Ich bewundere Sie, Herr
Bush!
OFFENER BRIEF
DER IRANISCHEN SCHRIFTSTELLERIN FAHIMEH FARSAIE AN GEORGE BUSH
Sehr geehrter Herr
Präsident der Vereinigten Staaten, George W. Bush,
Sie feiern nun
majestätisch Ihren militärischen Triumph gegen den Irak mit Ihren
Verbündeten und Unterstützern. Ihr Erfolg ist gleichzeitig der
heiß begehrte Sieg der US-amerikanischen Rüstungsindustrie. Denn sie
wird in diesem Jahr, nach Berechnungen des US-Außenministeriums,
wunderbringende Rüstungsgüter im Wert von 14 Milliarden Dollar
verkaufen können. Mit ruhigem Gewissen freut sie sich auf die
Wiederherstellung der mehr als 9000 Bomben, die in den Kriegstagen über
dem Irak abgeworfen wurden. Ich komme aus einem Land, das vermutlich in
absehbarer Zeit eventuell eine Menge von Ihren perfekten Bomben abbekommen
wird. Ich stamme nämlich aus einem der Länder der sogenannten
»Axis of Evil«, aus dem Iran. Ich bin persische Schriftstellerin
und dennoch oder gerade deshalb bewundere ich Sie.
Ich muss aber
zugeben, dass ich erst kurz vor diesem Frühlingsanfang die wunderbar
verwirrende Bewunderung in mir spürte, als Sie für den seit Ihrer
Amtseinführung geplanten Irak-Angriff im Namen der Freiheit warben. Vor
diesem unerwarteten Sinneswandel war ich besessen von einem erstaunlich
reizvollen Hass gegen Amerika und seine Außenpolitik. Gegen diesen
merklich zügellosen Abscheu war ich fast machtlos. Er nahm mich als naive
Jugendliche ein und vermehrte sich unwillkürlich in mir. Als Sie in Ihrem
historischen Auftritt, den ich im Fernsehen verfolgte, mit erhobenem
Zeigefinger die Welt wissen ließen, dass die US-Truppen bald die Gefahr
Saddams »auslöschen werde«, verlöschte in mir ebenfalls
jene quälende Abscheu und stattdessen erblühte augenblicklich eine
einleuchtende Bewunderung. Ich schaute mir jene eindrucksvolle Szene, in deren
Hintergrund das prächtige amerikanische Sternenbanner feierlich flatterte,
an und fühlte mich von meinem unzüchtigen Hass befreit.
Zugegebenermaßen habe ich mich kaum in all diesen Jahren mit den
Ursachen jener Abneigung gegen die Supermacht USA gründlich
beschäftigt. Erst in dem erleuchtenden Moment der Bewunderung habe ich
mich gefragt, was mich als junge, erfolgreiche Juristin und Schriftstellerin im
Iran, die sich immer für die Demokratie und Gerechtigkeit einsetzte, dazu
bewegte, den »Vorkämpfer der freien Welt«, als Feind zu
betrachten und dagegen zu kämpfen? Und dazu auch noch bewaffnet?
Dafür musste ich zuerst mit mir selbst ringen und einige meiner
elementaren Prinzipien opfern; Pazifismus etwa, Glaube an Gewaltlosigkeit,
Antimilitarismus. Es war kurz nach dem Sturz des Schah im Jahre 1979. Da tobte
der Iran-Irak Krieg: eine Zeit des Grauens, der Lebensmittelknappheit, des
nächtlichen Bombardements durch Saddams Militär, das uns mit
amerikanischer Unterstützung »Freiheit« schenken wollte.
In dieser Zeit stand ich morgens immer gegen fünf Uhr auf. Zuerst
machte ich meine damals achtmonatige Tochter fertig, dann musste ich
stundenlang Schlange stehen, um für mein Kind Milch zu bekommen und danach
bin ich zur nächsten Moschee, um den Umgang mit Waffen zu lernen. Die
Gefahr, dass Saddam mit amerikanischer Hilfe mein Land erobern konnte, war
nicht gering. Daher habe ich mich einer von der islamischen Regierung
angebotenen militärischen Ausbildung für die Bevölkerung
angeschlossen, um uns verteidigen zu können.
In der Moschee meines
Viertels waren wir circa 20 Frauen, gehüllt in lange Mäntel und
Kopftücher. Wir wälzten uns auf den persischen Teppichen, lernten
militärische Übungen, Schießen und Abwehrtechniken. Meine
Tochter saß gemütlich in ihrem Babystuhl - den schleppte ich jeden
Tag mit -, nuckelte an ihrer Milchflasche und lächelte uns unwissend an.
