jW sprach mit
Andreas von Bülow (SPD), von 1976 bis 1980 Staatssekretär im
Verteidigungsministerium und von 1980 bis 1982
Bundesforschungsminister
F: Dieses Wochenende kommt
US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zur NATO-Sicherheitskonferenz nach
München. Was hätten Sie ihm zu sagen?
Er ist für mich
mindestens seit dem 11.September 2001 der größte Versager in der
US-Politik. Warum sind keine Kampfflugzeuge aufgestiegen, um die angeblich
entführten Todesmaschinen mit Überschallgeschwindigkeit anzufliegen
und vom Kurs abzubringen? Warum konnte etwa die Maschine American Airlines 77,
nachdem das World Trade Center von zwei Flugzeugen getroffen worden war, noch
geschlagene 40 Minuten ihren Flug fortsetzen und sich dann um 9.43 Uhr aufs
Pentagon stürzen, obwohl sich rund um Washington ein Kranz von
Militärflughäfen und Luftabwehrstellungen befindet, die die
Hauptstadt und Regierungseinrichtungen wie das Pentagon schützen sollen?
Rumsfeld hatte die Befehlsgewalt über die Luftabwehr, die Verfahren waren
exakt festgelegt. Entweder er hat an diesem Tag vollkommen versagt, oder er
wußte bereits, daß das »Pearl Harbour« dieses
Jahrhunderts in der Mache war. In beiden Fällen müßte er als
Verteidigungsminister den Hut nehmen.
F: Rumsfeld war der erste, der
nach der Attacke auf das Pentagon die Version in die Welt setzte, es habe sich
wahrscheinlich um einen Flugzeugangriff gehandelt.
Er hat das in die
Welt gesetzt. Und bedenken Sie: Bis heute sind im Pentagon und drumherum keine
Flugzeugtrümmer gefunden worden. Und die Öffnung, durch die sich das
Objekt ins Pentagon gebohrt hat, ist viel zu klein für eine Linienmaschine
diesen Typs. Zumindest Teile der Tragflächen müßten folglich zu
finden sein. Aber nichts. War es überhaupt eine Linienmaschine? Ich will
mich gar nicht zu den Details der Pentagon-Zerstörung äußern,
ich habe nämlich keine Inspektion vor Ort vornehmen können. Ich
stelle nur fest, daß seltsamerweise die US-Regierung bis heute noch
keinen überprüfbaren Untersuchungsbericht vorgelegt hat, und das bei
einem Verbrechen von diesen gewaltigen Dimensionen, das den Krieg gegen
potentiell 60 Terror stützende Staaten nach sich ziehen könnte. Es
wurde zwar ein Untersuchungsausschuß eingesetzt, aber der erste
Vorsitzende Henry Kissinger ist wohlweislich wegen Befangenheit
zurückgetreten, desgleichen sein Stellvertreter. Und der derzeitige
Nachfolger soll auch seine Geschäfte mit den Bin Ladens gemacht haben.
Rumsfeld hat auch die Mär von den angeblichen Entführern in
die Welt gesetzt, die allein mit Plastikmessern bewaffnet ehemalige
Kampfjetpiloten, die Mannschaft und die Passagiere in vier Maschinen
überwältigt haben sollen. Letztes Jahr ist er mit der Idee
hervorgertreten, unter seiner Amtshoheit ein weiteres Amt zur weltweiten
Desinformation einzurichten. Als dann in der Öffentlichkeit und sogar im
Kongreß Empörung aufkam, hat er in seiner rüpeligen Art
gehöhnt, er verzichte auf Extra-Amt und Namen, gemacht werde die Sache
dennoch. Jetzt kommandiert er eine Abteilung beamteter Lügenbeutel!
F: Vor zwei Wochen hat Rumsfeld über das »alte Europa«
gespottet, nun Deutschland in eine Reihe mit Kuba und Libyen gestellt.
Rumsfeld ist bekannt für seine Tölpeleien. Er will
beleidigen, und die US-Medien sind dann auch ganz begeistert von ihm. Auf
deutsch gesagt: Er wollte Schröder vor den Koffer scheißen.
F: Die Unionsparteien kritisieren Rumsfelds Wortwahl, aber geben ihm in
der Sache Recht: Schröder habe Antiamerikanismus verbreitet, da dürfe
er sich über Kritik aus Washington nicht wundern.
Das teile ich
überhaupt nicht. Das Volk will keinen Krieg, und das spricht Schröder
aus. Das ist doch das Wesen der Demokratie, daß die Regierenden die
Meinung des Volkes vertreten. Und in diesem Fall geht es nicht nur um das
deutsche Volk, sondern um die Meinung aller Völker auf der Welt, auch das
Volk der USA dürfte in seiner Mehrheit den Krieg ablehnen.
