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Die Schweizer Rück schlägt in einer
Untersuchung Alarm
ZÜRICH - Noch nie sagte es ein Versicherungsunternehmen
so deutlich wie jetzt die Schweizer Rück: Die Risiken der Gentechnologie
sind mit traditionellen Mitteln nicht mehr versicherbar.
Die schlichte Broschüre ist spielerisch mit japanischen
Faltkunst-Fotos illustriert, der Titel ("Gentechnik und
Haftpflichtversicherung") bleibt kleingedruckt und unterkühlt. Der Inhalt
aber enthält Sprengstoff: Wenige Monate nach der Abstimmung über die
Genschutz-Initiative schlägt die Schweizer Rück in Papierform
Alarm.
Der Tenor: Den potentiellen Risiken der
Gentechnologie ist mit den klassischen Haftpflicht-Versicherungsmodellen nicht
mehr beizukommen: "Keine noch so hohe Versicherungsdeckung vermag das
Risikopotential der Gentechnologie zu vermindern."
Im Fokus der schonungslosen Analyse stehen die Branchen
Pharma, Agro und Ernährung, die Gentechnik überproportional
einsetzen, gegen allfällige Gentech-Schäden aber meist nicht eigens
versichert sind. Die Schweizer Rück will darum auf globaler Ebene nicht
nur die Erstversicherer sensibilisieren, sondern "in zweiter Linie auch die
Industrie und die Gesellschaft", so Autor Thomas Epprecht zur
SonntagsZeitung.
Die Hauptgefahr der Gentechnik für die
Versicherungsbranche liegt nach Meinung der Schweizer Rück darin, dass die
politischen und rechtlichen Regeln plötzlich ändern können - das
sogenannte Änderungsrisiko.
Positive Einstellung zur Gentechnik könnte
blitzartig kippen
Die Meinung der Öffentlichkeit ist weltweit
unberechenbar: Gentechnik in der Medizin wird von ihr eher akzeptiert als im
Ernährungsbereich, obschon "die wenigen bisher aufgetretenen
Gentechnik-Schäden" aus der Medizin stammten. Die Tendenz zum
pragmatischen Umgang mit Gentechnik kann aber schon bei einem
geringfügigen Schadenereignis "zum Kippen" gebracht werden.
Die unternehmerischen Gefahren, denen sich die Assekuranz
durch die Gentechnologie ausgesetzt sieht, lauern auf verschiedensten
Gebieten: Allergische Reaktionen auf transgene Nahrungsbestandteile seien
"prinzipiell möglich" und könnten in Form von Klagen Betroffener
"weltweit zur versicherungsrelevanten Grösse anwachsen". Es könne
aber nicht Aufgabe der Versicherungswirtschaft sein, Klagen zu befriedigen, die
auf einen gesellschaftlichen Wertewandel zurückzuführen seien:
"Dieses Risiko ist dem Unternehmerrisiko der Produzenten zuzuordnen."
Die Tendenz zur Umkehr der Beweislast in den
europäischen Rechtsordnungen führt von der Verschuldungs- zur
Kausalhaftung. Im Bericht steht dazu: "Wenn potentielle Kläger den
Nachweis einer schuldhaften Nachlässigkeit oder Unterlassung nicht mehr
erbringen müssen, ist damit zu rechnen, dass Schadenersatzforderungen erst
recht überhandnehmen."
Die Übertragung von transgenen tierischen Organen auf
den Menschen im Rahmen der Xenotransplantation könnte - "wären sich
Medizin und Forschung dieser Gefahr nicht bereits bewusst" -
versicherungstechnisch einen Serienschaden hervorrufen, "der nicht nur
das ganze Krankenversicherungssystem aus den Angeln heben
könnte".
Ungeschminkt räumt der Rück-Report ein, dass das
Risikoprofil der Gentechnik "äusserst facettenreich und kaum
antizipierbar" sei: Eine "direkte Antwort", wie heute Gentechnikrisiken
versichert werden sollen, sei "heute nicht möglich".
Dass die Assekuranz mit den Grossrisiken der Gentechnik in
der Luft hängt, bestätigt auch Giovanni Pelloni, Jurist bei
Winterthur International. Das Problem liege darin, dass die
Versicherungsprämien retrospektiv nach Erfahrungswerten berechnet werden -
was im Bereich der neuen Biotechnologien nicht möglich sei. Eine
Unsicherheit sei auch die gesetzliche Entwicklung der Haftpflicht: "Man weiss
nicht, in welche Richtung es geht."
Unternehmen müssten künftig Risiken selber
übernehmen
Den brisanten Report hat Pelloni bei sich noch ungelesen auf
dem Pult liegen. Der Winterthur-Jurist sagt aber, Sensibilisierung hätten
"nicht alle Erstversicherer in gleichem Mass" nötig. Auch die Assekuranz
wisse "präzis, worum es geht". Nur eine andeutende Antwort gibt der
Bericht darauf, wie die Grossrisiken finanziert werden können. Autor
Epprecht glaubt nur, dass die Unternehmen "an der Unschärfe des
gentechnologischen Risikoprofils mittragen" sollten. Epprecht: "Wir wollen
nicht an sich einen höheren Preis, sondern den richtigen."
Was die Broschüre neutral als "alternative
Risikofinanzierung" bezeichnet, kann in der Praxis nur eines bedeuten: Die
risikoträchtigen Unternehmen werden künftig stärker zur Kasse
gebeten. Thema in den von der Rück angeregten Debatten sind allerdings
auch innovative Finanzierungsmodelle, in denen das Risiko zum Anlage-Gegenstand
wird. Diese Mischprodukte von Bank- und Versicherungslösungen sind jedoch
so hochkomplex, dass die von der SonntagsZeitung befragten Kenner für
detaillierte Erklärungen passen mussten. "Man spielt als Anleger Lotto",
umschreibt ein Haftpflicht-Insider um so bildhafter eine mögliche
Finanzierung hoher Risiken der Zukunft: Anleger investieren in
Risiko-Obligationen. Tritt kein Schaden ein, wächst der Ertrag - kommt es
zum Gentech-Schadenfall, wird er auch für die Investoren zum Debakel.
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