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28.03.2003 von Jonathan Cook
Übersetzt von: Andrea Noll
Orginalartikel: "Thwarting The State"
Znet
Staats-Verhinderung

Scharon plant einen neuen Elektrozaun

Es ist weniger als vierzehn Tage her, dass Israels Premier Ariel Scharon mit seinen Kabinettsministern auf medienwirksamer Tour entlang der nördlichen Abschnitte jenes 360 km langen Separationszauns rund um die Westbank unterwegs war; der Zaun soll angeblich errichtet werden, um die Israelis vor palästinensischen Angriffen zu schützen. An seine Minister gerichtet sagte Scharon später, was er stets sagt: der Elektrozaun stelle eine reine "Sicherheitsmaßnahme" dar, keineswegs eine "politische" Grenze - eine Kode-Formulierung unter Rechten u. jüdischen Siedlern, die signalisieren soll, die Regierung wird keine Grenz-Demarkation für einen künftigen Palästinenserstaat dulden. Scharon wiederholt diese Aussage ständig, seit er im Juni letzten Jahres von seinen damaligen Koalitionspartnern von der Arbeitspartei dazu gedrängt wurde, die Trennmauer zu akzeptieren. Aber im Gegensatz zu früheren Äußerungen, scheint es Scharon diesmal nicht mehr so ernst zu sein. Die Tour mit seinen Ministern, so scheint es, kündigt eine dramatische Wende in Scharons Haltung an. Scharon ist in Panik angesichts Washingtons offensichtlicher Entschlossenheit, nach dem Irak-Krieg den 'Fahrplan' des Quartetts - Schaffung eines Palästinenserstaats bis zum Jahr 2005 - umzusetzen bzw. darüber, dass das Weiße Haus seine Zustimmung gegeben hat, den übrigen Mitglieder des Quartetts (Russland, Europa, UN) bei Umsetzung u. Überwachung eine führende Rolle einzuräumen; aus diesem Grund scheint Scharon sich nun entschieden zu haben, den Zaun für seine eigenen Zwecke zu nutzen. Er glaubt, mit einem revidierten Mauerverlauf könne er dem Quartett den geforderten Palästinenserstaat liefern - eine verkümmerter Version davon, die so ist, wie sich Scharon einen Palästinenserstaat schon immer vorgestellt hat.

Inzwischen ist die Arbeitspartei nicht mehr an der israelischen Regierung beteiligt. Scharon wird maßgeblich gestützt durch die Pro-Siedler-Parteien. Und die israelische Öffentlichkeit interessieren weniger die Details der Separierung als vielmehr ihr Erfolg. Somit hat Scharon nun freie Hand, die politische Landkarte neu zu entwerfen. Hauptsächlich zwei wichtige Änderungen am geplanten Zaun, die Scharon seit seiner Minister-Tour vom 16. März bekanntgegeben hat, lassen auf seine geänderte Strategie schließen. Wie die israelische Tageszeitung Yediot Aharonot einen Tag nach der Tour vermeldete, plant Scharon inzwischen schon einen zweiten Zaun - auf der östlichen Westbank-Seite, entlang des Jordantals - der mit dem ersten Zaun im Westen verbunden werden soll. Beide Zäune zusammen würden die palästinensische Bevölkerung sehr effektiv einschließen u. die Westbank, wie führende palästinensische Politiker es ausdrücken, in ein einziges "riesiges Gefängnis" verwandeln - ein Modell, das für den wesentlich kleineren Gazastreifen ja bereits Realität ist. Scharons Sprecher scheitern an der Aufgabe, plausibel zu erklären, wie ein zweiter, 300 km langer, Zaun mitten durch das Jordantal (die Grenze zwischen Westbank u. Jordanien) als "Sicherheitszaun" Sinn machen könnte - aber genau so lautet die offizielle Begründung. In der Yediot gab ein nichtgenanntes Mitglied der israelischen Regierung als eigene Interpretation an: "Dadurch werden sie (die Palästinenser) nicht mehr viel Territorium übrighaben". Und ein anderer fügt hinzu: "Scharon nimmt ihnen schlicht ihren Staat weg".

Aber damit nicht genug. Diese Woche setzte Scharon zum Todesstoß an. Seine Offiziellen bestätigen Berichte, wonach der Premier einer "Neuausrichtung" des Verlaufs des zweiten Zaun-Abschnitts (des ersten Zauns) zugestimmt hat. Nun also soll der Zaun zwischen Qalqilya u. Jerusalem verlaufen. In Bezug auf den ersten Zaun-Abschnitt, zwischen Beit Shean u. Qalqilya, der Ende des Jahres fertiggestellt sein soll, hatte Scharon schon früher dafür gesorgt, dass dieser nun wesentlich vom Verlauf der 'Grünen Linie' abweicht - soweit praktikabel jedenfalls. Schließlich sollen die Palästienser ja auf der andern Seite der Grenze gehalten werden. Die 'Grüne Linie' stellt die Westbank-Grenze vor 1967 dar. Scharon hatte sich auf so ziemlich jede Forderung der jüdischen Siedler im Norden der Westbank eingelassen. Am meisten Aufsehen erregte die (jüdische) Siedlung Alfei Menashe, in der mehr als tausend Armeeoffiziers-Familien leben. Anläßlich eines Kurztrips durch die Region im letzten Sommer hatte Scharon diesen Leuten versprochen, den Verlauf des Zauns ans andere Ende ihrer Siedlung zu verlegen. Resultat: Der Zaun greift jetzt an vielen Stellen in Westbank-Land ein, er schluckt palästinesisches Farmland u. schneidet Dörfer von ihrem Land u. ihren Brunnen ab. Zwei Städte, Qalquilya u. Tulkarm, sind durch die Zaunmauer praktisch eingemauert, u. ein dutzend palästinensicher Dörfer finden sich auf der anderen, der falschen, Seite des Zauns wieder.

