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17.04.2003 Ulrike Vestring Junge Welt
»Sagt nicht, ihr hättet nichts gewußt ...«
Internationale Friedensaktivisten und israelische Journalisten konfrontieren die Gesellschaft Israels mit den täglichen Verbrechen der Besatzungsmacht
»Wie kommt dieses Hühnchen aus Amerika dazu, sich hier in unsere Angelegenheiten einzumischen? … Solchen Leuten muß man eine Lehre erteilen. Ist dies etwa ihr Land?« Mit diesen Worten kommentierte der israelische Taxifahrer Yehuda G. den Tod der jungen amerikanischen Friedensaktivistin Rachel Corrie, die Mitte März im Süden des Gaza-Streifens von einem Bulldozer der israelischen Armee zermalmt wurde. Sie hatte versucht, die Zerstörung eines palästinensischen Wohnhauses zu verhindern.

Inzwischen erteilte die israelische Armee die Lehre, für die sich Yehuda G. aussprach: Drei Wochen nach Rachels Tod wurde ein weiterer amerikanischer Friedensaktivist, Brian Avery, in Dschenin durch gezielte Schüsse lebensgefährlich verletzt. Am 11. April wurde ein dritter Freiwilliger der Internationalen Solidaritätsbewegung ISM Opfer der Besatzungsgewalt. In Rafah wollte der 21jährige Engländer Tom Hurndall einer Gruppe von Kindern – keins davon älter als zehn – zu Hilfe kommen, die beim Spielen in das Schußfeld eines israelischen Panzers geraten war. Es gelang Tom, einen Jungen in Sicherheit zu bringen; als er versuchte, zwei kleine Mädchen herauszuholen, wurde er von einem in einem Wachturm postierten Scharfschützen in den Hinterkopf geschossen. Der verletzte Friedensaktivist liegt in einem Krankenhaus in Beerscheva; er gilt als klinisch tot.

Die internationale Solidaritätsbewegung ISM versucht, die palästinensische Zivilbevölkerung vor Übergriffen zu schützen. Die Palästinenser haben nach ihrer Überzeugung ein völkerrechtlich gesichertes Recht auf Widerstand gegen die israelische Besatzungsgewalt. Die ISM-Aktivisten – meist junge Leute aus Europa, aus den USA, aus Japan, aus Südafrika – fühlen sich dem Prinzip der Gewaltlosigkeit verpflichtet; sie sind überzeugt, daß ihr gewaltfreier Widerstand dazu beiträgt, die Menschenrechtsverletzungen der Besatzungsarmee öffentlich zu machen und ihren Opfern eine Stimme zu geben.

Rachel Corrie, 23, und wahrscheinlich auch Tom Hurndall, 21, haben ihre Mission mit dem Leben bezahlt, ihr Kamerad Brian Avery, 24, wird von seinen schweren Verletzungen gezeichnet bleiben. Die israelische Armee spricht weiter von Unfällen, die die Betroffenen selbst verschuldet hätten.

Die gehässigen Worte des Taxifahrers in Tel Aviv – eine Einzelstimme? Die israelische Gesellschaft, zu deren Schutz modernste Waffen, Panzer und Bulldozer gegen die palästinensische Zivilbevölkerung eingesetzt werden, betrachtet jeden, der die Besatzung in Frage stellt, als Vaterlandsverräter. Zum Beispiel Friedensorganisationen wie Gush Schalom (Uri Avnery), das Komitee gegen Hauszerstörungen (Jeff Halpern) oder Bat Shalom (Gila Svirsky). Ebenso die unerschrockene Journalistin Amira Hass von der linksliberalen Zeitung Ha’aretz, die seit Jahren nicht nur aus den besetzten Gebieten berichtet, sondern auch dort lebt.


Inkognito in Rafah

Das Wegsehen und Weghören wird schwieriger: Kürzlich mutete die populäre Zeitung Ma’ariv ihren Lesern in der Wochenendausgabe (28.3.03) einen schockierenden Einblick in das Alltagsleben der Palästinenser zu. Unter der Überschrift »Ich war ein menschliches Schutzschild«, berichtete die Journalistin Billie Moskona-Lerman über einen Aufenthalt in der Stadt Rafah. Vierundzwanzig Stunden in Rafah, wo auch Rachel Corrie starb. Seitdem, sagt Billie, sei sie nicht mehr dieselbe. »24 Stunden können einen ganz schön älter machen. …«

»Ab sofort darfst du kein Wort Hebräisch mehr sprechen«, instruiert Abu Rahma, ein palästinensischer Journalist, seine Kollegin Billie, als sie am Grenzposten Erez zu ihm ins Auto steigt. »Vergiß nicht, hier bist du eine französische Journalistin. Niemand darf wissen, daß du Israelin bist.« Die Fahrt geht nach Süden, vorbei an den verlassenen und verfallenen Hotels und Restaurants entlang der einst touristisch belebten Strände von Gaza.

