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Die Straße nach Rafah ist gefährlich. Rafah ist
die südlichste Stadt im Gazastreifen. Wir stoppen an der
Gush-Katif-Kreuzung, u. mein palästinensischer Fahrer wird langsam
nervös. "Hier schießen sie oft", erklärt er. Eine Gruppe
10jähriger palästinensischer Jungen nähert sich unserm Wagen.
Der Fahrer öffnet die Tür, läßt einen der Jungen rein.
Dann rast unser Wagen an jenen bewaffneten israelischen Wachtürmen vorbei,
die den 200-Meter- Checkpoint schützen. Wir halten an, und der Fahrer gibt
dem kleinen Jungen einen Schekel (20 europäische Cent), läßt
ihn aussteigen. Der Fahrer erklärt mir, die Jungen verdienten ihr Geld
damit, den Fahrern vorbeifahrender Wagen zu einer Insassenzahl von mindestens
drei zu verhelfen. Bei weniger Personen im Auto würden die israelischen
Soldaten nämlich das Feuer eröffnen - sie vermuten dann einen
Sprengstoff-Transport. So also begann meine Fahrt nach Rafah im
November 2002 - Teil einer fotografischen Erkundung* der okkupierten
Palästinensergebiete (OPT (Occupied Territories)). Die Stadt Rafah liegt
in nervöser Nähe zu den Siedlungen von Gush Katif, in denen insgesamt
7 000 israelische Siedler leben. Sie haben grüne Rasen u. Swimmingpools.
40 Prozent des Gazastreifens halten sie illegal besetzt, während die
Palästinenser - 1,2 Millionen Palästinenser - in Armut auf den
restlichen 60 Prozent leben. Tragischerweise liegt dieser Ort außerhalb
des Blickfelds westlicher Medien - dabei gab es hier seit Beginn der
27-monatigen Al-Aqsa-Intifada (prozentual) mehr Tote u. Verletzte als in jeder
andern Stadt der OPT: 206 Tote, 2 460 Verletzte u., laut Dr. Ali Mousa, Chef
des Rafaher Abu-Yousef-al-Najjar-Hospitals, 800 Notfalloperationen (1).
Rafah ist Schauplatz eines schweren Verstoßes gegen das
internationale Menschenrechtsgesetz, IHL, bzw. Schauplatz eines potentiellen
Kriegsverbrechens gemäß der Vierten Genfer Konvention:
Hier werden tagtäglich palästinensische Wohnhäuser von
israelischen Bulldozern abgerissen - im Schutze von Panzerfeuer u.
Heckenschützen. Ziel ist die Errichtung einer 6 Meter hohen Stahlwand -
entlang der Grenze zu Ägypten. Diese Bauarbeiten führen zu
tagtäglichen Schießereien bzw. zu israelischem Granatbeschuss -
dutzende palästinensischer Zivilisten wurden so schon verletzt oder
getötet. Die Demolierungs-Teams warnen kaum vor. Hartnäckige Bewohner
werden mittels Lautsprecher zum Verlassen ihrer Häuser aufgerufen, dann
mittels Maschinengewehrfeuer u. Panzergranaten ins Freie gezwungen.
Entschädigung ist nicht vorgesehen. Laut Dr. Yousef Mousa,
stellvertretender Leiter des Volkskomitees der Flüchtlinge von
Rafah (Rafah Popular Refugee Committee), wurden bislang mehr
als 350 Wohnhäuser vollständig zerstört, 500 teilweise, hunderte
weitere sind durch den Granatbeschuss beschädigt (2). Die Zahl der
Obdachlosen ist enorm. Eine Durchschnittsfamilie in Rafah zählt 11
Mitglieder. Als ich in Rafah eintraf, wollten mich die Leute sofort in
ihre Wohnungen im Block O zerren. In Block O wird
tagtäglich abgerissen. Eines der Häuser konnte ich durch ein
großes Loch in seiner Außenmauer betreten. Ich fand dahinter eine
Mutter, die gerade ihre fünf Kinder versorgte. Das Loch hatte man
hineingeschlagen, um im Bedarfsfall möglichst schnell fliehen zu
können - das heißt, falls die Angriffe der Israelischen Armee (IDF)
zu intensiv werden. In der Nachbarwohnung ist die Südwand zerstört.
