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12.02.2003 von Darren Ell
Übersetzt von: Andrea Noll
Orginalartikel: "State Of Seige In Palestine"
ZNet
Belagerungszustand in Palästina

Die Straße nach Rafah ist gefährlich. Rafah ist die südlichste Stadt im Gazastreifen. Wir stoppen an der Gush-Katif-Kreuzung, u. mein palästinensischer Fahrer wird langsam nervös. "Hier schießen sie oft", erklärt er. Eine Gruppe 10jähriger palästinensischer Jungen nähert sich unserm Wagen. Der Fahrer öffnet die Tür, läßt einen der Jungen rein. Dann rast unser Wagen an jenen bewaffneten israelischen Wachtürmen vorbei, die den 200-Meter- Checkpoint schützen. Wir halten an, und der Fahrer gibt dem kleinen Jungen einen Schekel (20 europäische Cent), läßt ihn aussteigen. Der Fahrer erklärt mir, die Jungen verdienten ihr Geld damit, den Fahrern vorbeifahrender Wagen zu einer Insassenzahl von mindestens drei zu verhelfen. Bei weniger Personen im Auto würden die israelischen Soldaten nämlich das Feuer eröffnen - sie vermuten dann einen Sprengstoff-Transport.

So also begann meine Fahrt nach Rafah im November 2002 - Teil einer fotografischen Erkundung* der okkupierten Palästinensergebiete (OPT (Occupied Territories)). Die Stadt Rafah liegt in nervöser Nähe zu den Siedlungen von Gush Katif, in denen insgesamt 7 000 israelische Siedler leben. Sie haben grüne Rasen u. Swimmingpools. 40 Prozent des Gazastreifens halten sie illegal besetzt, während die Palästinenser - 1,2 Millionen Palästinenser - in Armut auf den restlichen 60 Prozent leben. Tragischerweise liegt dieser Ort außerhalb des Blickfelds westlicher Medien - dabei gab es hier seit Beginn der 27-monatigen Al-Aqsa-Intifada (prozentual) mehr Tote u. Verletzte als in jeder andern Stadt der OPT: 206 Tote, 2 460 Verletzte u., laut Dr. Ali Mousa, Chef des Rafaher Abu-Yousef-al-Najjar-Hospitals, 800 Notfalloperationen (1).

Rafah ist Schauplatz eines schweren Verstoßes gegen das internationale Menschenrechtsgesetz, IHL, bzw. Schauplatz eines potentiellen Kriegsverbrechens gemäß der ‘Vierten Genfer Konvention’: Hier werden tagtäglich palästinensische Wohnhäuser von israelischen Bulldozern abgerissen - im Schutze von Panzerfeuer u. Heckenschützen. Ziel ist die Errichtung einer 6 Meter hohen Stahlwand - entlang der Grenze zu Ägypten. Diese Bauarbeiten führen zu tagtäglichen Schießereien bzw. zu israelischem Granatbeschuss - dutzende palästinensischer Zivilisten wurden so schon verletzt oder getötet. Die Demolierungs-Teams warnen kaum vor. Hartnäckige Bewohner werden mittels Lautsprecher zum Verlassen ihrer Häuser aufgerufen, dann mittels Maschinengewehrfeuer u. Panzergranaten ins Freie gezwungen. Entschädigung ist nicht vorgesehen. Laut Dr. Yousef Mousa, stellvertretender Leiter des ‘Volkskomitees der Flüchtlinge von Rafah’ (‘Rafah Popular Refugee Committee’), wurden bislang mehr als 350 Wohnhäuser vollständig zerstört, 500 teilweise, hunderte weitere sind durch den Granatbeschuss beschädigt (2). Die Zahl der Obdachlosen ist enorm. Eine Durchschnittsfamilie in Rafah zählt 11 Mitglieder.

