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03.02.2003 von Neve Gordon u. Catherine Rottenberg
Übersetzt von: Andrea Noll
Orginalartikel: "The Empire Strikes Back"
ZNet
Das Imperium schlägt zurück

Scharon u. die Siedler zerstören palästinensische Infrastruktur

Scharon u. die Siedler zerstören palästinensische Infrastruktur
9 palästinensische Bauern wurden zur nächstgelegenen (israelischen) Militärbasis verfrachtet. Dort angekommen, wurden sie von den Soldaten angesprungen. Man fesselte ihnen die Hände auf den Rücken u. verband ihnen die Augen mit einem Stück Tuch. Dann brachte man sie an einen abgelegenen Ort innerhalb der Basis u. wies sie an, sich auf den Boden zu setzen. Die Soldaten bedrohten u. beschimpften sie stundenlang. Wagte einer der Bauern, zu fragen, weshalb sie überhaupt hier wären oder bat er darum, auf die Toilette zu dürfen oder beklagte sich sonstwie, wurde er getreten, geschlagen, oder man drückte ihn nach unten, mit dem Kopf gegen den Boden. Das einzige Verbrechen dieser Bauern: Sie hatten - vergebens - versucht, ihre Äcker zu pflügen; dafür sperrte man sie jetzt ein.

Dieser Vorfall ist Teil einer laufenden Kampagne der israelischen Regierung u. der jüdischen Siedler. Hauptziel dieser Kampagne ist es, die Existenzgrundlage der okkupierten Palästinenser so zu unterminieren, dass diese sich gezwungen sehen, sich den israelischen Forderungen zu beugen u. den Anspruch auf ihr eigenes Land aufzugeben. Dies ist der Kampf gegen ‘Tzumud’ (palästinensischer Begriff für: ‘enge, zähe Verbundenheit’ mit seinem Land, seiner Heimat). Den ganzen letzten Sommer über hatten (jüdische) Siedler - oftmals unterstützt durch israelisches Militär - versucht, die Olivenernte sowie die Ernte der Trauben u. der übrigen (Feld-)Früchte zu verhindern. Und jetzt, da die Zeit gekommen ist, die Äcker zu bestellen, werden viele Palästinenser daran gehindert, auf ihre Felder zu gehen. Wenn diese Obstruktionsstrategie Erfolg haben sollte, wird es im Frühjahr keine Ernte geben. Der Vorfall, (von dem oben die Rede war) nahm Ende November seinen Anfang, als die palästinensischen Einwohner Süd-Hebrons damit begannen, ihre Äcker zu pflügen. Kaum hatten die Bauern nämlich mit dem Pflügen ihrer Felder in der Nähe einer jüdischen Siedlung begonnen, kamen die Siedler u. schikanierten sie, das Millitär verhaftete die Bauern u. hielt sie für mehrere Stunden fest. An diesem Punkt hatten sich die Palästinenser entschlossen, Kontakt mit der ‘Israeli Civil Administration’ (Zivile Israelische Administration) aufzunehmen, um ihre Pflügarbeiten mit ihr zu koordinieren - man hatte die Hoffnung, die israelische Administration werde die Bauern vor den Schikanen der jüdischen Siedler schützen. Darüberhinaus nahmen die Bauern Kontakt zu der arabisch-jüdischen Partnerschaftsorganisation ‘Ta’ayush’ auf* u. baten sie, für sie zu intervenieren. Die Zeit drängte. Es musste ja ausgesät werden, noch bevor die Regenperiode einsetzte. Die Tage vergingen. Schon nahte Silvester, u. noch immer kein Wort, keine Reaktion, von Oberstleutnant Tarek, dem Kommandanten der Zivilen Administration in der Region. Die ‘Ta’ayush’-Aktivisten intervenierten im Namen der Palästinenser. Man teilte ihnen mit, die Palästinenser sollten mitsamt den Trekkern auf ihre Feldern kommen, die Zivile Adminstration werde sich dort mit ihnen treffen. Die Bauern kamen Tag für Tag, aber immer wurden sie vertröstet: “Kommt morgen wieder, heute klappt es nicht”. Zuletzt drohte die palästinensische Seite der Zivilen Administration, man werde den Obersten Gerichtshof anrufen, sollte nicht umgehend ein Termin festgesetzt werden. Daraufhin informierte (die Zivile Administration) die Bevölkerung, sie könne am 1. Februar, einem Samstag, auf die Felder kommen u. pflügen. Inzwischen waren mehr als zwei Monate vergangen u. die Zeit zum Pflügen schon fast vorüber.