Ich stehe dort mit den Bewohnern u. kann einen gepanzerten Bulldozer
vorbeirattern sehn. Die Großmutter neben mir weint.
Anschließend gehe ich auf einen der Stadtfriedhöfe Rafahs. Dort
findet gerade das Begräbnis des 2jährigen Hamed al-Masri statt. Er
war ums Leben gekommen, als seine Familie vor dem Panzergewehrfeuer der IDF auf
ihr Haus im vielbevölkerten Block J geflohen war (3). Nach der
Beerdigung des Jungen besuchte ich im Hospital von Rafah die Frau von
Asaad Hassan, sie heißt Asmaa. Asmaa kuriert ihre
schweren Verletzungen aus, die sie während desselben Angriffs erlitten
hat. Meinen ersten Abend in der Stadt verbrachte ich bei Kamal Abu Shammala u.
seiner Familie in deren neuem Haus - weit weg von Block O. Man war
weggezogen, nachdem Kamals 10jährige Tochter auf der Flucht vor einem
IDF-Angriff getötet worden war. Das war vor einem Monat - einen Tag nach
Beginn des Mauerbaus. Laut Palestinian Center for Human Rights
(Palästinensisches Zentrum für Menschenrechte) kamen durch
willkürlichen Granatbeschuss auf Wohnhäuser in Block O
bereits 6 Zivilisten ums Leben, 39 wurden verletzt (3). Die IDF muss die Gefahr
kennen: Hier, im Flüchtlingslager Rafah, leben 90 000 Menschen auf einer
Fläche von weniger als einem Quadratkilometer. Nach meinem Besuch bei
Familie Shammala verbrachte ich 4 Tage bei einer zehnköpfigen Familie in
Block O - nur 75 Meter von der neuerrichteten Mauer der Israelis
entfernt. Das Haus hat Familienvater Mousa vor 7 Jahren gebaut. Jetzt ist es
von Kugeln durchsiebt u. umgeben von Sandhaufen - wo früher Häuser
standen. Um seine Familie vor dem täglichen Maschinengewehrfeuer der
Panzer zu schützen, hat Mousa Backsteine vors Esszimmerfenster gestellt.
Ich sollte hier auch kennenlernen, was die Palästinenser als
"Hintergrundmusik" bezeichnen: konstantes Maschinengewehrfeuer u. Explosionen,
die das Viertel erschüttern. An meinem dritten Tag in Mousas Haus erlebte
ich eine 2-stündige Schießerei zwischen Panzern der IDF u.
palästinensischen Kämpfern, die die Bulldozer zurückdrängen
wollten - das alles in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem der
dichtbesiedeldsten Gebiete der Erde. Später, wir aßen gerade,
schlugen 2 ausgedehnte Maschinengewehrsalven in die Hinterwand des Hauses ein.
Eine Kugel kam durchs Badezimmerfenster geflogen u. schlug direkt in die
Küchenwand ein. In der Nacht wollten mich Einwohner über einen der
Märkte Rafahs führen. Plötzlich flammte IDF-Leuchtmunition am
Himmel auf, u. unbemannte Spionageflugzeuge kreisten über dem
Flüchtlingslager. Rot-phosphoreszierende Kugeln zischten über den
Marktplatz. Was hier passiert, hier, in Rafah, geschieht überall
in den OPT - auf tagtäglicher Basis. Während meiner drei Wochen vor
Ort führte die IDF 90 Militäraktionen in 45
Palästinensergemeinden durch - überall in Westbank u. Gazastreifen.