Als ich in Rafah eintraf, wollten mich die Leute sofort in ihre Wohnungen im ‘Block O’ zerren. In ‘Block O’ wird tagtäglich abgerissen. Eines der Häuser konnte ich durch ein großes Loch in seiner Außenmauer betreten. Ich fand dahinter eine Mutter, die gerade ihre fünf Kinder versorgte. Das Loch hatte man hineingeschlagen, um im Bedarfsfall möglichst schnell fliehen zu können - das heißt, falls die Angriffe der Israelischen Armee (IDF) zu intensiv werden. In der Nachbarwohnung ist die Südwand zerstört. Ich stehe dort mit den Bewohnern u. kann einen gepanzerten Bulldozer vorbeirattern seh’n. Die Großmutter neben mir weint. Anschließend gehe ich auf einen der Stadtfriedhöfe Rafahs. Dort findet gerade das Begräbnis des 2jährigen Hamed al-Masri statt. Er war ums Leben gekommen, als seine Familie vor dem Panzergewehrfeuer der IDF auf ihr Haus im vielbevölkerten ‘Block J’ geflohen war (3). Nach der Beerdigung des Jungen besuchte ich im Hospital von Rafah die Frau von Asa’ad Hassan, sie heißt Asmaa’. Asmaa’ kuriert ihre schweren Verletzungen aus, die sie während desselben Angriffs erlitten hat. Meinen ersten Abend in der Stadt verbrachte ich bei Kamal Abu Shammala u. seiner Familie in deren neuem Haus - weit weg von ‘Block O’. Man war weggezogen, nachdem Kamals 10jährige Tochter auf der Flucht vor einem IDF-Angriff getötet worden war. Das war vor einem Monat - einen Tag nach Beginn des Mauerbaus. Laut ‘Palestinian Center for Human Rights’ (Palästinensisches Zentrum für Menschenrechte) kamen durch willkürlichen Granatbeschuss auf Wohnhäuser in ‘Block O’ bereits 6 Zivilisten ums Leben, 39 wurden verletzt (3). Die IDF muss die Gefahr kennen: Hier, im Flüchtlingslager Rafah, leben 90 000 Menschen auf einer Fläche von weniger als einem Quadratkilometer. Nach meinem Besuch bei Familie Shammala verbrachte ich 4 Tage bei einer zehnköpfigen Familie in ‘Block O’ - nur 75 Meter von der neuerrichteten Mauer der Israelis entfernt. Das Haus hat Familienvater Mousa vor 7 Jahren gebaut. Jetzt ist es von Kugeln durchsiebt u. umgeben von Sandhaufen - wo früher Häuser standen. Um seine Familie vor dem täglichen Maschinengewehrfeuer der Panzer zu schützen, hat Mousa Backsteine vors Esszimmerfenster gestellt. Ich sollte hier auch kennenlernen, was die Palästinenser als "Hintergrundmusik" bezeichnen: konstantes Maschinengewehrfeuer u. Explosionen, die das Viertel erschüttern. An meinem dritten Tag in Mousas Haus erlebte ich eine 2-stündige Schießerei zwischen Panzern der IDF u. palästinensischen Kämpfern, die die Bulldozer zurückdrängen wollten - das alles in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem der dichtbesiedeldsten Gebiete der Erde. Später, wir aßen gerade, schlugen 2 ausgedehnte Maschinengewehrsalven in die Hinterwand des Hauses ein. Eine Kugel kam durchs Badezimmerfenster geflogen u. schlug direkt in die Küchenwand ein. In der Nacht wollten mich Einwohner über einen der Märkte Rafahs führen. Plötzlich flammte IDF-Leuchtmunition am Himmel auf, u. unbemannte Spionageflugzeuge kreisten über dem Flüchtlingslager. Rot-phosphoreszierende Kugeln zischten über den Marktplatz.

