Hans-Joachim Wiese im Gespräch
mit Helga Baumgarten, Politologin an der Bir Zeit-Universität in
Ramallah
Wiese: Eigentlich sind die Palästinenser
nicht in der Position, sich einen langen und verbissenen Machtkampf leisten zu
können. Rund zweieinhalb Jahre nach Ausbruch der Intifada haben die
Israelis ihre staatlichen Strukturen so gut wie vollständig zerschlagen,
sind die vormals autonomen Palästinensergebiete wieder besetzt. Das Volk
verelendet zusehends und sein Präsident Jassir Arafat sitzt zur
Untätigkeit verurteilt in seinem zerstörten Hauptquartier in
Ramallah. Und trotzdem leistet sich Arafat eine erbitterte Auseinandersetzung
mit dem designierten palästinensischen Ministerpräsidenten Abu Masen
um die Liste der neuen Kabinettsmitglieder. Am Telefon in Jerusalem
begrüße ich jetzt Dr. Helga Baumgarten, sie ist Politologin an der
Bir Zeit-Universität in Ramallah. Guten Morgen.
Baumgarten: Einen schönen guten Morgen.
Wiese: Frau Baumgarten, vordergründig geht es
bei dem Streit zwischen Arafat und Abu Masen um Mohammed Dahlan, den ehemaligen
palästinensischen Sicherheitschef im Gazastreifen. Abu Masen möchte
ihn zu seinem neuen Innenminister machen, wogegen sich Arafat mit aller Macht
sträubt. Warum?
Baumgarten: Ich denke, der Kontext ist das, was Sie
am Anfang erwähnt haben, nämlich die andauernde israelische
Besatzung, die eine ganz massive Gewalt gegenüber den Palästinensern
angenommen hat. In diesem Kontext ist der Streit um Mohammed Dahlan entbrannt.
Die Frage, worum es dabei geht, ist das Problem des nicht zustandegekommenen
Friedens zwischen Palästinensern und Israelis. Palästinensische
Gewalt oder ist es die fortgesetzte israelische Besatzung. Mohammed Dahlan nun
steht für eine Option, die versucht, sämtliches Widerstandpotential
auf der palästinensischen Seite mit Gewalt niederzuschlagen und zwar mit
Unterstützung der Amerikaner und des CIA. Das heißt, was wir hier
als Konflikt momentan haben, ist das Problem 'dürfen die
Palästinenser gegen die israelische Besatzung Widerstand leisten und
müssen sie das nicht, um sich behaupten zu können oder aber sollen
sie sich voll und ganz den Amerikanern ausliefern?' und das würde nicht
nur aus der allgemeinen palästinensischen Perspektive, sondern gerade auch
aus Arafats bedeuten, dass man sich der amerikanischen Politik im Nahen Osten
voll und ganz ausliefert und das hieße im zweiten, dass man sich auch der
Politik von Ariel Sharon voll und ganz ausliefert, also Fortsetzung der
Besatzung und fast nichts, was die Palästinenser am Ende der Straße
zu erwarten hätten.
Wiese: Mit anderen Worten, Frau Baumgarten, Mohammed
Dahlan gilt als Kandidat der Amerikaner und der Israelis gewissermaßen
als Marionette?
Baumgarten: Genau.
Wiese: Woran macht man dieses Urteil fest?
Baumgarten: Nun, er ist ja im Laufe des Osloer
Prozesses als Sicherheitsprozess im Gazastreifen eingesetzt worden. Die
Kontakte in dieser gesamten Zeit zu den Amerikanern waren ausgezeichnet. Das
ging so weit, dass der CIA in den palästinensischen Gebieten eine eigene
Station eingerichtet hat. Mohammed Dahlan und sein counterpart in der Westbank
Jibril Rajoub waren ständig Gäste beim CIA in den Vereinigten Staaten
und schließlich kommt noch hinzu, dass Mohammed Dahlan sich nicht nur
einmal damit gebrüstet hat, er sei der einzige, der in der Lage sei,
jeglichen palästinensischen Widerstand mit Gewalt und effektiv
niederzuschlagen. Aber ist es nicht in der Tat so, eine Erfahrung, zumindest
der zweieinhalbjährigen Intifada, dass der gewaltsame Widerstand der
Palästinenser gar nichts gebracht hat, im Gegenteil, die
Palästinenser sogar geschädigt hat?
Baumgarten: Das ist sicher eine mögliche
Interpretation, dass bei dieser absolut überlegenen Gewalt seitens der
israelischen Armee jeglicher palästinensischer Widerstand zum Scheitern
verurteilt ist. Die Frage die sich nun stellt, ist nicht so sehr eine
militärisch, sondern eine politische Frage. Das heißt, die Frage
ist: Sind die Palästinenser in dieser Situation gezwungen, haben sie gar
keine Alternative, jegliche politische Lösung, die von außen
vorgeschlagen, um nicht zu sagen aufoktroyiert, wird, anzunehmen oder nicht.
Und da scheiden sich nun die zwei Lager auf der Seite der Palästinenser.
