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25.04.2003 Werner Pirker Junge Welt
Amoralische Friedenspropaganda

Der schwarze Kanal: Journalisten-Kontroverse um kritischen Journalismus

 
Letztlich habe der Zweck dann doch noch die Mittel geheiligt. Das ist die Quintessenz der Nachkriegsbetrachtung, wie sie von der deutschen Medieneinfalt angestellt wird. Der Zweck, wenn auch erst nachträglich als solcher erkannt, habe in der Entfernung einer »bestialischen Diktatur« bestanden. Über den Einsatz kriegerischer, völkerrechtlich illegitimer Mittel ließe sich hingegen streiten. Daß der Vorwand zum »präventiven« Angriffskrieg, das Vorhandensein von Massenvernichtungswaffen und die Bereitschaft der »Bestie von Bagdad«, sie einzusetzen, aus der Luft gegriffen war, fällt gnädigem Vergessen anheim.

Das Einschwenken auf den amerikanischen Kriegkurs nach dem Krieg veranlaßte Peter Voß, Intendant des für die Irak-Berichterstattung im Ersten zuständigen Südwestrundfunk (SWR), die medialen Kriegsskeptiker öffentlich abzumahnen. In einem Interview für das Intranet des Senders warf er den ARD-Journalisten indirekt Vernachlässigung der Objektivitätspflicht vor: »Was für die amerikanische Position sprechen könnte, wurde und wird weitgehend ausgeblendet«. In der »Grundströmung«, von der auch der deutsche Fernsehjournalismus erfaßt worden sei, seien »differenzierende Argumente« untergegangen. Bei der Berichterstattung über den Jugoslawien-Krieg wäre keinem Intendanten in den Sinn gekommen, differenzierende Argumente anzumahnen. Da bot die heute des Antiamerikanismus verdächtigte Grundströmung keinen Anlaß zum Naserümpfen, denn da bildete sie mit den Meinungsproduzenten eine ideale Symbiose, die garantierte, daß sich von des differenzierenden Gedankens Blässe angekränkelte Argumente kein Gehör verschaffen konnten. Von wenigen rühmlichen Ausnahmen, zum Beispiel Monitor-Beiträgen, abgesehen.

Diesem kritischen Monitor-Journalismus wird nun vom SWR-Intendanten vorgehalten, sich unkritisch der allgemeinen, jeglicher Differenzierung abgeneigten Grundstimmung angepaßt zu haben. Denn Monitor habe, so der vom Interviewer formulierte Vorwurf, »demonstrativ eine komplette ›Friedenssendung‹ gemacht« und damit gegen eine SWR-interne Auflage, sowohl auf Kriegspropaganda als auch auf »Friedenspropaganda« zu verzichten, verstoßen. Die Ächtung von Friedenspropaganda, ausgesprochen von einem deutschen Fernsehintendanten, entspricht exakt dem Geist, der die Verhüllung des Guernica-Wandbildes im Hauptsitzungssaal der UNO gebot, weil sich US-Außenminister Powell in seiner Kriegsrede von Picassos Anklage gegen den Krieg nicht brüskieren lassen wollte.

Neben dem Antiamerikanismus, dem eine Seelenverwandtschaft mit dem Antisemitismus unterstellt wird, sieht sich nun auch die Friedenspropaganda dem Vorwurf politischer Unkorrektheit ausgesetzt. Denn in ihrem Getöse, klagt Peter Voss, sei weitgehend untergegangen, »was dieser Krieg auch war: eine Geiselbefreiung«. Unter dem Sternenbanner erkämpft die neue Internationale des Menschen Recht, werden der souveränen Staaten immer weniger und der Protektorate immer mehr.

Für konkret-Herausgeber Gremliza war der Irak-Krieg der »einzige moralisch unanfechtbare Krieg der letzten hundert Jahre.« Ihn zu einem Verbrechen zu erklären, bedeute, »das Verbrechen gegen die Menschheit, die ihn erzwang«, zu leugnen. Damit steht das Kriegsmotiv der USA außer Zweifel: die Beendigung eines Verbrechens gegen die Menschheit. Es sind nur noch wenige, die von der amerikanischen Mission zur Rettung der Völker vor »bestialischen Regimen« so überzeugt sind, wie der »Individualkommunist« Hermann L. Gremliza.

Es lag wohl daran, daß George W. Bush noch zur Schule ging, als in Indonesien unter CIA-Anleitung die Nächte der langen Messer zelebriert wurden, was ausschloß, daß dieses Verbrechen gegen die Menschheit einen Krieg der USA gegen die Schlächter von Djakarta erzwungen hätte. Und daran, daß er gerade seine Halbstarkenjahre durchlebte, als die CIA Pinochet dazu ermächtigte, die Demokratie in Blut zu baden. Doch dann traf Bush jr. Jesus. Und nun erlöst er die Menschheit von dem Übel. Amen. Es gibt tatsächliche Leute, die ihm das glauben.

