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13.03.2003 von Andrej Grubacic
Übersetzt von: Andrea Noll
Orginalartikel: "Who was Djindjic?"
ZNet
Wer war Djindjic?

u.U. eine interessante Ergänzung zu den ersten Nachrufen und Kommentaren

Der serbische Ministerpräsident Zoran Djindjic war ein Langzeit-Dissident. In seiner Studienzeit, Mitte der 70ger, ging er nach Deutschland - das taten damals viele Dissidenten, um Mithilfe westlicher Intellektueller den Schikanen Tito-Jugoslawiens zu entgehen. Als Djindjic nach Belgrad zurückkehrte, hatte er seine anarchischen Ideale ad acta gelegt. 1989 war er einer der Gründer der 'Demokratischen Partei' - eine der wichtigsten Parteien gegen Milosevic. Djindjic war Meister des Taktierens u. ein skrupelloser Technokrat. So schaffte er es rasch bis an die Spitze der Partei. Ende 1996 machte sich Djindjic auch international einen Namen. Er war einer jener 3 Oppositionsführer, die einen fast dreimonatigen Massenprotest der Straße koordinierten bzw. inspirierten. Die Regierung Milosevic hatte damals alles daran gesetzt, den Sieg der Koalition 'Zajedno' (Vereint) bei den serbischen Kommunalwahlen annullieren zu lassen. Die Demonstrationen waren ein voller Erfolg. Soetwas hatte es - was Intensität u. Dauer anbelangt - noch nie gegeben in der jüngeren europäischen Geschichte. Djindjic wurde mit dem Amt des Belgrader Bürgermeisters belohnt. Das war 1997.

Während des Kosovo-Konflikts - und der Nato-Aggression gegen Jugoslawien -, ging Djindjic ins (sichere) montenegrinische Refugium bzw. in den Westen. Dass er das Land im Stich ließ u. darüberhinaus den Vorschlag machte, "Jugoslawien sollte bombardiert werden", brachte ihm in Jugoslawien wenig Freunde ein. Nach Ende der Angriffe gegen Jugoslawien war Djindjic so ziemlich der unpopulärste Politiker in Serbien. Dennoch gelang es ihm, im Hintergrund die Fäden zu ziehen, im - letztlich erfolgreichen - Wahlkampf eines anderen Oppositionsführers gegen Milosevic: Vojislav Kostunica. Kostunica wurde jugoslawischer Präsident - was aber kaum mehr als ein Ehrenamt war -, und Djindjic war im Zentrum der Macht angekommen: Er wurde neuer serbischer Ministerpräsident. Im Jahr 2001 überstellte Djindjic Slobodan Milosevic an das Haager Tribunal - obwohl das Volk u. viele Leute in der serbischen Politik, einschließlich Präsident Kostunica, dagegen waren.

Zoran Djindjic führte in Serbien einen neoliberalen Kapitalismus schlimmster Sorte ein. Seine Medien-Manipulationen sowie sein technokratischer Stil machten ihn immer unpopulärer. Serbien unter Djindjic ist zu einem der ärmsten Länder in der Region mutiert. Tag für Tag gingen mehr als 15 000 Arbeiter protestierend auf die Straße, u. mehr als 900 000 Menschen in Serbien verloren ihre Jobs (bei einer Gesamtpopulation von etwa 7 Millionen). Die Gewerkschaften sind aufgerüttelt, soziale Unruhe gären.

Da ist zum Beispiel der sogenannte 'Arbeiterwiderstand' in Kragujevac (Industriestadt in Serbien), wo mit aller Macht gegen Djindjics neoliberale Politik anprotestiert wurde. Es entstanden soziale Bewegungen u. Bündnisse wie 'Eine andere Welt ist möglich' (und viele andere); das alles nahm mehr u. mehr Gestalt an. Auf diese Weise versucht man, der IMF-isierung des Landes entgegenzuwirken. Und da ist jene Hand voll Intellektueller u. Journalisten, die sich gegen die Aufoktroyierung einer "falschen Debatte" wandten: Ihr habt euch zwischen den neoliberalen "Reformern" und den "Ultranationalisten" zu entscheiden, so hieß es. Dabei kam der sogenannte "Belgrader Konsens" zustande - eine Annäherung neoliberaler u. nationalistischer Polit-Eliten sowie intellektueller Kommissare. Sie fanden einen Weg, (wieder) Druck auf Leute auszuüben, die fähig waren, über die angebotenen Optionen Neoliberalismus u. Nationalismus hinauszudenken.