F: Zur
Freude Saddams, eines gefährlichen Diktators?
Er mag ein Diktator
sein, aber die USA haben ihn doch selbst gehätschelt. In den achtziger
Jahren hat er von dort Giftgas, Anthrax, Milzbrandbakterien bekommen. Rumsfeld
selbst war im Auftrag Präsident Reagans 1983 und 1984 in Bagdad. Die USA
haben Saddam angeblich im Interesse der gemäßigten Regime des Nahen
Ostens regelrecht in den Krieg gegen den Iran gehetzt und dann beide Seiten so
mit Waffen und Satellitenfotos beliefert, daß keiner gewinnen konnte. Die
Schwächung beider war das amerikanische wie israelische Ziel. 1990 haben
sie ihn vom Angriff gegen Kuwait ausdrücklich nicht abgehalten.
F:
Schröder lehnt eine deutsche Kriegsbeteiligung ab, aber erlaubt den USA
die Benutzung ihrer Basen in Deutschland für den Nachschub. Ein
Widerspruch?
Kann Deutschland der einzig verbliebenen Supermacht auf
der Welt die Nutzung ihrer Stützpunkte versagen? Damit würde
Schröder Bush ganz offen den Fehdehandschuh hinwerfen. Das wäre nicht
weise, und deswegen teile ich das vorsichtige Vorgehen des Kanzlers. Die
Hauptsache ist, daß Deutschland und hoffentlich auch die Mehrzahl der
Europäer sich nicht mit eigenen Truppen am Krieg beteiligt.
Ich
kenne aus der Vergangenheit nur einen Fall, bei dem Überflugrechte
verweigert wurden. Das war 1986, als Präsident Reagan in Vergeltung des
angeblich von Ghaddafi befohlenen Terroranschlages auf die Westberliner Disco
»La Belle« die Air Force nach Libyen schickte, um Ghaddafi zu
ermorden. Frankreich hat sich diesem Mordkomplott verweigert und den in England
startenden US-Bombern keine Überflugrechte gewährt. Ganz
zufällig wurde dann beim Angriff auf Tripolis auch die dortige
französische Botschaft zerstört.
F: Unter die Kritiker der
USA mischen sich auch zwielichtige Gestalten von rechts. So warf etwa der
CSU-Bundestagsabgeordnete Bernd Posselt Rumsfeld »neokolonialistisches
Verhalten« vor. Dabei verhält sich Posselt als Vorsitzender der
Sudetendeutschen Landsmannschaft gegenüber Tschechien selbst
neokolonialistisch.
Ich kenne den Mann nicht. Augenblicklich geht es um
etwas ganz anderes: In den nächsten Wochen entscheidet sich, ob zur
Rechtfertigung eines US-geführten Krieges die Wahrheit vor unser aller
Augen geradezu erwürgt und Europa zum totalen Vasallen der USA umgestaltet
wird. Washington will ja nicht nur Krieg gegen den Irak führen, danach
sind der Iran und Saudi-Arabien dran. Es geht den USA offensichtlich um die
Neuordnung der gesamten Region, letztlich geopolitisch um die Absicherung eines
weiteren amerikanischen Jahrhunderts mit Zugriff auf die Rohstoffe. Wenn die
USA mit der Aggression gegen den Irak durchkommen, gibt es kein Halten mehr,
dann werden die Hiwis Europas dienstverpflichtet.
F: Und deswegen kann
man über Ambitionen wie die von Posselt hinwegsehen, die mit
Antiamerikanismus von ihren eigenen revanchistischen Zielen ablenken?
Die USA setzen jetzt auf Großbritannien, Polen, Spanien und das
Italien Berlusconis und nicht auf Deutschland und Frankreich. In seinem Buch
»Die einzige Weltmacht« schreibt Zbigniew Brzezinski, der ehemalige
Sicherheitsberater von Präsident Carter und Stratege der CIA-Operationen
in Afghanistan in den achtziger Jahren, daß die USA zur Sicherung ihrer
Weltherrschaft unbedingt in Eurasien die Herausbildung einer regionalen
Gegenmacht verhindern müßten. Wer Eurasien beherrscht, beherrscht
die Welt, ist sein Credo. Das richtet sich gegen Deutschland, Frankreich und
Rußland. Sudetendeutsche Ambitionen sind in diesem Zusammenhang für
die CIA nur von Interesse, als damit Tschechien und Deutschland bei Bedarf
gegeneinander in Erregung versetzt werden können. Da wäre der Herr
von der CSU dann ein kleiner Bauer in einem etwas größeren
Spiel.