Angriffe auf die Websites des in
Großbritannien und den USA ungeliebten arabischen Senders al-Dschasira
lösen Mutmaßungen über die Urheber aus
Die Websites des arabischen Senders
al-Dschasira [1] sind seit Dienstag nicht mehr erreichbar. Kaum
hatte al-Dschasira seine englischsprachige Ausgabe [2] ins Netz
gestellt ( Reif für die Halbinsel? [3]), fingen offenbar die
Angriffe auf die sowieso überlasteten Server an, die eine Reaktion auf die
Veröffentlichung von Bildern gefangener und getöteter britischer und
US-Soldaten sein könnten.
Armee-General John Abizaid hatte sich am 23. März
über die von al-Dschasira gesendeten Bilder des irakischen Fernsehens
entrüstet gezeigt, aber immerhin betont: " I don't regard any media as
hostile media." Das war nicht ganz überflüssig, denn während des
Afghanistan-Kriegs bereitete al-Dschasira dem Pentagon ebenfalls Unbehagen und
stellte für allem für die arabische Welt eine bedeutsame
Gegenöffentlichkeit dar, doch wurde das Redaktionsgebäude des Senders
in Kabul "zufällig" oder im Sinne des "Kollateralschadens" von einer
Präzisionsbombe zerstört.
Nun hat al-Dschasira den Unmut der amerikanischen und
britischen Regierung erweckt. Wegen der Ausstrahlung der Bilder wurden auch von
amerikanischer Seite die sonst wenig beachteten internationale Gesetze in Form
der Genfer Konvention für die Behandlung von Kriegsgefangenen bemüht,
um zumindest die heimischen Medien unter Druck zu setzen. Allerdings trifft die
Genfer Konvention nur auf die kriegführenden Parteien, nicht jedoch auf
unabhängige Medien zu. Nichtsdestotrotz wiederholte [4] jetzt
auch der Kommandeur der britischen Truppen am Golf denselben Vorwurf und warf
dem Sender implizit vor, sich zum Instrument der irakischen Propaganda zu
machen. Die Kritik erwächst sicher nicht nur aus den Bildern, sondern wohl
auch an den Nachrichten des Senders, die eine andere Version bieten.
Beispielsweise wurde vom britischen Militär die Nachricht verbreitet, in
Basra sei es zu größeren Aufständen gekommen. Daraufhin
berichtete al-Dschasira - der Sender hat eine Redaktion in der Stadt - , dass
nichts Ungewöhnliches bemerkt werden könne.
Auch wenn al-Dschasira, der mit aller Macht und angeblich
nur im Dienst der wichtigen Information versucht, Aufmerksamkeit zu erregen und
sich im Markt auch gegen konkurrierende arabische Sender durchzusetzen (
Konkurrenz für Al-Dschasira [5]), gestern in
Großbritannien mit dem Antizensurpreis von Index on
Censorship [6] ausgezeichnet wurde, steht der Sender unter Beschuss.
Die Akkreditierung des al-Dschasira-Korrespondenten bei der New York Stock
Exchange wurde plötzlich unter dubiosen Gründen zurück gezogen -
und dann begannen wohl vermutlich Angriffe, die die arabische und die neue
englischsprachige Website meist unzugänglich machen.
Salah AlSeddiqi, der bei al-Dschasira für den
Internetauftritt verantwortlich ist, sagte [7] gestern, dass alle
Websites aufgrund von koordinierten Angriffen, die am 25. März begonnen
hätten, nicht mehr zugänglich seien. Während gewöhnlich ein
Traffic zwischen 50 und 60 Mbps zu verzeichnen sei, waren es jetzt zwischen 200
und 300 Mbps, was die nicht darauf ausgelegten Server zusammenbrechen
lässt. Joanne Tucker, Herausgeberin der englischsprachigen Webausgabe,
bezeichnete die Angriffe als DNS-Angriffe. Die Angreifer hätten demnach
eine Möglichkeit gefunden, die bei den zuständigen Nameservern
Zuordnung zwischen dem Domainnamen (beispielsweise www.aljazeera.net) und der
zugehörigen IP-Adresse (http://217.26.193.10/) zu fälschen, so dass
der Domainname in eine falsche IP-Adresse und umgekehrt umgewandelt würde.
