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Es ist von einigen Leuten,
darunter sehr geschätzten wie Lea Rosh und Ralf Giordano, Kritik an der
Demonstration vom 15. Februar geübt worden. Sie meinen, dass die
Friedensbewegung naive oder böswillige Elemente des Antiamerikanismus und
Antisemitismus enthalte. Nun, ich bin Amerikaner und ich bin auch Jude. Ob ich
mit meinen 75 Jahren noch naiv bin, mögen andere beurteilen. Doch nachdem
ich an der Demonstration vom 15. Februar teilnahm, finde ich, dass
Naivität - Böswilligkeit möchte ich nicht unterstellen - eher
bei den Kritikern zu finden ist als bei den Demonstranten. Es wäre an
der Zeit, dass solche Kritiker begreifen, dass es niemals ein Land gegeben hat,
das nur Gerechtes oder Richtiges tat. Diese Erkenntnis kann schmerzlich sein,
so, wenn Katholiken feststellen, dass ihre Kirche und deren Päpste in der
früheren und auch neueren Geschichte Verbrechen begangen haben, oder wenn
Kommunisten schmerzlich erkannten, dass ihr Vorbildland unter Stalins
Führung ebenfalls monströse Verbrechen beging. Auch die Völker
und Bewunderer von England, Frankreich und vor allen anderen Deutschland
mussten von Mordtaten ihrer Regierungen erfahren und sie dafür tadeln,
womöglich ihre Regierungen sogar bekämpfen. Das gilt auch heute,
nicht nur für die blutige Regierung von Saddam Hussein, sondern auch
für die Regierung der USA und und die Israels. Eher als Mensch denn
als Jude betrauere auch ich den Tod von unschuldigen israelischen Jugendlichen
in Discos oder Pizzerien und von Bürgern aller Altersgruppen in Bussen und
auf Marktplätzen. Doch auch solche Taten der Selbstmörder lassen mich
nicht vergessen, dass Ariel Sharon einst für das brutale Töten von
Flüchtlingen in Libanon verantwortlich war, dass israelische Soldaten auf
die Köpfe von palästinensischen Kindern zielten, die Steine warfen,
dass israelische Panzer und Hubschrauber allnächtlich Schrecken,
Vernichtung und Tod in Gebieten verbreiten, die gemäß
unzähligen UNO-Beschlüssen nicht zu Israel gehören. Ich kann
auch nicht die Worte der früheren Außenministerin der USA, Albright,
vergessen, die das Sterben von 500000 irakischen Kindern als »der Sache
wert« rechtfertigte. Ich kann mich nicht einfach damit abfinden, was
den Frauen, Kindern und Männern von Irak nun wohl bevorsteht, weil ihnen
eine schlechte Regierung aufgedrängt wurde (die lange Jahre mit den USA
engstens verbündet war). Ist mein Gedächtnis oder sind meine
kritischen Sinne naiv? Gerade als Amerikaner kann ich nicht vergessen, dass ein
Gouverneur George Bush in Texas mehr als 150 Todesurteile mit schneller
Handbewegung unterschrieb. Und der so arrogant wie gefährlich sagt:
»Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!« und »Meine
Geduld ist zu Ende. Das Spiel ist aus!« Das soll kein
Schießwütiger sein? Was »gewaltsame Regime-Changes«
betrifft, bin ich alt genug, um etliche solche erlebt zu haben. Sehr oft waren
Männer der CIA dabei - wenn nicht gar Männer in Uniform, wie etwa in
Grenada, Panama, Vietnam, Laos und Kambodscha. Fast immer war das Resultat
Folter, Tod und Leiden, oft für viele sehr blutrünstige Jahrzehnte.
Kennen die Kritiker die Geschichte nicht? Schließen sie ihre Augen? Wo
ist hier Naivität? Antisemitismus und Antiamerikanismus habe ich am
15. Februar nicht gesehen. Mein eigenes Transparent - »Americans Say
No!« - erhielt von allen Seiten nur Begrüßung und
lächelnde Zuneigung. Ich sah nicht die so harsch kritisierte
»einheitliche Meinung«, sondern recht verschiedene (zum Beispiel
für und gegen Schröder). Gewiss sah ich einige Banner gegen Ariel
Sharon. Soll man ihn loben? Weitaus die meisten waren gegen Bush und Rumsfeld.
Sind diese beiden etwa Friedensengel? Sind denn die jüdischen Menschen
in Israel antisemitisch, die gegen den Krieg gegen Palästinenser
opponieren, die enthüllen, dass Sharons Regierung Pläne diskutiert,
einen Irak-Krieg zu gebrauchen, um die letzten Palästinenser aus ihrer
Heimat zu vertreiben? Sind die »Refuseniks« Antisemiten? Sind
solche jüdische Soldaten, die schon in früheren Kriegen dienten, aber
jetzt nicht mitmachen, Antisemiten? Waren die Witwe und die Enkelin von Rabin
antisemitisch, als sie sich gegen die Politik der Likud-Regierung aussprachen?
Ist Dustin Hoffman antiamerikanisch oder antisemitisch, wenn er die Politik
der Bush-Regierung ablehnt? Wie ist es mit den 500000 Menschen - eine
große Zahl davon auch jüdisch -, die in New York am 15. Februar
demonstrierten? Und die in San Francisco? In Birmingham? In Los Angeles? Oder
Lawrence (Kansas) und Menominee (Wisconsin)? Und die Stadträte von Chicago
und 70 anderen Städte, die sich gegen den Krieg entschieden, zum ersten
Mal in der Geschichte so deutlich? Sind sie alle antisemitisch oder
antiamerikanisch? Oder alle einfach naiv - anders als die klugen Kritiker des
15. Februar? Als Amerikaner und Jude fand ich die Demonstrationen in Berlin
und die Welt am 15. Februar keinesfalls antiamerikanisch und keinesfalls
antisemitisch. Für mich waren sie ein erstaunliches, begeisterndes
Willensbekenntnis von 10 bis 20 Millionen Menschen in den meisten Ländern
dieser Erde von Thailand bis Tel Aviv, von Sydney bis San Francisco, von Berlin
bis Brasilia, eins der größten Ereignisse, das ich in meinem Leben
je erlebt habe. Ich wünschte nur, die Friedensbewegung wäre noch
mächtiger, denn sie ist in Wirklichkeit auf der Seite fast aller
Amerikaner, fast aller Juden, fast aller Menschen auf dieser sich nach Frieden
sehnenden Welt.
(ND 04.03.03)
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