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08.02.2003 Horst Hoffmann Junge Welt
»Dachziegelbomber«
Die »Columbia«-Katastrophe: Der Pate der Space-Shuttle-Flotte ist das Pentagon
Der Absturz der ältesten, 1981 erstmals gestarteten amerikanischen Raumfähre »Columbia« hat die nie verstummte Diskussion über den Sinn der bemannten Raumfahrt neu entfacht. Immerhin betragen die bisherigen Kosten der Entwicklung und Fertigung der fünf im Weltraum einsetzbaren Orbiter – »Columbia«, »Challenger«, »Discovery«, »Atlantis« und »Endeavour« – sowie für ihren Einsatz und die Wartung bei 113 Missionen rund 80 Milliarden Dollar. Zwei der Raumfähren, die »Challenger« und die »Columbia« stürzten ab, womit die Space-Shuttle-Flotte zu 40 Prozent vernichtet wurde. Zugleich verschwendeten die USA in den letzten 20 Jahren 125 Milliarden Dollar für Sternenkriegspläne – zuerst mit dem Schwindeletikett SDI (Strategic Defense Initiative = Strategische Verteidigungsinitiative) versehen, heute NMD (National Missile Defense = Nationale Raketenabwehr) genannt, ohne daß ein funktionierendes Abwehrsystem zustande kam.

Auch das Space-Shuttle-Programm wurde und wird weitgehend von Militärs bestimmt. Etwa ein Viertel aller Missionen diente unter der Bezeichnung DoD (Departement of Defense – Verteidigungsministerium) und der höchsten Geheimhaltungsstufe »cocmic secret« ausschließlich oder überwiegend militärischen Zwecken. Bei den meisten Einsätzen der Raumfähren fanden einzelne oder mehrere Experimente im Auftrag des Pentagon statt.

So auch bei der 28. Mission der »Columbia«. Das als »letzte reine Forschungsmission« deklarierte Unternehmen, das nicht zur internationalen Raumstation führte, stand weitgehend unter der Regie der Militärs. Kein Wunder, wenn sechs der sieben Crewmitglieder hohe Offiziere mit Diensträngen von Oberstleutnant und Oberst der Air Force sowie Fregattenkapitän und Kapitän der Navy einnahmen.

Der erste israelische Astronaut Ilan Ramon war Oberst der Luftstreitkräfte und Chef für Entwicklung, Bedarf und Beschaffung von Waffen. 1973 hatte er am Jom-Kippur-Krieg und 1982 an der Invasion gegen Libanon teilgenommen. Einer der Schwerpunkte seiner Arbeit an Bord der »Columbia« war die Beobachtung der Wüstenregionen um das Mittelmeer mit einer Multispektralkamera, die von den Militärs als exzellentes Aufklärungsmittel eingesetzt wird. Israel, der 33. Staat, der bemannte Raumfahrt betreibt, verfügt über solche Aufnahmegeräte mit einem Auflösungsvermögen von ein bis zwei Metern. Da die »Columbia« die Erde in einer Höhe von 278 Kilometer und einem Neigungswinkel ihrer Bahn zum Äquator von 39 Grad 16 Tage lang umflog, hatte sie alle Länder des Nahen und Mittleren Ostens, insbesondere die »Schurkenstaaten« Irak, Iran und Syrien direkt im Visier.


Gefährliche Feststoffbooster

Anfang der sechziger Jahre hatte die amerikanische Weltraumbehörde NASA Studien für einen Space Shuttle in Auftrag gegeben, der zwischen der Erde und einer für die zweite Hälfte der siebziger Jahre geplanten Raumstation hin- und herpendeln sollte. Nachdem die Station aus Kostengründen gestrichen worden ist, wäre der Raumpendler, der kein Anflugziel mehr hatte, nicht unbedingt notwendig gewesen. Doch das Pentagon hatte Interesse an einem Raumkreuzer, es stand Pate für den Space Shuttle.

Von den hochfliegenden Plänen eines vollständig wiederverwendbaren Raumflugkörpers blieb allerdings nicht viel übrig. Budgetkürzungen führten dazu, daß der große Außentank als teurer Schrott zurück ins Meer stürzte und die ursprünglich vorgeschriebenen Katapultsitze für die Besatzungen entfielen. Statt relativ sicherer Flüssigkeitstriebwerke als Starthilfe wurden zwei gefährliche Feststoffbooster verwandt, obwohl Wernher von Braun, der »Vater der Saturn«, nachdrücklich davor gewarnt hatte. Defekte Dichtungsringe an einer dieser Raketen waren denn ja auch die Ursache für das bis dahin schwerste Unglück der bemannten Raumfahrt – die Explosion der »Challenger« am 28. Januar 1986, der sieben Astronauten, darunter zwei Frauen, zum Opfer fielen.

