Um kreativem Ideenreichtum sind
Verschwörungstheoretiker eigentlich selten verlegen. Wenn es darum geht,
das Spekulieren, Mutmaßen und Verdächtigen zur hohen Kunst zu
verklären, laufen einige Zeitgenossen dieser Zunft meist zur
Höchstform auf. Die besten und spektakulärsten Karten ausspielen
können hierbei aber nur jene, die bei vermeintlichen Unfällen,
Attentaten, Katastrophen oder nebulösen Ereignissen und Vorgängen am
schnellsten reagieren und dabei eine möglichst brisante oder bizarre
Theorie lancieren.
Dass die NASA bei diesem Pokerspiel bislang selten
einen Joker zog oder mit einem Ass auftrumpfen konnte, hat sie in der
Vergangenheit mit ihrer zögerlichen Haltung zur Moon-Hoax-Debatte
oder UFO-Problematik des öfteren unter Beweis gestellt. Mal wurden
Spekulationen dieser Art heftigst, dann nur zögerlich dementiert, ein
anderes Mal übte sich die starr bürokratisch organisierte
Administration in verdächtigem Schweigen. Auch dieses Mal spielt die NASA
wieder einmal mit verdeckten Karten - zumindest in Bezug auf ein neues
Gerücht, das derzeit in Houston kursiert.
Haben "Hacker"
Flugposition der "Columbia" verändert?
Danach soll der
Absturz, vielmehr die Explosion der NASA-Raumfähre "Columbia" nun doch
einen terroristischen Hintergrund haben. "Hacker" hätten sich in das
NASA-Computersystem der Kontrollbehörde in Houston eingeschlichen und die
Position der "Columbia" dergestalt verändert, dass der Raumpendler beim
Wiedereintritt in die Atmosphäre, sobald sich der Hitzeschutzschild durch
die Reibung bis auf 3000 Grad Celsius "aufheizt", schutzlos aufgeliefert
gewesen sei. Womöglich galt dieser computergestützte Anschlag - so
die Version einiger (natürlich) namentlich nicht näher zu
spezifierenden Verschwörungstheoretiker - in erster Linie dem ersten
israelischen Astronauten im All (Ilan Ramon), der 1981 als Kampfflieger einen
Angriff auf den irakischen Atomreaktor Osirak geflogen hatte, weil Israel
(schon) damals die Entwicklung von Atomwaffen durch Bagdad befürchtete.
Doch die Hacker-Theorie - auch wenn einige Computer-Freaks in der
Vergangenheit das NASA-System partiell infiltrieren konnten -dürfte
mindestens genauso wenig seriös sein, wie der noch anfangs
geäußerte, derweil aber längst wieder ad acta gelegte Verdacht,
die "Columbia" sei einem Boden-Luft-Raketenangriff zum Opfer gefallen.
Inzwischen haben wohl selbst hartgesottene Verschwörungstheoretiker
eingesehen, dass keine ferngesteuerte Rakete dieser Welt die "Columbia" jemals
hätte abschießen können. Dafür flog die Raumfähre,
die noch kurz vor der Tragödie mit 20.000 Kilometern in der Stunde in
einer Höhe von 62.000 Meter durch die Atmosphäre raste, schlichtweg
zu hoch und zu schnell. Der Aussage von NASA-Chef Sean O'Keefe auf der ersten
Pressekonferenz, man habe "keine Anhaltspunkte für einen terroristischen
Anschlag", ist somit nichts mehr hinzuzufügen.
Beschädigung am Hitzeschutzschild höchstwahrscheinlich
Ursache
Tatsächlich deutet das mittlerweile vorliegende
NASA-Datenmaterial vielmehr darauf hin, dass die tödliche Katastrophe, der
am Samstag um 9.00 Uhr Ortszeit (MEZ 15.00 Uhr) 62 Kilometer über dem
Boden von Texas die siebenköpfige Crew der STS-Mission 107 zum Opfer
fiel, das tragische Ergebnis einer Verkettung von tragischen Umständen
gewesen war, dessen Ursache - wie 1986 beim Challenger-Unglück,
technischer Natur war - allerdings mit einem Unterschied: Die fatale
Kettenreaktion, die beim Challenger-Unglück damals ein defekter
Dichtungsring eines Feststoff-Boosters einleitete, bedingten bei der "Columbia"
offensichtlich einige defekte Kacheln des Hitzeschutzschildes.
Solche
aus gefilzten Glasfasern und Keramik bestehenden Kacheln bedecken bei einer
Space-Shuttle eine Fläche von 480 Quadratmetern und werden allesamt von
Hand verklebt. Erst wenn sämtliche der zirka 27.500 Kacheln auf der
Unterseite des Rumpfs, an der Nase des Shuttles und an den Vorderkanten der
Flügel sowie an denen des Seitenleitwerkes ordnungsgemäß
angebracht sind, gewinnt der Hitzeschild an Konturen und bietet einen wirksamen
Schutz gegen die hohen Temperaturen, denen ein Raumfahrzeug beim Wiedereintritt
in die Atmosphäre ausgesetzt ist. Wäre nur eine einzige der Kacheln
fehlerhaft oder unzureichend verklebt, bestände zumindest theoretisch die
Möglichkeit, dass beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre die
kleinen Platten dominosteinartig - Kachel für Kachel - abfallen: Das
Hitzeschild würde sich in seine einzelnen Bestandteile auflösen - das
Raumschiff ebenfalls.
