Das sind ihre Namen: Ala Hilo, 23 u. sein Bruder Said,
28, Tamer Qata, 27, Amar al-Dayeh, 19, Abd al-Karim Bakroun, 25, Mohammed
Salhoub, 27, Abd al-Rahman Kassam, 26, Munzar Safadi, 27, Ali Abu al-Hir, 30,
Iyad Abaed, 27 u. Abd al-Rahim Abu Naja, 30. Diese 11 Palästinenser
mussten sterben, weil die Israelische Armee (IDF) im Viertel Sejiya/Gaza-Stadt
eine Operation durchführte. Letzten Mittwoch war es. Die meisten dieser
Männer (aber keineswegs alle) waren Bewaffnete. Standen sie alle auf der
Todesliste? 2 weitere Palästinenser wurden in Nablus getötet, eine
Person in Dschenin. Die Bluternte eines einzigen Tages: 15 tote
Palästinenser.
Am nächsten Tag jedoch lautete die schreiende
Schlagzeile im israelischen Massenblatt Yedioth Ahronoth: Stadt unter
Granatbeschuss. Welche Stadt ist hier gemeint? Sderot, in Südisrael.
Im Zwillingsblatt Maariv ebenfalls kein Hinweis (zumindest in
keiner Überschrift oder Subüberschrift) auf die getöteten
Palästinenser bzw. auf die Zerstörungen, die die
Givati-Infanteriebrigade (israelische Eliteeinheit) mit Panzer- u.
Helikopterunterstützung in Gazas Sejiya-Viertel angerichtet hat. Nur um
Sderot dreht sich alles, um die Kassam-Raketen, nur um uns. Als die
Sejiya-Operation begann, wurden (von Palästinensern) 4 Kassams auf die
südisraelische Stadt Sderot abgefeuert. Bei dem Angriff wurde der
Gabelstaplerfahrer Vladimir Valodya, 48, leicht verletzt. Valodya arbeitet in
einer lokalen Duschen-Fabrik (ursprünglich war gemeldet worden, sein
Zustand sei kritisch). Das israelische Interesse fokussierte sich ganz allein
auf ihn u. seine Stadt - fast schon hysterisch. Wird später mal ein
Geschichtsforscher unsere Zeitungen ausgraben u. durchforsten, gelangt er zur
Schlussfolgerung, nur Sderot sei an jenem Tag, letzten Mittwoch also, Opfer
eines Beschusses geworden. Wiedermal hat man den Israelis beigebracht, sie
seien die einzigen Opfer von Gewalt. Oder wer sollte wohl von den
Tötungen, der Zerstörung in Sejiya gehört haben? Wer weiß
darüber Bescheid? Ebenso (fast) verschwiegen die Tatsache, dass der
Raketenangriff eine direkte Reaktion auf die israelische Aktion in Sejiya war.
Drei Wochen hatte an der Kassam-Front Ruhe geherrscht, u. die
Palästinenserbehörde hatte alles getan, um die Raketenangriffe zu
stoppen - auch dies kaum einer Nachricht wert. Die Palästinenser
schießen eben, und niemand interessiert sich für die
Gründe.
Das israelische TV-Nachmittagsprogramm mit den neuesten
Nachrichten - ein extrem guter Indikator - brachte ausschließlich die
Sache mit den Kassam-Raketen. Keine Telefonreportage aus Gaza, nichts über
die Toten dort, die Schwerverletzten. Ursprünglich wollte New
Evening (Channel One) ein Interview mit einem IDF-Offizier über die
Operation in Gaza - aus Perspektive der IDF - senden, doch das Büro des
IDF-Sprechers torpedierte das Interview. Nach dem Kassam-Anschlag entschloss
man sich, zu tun, was das Militär wollte u. brachte ausschließlich
die Sderot-Story. Das geplante Interview mit dem israelischen Offizier wurde
abgesagt. Auf die Idee, vielleicht Leute aus dem blutenden Gaza zu interviewen,
kam man nicht. Die israelischen Medien berichteten wiedermal die Wahrheit - die
halbe Wahrheit. Nur in den Abendnachrichten wurde ein - halbwegs - ausgewogenes
Bild gezeichnet.