An diese nun mir absolut lächerlich erscheinende Szene habe ich
mich sofort erinnert, als Sie im Fernsehen als Weltverbesserer auftraten. Dabei
musste ich an den CIA-Putsch im Jahr 1953 denken, durch den Mossadegh, der
demokratisch gewählte Premierminister Irans,
»ausgelöscht« wurde. Stattdessen unterstützte Ihr
ebenfalls demokratisch gewählter Kollege, Ex-Präsident Nixon das
Schah-Regime, das im folgenden Vierteljahrhundert als ein zentraler
Stützpfeiler der US-Strategie im Nahen Osten fungierte. Aus Dankbarkeit
Ihrem Land gegenüber für die Rückgabe der Macht an ihn,
ließ der Schah das amerikanische Militär und die CIA
Stützpunkte auf iranischem Boden unterhalten, von denen aus sie die
benachbarte UdSSR ausspionierten. Ihr Ex-Präsident setzte dann die Armee
des Schahs gegen nationale Befreiungskämpfe in der Golfregion ein und sie
brachte unzählig unschuldige Menschen um. Um alles unter Kontrolle zu
haben, bildeten dann die amerikanischen Berater die verhasste Geheimpolizei des
Schahs - SAVAK - aus, die die Verschleppungen, den Mord und die Folter
Tausender Perser auf dem Gewissen hat. Von den Gräueltaten der SAVAK war
auch ich betroffen. Wegen der Veröffentlichung einer kritischen
Erzählung musste ich monatelang im berüchtigten Ghassr-Gefängnis
sitzen. »Schicksal,« sagt meine Tochter, die inzwischen so jung ist
wie ich damals war: »Du lebst ja nur in der Vergangenheit. Blick nach
vorne!«
Ich blicke nach vorne und sehe Sie im Fernsehen in der
Rolle eines charmanten Weltrichters, der mit edlen Worten seinen »in der
Geschichte zivilisierter Nationen nahezu beispiellosen« Krieg
ankündigt. Dass Sie mit weicher Stimme über die gnadenlose
Ausübung der technisch hoch ausgerüsteten US-Militärgewalt gegen
Iraker redeten, versetzte mich in gewaltiges Staunen. Das Wort
»Krieg« benutzten Sie kaum. Statt dessen sprachen Sie mit ihrem
anmutigen Blick, für den die Amerikaner Sie lieben, von
»Frieden« und »Freiheit«. Mit rhetorischen Salven
faszinierten Sie mich und die Mehrheit Ihrer eigenen Bevölkerung. Da war
es für mich und die meisten Amerikaner irrelevant, dass Sie die fairen
Ansichten der Weltgemeinschaft ignorierten und das internationale Recht
brachen.
Ich bewundere Sie, weil Sie mit einer beneidenswerten
Kühnheit, geschickten Fakten-Schminkereien und vorsätzlicher
Täuschung einem Teil der Welt und dem amerikanischen Volk vormachten, dass
Ihr Krieg ein gerechter Krieg sei. Denn, laut Aussagen des Regierungssprechers
Scott McClellan existierten alle Quellen, auf die Sie sich bezogen, um den
Angriff gegen den Irak zu rechtfertigen, nicht: so die angeblichen Berichte der
Internationalen Atom-Energie-Behörde (IAEA) von 1991 und 2002, die Artikel
aus der London Times und New York Times, die angeblichen
Beweise der CIA-Informanten, die Satellitenbilder und so weiter.
Nun
feiern Sie Ihren militärischen Sieg, und fast die ganze Welt freut sich
ungemein, während Sie nebenbei mit den anderen Mächten um die
Verteilung der »Kriegsbeute« schachern. Als meine Tochter diese
mitbekommen hat, fragte sie mich enttäuscht: »Was denn? Bist du
gegen oder für den Krieg? Willst du, dass noch mehr unschuldige Menschen
sterben?«
Genau deshalb bewundere ich Sie: Mit ihrer
militärischen und politischen Überlegenheit drängen Sie die
Menschheit in eine Lage, in der sie den Teufel nur mit dem Beelzebub austreiben
kann. Das gilt auch für Ihr nächstes Ziel, den Iran. Ist das nicht
bewundernswert?
Hochachtungsvoll Fahimeh Farsaie
Fahimeh Farsaie, Autorin und freie Journalistin,
geboren 1952 in Teheran, lebt in Köln. Von ihr erschienen die Romane und
Erzählungen: Die gläserne Heimat (1989), Vergiftete
Zeit (1991 ), Flucht und andere Erzählungen (1994),
Hüte dich von den Männern, mein Sohn
(1998) |