Dabei wurden 25 Menschen getötet u. 92 verwundet (einige davon
lebensgefährlich). Dutzende Menschen wurden festgenommen u. verhaftet,
andere als menschliche Schutzschilde missbraucht - um Personen
verhaften oder ermorden zu können. 52 Wohnhäuser wurden während
dieser Zeit zerstört - entschädigungslos - 255 Dunam (25,5 Hektar)
Landwirtschaftsfläche eingeebnet (4). Unwahrscheinlich, dass irgendetwas
davon in den Mainstream-Medien des Westens erwähnt wird. 3
palästinensische Städte - Hebron, Bethlehem u. Nablus - wurden unter
24-Stunden-Ausgangssperre gestellt: auf unbestimmte Zeit. Darüber wird die
Presse, denke ich, berichtet haben. Schließlich waren der Maßnahme
palästinensische Angriffe auf israelische Zivilisten bzw. Soldaten
vorangegangen. Der journalistische Schwerpunkt ist jedoch auf das Leid der
Israelis gerichtet - in Verkehrung der Realität, denn die Zahl
palästinensischer Opfer übertrifft die auf israelischer Seite um
über das Dreifache. Zusätzlich steht fest, dass Übergriffe
israelischer Soldaten bzw. Siedler kaum geahndet werden. In Kontrast: Sollten
Palästinenser sich wehren oder gar selbst angreifen
(Terrorismus) werden sie verhaftet oder getötet; man
zerstört ihre Häuser, macht ihre Familien obdachlos, man umzingelt
ihre Städte, verhängt 24-Stunden-Ausgangssperren, man unterwirft die
Einwohner nervenaufreibenden Haus-zu-Haus-Durchsuchungen u. setzt ihre
Institutionen außer Betrieb. Kollektivbestrafung ist ein
illegaler Akt, Häuserzerstörungen sowie die Vernichtung
landwirtschaftlicher Fläche sind Kriegsverbrechen. Dafür gibt es auch
keinerlei millitärische Rechtfertigung. Laut Btselem, der
wichtigsten israelischen Menschenrechtsgruppe, rechtfertigt die IDF ihre
Kahlschlagspolitik mit dem Argument, sie benötige das Land
bzw. die Mauern als Sicherheitsstreifen zum Schutz der israelischen
Siedlungen bzw. der militärischen Außenposten, damit diese nicht von
Palästinensern angegriffen werden könnten (6). Die 205 israelischen
Siedlungen - errichtet auf bestem palästinensischem Land u. seit
Unterzeichnung der Osloer Verträge im Jahr 1993 doppelt so
dicht bevölkert wie vordem - stellen einen schweren Verstoß gegen
internationales Recht dar. Sie sind eine der Hauptursachen für
(palästinensische) Übergriffe, die die IDF ja verhüten will.
Die derzeitige Situation in Palästina weckt Erinnerungen an Ehud
Baraks (ehemaliger Premierminister Israels) erfolgreichen Wahlkampf im Jahr
1999: "Frieden durch Separation. Wir hier, sie dort". Wie Sara Roy feststellte:
"Barak wollte seine Vision einer Separierung mittels Schaffung von Checkpoints,
Mauern, Zäunen, Gräben, Brücken, Känalen u. Tunnels
umsetzen" (7). Schon 1999 lebten die Palästinenser verteilt auf 227
getrennte Enklaven u. waren umzingelt von israelischen Siedlungen u.
Straßen (8). Roy hierzu: "Die räumliche Zerteilung der Westbank ist
so massiv geworden, dass Familien aus dem Norden nicht mehr wollen, dass ihre
Kinder jemanden aus dem Süden heiraten - sie fürchten, ihre Kinder
nie wieder zu sehen (dabei liegen zwischen Süd- u. Nord-Westbank weniger
als 40 Meilen)" (9). Hinzu kommt: Nach mehr als zwei Jahren geschlossener
palästinensischer Grenzen liegt die Arbeitslosenquote mittlerweile bei
über 50 Prozent, die Zahl der Armen ist auf 70 Prozent gestiegen. Wen
wunderts da, dass das Welternährungsprogramm (World Food Program)
2001 die Palästinenser zu einem der ärmsten Völker der Welt
erklärt hat (10). Menschenrechtsverletzungen sind in den OPT
keine allzu neue Erfahrung. Aus Datenmaterial, das Menschenrechtsgruppen seit
1967 erstellt haben, geht hervor: seit damals wurden 50 000 Palästinenser
gefoltert u. 1 500 deportiert. In dieser Zeit sind insgesamt 400 000
israelische Zivilisten illegal in die OPT transferiert worden. Die
natürlichen Ressourcen der Palästinenser, inklusive Wasser, wurden
geplündert. Ein Angriff auf den Irak unter Führung der USA würde
die Situation weiter verschärfen. Kürzlich warnten 800 US-Professoren
die Öffentlichkeit vor einer potentiell "vollständigen ethnischen
Wegsäuberung" der Palästinenser, sollte "der Nebel des Kriegs" die
Welt blind machen für israelische Aktionen in Palästina (11).