Natürlich darf der Terror, der über die
Menschen von Sderot gekommen ist, nicht verharmlost werden - auch nicht die
Verletzungen des Herrn Valodya. Aber ebensowenig darf vergessen werden:
gleichzeitig, am selben Tag also, kam es in Gaza zu massiven Tötungen u.
Flächenzerstörungen. In den ersten 20 Tagen des Februar wurden nicht
weniger als 56 Palästinenser getötet (laut Palästinensischem
Zentrum für Menschenrechte), darunter 7 Kinder u. Jugendliche. Was erfuhr
man darüber bzw. über die Umstände unter denen sie umkamen?
Sogut wie gar nichts. Wenn man etwas über das Schicksal dieser Menschen
erführe, wäre das denn sofort gleichbedeutend mit Identifizierung?
Ist es nicht vielmehr Pflicht von uns Israelis, zu wissen, was in Sejiya
geschah? Schließlich warnen selbst Verteidigungsstellen nach jeder dieser
brutalen Operationen vor einer möglichen neuen Welle des Terrors - als
Reaktion. Was wir hier erleben, das systematische Unterdrücken von
Information, ist ein massiver Missbrauch unseres Vertrauens an die
Medien.
Moralisch verabscheuungswürdig mit welcher
Ausschließlichkeit auf die Opfer unserer Seite fokussiert wird,
während man die Opfer der anderen Seite unbeachtet läßt. Davon
abgesehen zeigt diese Praxis aber auch politische Folgen. Wen wunderts
angesichts der selektiven u. verzerrten Informationsvermittlung, die der
israelischen Öffentlichkeit geboten wird, dass unser Land massiv nach
Rechts abdriftet? Jeder vernünftige Mensch, der seine Informationen
(ausschließlich) durch die israelische Presse bezieht, muss doch mit der
Zeit derart denken. Die Palästinenser, sie sitzen sicher versteckt in
ihren Häusern, so ist aus israelischen Medienberichten zu folgern und
schießen trotzdem mit Raketen auf uns. Die politische Schlussfolgerung
ist eindeutig: Gewalt ist die Lösung. Denn gäbe es die Okkupation
nicht, nicht das schreiende Unrecht u. die Kriegsverbrechen auf unserer Seite,
ließe sich doch folgern: die Palästinenser tun das alles nur, weil
sie eben blutrünstig geboren sind.
Schlagzeilen und
Nachrichtenprogramme in TV u. Radio formen das Denken der Öffentlichkeit
(zu diesen Themen) wesentlich nachhaltiger als es tausend aufgeklärte u.
intelligente Kommentatoren tun können. Unsere Ansichten
unterscheiden sich, nicht zuletzt, weil sich unsere Nachrichten
unterscheiden, so der Kolumnist Paul Krugman letzte Woche in der New York
Times. Thema war der immense Graben, der sich zwischen Amerika u. Europa
aufgetan hat. Dasselbe könnte man mit wesentlich mehr Recht auch über
den Nahen Osten sagen. Abend für Abend flimmern in der arabischen Welt -
u. mit gewissen Abstrichen auch in der westlichen - Gräuelbilder aus den
besetzten Gebieten über die Bildschirme. Die israelischen Fernsehzuschauer
hingegen erfahren nichts über diese Dinge, die weniger als eine Autostunde
von ihrem Haus entfernt geschehen. Alles, was s i e zu sehen bekommen, sind
brutale Selbstmordattentate u. Kassam-Raketen.
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Übersetzt
von: Andrea Noll Orginalartikel: "Only
Sderot. Only us." |