Was auch immer die Ursache war und inwiefern amerikanische
Firmen, die wie VeriSign, DataPipe oder VavLink Nameserver für
al-Dschasira bereits stellen, eine Rolle [8] spielen, ist kaum
nachzuvollziehen. DataPipe hat angekündigt, al-Dschasira wegen der
Angriffe nicht weiter hosten zu wollen. war die Website auch einmal von einer
Freedom Cyber Force Militia gehackt (siehe dazu auch Kurzzeitig ( Wirbel um
Website von Al Jazeera [9]) .
All das auf dem politischen Hintergrund und just zu diesem
Zeitpunkt lässt natürlich alle möglichen Vermutungen entstehen.
AlSeddiqi vermutet denn auch, dass dahinter "eine Organisation mit Wissen und
Geld" stecke: "Sie haben leistungsfähige Maschinen, um die Angriffe
auszuführen, und jemanden, der für die Bandbreite zahlt." Da liegt
die Anspielung auf amerikanische Regierungsstellen möglicherweise nicht
fern.
Die Angriffe haben sicherlich einen politischen
Hintergrund, aber es könnte sich selbstverständlich auch um eine
patriotisch gestimmte Hackergruppe in den USA oder in anderen Ländern
handeln, die im eigenen Auftrag den DDoS-Angriff ausgeführt hat. Dazu
reichen, so Johannes Ullrich vom Internet Storm Center [10] des
SANS Institute auch schon 1000 IRC Bots auf Zombie-Rechnern aus, um die Server
mit der angegebenen Datenmenge lahmzulegen. Allerdings lassen sich solche
Angriffe auch durch eine entsprechend erhöhte Bandbreite abwehren.
Wer auch immer hinter diesen Angriffen stehen mag, so
richten sie sich gegen die Presse- und Meinungsfreiheit, die in einer nun
globalen Öffentlichkeit des Internet nicht mehr so einfach wie vor
Internet und Satellitenfernsehen zu kontrollieren ist. Unerwünschte
Informationen können von staatlicher Seite nicht mehr von den Menschen
durch Zensur und Druck auf die nationalen Medien abgehalten werden. Was bliebe,
wäre natürlich wie in diesem Fall der Druck auf amerikanische
Provider oder eben Angriffe, um ein Internetangebot für eine gewisse Zeit
zu stören oder unerreichbar zu machen,. Dabei müsste man sich nicht
zu erkennen geben und könnte sich so der Kritik entziehen,
unabhängige und kritische Medien zu unterdrücken.
Die kurzzeitig überschriebene Website von
al-Dschasira könnte natürlich auch ein Versuch sein, eine falsche
Fährte zu legen. Doch solche
verschwörungstheoretisch [11] attraktiven Ideen sind wohl doch
abwegig, da al-Dschasira trotz verhinderter Interpräsenz ja weiterhin
sendet und so die Bilder und Informationen in die Öffentlichkeit gelangen.
Allerdings hat der Sender auch schon Frankreich Ärger auf sich gezogen (
Französische Medienaufsichtsbehörde rügt
al-Dschasira [12]). In Afghanistan hatte das Pentagon wohl etwas
massiver agiert, nachdem der Druck auf die Regierung in Katar zu keinem Erfolg
führte ( Sex, Religion und Politik [13]). Wenn zufällig
die Redaktion des Senders in Basra jetzt unter Feuer geraten sollte, dann
könnte man dieses Mal wohl jeden Zufall ausschließen. Dass die
Medien des Gegners primäre Ziele sind, hat das Pentagon schließlich
auch jetzt wieder durch die Bombardierung des irakischen Fernsehsenders
gezeigt.
Noch jedenfalls scheinen nur politisch motivierte Menschen
ihren Beitrag zur Zensur leisten zu wollen. Anstatt die durch das Internet
unermesslich große Vielfalt der Informationen und Positionen im Netz zu
fördern und als Chance zu begeifen, wozu auch viele Einseitigkeiten und
Voreingenommenheiten von einzelnen Personen bis hin zu Organisationen, Medien
und Regierungen gehören, soll ausgeschaltet werden, was stört. Die
Praktiken solcher Online-Milizen und eigenständiges Handeln von Firmen (
Krieg der Bilder [14]) sind bedenklich genug.
Andererseits: Auch die Website [15] der
irakischen Vertretung an der UN in New York, gehostet von der US-Firma Web
Communications, ist mittlerweile vom Netz genommen worden: This Web site is
currently unavailable. Auf eine Anfrage, warum dies geschehen ist, kam bislang
keine Antwort, auch nicht von der irakischen Vertretung.