Auch wenn nach jeder Landung und vor jedem
Shuttle-Start die Kacheln des Hitzeschildes einzeln und sorgfältig unter
die Lupe genommen werden, sind auch die NASA-Detektive bei ihrer Arbeit nicht
vor Unfehlbarkeit gefeit. Bei dem Shuttle-Raumpendler, der immerhin aus
über eine Million Einzelteilen besteht, muss stets damit gerechnet werden,
dass ein Techniker oder Ingenieur einen Fehler übersieht oder mal nach
einer Wartungsarbeit schlichtweg einen Schraubenschlüssel im Getriebe
einer Feststoff-Booster-Rakete zurücklässt, so wie dies vor Jahren
tatsächlich einmal geschehen ist (man stelle sich einmal den
Gesichtsausdruck jenes Ingenieurs vor, der besagtes Werkzeug damals in einer
der ausgebrannten Hilfsraketen vorfand).
Katastrophe begann 16 Tage
zuvor
Jetzt aber sieht die Sachlage gänzlich anders aus,
verdichten sich doch nach den ersten Ermittlungen der NASA zur Ursache der
Columbia-Katastrophe die Hinweise auf einen Schaden am Hitzeschild der
US-Raumfähre, der offensichtlich am 16. Januar beim Start der Fähre
auf der Rampe 39A des Kennedy Space Centers entstanden ist. Wie auf dem
offiziellen NASA-Video zu sehen ist, löste sich 80 Sekunden nach dem
Take-off ein 18 mal 76 Zentimeter großes Stück der
Hartschaumisolierung vom Treibstoff-Außentank der "Columbia" und prallte
dabei gegen den linken Flügel der Raumfähre. Eine weiße kleine
Rauchwolke, die auf dem Video zu sehen, dokumentiert die Aufprallphase. Bei der
Kollision des Isolationsmaterials mit dem linken Flügel wurde
höchstwahrscheinlich auch der Hitzeschutzschild in Mitleidenschaft
gezogen, der zwar nicht im Orbit, dafür aber umso dringlicher für den
Rückflug benötigt wird.
Für Dr. Ulrich Walter, der
1993 selbst mit der "Columbia" im All war, hat die NASA in diesem Punkt nur
unzureichend reagiert. "Die NASA hätte die Besatzung anweisen müssen,
in den Weltraum auszusteigen und das Shuttle zu inspizieren", merkt Walter an,
wo hingegen der Leiter des Shuttle-Programms Ron Dittemore betont, dass es
ohnehin keinerlei Möglichkeit gegeben hätte, ein eventuell
beschädigtes Hitzeschild bei einem Weltraumspaziergang zu reparieren.
Videos vom Start der Columbia zeigen, wie ein Teil
die Unterseite des linken Flügels trifft. Der Schaden könnte das
Unglück verursacht haben.
Dass dies jedoch im Vorfeld
versäumt wurde ist um so ärgerlicher, weil die NASA mit diesem
Problem nicht das erste Mal konfrontiert wurde. Sie hätte gewarnt sein
müssen, da sich bereits im Oktober 2002 beim Take-off der Mission STS-112
just an der gleichen Stelle ein Stück der Verkleidung löste.
Ungeachtet dessen reagierte die NASA aber erst nach dem für die Besatzung
der "Columbia" schicksalhaften 16. Januar und gab nach einer kurzen
Untersuchung wieder grünes Licht.
Ein Schaden an den isolierenden
Hitzekacheln sei an sich "nicht ungewöhnlich", sagte NASA-Chef Sean
O'Keefe gestern auf einer Pressekonferenz. Einen Schaden wie den jetzt an der
linken Seite der "Columbia" ermittelten habe es schon öfter gegeben, so
O'Keefe. Dennoch könne das Unglück dadurch ausgelöst worden
sein: "Wir werden jedes mögliche Szenario durchgehen."
Finstere Chronik
Inzwischen haben die NASA-Spezialisten
bei der Analyse der Chronologie der Ereignisse aus dem reichlich vorhandenen
Datenmaterial herausfiltern können, dass die ersten Anzeichen, die auf
eine ernstzunehmende Fehlerquelle hindeuteten, sich um 8.53 Uhr einstellten. Zu
dieser Minute registrierten die Flugingenieure im Kontrollzentrum einen Ausfall
der Temperatursensoren am Hydrauliksystem am linken Flügel der
Raumfähre. Kurz darauf, so heißt es in einem NASA-Statusbericht,
hätte man im linken mittleren Rumpfbereich und rings um den linken
Fahrwerksschacht der "Columbia" einen plötzlichen Temperaturanstieg um
fast 16 Grad verzeichnet, während auf der linken Seite zeitgleich der
Luftwiderstand zunahm. Dann sei die Temperatur auf der linken Seite des Rumpfes
um 32 Grad gestiegen. Als die "Columbia" einen Linksdrall bekam, habe der
Autopilot noch versucht, das Raumschiff zu stabilisieren. Wenig später sei
jedoch der Kontakt zur Raumfähre abgebrochen.