Warum setzt Israel seine repressive Politik fort? Weil es die
Möglichkeit dazu hat. Bis zu Camp David 2000 hatte die
Palästinenserführung (Palästinensische Autonomiebehörde)
mitgespielt u. sämtliche Verträge unterzeichnet. Das führte zur
Legitimierung des Status quo - eine Tragödie für das
palästinensische Volk (12). Die Mainstream-Medien sind in ihrer
Berichterstattung auf die Angriffe der Palästinenser fokussiert -
kontextunabhängig. Chefkommentare lesen sich wie Märchengeschichten.
Die kanadische National Post druckte kürzlich eine Rede von
Izzy Asper ab - Asper hält die Hälfte der Aktien der National
Post. Ihm gehört zudem einer der größten kanadischen
Medienkonzerne: Canwest Global Communications. In seiner Rede
preist Asper Israel "als Symbol und Lehrmeisterin der ganzen Menschheit was
Excellence betrifft" (13). Die Tatsachen vor Ort sprechen eine ganz andere
Sprache. Wer wirklich zu einer Verbesserung der Situation beitragen will,
sollte sich erstens außerhalb der Mainstream-Medien informieren. Daneben
sollten Sie Ihre gewählten Offiziellen unter Druck setzen, endlich den
Mund aufzumachen, und Sie sollten die Initiativen solcher Organisationen
unterstützen, die sich schon jetzt für die Rechte der
Palästinenser einsetzen. Druck von internationaler Seite spielt eine
zentrale Rolle, wenn es darum geht, die israelische Unterdrückung des
palästinensischen Volks zu beenden. *Darren Ells Photo-Essay
unter:
www.zmag.org/meastwatch/ellphotoessay/ell_rafaphotos.htm
-- Anmerkungen des Autors (1) mein Interview vom 23.
Nov. 2002 in Rafah (2) mein Interview vom 22. Nov. 2002 in Rafah (3)
aus: Wochenbericht über israelische Menschenrechtsverletzungen in den
Besetzten Gebieten von 07. - 13. November 2002 des Palestinian Centre for
Human Rights, PCHR, http://www.pchrgaza.org/ (4)
Wochenbericht.... von 17. - 23. Oktober 2002 des Palestinian
Centre for Human Rights, http://www.pchrgaza.org/ (5)
Zusammenfassende Statistik der PCHR-Wochenberichte 09. - 29. November 2002
(6) "Demolition of Houses and Fields in the Gaza Strip"
(Häuserzerstörungen u. Ackerlandvernichtung im Gazastreifen),
Btselem,
http://www.btselem.org/English/Statistics/index.asp
(7) Sara Roy, Decline and Disfigurement: The Palestinian Economy After
Oslo, S. 102, aus: The New Intifada: Resisting Israels
Apartheid; erschienen 2001 bei Verso, New York (8) Ebenda, S.94
(9) Ebenda, S.99 (10)Allegra Pachebo, Flouting Convention: The Oslo
Agreements, S. 196, aus: The New Intifada: Resisting Israels
Apartheid (siehe oben (7)) (11) Nigel Parry: "800 American professors
sign document warning of coming Israeli ethnic cleansing", aus: The Electronic
Intifada vom 18. Dezember 2002
http://www.electronicIntifada.net/v2/article989.shtm
(12) Zur vollständigen Diskussion siehe Allegra Pachebos Beitrag:
Flouting Convention... (13) Izzy Asper, National
Post vom 31. Oktober 2002 -- Übersetzt von: Andrea
Noll Orginalartikel: "State
Of Seige In Palestine" |