»Was machen all diese Kinder hier?« fragt Billie kurz vor einem weiteren Checkpoint. Ganz einfach: Die Israelis lassen dort nur Autos durch, die mindestens drei Personen an Bord haben. Die Kinder verdingen sich als Mitreisende und kassieren einen Schekel. Auf der anderen Seite steigen sie aus und verdienen auf der Rückfahrt einen weiteren Schekel. Überlebenstaktik in einem zusammengebrochenen Wirtschaftssystem.

Nach anderthalb Stunden erreichen die Journalisten Rafah am südlichen Ende des Gazastreifens. Die Stadt mit ihren 140 000 Einwohnern kommt Billie wie ein einziges riesiges Flüchtlingslager vor. Selbst im Armenhaus Gaza ist dies der ärmste, elendste und von der Intifada am meisten betroffene Ort: 250 Todesopfer, die Hälfte davon Kinder.

Bei der Rückgabe des Sinai an Ägypten 1982 fiel ein Teil der Stadt an Ägypten. Um Schmuggel über die Grenze und den Rückzug palästinensischer Widerstandskämpfer auf ägyptisches Gebiet zu unterbinden – angeblich benutzen sie dafür auch Tunnel – errichtet die israelische Armee zusätzlich zu den Wachtürmen und anderen Grenzbefestigungen jetzt eine 14 Meter hohe Mauer. Für ein freies Schußfeld davor müssen die Häuser der Flüchtlinge weichen.

Mit Druck und Gewalt will die Armee die Menschen zum Aufgeben ihrer Häuser bringen. Als letztes Mittel rücken die Bulldozer an, gigantische Maschinen, die Mauern und Wände eindrücken. Oft bleibt den Bewohnern nicht einmal Zeit, wenigstens etwas von ihrer Habe zu retten, manche retten nicht einmal das Leben. 602 Häuser, berichtete das Flüchtlingskomitee in Rafah, seien bis März völlig zerstört worden, die Zahl der beschädigten Häuser sei noch erheblich größer. Geht man von einer durchschnittlichen Familiengröße von acht bis zehn Personen aus, so sind mehrere tausend Menschen obdachlos geworden. Für die meisten war ihr Haus der einzige Besitz, viele leben jetzt in Zelten.


Techniken des Widerstands

In dieser Notlage wollen die Freiwilligen der Solidaritätsbewegung den Menschen beistehen. Die Friedensaktivisten sollen dabei weder naiv noch leichtsinnig handeln. Deshalb werden alle neu ankommenden Freiwilligen auf ihren Einsatz vorbereitet. Von einem solchen Training und seinen Teilnehmern berichtet ein anderer israelischer Journalist, Orly Halper. Wie man es vermeidet, erschossen zu werden, wie eine Gruppe in Sekundenschnelle Entscheidungen trifft, was man bei der Polizei auf keinen Fall sagen sollte – das lernen ISM-Aktivisten, bevor sie zum ersten Mal bei einer gewaltfreien Aktion mitwirken. Auch einen Einblick in palästinensische Kultur erhalten die Aktivisten im Schnellverfahren, und aus Respekt für die Sitten ihrer Gastgeber müssen sich alle verpflichten: »Während des Einsatzes – zwei Wochen bis zwei Monate – kein Alkohol, keine Drogen, kein Sex.«

Wichtig ist bei allen Aktionen, daß sie von der Gruppe gemeinsam beschlossen, vorbereitet und durchgeführt werden. Dabei hat jeder seine Rolle – Dokumentation per Foto oder Video, Pressekontakte, Notfallversorgung. physische oder verbale Gewalt sind verboten, und auf keinen Fall dürfen die Aktivisten sich umdrehen und weglaufen. »Wer rennt, läuft Gefahr, beschossen zu werden. Setzt euch hin!«
Welche erstaunliche Ruhe und Kaltblütigkeit ISM-Angehörige im Angesicht unmittelbarer Lebensgefahr aufbringen, zeigten sie vor kurzem bei einem Einsatz in Tel Zorab, einem weiteren Flüchtlingslager bei Rafah. Unter den Augen der ohnmächtigen und verängstigten Bewohner hatte ein gepanzerter Bulldozer der Armee damit begonnen, ein Haus einzureißen. In ihrer reflektierenden orangefarbenen Schutzkleidung und mit Spruchbändern bewegten sich die ISM-Aktivisten langsam auf die Bulldozer zu. Der Fahrer stieg aus und brüllte ihnen zu, dies sei sein Land, und sie hätten hier nichts zu suchen. Ganz im Gegenteil, gaben die Aktivisten zurück, dieses Land gehöre ihm keineswegs, sie seien Zivilisten in einem Wohngebiet, und er als Soldat habe hier nichts zu suchen.

