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11.04.2003 von Jonathan Cook
Übersetzt von: Andrea Noll
Orginalartikel: "Common Images Of Brutality"
ZNet
Die alltäglichen Bilder der Gewalt

Auf Al-Dschasira sieht man sie: irakische Gefangene mit Kapuzen über den Köpfen; ihre Hände stramm gefesselt mittels weißer Plastikhandschellen. Ich sehe diese Bilder auf dem TV-Gerät, das hinter den Brüdern Sultan u. Shareef Haroun steht. Ihnen allerdings braucht man nicht zu zeigen, wie Besatzung en Detail aussieht. Sie sind gerade erst zu ihrer Familie heimgekehrt - 3 Tage lang hatte man sie exiliert. Die beiden gehören zu jenen rund 2 000 Männern (Alter: 15 - 40), die die Israelische Armee vor einer Woche im Flüchtlingslager von Tulkarm im Norden der Westbank zusammengetrieben hat - zum Verhör. Anschließend wurde den Männern von den Soldaten die Augen verbunden, u. sie wurden mit exakt jenen weißen Plastikhandgelenkfesseln gebunden, wie man sie jetzt im Irak benutzt, dann stopfte man sie in Busse u. schaffte sie ein paar Kilometer weiter in ein benachbartes Dorf. Als man sie in den Bus verfrachtete, so Shareef, 21, hätte der israelische Offizier gesagt: "Die nächsten 3 Tage geht ihr nicht nach Hause." "Solltet ihr versuchen, heimzukommen, töten wir euch". "Irak und hier - das ist kein großer Unterschied", sagt sein Bruder Sultan, 23: "Ich spreche sehr gut Hebräisch, aber viele Soldaten haben mich nicht verstanden, sie konnten nur Englisch. Ich sag dir was: das waren Amerikaner, die üben hier, weil sie lernen wollen, was in Bagdad und Basra zu tun ist".

Ich will nicht näher auf den Verdacht der Palästinenser eingehen, die Israelische Armee u. die US-Armee könnten kooperieren, aber davon abgesehen existieren einige sehr irritierende Parallelen zwischen der israelischen Okkupation palästinensischer Städte u. der amerikanischen Irak-Invasion: Beides ist illegal gemäß internationalem Recht, beides wird durch 'westliche' Armeen gegen eine arabische Population durchgesetzt u. in beiden Fällen agieren Soldaten als Polizisten u. verstricken sich notgedrungen in unmoralische Aktivitäten - indem sie für Gehorsam sorgen bzw. ihren Selbstschutz durchsetzen. Die Frage, wie verhindert man, dass eine "gutgemeinte Befreiung" in eine verhasste Besatzungs-Tyrannei abdriftet, wird die klügsten Köpfe der amerikanischen u. britischen Militärs die nächsten paar Monate beschäftigt halten - sollte es nicht doch noch zu einem schnellen Rückzug aus Bagdad kommen. Aber israelische Militärplaner lassen solche Erwägungen kalt. Während der 36-jährige Okkupation von Westbank u. Gaza hat man es ja nie für nötig gehalten, dies als Befreiung zu rechtfertigen. Und israelische Soldaten mussten auch nie Süßigkeiten an kleine Kinder verteilen - im Kampf um deren "Herz und Verstand". Aber wie die Israelis müssen nun auch britische u. amerikanische Soldaten möglichst rasch lernen, zwischen Zivilisten u. Kämpfern zu unterscheiden ("Terroristen", wie das Pentagon, ganz nach israelischem Vorbild, diese Leute vorschnell etikettiert). An einem Punkt, an dem Widerstand zur Pflicht wird - eine Pflicht, die Männer, Frauen u. Kinder gleichermaßen teilen -, fällt Unterscheidung schwer; Israel hat das gelernt, das werden nun vielleicht auch Amerikaner u. Briten lernen müssen. Im palästinensischen Fall kämpfen ja nicht nur Männer mit Gewehren gegen die Okkupation. Die Frauen verstecken die Männer, sie geben ihnen zu essen, u. die Kinder u. alten Leute schweigen eisern, wenn die Armee an ihre Tür klopft. Eine solche allgemeine Verschworenheit ist nicht auseinanderzudividieren, man kann sie höchstens zerschlagen. Diese Probleme sind der brutalen israelischen Okkupation von Westbank u. Gaza quasi inhärent; letzte Woche, beim Übergriff gegen das von 18 000 Palästinensern bewohnte Flüchtlingslager Tulkarm wurden sie wieder offenbar - und bei der Expedierung der Männer dort.

