------------------------------
WELT 25.4.03
"Uns erfasste die Grundströmung"
SWR-Intendant Peter Voß über Kritik an
der Irak-Berichterstattung im Ersten
Der Südwestrundfunk ist innerhalb der ARD
für die Berichterstattung aus dem Irak zuständig. Waren die
Korrespondenten dabei weitgehend objektiv? Oder ließen sie ihre Meinung
in die Beiträge einfließen? Kritischen Fragen stellte sich jetzt
SWR-Intendant Peter Voß. Im Intranet des Senders erschien das Interview,
aus dem wir Auszüge dokumentieren:
Frage: Sie waren
früher selbst Journalist im aktuellen Bereich. Haben Sie sich jetzt
manchmal nach Ihrem alten Job zurückgesehnt?
Peter Voß: Manchmal ja. Vor allem in
Momenten, in denen ich den Eindruck hatte, dass dieser oder jener Gesichtspunkt
zu kurz kommt. Generell aber möchte ich sagen, dass wir eine umfassende
Berichterstattung geleistet haben. Die Deutschen sind gut informiert worden.
Frage: Wirklich? Oft
schien die Kritik am Krieg und an der Krieg führenden Koalition doch
wichtiger zu sein als das Bemühen um Objektivität.
Voß: Dem stimme ich für die
Nachrichten ausdrücklich nicht zu. In anderen Sendungen konnte man wohl
eher den Eindruck haben, im Hinblick auf das amerikanische Vorgehen werde stets
die negativste Interpretationsvariante gewählt. Was für die
amerikanische Position sprechen könnte, wurde und wird weitgehend
ausgeblendet. Differenzierende Argumente haben es an sich schon schwer. Gegen
die Durchschlagskraft der Bilder kommen sie bei Ereignissen, die die Menschen
erschrecken und aufwühlen, kaum an. Umso wichtiger wäre es, alle
relevanten Argumente - und nicht nur die in der aktuellen Situation und
Stimmungslage mehrheitsfähigen - zu Gehör und zur Geltung zu bringen.
Frage: Was kam zu kurz?
Voß: Es ging und geht weitgehend
unter, was dieser Krieg auch war: eine Geiselbefreiung - ganz im Gegensatz z.B.
zu dem weit brutaleren Krieg, den Russland gegen die Tschetschenen führt.
Ganz frei von der herrschenden Grundströmung, die ja zum Beispiel auch von
den Kirchen beeinflusst wird - da hätte ich mir durchaus etwas mehr
Differenzierung gewünscht - kann sich der Journalismus nicht machen, auch
wenn er dann auf das allgemeine Meinungsklima zurückwirkt. Die
Grundströmung erfasst auch uns - und irgendwann merkt dann auch der letzte
Seelen tröstende Talkmaster, wie er als friedensbewegter Gutmensch bestens
punkten kann.
Frage: Sie haben sich
SWR-intern gegen jede Propaganda gewandt, gegen "Kriegspropaganda" wie gegen
"Friedenspropaganda". Aber hat nicht Monitor demonstrativ eine komplette
"Friedenssendung" gemacht? Und wurde nicht in aktuellen Kommentaren, z.B. von
Sonia Mikich, den USA gleich die Wertegemeinschaft aufgekündigt?
Voß: Dafür
hat Sigmund Gottlieb, über den ja sonst gern gelästert wird, in den
Tagesthemen einen nüchtern differenzierenden, wohlbegründeten
Kommentar zum Fall von Bagdad abgegeben.
Frage: Das schien aber
Moderator Wickert zu missfallen, wie an seiner Mimik abzulesen war.
Voß: Ich deute das nicht politisch.
Wickert ist bekanntlich ein Weltmann und möchte mit seinem Mienenspiel
vielleicht so etwas wie Nonchalance ausdrücken. Gönnen wir ihm das
Vergnügen.
Frage: War
die Vermischung von Nachricht und Kommentar nicht doch eher die Regel?
Voß: Es ist schwierig, stets die nur
theoretisch eindeutige Trennung zwischen den journalistischen Gattungen
durchzuhalten, das schaffen auch Zeitungen nicht. Doch nach wie vor gilt der
Satz von Hanns Joachim Friedrichs: Ein Journalist macht sich mit keiner Sache
gemein, auch nicht mit einer guten. Im Übrigen sind Meinungen als solche
ganz uninteressant, es gibt sie wie Sand am Meer, und jeder Straßenkehrer
hat mindestens eine.
Frage: Hätte die
ARD es nicht so machen sollen wie "Al Dschasira" und Beginn jeder Sendung
über den Krieg das Bild eines kleinen irakischen Jungen mit
zerschmettertem Schädel zeigen?
Voß: Auf keinen Fall. Auch "Al
Dschasira" war nicht frei von Propaganda. Man darf zwar auch dieses Bild nicht
unterschlagen, es aber auch nicht propagandistisch missbrauchen.