Doch zunächst gab US-Präsident Robert Nixon 1972 mit seinem »shuttle go« den Auftrag zum Bau einer Flotte von fünf Orbitern, die zwischen 1978 und 1990 insgesamt 581 Flüge unternehmen sollten, von denen ein großer Teil militärischen Zwecken gedient hätte. Pro Jahr wären das 48 Missionen gewesen. Die Realität sieht etwas anders aus: 113 Missionen in den 22 Jahren von 1981 bis 2003 macht gerademal fünf Einsätze im Jahr.

Zwischen Anfang der siebziger und Anfang der achtziger Jahre verdoppelte sich der Stückpreis für einen Raumgleiter von 675 Millionen auf 1,47 Milliarden Dollar, und die Kosten für eine Mission stiegen von 28 Millionen auf 260 Millionen Dollar um fast das Zehnfache. Nach der Planung sollten die Transportkosten je Kilogramm Nutzlast gegenüber herkömmlichen Trägerraketen auf 220 Dollar sinken, tatsächlich erhöhten sie sich auf 11000 Dollar um das Fünfzigfache. Die Nutzlastkapazität erreichte statt 30 nur 24 Tonnen, die Zeit zwischen Landung und Neustart statt sieben Tage sieben Wochen.

Doch die Wünsche der Generale, insbesondere der Air Force, gingen in Erfüllung. Ihnen wurden schnelle Raumkreuzer zur Verfügung gestellt, die einen festen Platz in den am 23. März 1983 von Ronald Reagan verkündeten »Star Wars«-Plänen erhielten. Schon im März 1974 hatte der Programmleiter der NASA, Dr. Myron Malkin, bekanntgegeben, daß mindestens ein Drittel aller Missionen dem Pentagon dienen und vom Luftwaffenstützpunkt Vandenberg in Kalifornien starten werden. Generale und Admirale zogen in die Chefetage der NASA ein, Obristen und Kapitäne in alle Gliederungen der Weltraumagentur, die mit dem Space Shuttle zu tun hatten. Auf der Air-Force-Basis Vandenberg entstanden eine eigene Startrampe und ein Bodenkontrollsystem für die militärischen Missionen. In Kreisen des Pentagon wurde ganz offen darüber diskutiert, aus zwei der fünf geplanten Orbiter eine eigene Flotte von Raumkreuzern zu formieren, um nicht jedesmal die Unternehmen des Pentagon mit der NASA abstimmen zu müssen. In Colorado Springs wurde ein vereinigtes Space Comand der Teilstreitkräfte gegründet und der Vizedirektor der NASA und Leiter des Büros für Raumtransportsysteme, Luftwaffen-Generalleutnant James Abrahamson zum Chef der Organisation für Strategische Verteidigungsinitiative SDIO berufen.


Die »Blue Shuttles«

Die US-Air-Force machte mit martialischen Grafiken ihre Ansprüche an die »Blue Shuttles« deutlich, so genannt wegen der beabsichtigten luftwaffenblauen Lackierung des zentralen Außentanks, auf dem der Orbiter huckepack startet. Auf einer dieser Zeichnungen mit der Unterschrift »Satellite napping« ist ein Kidnapping im Kosmos zu erkennen, bei dem in den freien Weltraum ausgestiegene Militärastronauten einer russischen Salut-Station die Solarzellen abhacken, um sie in den geöffneten Laderaum des Space Shuttle zu verfrachten und als Sternenkriegsbeute zur Erde zu bringen. Eine andere Darstellung zeigt die »Star Warriors« (Sternenkrieger) mit ihren Raumkreuzern im Einsatz gegen sowjetische Satelliten und Raumschiffe, die mit Laserkanonen beschossen werden. Im einzelnen wurden folgende militärischen Potenzen der schnellen Raumkreuzer dargestellt, die zum Teil auch realisiert wurden:

– Forschung, Entwicklung und Erprobung neuer kosmischer Waffensysteme wie Antiraketen, Leserkanonen und Killersatelliten;

– Aufklärung und Spionage militärischer und industrieller Objekte auf der Erde;

– Führung und Feuerleitung für strategische Verbände zu Lande, zu Wasser und in der Luft;

– Transport von militärischen Objekten wie Angriffs- und Abwehrraketen in den erdnahen Weltraum;

– Nachtanken militärischer Raumflugkörper in der Erdumlaufbahn;

– Verfolgen und Kapern feindlicher Raumflugkörper;

– Blenden und Zerstören feindlicher Objekte im Orbit.