Die zweite Phase des Zaunbaus sähe noch wesentlich massivere "Einschnitte" in Westbank-Gebiet vor. Ziel ist es, die großen jüdischen Blocksiedlungen Ariel, Kedumim u. Immanuel mit auf israelische Seite zu nehmen. Zudem ist eine neue sich windende Straße geplant, die durch das Herz der Westbank schneiden soll u. den Zaun bis ans Westende von Nablus heranführen. Auch die dritte Bauphase des Zauns - die Route soll in sich windenden Schleifen von Jerusalem bis Hebron führen -, wird vergleichbar tiefe Einschnitte mit sich bringen, darauf lassen Berichte in israelischen Medien schließen.

Das palästinensische Kabinettsmitglied Saeb Erekat bezeichnet die Planungen als "in flagrantem Widerspruch" zum 'Fahrplan' stehend. "Praktisch sagt Israel den Amerikanern u. Briten, vergeßt es", so Erekat. "Sie sagen, wir haben unseren eigenen Fahrplan, der auf Diktat und nicht Verhandlungen beruht. Sie schaffen Fakten vor Ort. Diese Fakten werden uns 40 Prozent der Westbank kosten". Berichten zufolge würde der überarbeitete Plan etwa 40 000 zusätzliche Siedler "zurück nach Israel holen", (also die Siedlungen Israel einverleiben), aber angeblich 'nur' zusätzliche 3 000 Palästinenser. Diese Zahlen scheinen mir reichlich optimistisch, aber auf exakte Zahlen wollen sich Scharons Mitarbeiter nicht festlegen.

Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass etwa 200 000 Palästinenser sich letztendlich auf der "israelischen" Seite des Zauns wiederfinden werden. Ihr Status bzw. die Art, wie man ihre Bewegungsfreiheit sicherstellen will - darüber hat sich Israel bis jetzt nicht geäußert. Scharons Sprecher, Ra'anan Gissin gibt nur frühere Aussagen der Armee wieder, indem er sagt, zu einem späteren Zeitpunkt, wenn ein Friedensabkommen existiere, könne man über die Verlegung des Zauns ja nochmal reden. Das allerdings würde die Zaunmauer zu einer sehr kostspieligen "temporalen" Angelegenheit machen, denn allein der Bau des Westzauns verschlingt mehr als $1,3 Milliarden. Die Finanzierung der bemannten Wachtürme u. der mobilen Sicherheits-Teams, die den Zaun patrouillieren sowie die Finanzierung der versprochenen Durchgänge u. deren Personal ist noch nicht mal durch den israelischen Haushalt. Zusammen mit dem Jordantal-Zaun könnten sich die Baukosten so auf wesentlich mehr als $2 Milliarden steigern.

Für die Palästinenser von weit größerem Interesse ist sicherlich die Frage, wieviel Land ihnen übrig bleibt, wenn beide Zäune fertiggestellt sind. Selbst Erekats 60 Prozent Annahme könnte sich so als noch viel zu optimistisch erweisen. Scharons 'Worst-case-Scenario' sah ja immer einen Palästinenserstaat auf nicht mehr als der Hälfte der Westbank vor - ein Staat, mit äußerst beschnittener Souveränität. Bis jetzt gibt es noch keine Details über den geplanten Ost-Zaun. Quellen behaupten jedoch, dieser Zaun würde die östlichen Ausläufer des Westbank-Gebirges umschließen - einschließlich Maale Adumim, einer gewaltigen jüdischen Siedlung östlich von Jerusalem. Dadurch käme die Palästinenserstadt Jericho auf "israelische" Seite, ebenso große Stücke des Jordantals.

Jeff Halper, Professor an der Ben-Gurion-Universität, verfolgt das Anwachsen der israelischen Westbank-Siedlungen, er sagt: "Was wir beobachten, ist, dass die Siedler - Scharons langjährige Verbündete - diesen Streit gewinnen. Der neue Zaunverlauf wird aus 'Area A' u. 'Area B' Kantone machen (über diese Gebiete hatten die Palästinenser, gemäß der Osloer Verträge, begrenzte Kontrolle erhalten), während nur wenige eher abgelegene (jüdische) Siedlungen aufgegeben werden müssten". Und Halper weiter: "In Kombination mit der östlichen Mauer (Zaun) wird es Scharon so möglich, eine Reihe von Bantustans zu schaffen (Ministaaten ohne Macht, in Anlehnung an die Bantustans für die schwarze Bevölkerung in Apartheid-Südafrika), die die Palästinenser praktisch in Gefängnisse sperren". Halpers Einschätzung ist, Scharon u. die Siedler würden sich mühen, möglichst rasch irreversible Fakten vor Ort zu schaffen - bevor der 'Fahrplan' (nach dem Irak-Krieg) wieder aktuell wird: "Scharon hat Angst vor diesem Fahrplan beziehungsweise vor der Tatsache, dass nicht allein die USA für dessen Fortschritte verantwortlich sein werden. Auf diese Weise kann er aber eine Situation schaffen, in der Aufwand u. Kosten eines israelischen Westbank-Rückzugs unangemessen hoch und daher unmöglich erscheinen". Und Halper weiter: "Unklar, was Israel mit der zunehmenden Zahl Palästinenser auf der falschen Seite des Zauns anfängt, die dieser Plan erzeugt. Ich bin misstrauisch genug zu glauben, sie werden sie transferieren oder ihnen das Leben so schwer machen, dass sie ihre eigenen Konsequenzen ziehen und emigrieren".

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