Oberstleutnant Tarek traf erst gegen 10 Uhr ein. Aber anstatt vor Ort zu bleiben u. die Palästinenser zu beschützen, teilte er ihnen nur kurz mit, sie könnten jetzt anfangen pflügen u. verschwand dann wieder. Trotz des späten Starts konnten die Palästinenser zunächst ohne Störung arbeiten - bis gegen 12 Uhr. Dann kamen jüdische Siedler aus der Siedlung Susya - in Begleitung von Soldaten. Sie schwangen Gewehre u. zwangen die Palästinenser, mit ihrer Arbeit aufzuhören. Dabei verprügelten sie einige. Sofort riefen ‘Ta’ayush’-Leute die Zivile Administration sowie die Polizei an. Sie sollten umgehend auf die Felder kommen. Auch die Aktivisten entschlossen sich einvernehmlich, hinzufahren - trotz des Umstands, dass die ganze Süd-Westbank zur militärischen Sperrzone erklärt worden war -, die Aktivisten stellten fest, dass es ihnen nicht gelang, respektive nicht gelingen konnte, in die Region vorzudringen. Die Abriegelung der Gebiete zeigt uns wiedermal: unser Verdacht, alle ‘Ta’ayush’-Aktivitäten würden geheimdienstlich überwacht, ist durchaus begründet.

Ein Auto mit 5 Aktivisten schaffte es dennoch durchzukommen - via Umgehungsstraße. Sie trafen genau in dem Moment ein, als die Zivile Administration die 9 palästinensischen Bauern samt ihrer 4 Traktoren in Gewahrsam nahm. Man brachte sie in eine 3 km entfernte Militärbasis. Die übrigen ‘Ta’ayush’-Mitglieder wurden von der Polizei etwa einen Kilometer vor den Feldern gestoppt. Die Aktivisten sprangen aus ihren Fahrzeugen u. liefen auf jene 5 Aktivisten zu, die bereits bis zu den Palästinensern vorgedrungen waren. Zu der Zeit war lediglich ein einziger Polizei-Van vor Ort. Also konnten die Polizisten nicht alle Aktivisten stoppen; sie schaffte es aber, 3 von ihnen zu verhaften. Die meisten aus der Gruppe setzten ihren Fußmarsch fort. Einige wenige blieben aber an der Straßensperre zurück, um aufzupassen, dass ihre verhafteten Mitglieder nicht weggebracht wurden. Sie setzten sich protestierend u. im Kreis um den Polizei-Van. Massive Polizeiverstärkung wurde angefordert - inklusive Spezialeinheiten u. gepanzerte Fahrzeuge. Diese Kräfte waren umgehend vor Ort u. stoppten die Aktivisten, die mittlerweile zu Fuß bis auf ungeführ 350 Meter an die Palästinenser rangekommen waren. Die ‘Ta’ayush’-Aktivisten handelten mit der Polizei ein Abkommen aus: Sie würden sich zurückziehen, sollten ihre 5 Mitaktivisten (inzwischen waren nämlich 2 weitere auf dem Weg zu den Feldern verhaftet worden) sowie die 9 Palästinenser samt ihrer Traktoren wieder freikommen. Mittlerweile sammelten die 5 Aktivisten, die schon vorher durchgekommen waren, eidesstattliche Erklärungen der Palästinenser. Einige Palästinenser waren von den Siedlern verprügelt worden. Die Palästinenser erzählten, wie sie plötzlich von einer Gruppe Siedler angegriffen worden waren, während sie gepflügt u. gesät hätten. Eine junge Palästinenserin war dabei mit einem Gewehr geschlagen worden. Die 5 Aktivisten setzten sich mit der Knesset-Abgeordneten Zahava Galon in Verbindung, die daraufhin Oberstleutnant Tarek anrief. Er versicherte der Abgeordneten, die Palästinenser würden binnen kurzem wieder freigelassen u. erhielten auch ihre Traktoren zurück. Sie könnten ihre Felder am folgenden Tag weiterpflügen. Aber auch diesmal log Tarek - wie sich herausstellen sollte. Zudem: Abmachung war ja gewesen, Tarek sollte bei den Palästinensern bleiben, bis diese mit ihrer Arbeit fertig wären, um sie zu beschützen. Um diesen Bruch seiner Abmachung zu kaschieren, beschuldigte Oberstleutnant Tarek jetzt (gegenüber Galon) die Palästinenser. Es ist schließlich immer das Einfachste, die Schuld auf das Opfer zu schieben. Weder hatte Oberstleutnant Tarek dafür Sorge getragen, dass die Siedler sich nicht nähern konnten, noch nahm er jetzt die Verantwortung für seine Abwesenheit auf sich, stattdessen erfand er diese Story: die Palästinenser hätten außerhalb der Grenzen gepflügt. Daher trügen sie die Schuld an allem, was passiert sei. Die Palästinenser, die man über 2 Monate mit Gewalt vom Pflügen ihres eigenen Landes abgehalten hatte - u. die jetzt sogar noch verprügelt u. verhaftet worden waren, nachdem man ihnen endlich die Erlaubnis, ihr Land zu pflügen, erteilt hatte -, diese Leute wurden nun also auch noch beschuldigt, an der ganzen Situation schuld zu sein. Und das alles nur, weil ein Offizier der Zivilen Administration verantwortungslos gehandelt hatte u. dies vertuschen wollte bzw. weil er die jüdischen Siedler nicht verprellen wollte - die Siedler sind ohnedies die wahren Herrscher der Region.