In seinem Buch »SOS im All« vermerkt Matthias Gründer: »Zwar überboten sich die Propagandisten des Ostblocks lauthals in ihren Beschuldigungen, die USA betrieben machtvoll die Militarisierung des Weltraums, doch waren die Sowjets in dieser Beziehung nicht gerade Waisenknaben.« So verbargen sich hinter den Bezeichnungen Salut 2, Salut 3 und Salut 5 militärische Projekte des Typs Almas (Diamant), die mit zahlreichen optischen und elektronischen Beobachtungsgeräten für eine dreiköpfige Besatzung ausgerüstet waren. Aufklärungsfotos wurden an Bord entwickelt und per chiffriertem Funkkanal zur Erde übertragen.


30873 Siliziumkacheln

Die »Columbia«, der erste im Weltraum einsetzbare Orbiter der Space-Shuttle-Flotte, verlor schon 1980 während ihrer Testflüge, zu denen sie huckepack auf einer Boeing 747 CA transportiert wurde, bei Freiflügen in der Atmosphäre Tausende Keramikkacheln ihres Hitzeschildes. Das brachte der ältesten Raumfähre den Beinamen »Dachziegelbomber« ein. 30873 ziegelartige Siliziumkacheln mit einer Gesamtmasse von 8000 Kilogramm sollten die »Columbia« beim Wiedereintritt in die Atmosphäre schützen. Beginnend in etwa 150 Kilometer Höhe wird die Geschwindigkeit von mehr als 28000 auf weniger als 1000 Kilometer in der Stunde abgebremst. Die dabei auftretenden Temperaturen heizen die Oberfläche des Orbiters bis zu 1700 Grad Celsius auf. Im Vergleich dazu liegen die Schmelzpunkte von Stahl bei 1350, die von Eisen bei 1580 und die von Titan bei 1800 Grad. Je nach Belastung bestehen die Kacheln aus fünf verschiedenen Materialien unterschiedlicher Stärke. Die am meisten aufgeheizte Rumpfspitze und Unterseite wird von einer zehn Zentimeter dicken Schicht aus Karbon und Borsilikatschaum geschützt. Während der ersten Weltraumeinsätze 1981 und 1982 verlor die »Columbia« immer noch Hunderte Kacheln, und Tausende mußten erneuert werden. Das war eine außerordentlich komplizierte Arbeit, da der Form nach kaum einer der »Ziegel« dem anderen glich. Mit dem nach langem Suchen entwickelten Klebstoff Ludux schien das Problem gelöst, obwohl auch weiterhin einzelne Kacheln verlorengingen.

US-Präsident George W. Bush, der sich als »Enkel Reagans« betrachtet, erhöhte nach der »Columbia«-Katastrophe als »Soforthilfe« die Mittel für die Space-Shuttle-Flotte in dem am 1. Oktober beginnenden Haushaltsjahr 2004 von 3,2 auf 3,9 Milliarden Dollar. Dazu kommen im gleichen Zeitraum 7,4 Milliarden Dollar für sein Sternenkriegsprogramm.

Um die Frage nach dem Sinn der bemannten Raumfahrt zu beantworten, muß folgendes bedacht werden: Seit dem Start von Sputnik 1 im Jahre 1957 starteten etwa 5000 Raumflugkörper, von denen 243, also knapp fünf Prozent, bemannt waren. Insgesamt wurden mehr als eine Billion Dollar, das sind eintausend Milliarden Dollar, für die Raumfahrt ausgegeben, davon 75 Prozent für militärische Zwecke. Die friedliche Erforschung und Nutzung des Weltraums hat jedoch der Menschheit schon vieles gebracht, was heute als selbstverständlich gilt – weltweite Nachrichtenverbindungen, sichere Navigation für die See- und Luftfahrt, Erkundung von Bodenschätzen, neue Medizintechnik und exotische Werkstoffe. Die Raumfahrtmedizin bereicherte die Früherkennung und Behandlung von Erkrankungen des Herz-Kreislauf- und des Nervensystems, der Osteoporose und der Muskelatrophie. Neue Erkenntnisse hinsichtlich der Bekämpfung von Krebs und AIDS sind von der medizinischen Grundlagenforschung auf der internationalen Raumstation zu erwarten. Deshalb, Kampf gegen den militärischen Mißbrauch und für den zivilen Gebrauch.