Der Nervenkrieg ging weiter: Langsam vorrückende Bulldozer, vier wie angewurzelt stehende Friedensaktivisten, denen ein Panzer über die Köpfe und vor die Füße schoß. Ihre Kameraden versuchten indessen per Telefon, die Konsularbehörden der Herkunftsländer zu alarmieren. Ein Vertreter des US-Konsulates erklärte klipp und klar, er werde seinen Staatsangehörigen nicht helfen; sie hätten ihren Anspruch auf konsularische Hilfe dadurch verwirkt, daß sie entgegen den Warnungen des State Department in die besetzten Gebiete eingereist seien. Die Freiwilligen blieben – für diesmal – unverletzt.


Der Feind ohne Gesicht

»Während meines 24stündigen Aufenthaltes in Rafah«, schreibt die israelische Journalistin Billie Moskona-Lerman, »habe ich keinen einzigen israelischen Soldaten von Fleisch und Blut gesehen. Die Israelis bleiben in ihren Bulldozern, gigantischen Ungetümen mit undurchsichtigen Scheiben. In ihren Wachttürmen und Panzern. Versteckt hinter Tonnen von Stahl in Tarnfarben, die plötzlich Feuer speien. Ein Feind ohne Gesicht, unwirklich, unnahbar, unmenschlich.« Ihnen gegenüber die Palästinenser, denen Billie in den schmutzigen Straßen von Rafah begegnet. Viele von ihnen zerlumpt, barfuß, offensichtlich arm. In den Gesichtern die Spuren von Sorgen, Angst, Leid und Mangelernährung. Mit 45 sehen sie alt aus.
Am Abend fragen die beiden ISM-Freiwilligen Joe und Laura, ob Billie mit ihnen zum Einsatz gehen will. Ja, sagt sie, und weiß doch nicht, worauf sie sich einläßt. Gegen acht wandern die drei zu Fuß zu einem der letzten Häuser vor der Grenze zwischen Israel und Ägypten, in orangefarbenen Westen mit reflektierenden Streifen. Als sie sich dem israelischen Wachturm nähern, nimmt Billie die Hände hoch wie ihre Begleiter. Jetzt bloß nicht rennen.

Wenige Schritte vor dem Turm schubst Laura Billie in einen dunklen Hauseingang »Hier ist es«, und Billie tastet sich im Dunklen voran. Es geht eine Treppe hinauf, durch eine Tür, und dann sagt ein lächelnder Mann »Ahlan wa sahlan – herzlich willkommen.« Sie sind am Einsatzort für diese Nacht angelangt, im Haus von Jamil und Nora und ihren drei kleinen Kindern. Der Beschuß setzt unmittelbar ein. Das geht Nacht für Nacht so, bekommt Billie erklärt, und dient der Einschüchterung: Die israelischen Soldaten wollen Jamil und seine Familie dazu bewegen, das Haus aufzugeben. Sie leben als einzige noch in der Gegend, weil sie kein Geld haben, woanders hin zu ziehen. Vor kaum zwei Wochen hat Rachel Corrie hier mit ihnen gewacht, ihr Bild hängt an der Wohnzimmerwand. Billie hockt mit zitternden Knien zwischen Jamil und Nora mit dem jüngsten Kind am Boden, ihr Herz rast und ihre Zähne klappern. Jamil sagt: »Unser Schicksal liegt allein in Allahs Hand.« Billie beruhigt das nicht.

Laura und Joe schützen mit ihren Körpern die zwei etwas älteren Kinder, das Kleinste liegt weiter im Arm der Mutter. Billie denkt an ihre Söhne, Wehrpflichtige in der israelischen Armee. Könnten sie in einem der Panzer da draußen sitzen?