Nach der Zusage an Zahava Galon u. der Zusage der Polizei, die verhafteten Aktivisten wieder freizulassen, beschlossen die ‘Ta’ayush’- Aktivisten, sich zurückzuziehen. In etwa 1 km Entfernung von den Feldern erwarteten sie die Freilassung der 9 Palästinenser. Eine Menge Polizei u. Militär wartete mit ihnen.

Gegen 14 Uhr...

... nach weiteren Verhandlungen u. Tareks Versprechen, die Palästinenser binnen Stundenfrist freizulassen, zog sich ein Teil der Gruppe noch weiter zurück. Nur 5 Aktivisten blieben in der Nähe der Siedlung Susya zurück. 4 Polizei-Vans mit 25 Polizisten warteten ebenfalls. Weitere 2 Stunden später teilte der verantwortliche Polizeiführer, Moshe Moshe, den Aktivisten mit, man habe die Palästinenser inzwischen in die Polizeistation von Hebron gebracht. Er versprach den Aktivisten, die Palästinenser würden nun sehr bald freikommen. Gegen 16.30 Uhr beschlossen die 5 verbliebenen ‘Ta’ayush’-Aktivisten, eigenhändig zur Polizeistation Hebron zu fahren u. nach dem Verbleib der Palästinenser zu forschen. Zudem wollten sie gegen Oberstleutnant Tarek u. die Siedler Beschwerde einreichen. Als man in Hebron ankam, war es bereits dunkel. Die Aktivisten schafften es aber noch , ihre Beschwerde einzureichen - von den Palästinensern keine Spur. Moshe Moshe unternahm den erneuten Versuch, herauszufinden, wo diese geblieben waren. Diesmal allerdings mit dem Ergebnis, so teilte er den Aktivisten mit, die Palästinenser befänden sich nach wie vor in der Militärbasis bei den Feldern. Der Freilassungsprozess sei aber bereits in vollem Gange. 20 Minuten später gelang es den Aktivisten endlich, Kontakt mit einem der festgehaltenen Palästinenser herzustellen. Der Palästinenser erzählte, wie man sie in die Militärbasis gebracht hatte. Er erzählte auch, wie man sie in eine Ecke gesetzt hatte, mit auf den Rücken gefesselten Händen u. einem Stück Tuch um die Augen. 6 ganze Stunden mussten sie so in der Ecke auf dem Fußboden ausharren. Soldaten hatten sie immer wieder willkürlich getreten, sie bedroht u. beschimpft. Ihre 4 Traktoren hatte man ihnen nicht zurückgegeben. Die blieben in Verwahrung.

Aber damit nicht genug. Am nächsten Tag meldeten sich die Palästinenser erneut bei ‘Ta’ayush’, um uns mitzuteilen, die Siedler hätten nun auch noch ihre Felder übernommen u. damit begonnen, Bäume anzupflanzen - also exakt auf jenem Land, das die Bauern seit nunmehr 2 Monaten versuchten zu bepflügen. Und es war auch exakt jenes Land, von dem die Zivile Administration noch einen Tag zuvor gesagt hatte - versprochen hatte - es sei “freigegeben” zum “sicheren” Bepflügen. Die Palästinenser, die zur Militärbasis gingen, um ihre Traktoren abzuholen, wurden erneut gefesselt, u. man verband ihnen auch wieder die Augen, bevor man sie stundenlang festhielt. Dann wurden sie wieder freigelassen. Das Militär zeigt sich somit entschlossen, sämtliche Bemühungen der Palästinenser, ein normales Leben zu führen, im Keim zu ersticken.

Falls Sie mehr über ‘Ta’ayush’ erfahren oder unsere Aktionen in Süd-Hebron unterstützen wollen: http://www.taayush.org/

Anmerkung d. Übersetzerin

*zu den ‘Ta’ayush’-Aktionen siehe auch unser ZNet-Artikel: ‘Ta’ayush-Aktivisten auf dem Weg zur Feldarbeit von Siedlern angegriffen’, von Aviad Albert.

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