 

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Adresse: http://www.jungewelt.de/2003/04-26/024.php

 

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WELT 25.4.03

"Uns erfasste die Grundströmung"

SWR-Intendant Peter Voß über Kritik an der Irak-Berichterstattung im Ersten

Der Südwestrundfunk ist innerhalb der ARD für die Berichterstattung aus dem Irak zuständig. Waren die Korrespondenten dabei weitgehend objektiv? Oder ließen sie ihre Meinung in die Beiträge einfließen? Kritischen Fragen stellte sich jetzt SWR-Intendant Peter Voß. Im Intranet des Senders erschien das Interview, aus dem wir Auszüge dokumentieren:

Frage: Sie waren früher selbst Journalist im aktuellen Bereich. Haben Sie sich jetzt manchmal nach Ihrem alten Job zurückgesehnt?

Peter Voß: Manchmal ja. Vor allem in Momenten, in denen ich den Eindruck hatte, dass dieser oder jener Gesichtspunkt zu kurz kommt. Generell aber möchte ich sagen, dass wir eine umfassende Berichterstattung geleistet haben. Die Deutschen sind gut informiert worden.

Frage: Wirklich? Oft schien die Kritik am Krieg und an der Krieg führenden Koalition doch wichtiger zu sein als das Bemühen um Objektivität.

Voß: Dem stimme ich für die Nachrichten ausdrücklich nicht zu. In anderen Sendungen konnte man wohl eher den Eindruck haben, im Hinblick auf das amerikanische Vorgehen werde stets die negativste Interpretationsvariante gewählt. Was für die amerikanische Position sprechen könnte, wurde und wird weitgehend ausgeblendet. Differenzierende Argumente haben es an sich schon schwer. Gegen die Durchschlagskraft der Bilder kommen sie bei Ereignissen, die die Menschen erschrecken und aufwühlen, kaum an. Umso wichtiger wäre es, alle relevanten Argumente - und nicht nur die in der aktuellen Situation und Stimmungslage mehrheitsfähigen - zu Gehör und zur Geltung zu bringen.

Frage: Was kam zu kurz?

Voß: Es ging und geht weitgehend unter, was dieser Krieg auch war: eine Geiselbefreiung - ganz im Gegensatz z.B. zu dem weit brutaleren Krieg, den Russland gegen die Tschetschenen führt. Ganz frei von der herrschenden Grundströmung, die ja zum Beispiel auch von den Kirchen beeinflusst wird - da hätte ich mir durchaus etwas mehr Differenzierung gewünscht - kann sich der Journalismus nicht machen, auch wenn er dann auf das allgemeine Meinungsklima zurückwirkt. Die Grundströmung erfasst auch uns - und irgendwann merkt dann auch der letzte Seelen tröstende Talkmaster, wie er als friedensbewegter Gutmensch bestens punkten kann.


Frage: Sie haben sich SWR-intern gegen jede Propaganda gewandt, gegen "Kriegspropaganda" wie gegen "Friedenspropaganda". Aber hat nicht Monitor demonstrativ eine komplette "Friedenssendung" gemacht? Und wurde nicht in aktuellen Kommentaren, z.B. von Sonia Mikich, den USA gleich die Wertegemeinschaft aufgekündigt?

Voß: Dafür hat Sigmund Gottlieb, über den ja sonst gern gelästert wird, in den Tagesthemen einen nüchtern differenzierenden, wohlbegründeten Kommentar zum Fall von Bagdad abgegeben.

Frage: Das schien aber Moderator Wickert zu missfallen, wie an seiner Mimik abzulesen war.

Voß: Ich deute das nicht politisch. Wickert ist bekanntlich ein Weltmann und möchte mit seinem Mienenspiel vielleicht so etwas wie Nonchalance ausdrücken. Gönnen wir ihm das Vergnügen.

Frage: War die Vermischung von Nachricht und Kommentar nicht doch eher die Regel?

Voß: Es ist schwierig, stets die nur theoretisch eindeutige Trennung zwischen den journalistischen Gattungen durchzuhalten, das schaffen auch Zeitungen nicht. Doch nach wie vor gilt der Satz von Hanns Joachim Friedrichs: Ein Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten. Im Übrigen sind Meinungen als solche ganz uninteressant, es gibt sie wie Sand am Meer, und jeder Straßenkehrer hat mindestens eine.

Frage: Hätte die ARD es nicht so machen sollen wie "Al Dschasira" und Beginn jeder Sendung über den Krieg das Bild eines kleinen irakischen Jungen mit zerschmettertem Schädel zeigen?

Voß: Auf keinen Fall. Auch "Al Dschasira" war nicht frei von Propaganda. Man darf zwar auch dieses Bild nicht unterschlagen, es aber auch nicht propagandistisch missbrauchen.



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Einen Herrn Bush zum Beispiel interessiert es herzlich wenig, ob Sie sich über ihn ärgern.
Sie sind Schöpfer der Ereignisse die in Ihrem Leben eintreten, also seien Sie sich bewußt
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