| Spekulationen um eine Vertreibung der
Palästinenser bei einem Irak-Krieg |
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Für die israelische Regierung von
Ministerpräsident Ariel Scharon, dem seit kurzem in Belgien die Verhaftung
wegen seiner Mitverantwortung für die Kriegsverbrechen und Massenmorde in
den beiden Palästinensischen Flüchtlingscamps im Libanon Anfang der
80er Jahre droht, hängt der Kriegsbeginn gegen Irak nur noch von der
Beendigung des US-Aufmarsches ab. In Jerusalem ist man überzeugt,
daß Washington sich weder von Vereinten Nationen noch von den weltweiten
Massendemonstrationen vom Krieg und der geplanten Neuordnung der gesamten
Mittelost-Region abhalten läßt. So spricht der Scharon-Intimus und
Nationale Sicherheitsberater Ephraim Halevy gegenüber der Haaretz von
einer »wunderbar rosigen Zukunft für Israel als Resultat des
Krieges«. Als eine Art Dominoeffekt würden nach dem Fall Saddam
Husseins alle Feinde Israels gestürzt, von Yassir Arafat über den
syrischen Staatspräsidenten Bashar Assad, bis hin zu den Ayatollahs im
Iran. Und vielleicht würde sogar Muammar Gaddafi auf der Strecke bleiben.
»Die israelische Regierung sehnt sich nach dem Irak-Krieg«,
schrieb am Montag die liberale israelische Tageszeitung Haaretz, »weil
sie darin eine Chance sieht, die Abnutzungsschlacht mit den Palästinensern
zu gewinnen«. Am wichtigsten aber sei da herrsche Einigkeit in
Jerusalem , daß sich durch die deutlich gewordenen Spannungen
zwischen dem »alten Europa« und den USA sich die einmalige
Gelegenheit ergibt, der Einmischung der »propalästinensischen«
Europäer einen Riegel vorzuschieben. Israelischen Medienberichten zufolge
zirkuliere in der Sharon-Regierung bereits ein entsprechendes
Diskussionspapier, wie der gesamte Mittlere Osten in ein ausschließlich
US-amerikanisches Protektorat ohne europäische Einmischung verwandelt
werden kann, in dem Israel einen privilegierten Status genießt.
Im Zusammenhang mit den zeitweiligen Zuspitzungen im Verhältnis
zwischen Teilen der EU und den USA hatten einige wichtige Medien in Israel
anti-europäische Gefühle geschürt. Die Tageszeitung Hatzofeh
meinte in einem Kommentar, die Haltung des »alten Europas« habe
bewiesen, daß die Europäer »Heuchler und Verräter«
seien. Die Tageszeitung Maariv sprach von einer »Achse der
Dummheit« zwischen Moskau, Berlin und Paris. Diese Länder
hätten »nichts dazugelernt«, und es sei nicht zufällig,
daß ausgerechnet in Deutschland, Frankreich und Rußland der
Antisemitismus in den vergangenen Jahren am stärksten zugenommen
hätte, so Hatzofeh. Und Maariv kommentierte: »Wenn Uncle Sam die
großen Ölreserven des Nahen Ostens umverteilt, werden die
Europäer ihrem verlorenen Geschäft manche Träne
nachweinen.«
Mit einem eventuellen Irak-Krieg wächst auch
die Gefahr, daß die Sharon-Regierung nicht nur wie
angekündigt die derzeitige Abriegelung der
Palästinenser-Gebiete noch weiter perfektioniert, sondern auch den
sogenannten Transfer einleitet. Hinter diesem derzeit oft benutzten Begriff
verbergen sich israelische Pläne zur Vertreibung der Palästinenser
aus ihren angestammten Gebieten nach Jordanien. Israelische Intellektuelle und
Friedensaktivisten um Professor Jacob Katriel hatten bereits im Herbst
vergangenen Jahres in einem in britischen und deutschen Tageszeitungen
abgedruckten Aufruf auf die zunehmende Bereitschaft in der Scharon-Regierung
zum »Transfer« aufmerksam gemacht, insbesondere wenn die
Weltöffentlichkeit durch den Irak-Krieg abgelenkt sein würde.
Der international bekannte israelische Militärhistoriker Martin
van Crefeld hatte in einem Interview mit dem holländischen
Wirtschaftsmagazin Elsevier bereits im April 2002 auf die Frage, ob »ein
Plan für die Deportation der Palästinenser existiert«,
geantwortet, daß dies der Grund sei, warum Scharon den Konflikt
heraufschraubte. Scharon wüßte genau, daß andere Schritte zur
Durchsetzung seiner Politik nicht erfolgreich wären. »Glauben Sie,
daß die Welt diese Art von ethnischer Säuberung erlauben
wird?« fragte der Interviewer. »Das hängt davon ab, wer es tut
und wie schnell es passiert«, antwortete van Crefeld, der ein scharfer
Gegner der Politik der Scharon-Regierung ist. Er fügte hinzu: »Wir
besitzen einige hundert Nuklearsprengköpfe und Raketen, und wir
können sie auf Ziele in alle Himmelsrichtungen lenken. ... Die meisten
europäischen Hauptstädte sind Ziele unserer Luftwaffe.« Denn
Israel gehöre zu den stärksten Militärmächten der Welt.
Israel habe die »Fähigkeit«, die ganze Welt
»mitzunehmen, wenn wir untergehen und ich kann Ihnen versichern,
daß genau das passiert, bevor Israel untergehen wird«, warnte van
Crefeld vor der Scharon-Regierung. |
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