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Gaza Erfahrungen in einem besetzten Land
Die Chance verpasst
Von Klaus Polkehn
Da ist die Erzählung der nach Nazideutschland
verschleppten Mutter, die auf dem Weg ins KZ Bergen-Belsen die
Gleichgültigkeit deutscher Passanten beobachtet, "abscheuliches Symbol des
unbeteiligten Zuschauens". Die Tochter, israelische Journalistin, zieht Anfang
der 90er Jahre in den okkupierten Gaza-Streifen, aus "Angst, zu einem
tatenlosen Zuschauer zu werden". Dieser moralische Impetus treibt Amira Hass,
macht sie zur wichtigen Chronistin des palästinensisch-israelischen
Konflikts. Hinzu kommen die Gründlichkeit der Rechercheurin, ihre
Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen, schließlich Exaktheit und vor
allem auch ihr Mut.
Ihr Buch geht weit über das hinaus, was der Titel
verheißt, nämlich die Schilderung von "Tagen und Nächten
in einem, besetzten Land". Es bietet Sozialgeschichte nicht nur
Gazas, sondern der gesamten palästinensischen Gesellschaft mit all ihren
Facetten. Amira Hass ist durch ihre Entscheidung, inmitten der
Palästinenser zu leben, ganz dicht an den Ereignissen. Sie besitzt enge
persönliche Bindungen zu den Besetzten, berichtet voller Emotionen. Als
Bürgerin Israels hat sie aber auch zugleich so viel Distanz, dass sie
sachlich zu analysieren vermag. So gelingt ihr etwas Seltenes: Der Blick von
drinnen nach draußen und von draußen nach drinnen.
"Gaza" ist ein Buch über Besatzung und ihre
Folgen. Die alltäglichen Schikanen, die Übergriffe, die
Demütigungen - nichts wird ausgelassen. Was hier zu Lande nicht einfach zu
verstehen ist, wird mit einem Schlag klar: Was bringen die ständigen,
manchmal wochenlangen Absperrungen und Ausgangssperren an wirtschaftlichen
Schwierigkeiten, was bewirken sie in der Psyche der Betroffenen. Alltag in
Gaza: "die endlosen Stromausfälle, wenn die Außentemperatur sich der
40-Grad-Grenze näherte, das armselige Rinnsal, das aus der Dusche tropfte,
und das übelschmeckende Wasser, das aus dem Wasserhahn in der Küche
kam. Wie jeder andere Bewohner von Gaza bekam ich zu spüren, was für
eine geringe Rolle das Individuum im Denken der Besatzer spielte."
Was die Medien in Deutschland meist mit dem Zusatz "aus
Sicherheitsgründen" melden (wieder eine neue Abriegelung), was fast
harmlos als "neue Siedlung" bezeichnet wird, was man fast beiläufig
mitteilt - die Zerstörung von Häusern, die Beschlagnahme von Boden -,
stellt Amira Hass in einen größeren Kontext. Wenn Israel den
Palästinensern den Zugang zu Boden in den besetzten Gebieten verweigert,
dann hat es damit effektiv klargemacht, "dass "die Zukunft der
Palästinenser immer den Bedürfnissen, Wünschen und der
Vormachtstellung der Juden untergeordnet bleiben wird, und all dies unter den
wachsamen Augen der Schutzpatrone der Abkommen von Oslo, durch die Israels
Stellung als herrschende Macht ausdrücklich aufrechterhalten wurde".
Das Buch behandelt auch die komplizierten
innerpalästinensischen Prozesse und liefert Erklärungen für
vieles, was dem Außenstehenden schwer verständlich scheint. Wir
erfahren Überraschendes über das Innenleben der
palästinensischen Organisationen und über die Anfänge der ersten
Intifada (1988-1993). Die Besatzung, dazu die Korruption durch die Besatzung,
bewirken eine Deformation der Gesellschaft und die Zerstörung
gesellschaftlicher Normen. Amira Hass zitiert die Enttäuschung vieler
Palästinenser mit ihrer "Sulta", der Nationalbehörde. Sie
erzählt, wie mancher revolutionär Kampfer nach Jahrzehnten müde
geworden ist, und wie andere durch das lange Exil verdorben wurden. Sie
beschreibt einfühlsam und überzeugend die Wirkung der Religion. die
praktische Erfahrung mit dem Islam jenseits der Theologie. Man sieht die
Ausweglosigkeit der Million Palästinenser im übervölkerten
Gaza-Streifen, in dem "großen Gefängnis". Man begreift, wie es
Menschen am Ende fertig bringen. sich als lebende Bomben in die Luft zu
sprengen. Israel reagiert mit Staatsterror. Man muss Amira Hass zustimmen, dass
auf die Dauer "die Wirksamkeit der Einschüchterung zum Verhindern von
Terroranschlägen jedoch äußerst fraglich" ist, dass "man den
Terror nicht eindämmen kann, ohne ihn in seinem sozialen, wirtschaftlichen
und historischen Zusammenhang zu sehen und die menschliche Not zu lindern".
Zu den bewegenden Episoden des Buches gehört, wie Amira
Hass mit Bewohnern des Gaza-Streifens "verschwundene Dörfer" besucht, die
Heimatorte der 1948 vertriebenen Palästinenser, wie ihre Begleiter die
Spuren den Kindheit suchen. Das "Recht auf Rückkehr" ist Streitpunkt im
"Friedensprozess", angeblich Haupthindernis für jedwede Lösung. Die
Autorin zitiert von einer Flüchtlingskonferenz in Gaza: "Jedermann
weiß. daß wir nie in unsere Dörfer zurückkehren werden.
Wir sind nur noch ein Pfand ..." Wenn Israel seine Verantwortung für die
Vertreibung von 1948 anerkennen würde, wenn die Palästinenser die
Möglichkeit hätten, endlich ein anständiges Leben in Würde
zu führen, dann wäre die verlorene Heimat nur eine liebe nostalgische
Erinnerung.
Der aktuelle Epilog schildert den Beginn der zweiten
Intifada und zeigt, wie sich die Situation für die Menschen in den letzten
Jahren weiter verschlechtert hat. Ungeachtet der negativen Wirkungen des
Oslo-Prozesses sucht Amira Hass nach Perspektiven. "Während der Oslo-Jahre
haben die Palästinenser Israel ein goldenes Geschenk angeboten: sich von
seinen ko1onialistischen Charakterzügen und Traditionen zu lösen und
nach einem neuen Weg zu suchen, um den Konflikt mit den Palästinensern
friedlich und mit vernünftigen Methoden zum Abschluss zu bringen." Dies
wäre der sicherste Weg für beide Völker gewesen. Und sie fragt:
"Haben wir diese goldene Chance verpaßt?"
Amira Hass: Gaza, Tage und Nächte in einem besetzten
Land. .Verlag C.H. Reck
München 2003. 410 S., geb., 24.90 . |