Shareef erzählt, er sei kurz vor 4 Uhr morgens aufgewacht: Lautes Klopfen an der Tür, am Haus der Familie. Er habe sich angezogen, aber da strömten die israelischen Soldaten schon die Treppe runter - vom Dach her. Sie legten ihre Gewehre auf Shareef an. An ihren Helmen trugen sie Lampen, deren Licht Shareef blendete. "Sie kamen über das Dach des Nachbarhauses", so Shareef. Binnen Sekunden hätten die Soldaten den gesamten 3. Stock eingenommen. Shareef dekoriert das Stockwerk gerade für seine Hochzeit. Sie soll nächste Woche stattfinden. Dann gingen die Soldaten in den 2. Stock, den sein Bruder Sultan mit Frau u. zwei Kleinkindern bewohnt. Man drängte alle auf die Straße hinaus. Die Soldaten schafften Raketenwerfer u. Maschinengewehre ins Hausinnere, brachten die Waffen auf das Dach - das Haus ist eines der höchsten im Lager. "Man fragte nach unseren Ausweisen, aber wir hatten sie ja noch im Haus. Also ging ich rein, um sie zu holen. Da sah ich, wie die Soldaten schon ihre Schlafmatratzen auf dem Fußboden meines Wohnzimmers ausbreiteten", so Sultan. Während der 3 Tage, in denen das Haus von der Israelischen Armee okkupiert wurde, zerstörten die Soldaten Möbel, plünderten Kleiderschränke u. kritzelten Graffiti an die Wände. Das Schlafzimmer, das Shareef für seine Frau vorbereitet hatte, war derart zerstört, dass er ein neues Bett u. einen neuen Kleiderschrank anschaffen musste. Er musste Kratzerspuren übermalen u. behauptet zudem, man habe ihm die Hochzeitsgeschenke gestohlen.

Die Israelische Armee hatte das gesamte (Flüchtlings-)Lager mit Stacheldraht umgeben u. abgeriegelt. Kreisende Helikopter hatten die Maßnahme überwacht. Dann war in der frühen Dämmerung ein Lautsprecher-Jeep durchs Lager gefahren u. hatte alle Männer zwischen 15 u. 40 aufgefordert, zur Zentralschule zu kommen. Diese wird vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNRWA betrieben. Den Männern wurde gesagt, man werde sie verhören. Später beschwerte sich die UN über dieses Vorgehen, die Armee hätte die Neutralität des UN-Gebäudes missachtet. Sultan war erst kürzlich, nach siebenmonatiger Haft, auf freien Fuß gesetzt worden. Sein Vergehen: 2002 hatte er während einer Ausgangssperre einen kranken Freund im Hospital von Nablus besucht u. war dabei erwischt worden. Es folgten Inhaftierungen im Verhörzentrum Ofer, dann im Gefängnislager Ketziot in der Wüste Negev. Wie die übrigen mehr als 1 000 Insassen von Ketziot wurde auch Sultan in militärischem 'Administrativgewahrsam' gehalten. Er stand nie vor Gericht. Nun also überkam Sultan die Angst, sie könnten ihn erneut einsperren. Er schlich sich in eine Seitengasse u. entkam ins Nachbardorf. Viele andere Männer entzogen sich ebenfalls dem Zusammentrieb (vor der UN-Schule) u. flohen zu Freunden u. Familienangehörigen außerhalb des Lagers. Nicht so Shareef: Er ging auf den Spielplatz der Schule u. wartete mit hunderten anderen Männern. Er wurde kurz verhört, u. man checkte seine Papiere. "Sie haben uns in 3 Gruppen geteilt. Männer über 35 wurden nur gefesselt, denen zwischen 18 und 35 haben sie zudem die Augen verbunden, und die zwischen 15 und 18 wurden in den andern Teil der Schule gebracht und einzeln vernommen". Verschiedene Quellen bestätigen, dass die Israelische Armee physische Gewalt gegen die Teenager im Lager angewendet hat bzw. sie bedrohte. Ziel: Man wollte sie dazu pressen, als Kollaborateure für Israels weitverzweigtes Kollaborations- Netzwerk zu arbeiten. Keiner der Teenager wollte dazu öffentlich Stellung nehmen. Endlich, kurz nach Mittag, wurde Shareef auf einen Lastwagen verladen u. ins nahe Flüchtlingslager Nur Shams gebracht, wo er bei Freunden unterkommen konnte. Die Armee gibt an, sie hätte an dem Tag 1 000 Männer aus dem Flüchtlingslager transferiert, die Bewohner hingegen sprechen von 2 000. Aber selbst vonseiten der Armee wird keineswegs behauptet, es habe sich bei den expedierten Männern um Verdächtige gehandelt. Vielmehr gibt das Militär als Rechtfertigung für seine Aktion an, man habe das Lager säubern wollen, um so besser nach Gesuchten fahnden zu können - ohne das Risiko ausbrechender Straßenkämpfe nämlich. 3 Tage gingen die Soldaten von Tür zu Tür und durchsuchten die Häuser: vor den Augen verängstigter Frauen, Kinder u. alter Leute. Viele von ihnen wussten zu dem Zeitpunkt noch nicht (oder nur sehr vage), was aus ihren Ehemännern, Brüdern, Söhnen u. Vätern geworden war.