Jamil, der von Beruf Koch ist, geht mitten im Kugelhagel hin und macht Essen für alle: Omelette und Salat, dazu Fladenbrot. Es ist Mitternacht, und Billie fragt sich, ob sie den nächsten Tag erleben wird. Da beschließt sie, ihre Karten auf den Tisch zu legen: »Ich muß euch die Wahrheit sagen. Ich bin israelische Journalistin aus Tel Aviv.« Einen Augenblick herrscht Schweigen, dann lächelt Jamil und erzählt in fließendem Hebräisch, in welchen Hotels in Herzlia und in Netanya er früher gearbeitet hat. Und daß er im Restaurant Little Tel Aviv am liebsten Kirscheis gegessen hat. Gibt es das noch?

Drei kleine Kinder, zwei Amerikaner, ein palästinensisches Ehepaar und eine Israelin sitzen im Kreis um eine große Schüssel Salat. Kugeln pfeifen ihnen um die Ohren. Auf einmal müssen sie lachen, und dann sagt Laura, die amerikanische Friedensaktivistin, sie sei auch Jüdin, und sogar strenggläubig.


Wie ein großer starker Vogel

Am nächsten Morgen ist die Journalistin aus Tel Aviv zum letzten Mal bei den ISM-Freiwilligen. Joe zeigt ihr die Fotos, die er von Rachels Tod gemacht hat. Wie immer bei diesen Einsätzen sitzt Rachel in ihrer reflektierenden Weste auf dem Schutt- und Sandberg, den der Bulldozer vor sich herschiebt. In der Hand hält sie ein Mikrofon und versucht, mit dem Fahrer zu reden. Natürlich kann man dabei das Gleichgewicht verlieren, aber bisher hat der Bulldozer immer im letzten Augenblick angehalten und abgedreht. Diesmal nicht. Rachel fällt in den Tod. Als wenn ein großer starker Vogel, der eben noch fliegt, einen Schlag bekommt, die Flügel einfaltet und langsam zu Boden sinkt. »Mein Rücken ist gebrochen.« Das, sagt ihre Kameradin Alice, waren ihre letzten Worte. Dieselbe Alice, die jetzt ihren Landsmann Tom in die Arme nehmen mußte, als er aus einem israelischen Panzer heraus in den Kopf geschossen wurde. Übrigens, auch Alice ist Jüdin.

Wie halten diese jungen Leute das aus, fragt Billie. Wer hilft den Freiwilligen, mit ihrer Angst, mit Schock und Trauer über den Verlust von Kameraden fertig zu werden? »Ich glaube nicht, daß ich jetzt noch hierbleiben kann«, schreibt der Amerikaner Joe am Ende seines Berichtes über den Tod von Tom Hurndall. »Ich habe Rachels Tod noch nicht verarbeitet, und jetzt dies … Ich fühle mich auf einmal alt.«

Fragt jemand, warum hier dauernd von Rachel Corrie und ihren Kameraden die Rede war, warum nicht von den 250 in Rafah getöteten Palästinensern, zum Beispiel den beiden 15 und 19 Jahre alten Brüdern, die einen Tag vor Tom Hurndall erschossen wurden? Warum nicht von den Tausenden, denen Armee-Bulldozer die Häuser zerstört haben? Die ISM-Aktivisten sind sich bewußt, daß sie sich in einem rassistischen System bewegen, ja, daß ihre Wirkung in der Öffentlichkeit zu einem Teil auf diesem Rassismus beruht.

»Die Menschen hier möchten gehört werden,« schrieb Rachel kurz vor ihrem gewaltsamen Ende in einem Brief nach Hause. »Und wir internationale Freiwillige sollten unsere Privilegien nutzen, um ihnen Gehör zu verschaffen.« Sie und ihre Kameraden haben genau das getan. Jetzt kann niemand mehr sagen, er hätte vom Leiden der Menschen in Rafah nichts gewußt. Auch in Israel kann das niemand mehr sagen.


* Quellen: Der Artikel »I was a Human Shield« von Billie Moskona-Lerman erschien in hebräischer Sprache in Ma’ariv vom 28.3.03. Eine englische Übersetzung veröffentlichte die israelische Friedensorganisation Gusch Schalom (www.gush-shalom.org).

Die Angaben über die Internationale Solidaritätsbewegung ISM stammen von der Internetseite der Organisation: www.palsolidarity.org/mission.

Der mit einem Bericht über ISM zitierte Journalist Orly Halper hat folgende Adresse: orly@haaretz.co.il.

Fotos zum Thema stellte Muhammad, ein junger Student aus Rafah, auf seine Internetseite: www.rafah.vze.com


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