Was hier passiert, hier, in Rafah, geschieht überall in den OPT - auf tagtäglicher Basis. Während meiner drei Wochen vor Ort führte die IDF 90 Militäraktionen in 45 Palästinensergemeinden durch - überall in Westbank u. Gazastreifen. Dabei wurden 25 Menschen getötet u. 92 verwundet (einige davon lebensgefährlich). Dutzende Menschen wurden festgenommen u. verhaftet, andere als ‘menschliche Schutzschilde’ missbraucht - um Personen verhaften oder ermorden zu können. 52 Wohnhäuser wurden während dieser Zeit zerstört - entschädigungslos - 255 Dunam (25,5 Hektar) Landwirtschaftsfläche eingeebnet (4). Unwahrscheinlich, dass irgendetwas davon in den Mainstream-Medien des Westens erwähnt wird. 3 palästinensische Städte - Hebron, Bethlehem u. Nablus - wurden unter 24-Stunden-Ausgangssperre gestellt: auf unbestimmte Zeit. Darüber wird die Presse, denke ich, berichtet haben. Schließlich waren der Maßnahme palästinensische Angriffe auf israelische Zivilisten bzw. Soldaten vorangegangen. Der journalistische Schwerpunkt ist jedoch auf das Leid der Israelis gerichtet - in Verkehrung der Realität, denn die Zahl palästinensischer Opfer übertrifft die auf israelischer Seite um über das Dreifache. Zusätzlich steht fest, dass Übergriffe israelischer Soldaten bzw. Siedler kaum geahndet werden. In Kontrast: Sollten Palästinenser sich wehren oder gar selbst angreifen (‘Terrorismus’) werden sie verhaftet oder getötet; man zerstört ihre Häuser, macht ihre Familien obdachlos, man umzingelt ihre Städte, verhängt 24-Stunden-Ausgangssperren, man unterwirft die Einwohner nervenaufreibenden Haus-zu-Haus-Durchsuchungen u. setzt ihre Institutionen außer Betrieb. ‘Kollektivbestrafung’ ist ein illegaler Akt, Häuserzerstörungen sowie die Vernichtung landwirtschaftlicher Fläche sind Kriegsverbrechen. Dafür gibt es auch keinerlei millitärische Rechtfertigung. Laut B’tselem, der wichtigsten israelischen Menschenrechtsgruppe, rechtfertigt die IDF ihre ‘Kahlschlagspolitik’ mit dem Argument, sie benötige das Land bzw. die Mauern als ‘Sicherheitsstreifen’ zum Schutz der israelischen Siedlungen bzw. der militärischen Außenposten, damit diese nicht von Palästinensern angegriffen werden könnten (6). Die 205 israelischen Siedlungen - errichtet auf bestem palästinensischem Land u. seit Unterzeichnung der ‘Osloer Verträge’ im Jahr 1993 doppelt so dicht bevölkert wie vordem - stellen einen schweren Verstoß gegen internationales Recht dar. Sie sind eine der Hauptursachen für (palästinensische) Übergriffe, die die IDF ja verhüten will.

Die derzeitige Situation in Palästina weckt Erinnerungen an Ehud Baraks (ehemaliger Premierminister Israels) erfolgreichen Wahlkampf im Jahr 1999: "Frieden durch Separation. Wir hier, sie dort". Wie Sara Roy feststellte: "Barak wollte seine Vision einer Separierung mittels Schaffung von Checkpoints, Mauern, Zäunen, Gräben, Brücken, Känalen u. Tunnels umsetzen" (7). Schon 1999 lebten die Palästinenser verteilt auf 227 getrennte Enklaven u. waren umzingelt von israelischen Siedlungen u. Straßen (8). Roy hierzu: "Die räumliche Zerteilung der Westbank ist so massiv geworden, dass Familien aus dem Norden nicht mehr wollen, dass ihre Kinder jemanden aus dem Süden heiraten - sie fürchten, ihre Kinder nie wieder zu sehen (dabei liegen zwischen Süd- u. Nord-Westbank weniger als 40 Meilen)" (9). Hinzu kommt: Nach mehr als zwei Jahren geschlossener palästinensischer Grenzen liegt die Arbeitslosenquote mittlerweile bei über 50 Prozent, die Zahl der Armen ist auf 70 Prozent gestiegen. Wen wundert’s da, dass das Welternährungsprogramm (World Food Program) 2001 die Palästinenser zu einem der ärmsten Völker der Welt erklärt hat (10).

