöglich
gewesen, weil die Raumfähre keinen Kopplungsadapter mitführte. Der
Umstieg durch den Weltraum aber ließ sich mangels Schleuse nicht
bewerkstelligen. Die Astronauten saßen also wie in einer
Gefängniszelle, die sich weder von innen noch von außen öffnen
ließ.
Völlig unklar ist, wie lange die restlichen drei
Raumfähren Startverbot haben und wie es mit der internationalen
Raumstation weitergeht. Die sechste Stammbesatzung der ISS zwei
Amerikaner und ein Russe, die von der siebenten Expeditionscrew zwei
Russen und ein Amerikaner mit der »Atlantis« im März
abgelöst werden sollten, könnten mit dem vor Anker liegenden
Rettungsraumschiff Sojus TMA-1 zur Erde zurückkehren bzw. mit Sojus TMA-2
im April die Station anfliegen. Auch ein zeitweilig unbemannter Betrieb der ISS
wäre möglich.
Katastrophen
Am 27. Januar 1967
verbrannten drei amerikanische Astronauten infolge eines Kurzschlusses in der
Kabinenatmosphäre aus reinem Sauerstoff bei einem Bodentest der
Apollo-Kapsel auf Cape Canaveral.
Am 24. April 1967 kam ein
sowjetischer Kosmonaut ums Leben, weil das Landefallschirmsystem von Sojus 1
versagte.
Am 29. Juni 1971 führte eine Dekompression der
Rückkehrkapsel von Sojus 11 während des Abstiegsmanövers von der
Orbitalstation Salut zum Tod der dreiköpfigen Mannschaft.
Am 28.
Januar 1986 explodierte die Raumfähre »Challenger« 73 Sekunden
nach dem Start von Cape Canaveral acht Kilometer vor der Küste Floridas in
16 Kilometer Höhe über dem Atlantik. Die sieben Besatzungsmitglieder
zwei Frauen und fünf Männer fanden beim Absturz den
Tod.
Am 1. Feburar 2003 zerbrach der Orbiter »Columbia«
beim Landeanflug 63 Kilometer über Texas und forderte sieben Todesopfer
zwei Frauen und fünf Männer.
Beinahe-Katastrophen
Am 14. April 1970 geriet die dreiköpfige Besatzung von Apollo 13
beim Anflug auf den Mond in akute Raumnot, da ein Sauerstofftank der
Brennstoffzellen des Servicemoduls explodierte und die gesamte
Energieversorgung ausfiel. Doch mit Hilfe der Systeme der Mondfähre gelang
es, nach Umfliegung des Mondes eine Rückkehrbahn zur Erde zu erreichen und
im Pazifik zu wassern.
Am 5. April 1975 mußte die
zweiköpfige Besatzung des Raumschiffes Sojus 18-1 wegen fehlerhaften
Arbeitens des Trägerraktensystems mit Hilfe der Rettungsrakete notlanden.
Am 26. September 1983 geriet die Trägerrakete für das
Raumschiff Sojus T-10-1 auf der Rampe von Baikonur in Brand. Die beiden
Kosmonauten landeten mit ihrer Rettungsrakete, wobei Belastungen bis zum
Zwanzigfachen des Körpergewichts auftraten. |