Zur Frage der politischen Parteien: Seit zwei Jahren war ein fast kontinuierlicher Machtkampf zwischen Djindjic u. Kostunica zu beobachten. Kostunica war nach wie vor populär, Djindjic hingegen verabscheute man - wegen dessen technokratischem Ansatz u. seiner sogenannten "Reformen" (gleich: Stabilisierung, Privatisierung, Liberalisierung ganz im Sinne des "Washingtoner Konsensus"). Dennoch darf nicht verkannt werden, Zoran Djindjic war extrem erfolgreich. Er nutzte seine Verbindungen zum montenegrinischen Präsidenten Djukanovic, um das Land in eine lose Union 'Serbien-Montenegro' zu transformieren. Auch den Machtkampf mit Kostunica konnte Djindjic letztendlich für sich entscheiden - indem er während der vergangenen Monate Jugoslawien eben durch jene Union 'Serbien-Montenegro' ersetzte. Für Kostunica hatte dies die Konsequenz, dass er sein Amt (als Staatspräsident) verlor. Jetzt ist er erneut in der Opposition.

Aber Djindjic blieben nur wenige Wochen, um die Früchte seiner (fast) absoluten Macht zu genießen. Über das heutige Attentat wird viel spekuliert. Eine der Thesen lautet, Djindjic sei Opfer seiner eigenen Verbindungen zum organisierten Verbrechen geworden - vielleicht das wahrscheinlichste Szenario. Post-Jugoslawien geht es wie allen übrigen sogenannten "Ländern in Transition" (in Transition zur totalen Verarmung nämlich): Eine "neue Klasse" hat sich herausgebildet, eine Oligarchen-Gruppe, die ihr Geld zwar bereits unter Milosevic scheffelte, aber in Djindjic u. Kostunica ihre neuen Beschützer fand. Virulentes Element dieser neuen Klasse von Geschäftsleuten u. Politikern ist die Mafia u. das organisierte Verbrechen. Aber es gibt auch noch folgendes Szenario: Djindjics Ermordung als Ergebnis einer Politverschwörung. Djindjic sei womöglich von albanischen Nationalisten exekutiert worden, heißt es. Im Süden Serbiens werden diese Leute ja immer stärker. Djindjics eigene Kreise - die neoliberalen Technokraten - werden die entstandene Situation zu ihren Gunsten zu nutzen wissen - was alles andere als gut ist. Wir haben das ja schon mit Milosevic erlebt. Seine Auslieferung nach Den Haag hat ihn praktisch zum Märtyrer gemacht. Und exakt in diesem Moment, während ich das hier schreibe, strahlt einer dieser Djindjic treuen TV-Sender den Film 'JFK' aus. Aber noch eine weitere Gefahr droht: Das organisierte Verbrechen könnte die jetzige Situation zu einem Bandenkrieg nutzen. Das Attentat könnte den Gangs - ganz allgemein der Mafia - weiter Auftrieb verleihen. Folge: eine Situation der kompletten Destabilisierung. Aber selbst im günstigsten Fall werden die derzeit an der Macht befindlichen Neoliberalen die Gelegenheit für sich missbrauchen u. die Verarmung des Landes weiter vorantreiben. Auch die nationalistischen Kräfte könnten sich ermutigt fühlen. Für die Menschen in Serbien - Menschen, die für ein "anderes Serbien" kämpfen u. sich gegen Neoliberalismus u. Nationalismus wehren -, für sie ist die Situation düster, zumindest im Moment.

--

Übersetzt von: Andrea Noll
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