Keine Rettungschancen

Noch sind die Ursachen für das Auseinanderbrechen und den Absturz der »Columbia« aus 63 Kilometer Höhe am 1. Februar nicht geklärt. Die Katastrophe kann auf eine Beschädigung des Hitzeschildes der Raumfähre durch Weltraummüll beim Start am 16. Januar zurückgehen. Aber auch ein Versagen des Autopiloten für die Steuerung des Orbiters beim Wiedereintritt in die dichten Schichten der Erdatmosphäre, ein falscher Eintauchwinkel oder das Zusammentreffen mehrerer Faktoren ist möglich.

Neueste Informationen lassen darauf schließen, daß die sieben Astronauten keine Chance hatten, sich zu retten. Zwar gab es zwei Raumanzüge an Bord, aber keine Luftschleuse für den Ausstieg in den freien kosmischen Raum, um den Schaden in Augenschein zu nehmen. Die Schleuse war durch den Tunnel blockiert, der das Mitteldeck mit dem doppelten Forschungslabor Spacehab in der Ladebucht verband, wo es ebenfalls keine Ausstiegsmöglichkeiten gab. Zwar hätte die »Columbia« in die Nähe der internationalen Raumstation manöveriert werden können, doch ein Anlegen wäre unmöglich gewesen, weil die Raumfähre keinen Kopplungsadapter mitführte. Der Umstieg durch den Weltraum aber ließ sich mangels Schleuse nicht bewerkstelligen. Die Astronauten saßen also wie in einer Gefängniszelle, die sich weder von innen noch von außen öffnen ließ.

Völlig unklar ist, wie lange die restlichen drei Raumfähren Startverbot haben und wie es mit der internationalen Raumstation weitergeht. Die sechste Stammbesatzung der ISS – zwei Amerikaner und ein Russe, die von der siebenten Expeditionscrew – zwei Russen und ein Amerikaner – mit der »Atlantis« im März abgelöst werden sollten, könnten mit dem vor Anker liegenden Rettungsraumschiff Sojus TMA-1 zur Erde zurückkehren bzw. mit Sojus TMA-2 im April die Station anfliegen. Auch ein zeitweilig unbemannter Betrieb der ISS wäre möglich.


Katastrophen

Am 27. Januar 1967 verbrannten drei amerikanische Astronauten infolge eines Kurzschlusses in der Kabinenatmosphäre aus reinem Sauerstoff bei einem Bodentest der Apollo-Kapsel auf Cape Canaveral.

Am 24. April 1967 kam ein sowjetischer Kosmonaut ums Leben, weil das Landefallschirmsystem von Sojus 1 versagte.

Am 29. Juni 1971 führte eine Dekompression der Rückkehrkapsel von Sojus 11 während des Abstiegsmanövers von der Orbitalstation Salut zum Tod der dreiköpfigen Mannschaft.

Am 28. Januar 1986 explodierte die Raumfähre »Challenger« 73 Sekunden nach dem Start von Cape Canaveral acht Kilometer vor der Küste Floridas in 16 Kilometer Höhe über dem Atlantik. Die sieben Besatzungsmitglieder – zwei Frauen und fünf Männer – fanden beim Absturz den Tod.

Am 1. Feburar 2003 zerbrach der Orbiter »Columbia« beim Landeanflug 63 Kilometer über Texas und forderte sieben Todesopfer – zwei Frauen und fünf Männer.


Beinahe-Katastrophen

Am 14. April 1970 geriet die dreiköpfige Besatzung von Apollo 13 beim Anflug auf den Mond in akute Raumnot, da ein Sauerstofftank der Brennstoffzellen des Servicemoduls explodierte und die gesamte Energieversorgung ausfiel. Doch mit Hilfe der Systeme der Mondfähre gelang es, nach Umfliegung des Mondes eine Rückkehrbahn zur Erde zu erreichen und im Pazifik zu wassern.

Am 5. April 1975 mußte die zweiköpfige Besatzung des Raumschiffes Sojus 18-1 wegen fehlerhaften Arbeitens des Trägerraktensystems mit Hilfe der Rettungsrakete notlanden.

Am 26. September 1983 geriet die Trägerrakete für das Raumschiff Sojus T-10-1 auf der Rampe von Baikonur in Brand. Die beiden Kosmonauten landeten mit ihrer Rettungsrakete, wobei Belastungen bis zum Zwanzigfachen des Körpergewichts auftraten.


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Einen Herrn Bush zum Beispiel interessiert es herzlich wenig, ob Sie sich über ihn ärgern.
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