Einige linke Israelis zeigten sich über diese Militärstrategie entsetzt. So Yossi Beilin - ein früher Politiker der Arbeitspartei - der sagte, die Vertreibung wecke "Erinnerungen, die einen frösteln lassen". Dabei ließ er allerdings offen, ob er nun vom Massentransfer der Palästinenser im Jahr 1948 spricht oder von den Deportationen der europäischer Juden in die Konzentrationslager der Deutschen ein paar Jahre zuvor? Beilin weiter: "Nur ein krankes Hirn kann sich so einen Plan ausdenken". Eine Armeesprecherin verteidigte die Operation - die erste Massenvertreibung dieser Art seit jener großangelegten israelischen Westbank-Invasion vor einem Jahr: Man habe das nur in der Absicht getan, das Leben unschuldiger Zivilisten zu schonen. "Es gehörte zu dieser Operation, sicherzustellen, dass die, die nichts mit dem Terror zu tun haben, bei der Operation nicht zu Schaden kommen", so Majorin Sharon Feingold. Die Familie von Mueer Samir, 8, sieht das sicher ganz anders. Ein Soldat zwang den Jungen, vor ihm in ein Haus zu gehen, während er sein Gewehr auf Mueers Schulter ablegte. Die Armee war davon ausgegangen, in dem Haus befänden sich mehrere Führer des Islamischen Dschihad. Stattdessen lebten dort nur 6 Frauen. Die Besitzerin des Hauses, Hannan Ashour, zeigt uns ihren mit Schutt übersäten Schlafzimmerfußboden. Die Soldaten hatten ein Loch in die Wand ihres Schlafzimmers geschlagen u. ihre Möbel zertrümmert - auf der Suche nach Verstecken.

Augenscheinlich gibt es sogut wie nichts, was einen derart umfassenden Angriff auf die Rechte der Bewohner des Lagers rechtfertigen könnte. Was hier geschah, war vielmehr ein massiver Akt der Kollektivbestrafung - aufgrund einer Selbstmordaktion des Islamischen Dschihad, die von Tulkarm aus geplant worden war. Bei dem Anschlag waren am 30. März in der israelischen Küstenstadt Netanya dutzende Israelis verletzt worden. Die Israelische Armee stieß bei ihrer Militärinvasion in Tulkarm praktisch auf keinen bewaffneten Widerstand, und laut Armee wurden lediglich 21 Verdächtige verhaftet - die meisten davon gleich bei der ersten Razzia. Die Invasion von Tulkarm wurde beendet, als der Dschihad-Führer Anwar Alian sich zusammen mit drei weiteren ergeben hatte. Sie hatten bei verschiedenen Familien Unterschlupf gefunden u. sich zuletzt in einem Bordell versteckt - in der Annahme, dort würde die Armee zuletzt nach Dschihad-Männern suchen. Aber nachdem man sie durch ein Telefonat geortet hatte, gaben sie kampflos auf. Sultan hat so seine eigene Theorie bezüglich dessen, was die Israelische Armee mit der Aktion bezwecken wollte: "Sie wollen nur herausfinden, inwieweit sie uns schon gebrochen haben, wie wir reagieren, wenn sie uns, wie 1948, auf Laster verfrachten. Ich fürchte, das hier war nur der Probelauf". Vor der Irak-Invasion wurde viel spekuliert, ob Israel plane, im Schutze des Kriegs noch mehr Palästinenser zu töten bzw. zu versuchen, die palästinensische Bevölkerung in Massen zu vertreiben - möglicherweise nach Jordanien. Bisher haben sich die Warnungen der Schwarzseher allerdings nicht bestätigt. Mit ziemlicher Sicherheit haben diese die Strategie von Premier Scharon bzw. die des militärischen Oberkommandos Israels falsch begriffen. Der Krieg hat diesen Leuten nämlich die Hände eher gebunden, als dass er ihnen freie Bahn gegeben hätte. Hinzu kommt: die explosiven Emotionen, die der Irak- Krieg überall in der arabischen Welt freizusetzen droht. Israel arbeitet eher an langfristigen Plänen, an einer "Zermürbungstaktik" gegen das palästinensische Volk: indem man ihre zivile Infrastruktur zerstört, indem man regelmäßige Säuberungskationen gegen ihre politische u. militärische Führung durchführt, indem man ihr Agrarland konfisziert (für den Bau der Mauer), indem man Häuserzerstörungen u. Deportationen durchführt, indem man massive Arbeitslosigkeit herbeiführt, Armut u. Unterernährung u. nicht zuletzt, indem die Siedler, unterstützt von der Armee, Terrorkampagnen durchführen. Man hofft, eine zermürbte, weichgekochte palästinensische Bevölkerung könne dazu gebracht werden, jeder politischen Einigung zuzustimmen - die Israel den Amerikanern u. Europäern auch nur irgendwie als 'Friedensvertrag' verkaufen kann. Erste Anzeichen für eine derartige politische Strategie läßt beispielsweise Scharons kürzliche Korrektur des 'Zaun'-Verlaufs erkennen (auf die Weise kann er den Palästinensern nämlich noch viel mehr Land wegnehmen). Hinzu kommt die Gründung der ersten jüdischen Siedlung in Ost-Jerusalem, Maaleh Hazeitim. Dadurch will man die "Einheit" Jerusalems endgültig besiegeln: Israel als ewige Hauptstadt des jüdischen Staats. Natürlich hofft Scharon darauf, dass der Krieg gegen den Irak sich möglichst lange hinzieht. Denn sollten die Amerikaner sich wirklich in einen kolonialen Herrschaftkrieg verheddern - gegen ein unzufriedenes, potentiell rebellisches irakisches Volk - wird Scharon der Erste sein, der sich über Bushs Schulter beugt u. ihm freundschaftliche Ratschläge ins Ohr flüstert (basierend auf Israels langjähriger Erfahrung als illegale Besatzungsmacht).