Nach Angaben des
Leiters des Shuttle-Programms Ron Dittemore könne die auffällige
Zunahme des Luftwiderstands auf der linken Seite ein Hinweis darauf sein, dass
eine isolierende Hitzekachel fehlte. Möglicherweise lösten sich
darauf hin in einer Art Kettenreaktion mehrere Kacheln und die Hitze brachte
das Metall des Shuttle zum Schmelzen. Hierzu passt die Meldung eines
Astronomen, der im US-Bundesstaat Kalifornien einem Zeitungsbericht zufolge
beobachtet haben will, wie die Raumfähre bereits über Kalifornien
mehr als 2000 Kilometer vom Explosionsort entfernt ein glühendes Teil
verlor. "Es war, als ob sie eine Leuchtkugel abwarf und weiterflog", sagte der
Wissenschaftler Anthony Beasley vom California Institute of Technology der
US-Tageszeitung San Francisco Chronicle (Montagausgabe). Von dem Space
Shuttle sei dabei ein "Funke" ausgegangen.
Kausal gesehen wurde das
Schicksal der Besatzung also bereits mit dem Start besiegelt. Eine
Rettungsaktion wäre unmöglich gewesen, da die "Columbia" weder an der
ISS andocken konnte noch den Schaden hätte aus eigener Kraft reparieren
können. "Selbst wenn die NASA die beim Start aufgetretenen Risse bemerkt
hätte, hätte sie nichts tun können", hieß es in dem
NASA-Bericht.
Internationale Raumstation vorerst nicht
gefährdet
Die weiteren Shuttle-Flüge - als nächstes
war am 1. März ein Flug zur Internationalen Raumstation ISS geplant - sind
auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Dennoch ist die Internationale Raumstation
(ISS) durch den Absturz der US-Raumfähre "Columbia" nach Einschätzung
der Europäischen Raumfahrt-Agentur ESA "nicht gefährdet". Das
ISS-Programm werde nach der Columbia-Katastrophe "nicht in Frage gestellt",
sagte ESA-Sprecher Franco Bonacina in Paris. Da an Bord der ISS ausreichende
Vorräte (Proviant, Wasser, Treibstoff, usw.) vorhanden sind, sei
darüber hinaus die Versorgung der derzeit an Bord der Station befindlichen
drei Raumfahrer bis Juni sicher gestellt.
Ursprünglich sollte
der nächste Mannschaftswechsel beim Flug der Raumfähre "Atlantis" im
März 2003 stattfinden. Der am 26. April vorgesehene nächste
Sojus-Flug war als Taxi-Flug mit dem ESA-Astronauten Pedro Duque geplant.
Dieser Flug wird nun einer eingehenden Überprüfung unterzogen, doch
werden Duque und sein ESA-Kollege André Kuipers, der am Sojus-Flug 7S im
Oktober teilnehmen soll, einstweilen ihr Trainingsprogramm wie geplant
fortsetzen.
Weitere Sojus-Flüge sollen zumindest im Abstand von
jeweils sechs Monaten folgen. Allerdings könne die ISS "nicht
vergrößert werden", solange die US-Raumfähre nicht zur
Verfügung steht, sagte Bonacina. Im Gegensatz zur "Columbia" seien die
Sojus-Flüge nicht geeignet, große Bauteile ins All zu
befördern.
Risse auf TV-Bildern möglicherweise nur Fake
Im einem ARD-Interview verwies Ulrich Walter, der als letzter
deutscher Astronaut mit der "Columbia" flog, gestern Abend auf die TV-Bilder,
die um die Welt gingen und auf denen lange Risse zu sehen sind, die angeblich
von unteren linken Flügel stammen sollen, in das Reich der Fabeln. "Das
Bild stellt nicht den Flügel dar. Möglicherweise ist dies ein Fake",
wertete Walter die Fernsehbilder, die nach Auskunft der israelischen Zeitung
"Maariv" während eines Gesprächs des israelischen Regierungschefs
Ariel Scharon mit dem Astronauten Ilan Ramon aufgezeichnet wurden.
Fernsehbild der "Columbia": Risse am linken
Flügel? "Nein", sagt Ulrich Walter!
Dass Walters Kritik absolut
nachvollziehbar ist, ergibt sich allein aus der Tatsache, dass perspektivisch
kein Shuttle-Fenster einen direkten Blick auf die Unterseite der beiden
Flügel erlaubt. Weder die Unterseite des linken noch rechten Flügels
hätte jemals eine Kamera aufzeichnen können.
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