Arafat würde das Lager repräsentieren, das sagt: Wir müssen auf
unseren legitimen politischen Zielen, wie sie ja andeutungsweise in Oslo
niedergelegt sind, festhalten, während Mohammed Dahlan und Abu Masen die
Position repräsentieren: Wir sind am Boden zerstört, egal, was man
uns anbietet, das sollten wir akzeptieren. Die palästinensische
Bevölkerung steht in diesem Streit, wenn man sich die letzten Umfragen
anschaut, ganz eindeutig auf der Seite Jassir Arafats und betrachtet Abu Masen
als einen irrelevanten Kandidaten. Ob der nun sein Ministerpräsidentenamt
annimmt und seine Regierung einsetzen kann, hält die palästinensische
Straße für weitgehend unwichtig, denn alles, was hier vorgeht, auf
palästinensischem Land, wird bestimmt und determiniert durch die
israelische Armee und israelische Politik.
Wiese: Also auch Abu Masen, Frau Baumgarten,
ähnlich wie Mohammed Dahlen, gilt in den Augen der palästinensischen
Bevölkerung als ein Vertreter derjenigen, die mit den Israelis
kollaborieren, von denen wäre also kaum etwas zu erwarten?
Baumgarten: Ganz eindeutig so. Das heißt, wenn
man sich aus palästinensischer Perspektive heute die sogenannte road map
anschaut, wird sehr deutlich, dass diese den Palästinensern überhaupt
gar nichts anzubieten hat. Sie unterstützt voll und ganz die israelischen
Ziele und da Abu Masen und die von ihm ausgewählten Politiker mehr als ein
mal deutlich gemacht haben, dass diese road map das einzige ist, was derzeit
angeboten ist und dass man an ihr festhalten müsse, ist genau das die
Einschätzung, dass es alles irrelevant wird und vor Ort absolut
überhaupt nichts ändern. Und wie gesagt, die Perspektive auf der
palästinensischen Straße, wir haben nur eine Möglichkeit, diese
ganze Situation durchzustehen, das Ganze auszuhalten, um am Ende
möglicherweise unter einer anderen israelischen Regierung wieder bessere
Chancen zu haben. Was nicht bedeutet, ich denke, auch das sollte man betonen,
dass Arafat nun als der unbestrittene politische Führer der
Palästinenser angesehen wird. Auch seine Führungsqualitäten
werden sehr stark in Frage gestellt. Er wird dafür verantwortlich gemacht,
dass die Palästinenser in den Osloer Prozess gegangen sind und seine
Popularitätszahlen sind auf dem historischen Tiefpunkt angekommen: Etwas
über 20 Prozent von einstmals über 60 Prozent. Auf der anderen Seite
muss man sagen, dass Abu Masen oder gar Mohammed Dahlen auf dieser
Popularitätsskala überhaupt nicht vorhanden sind.
Wiese: Während sich nun Arafat und Abu Masen
streiten, gibt es immer wieder blutige Übergriffe der israelischen
Besatzungsarmee in den Palästinensergebieten, denen häufig auch
unschuldige Zivilisten zum Opfer fallen. Wie passen denn diese Übergriffe
zu der Ankündigung von Ministerpräsident Sharon, er sei zu einem
Treffen mit Abu Masen bereit und wie er sagt auch zu schmerzhaften Kompromissen
in der Siedlerfrage etwa?
Baumgarten: Genau das ist der Punkt und das, was die
palästinensische Straße sieht. Was von israelischer Seite kommt sind
auf der einen Seite leere Worte, was Sharon seit Jahren endlos wiederholt,
schmerzhafte Kompromisse, kein Mensch weiß, was er damit meint und die
israelische Presse zieht da schon relativ zynisch über ihn her. Auf der
anderen Seite eben Tag für Tag massive Gewalt der israelischen Armee, die
vor allem und inzwischen fast ausschließlich die palästinensische
Zivilbevölkerung trifft. Vor zwei Tagen sieben Tote, ein
palästinensischer Journalist, der ganz offensichtlich mit einem gezielten
Schuss umgebracht wurde, derzeit ein Verfahren gegen israelische Soldaten in
Hebron, die ganz offensichtlich einen jungen Palästinenser, den sie
verhaftet haben, ohne jeglichen Grund innerhalb weniger Minuten zu Tode
geschlagen haben, das nach monatelangen Versuchen seitens linker israelischer
Journalisten endlich in Angriff genommen wurde und so weiter und so fort.
Angebote gibt es keine auf der politischen Ebene. Was es gibt, ist die
fortgesetzte kontinuierliche physische Gewalt der israelischen Besatzung, die
Unmöglichkeit eines jeglichen geregelten Alltags für die
Palästinenser durch die Absperrungen überall und eine ungestoppte
Expansion der israelischen Siedlungspolitik auf der anderen Seite.
Wiese: Danke. Das war über den
innerpalästinensischen Machtkampf die in Ramallah lehrende deutsche
Politologin Dr. Helga Baumgarten. Auf Wiederhören.
Baumgarten: Auf Wiederhören. |