Aber inzwischen fährt Scharon fort mit seiner gnadenlosen Unterwerfungs- Kampagne gegen die Palästinenser - selbst wenn dabei Zivilisten die Zeche zahlen. Ende letzter Woche schlug die Israelische Armee erneut sowohl in Westbank als auch Gaza zu - die Operationen verliefen parallel zu den Vertreibungen in Tulkarm. In der Westbank-Stadt Qalqiliya wurde der 14-jährige Jihad Mazal in den Rücken geschossen. Das Ganze geschah während einer Armee-Razzia in der Nacht auf Mittwoch. Am Tag darauf feuerte ein Apache-Helikopter eine Rakete auf ein Gebäude im Gazaer Flüchtlingslager Rafah ab - während eines Einmarsches mit schweren Waffen (bei dem 4 Palästinenser getötet u. 7 verletzt wurden). Laut Armee hatte man nach Tunneln gesucht. Fündig geworden war man allerdings nicht. Am selben Tag wurde in Nablus der 28-jährige Hamas-Führer Khaled Rihan getötet. Man hatte ihn in seinem Haus festgenagelt u. erschossen. Letzten Sonntag kam es in der in Zentral-Gaza gelegenen Ortschaft Al- Ma'azi zu einer vergleichbaren Aktion wie in Tulkarm. Die Männer des Dorfes wurden zusammengetrommelt. Dabei kam es zu sporadischen Feuergefechten, bei denen der 23-jährige Marwan Abu-Jiab getötet wurde. Den 13-jährigen Youssef Abu-Hadi erschossen Soldaten, als eine Gruppe aus der Schule kommender Kinder, sie mit Steinen bewarf - 16 weitere Kinder wurden verletzt. Am Montag wurde der 25-jährige Bader Yassin von Soldaten erschossen - während einer Razzia auf ein Café in der Westbank-Stadt Salfit. Und am selben Tag wurde im Gazastreifen ein bewaffneter Palästinenser nahe des Zauns der jüdischen Siedlung Netzarim erschossen.

Und noch etwas scheint sich herauszukristallisieren: Die Israelische Armee will bei ihren Militäraktionen möglichst wenig Zeugen haben. Insbesondere ausländische Beobachter sind für sie inzwischen zur Zielscheibe geworden. In diesem Zusammenhang erscheint die Ermordung von Rachel Corrie, Mitglied der 'Internationalen Solidaritätsbewegung' (ISM) (sie wurde am 16. März in Rafah/Gaza von einer Armee-Bulldozerschaufel erschlagen) wie ein Startschuss. In der Nacht zum letzten Samstag wurde in Dschenin ein weiterer 'Freiwilliger', der 24-jährige Brian Avery (ein Amerikaner, Anmerkung d. Übersetzerin), durch Schrapnell-Geschosse ins Gesicht getroffen. Ein Panzerfahrzeug hatte unmittelbar vor ihm in die Erde gefeuert. Laut Zeugenaussagen stand Avery mit erhobenen Armen da u. trug eine ISM-Jacke, als Soldaten das Feuer auf ihn eröffneten. Bei Fertigstellung dieses Artikels befand sich Avery noch auf der Intensivstation in Haifa.

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