Menschenrechtsverletzungen sind in den OPT keine allzu neue Erfahrung. Aus Datenmaterial, das Menschenrechtsgruppen seit 1967 erstellt haben, geht hervor: seit damals wurden 50 000 Palästinenser gefoltert u. 1 500 deportiert. In dieser Zeit sind insgesamt 400 000 israelische Zivilisten illegal in die OPT transferiert worden. Die natürlichen Ressourcen der Palästinenser, inklusive Wasser, wurden geplündert. Ein Angriff auf den Irak unter Führung der USA würde die Situation weiter verschärfen. Kürzlich warnten 800 US-Professoren die Öffentlichkeit vor einer potentiell "vollständigen ethnischen Wegsäuberung" der Palästinenser, sollte "der Nebel des Kriegs" die Welt blind machen für israelische Aktionen in Palästina (11).

Warum setzt Israel seine repressive Politik fort? Weil es die Möglichkeit dazu hat. Bis zu Camp David 2000 hatte die Palästinenserführung (Palästinensische Autonomiebehörde) mitgespielt u. sämtliche Verträge unterzeichnet. Das führte zur Legitimierung des Status quo - eine Tragödie für das palästinensische Volk (12). Die Mainstream-Medien sind in ihrer Berichterstattung auf die Angriffe der Palästinenser fokussiert - kontextunabhängig. Chefkommentare lesen sich wie Märchengeschichten. Die kanadische ‘National Post’ druckte kürzlich eine Rede von Izzy Asper ab - Asper hält die Hälfte der Aktien der ‘National Post’. Ihm gehört zudem einer der größten kanadischen Medienkonzerne: ‘Canwest Global Communications’. In seiner Rede preist Asper Israel "als Symbol und Lehrmeisterin der ganzen Menschheit was Excellence betrifft" (13). Die Tatsachen vor Ort sprechen eine ganz andere Sprache. Wer wirklich zu einer Verbesserung der Situation beitragen will, sollte sich erstens außerhalb der Mainstream-Medien informieren. Daneben sollten Sie Ihre gewählten Offiziellen unter Druck setzen, endlich den Mund aufzumachen, und Sie sollten die Initiativen solcher Organisationen unterstützen, die sich schon jetzt für die Rechte der Palästinenser einsetzen. Druck von internationaler Seite spielt eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, die israelische Unterdrückung des palästinensischen Volks zu beenden.

*Darren Ells Photo-Essay unter:
www.zmag.org/meastwatch/ellphotoessay/ell_rafaphotos.htm

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Anmerkungen des Autors

(1) mein Interview vom 23. Nov. 2002 in Rafah
(2) mein Interview vom 22. Nov. 2002 in Rafah
(3) aus: Wochenbericht über israelische Menschenrechtsverletzungen in den Besetzten Gebieten von 07. - 13. November 2002 des ‘Palestinian Centre for Human Rights’, PCHR, http://www.pchrgaza.org/
(4) ‘Wochenbericht....’ von 17. - 23. Oktober 2002 des ‘Palestinian Centre for Human Rights, http://www.pchrgaza.org/
(5) Zusammenfassende Statistik der PCHR-Wochenberichte 09. - 29. November 2002
(6) "Demolition of Houses and Fields in the Gaza Strip" (Häuserzerstörungen u. Ackerlandvernichtung im Gazastreifen), B’tselem, http://www.btselem.org/English/Statistics/index.asp
(7) Sara Roy, ‘Decline and Disfigurement: The Palestinian Economy After Oslo’, S. 102, aus: ‘The New Intifada: Resisting Israel’s Apartheid’; erschienen 2001 bei Verso, New York
(8) Ebenda, S.94
(9) Ebenda, S.99
(10)Allegra Pachebo, ‘Flouting Convention: The Oslo Agreements’, S. 196, aus: ‘The New Intifada: Resisting Israel’s Apartheid’ (siehe oben (7))
(11) Nigel Parry: "800 American professors sign document warning of coming Israeli ethnic cleansing", aus: The Electronic Intifada vom 18. Dezember 2002 http://www.electronicIntifada.net/v2/article989.shtm
(12) Zur vollständigen Diskussion siehe Allegra Pachebos Beitrag: ‘Flouting Convention...’
(13) Izzy Asper, ‘National Post’ vom 31. Oktober 2002

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