Verbeugung vor der Macht des Stärkeren
Gäbe es einen eigenen Berufsverband für
Leitartikler, das passende Wappentier wäre der Wetterhahn. Seit dem
militärischen Erfolg der USA im Irak hat sich der Wind im deutschen
Blätterwald um 180 Grad gedreht.
Vor dem Krieg überwogen kritische Artikel. Die
Missachtung des Völkerrechts und der Vereinten Nationen, die
gefälschten Beweise über Massenvernichtungswaffen, die Öl- und
Machtinteressen der USA wurden vielfach untersucht und verurteilt. Nach dem
Krieg haben die Themen gewechselt: Die Verherrlichung vollendeter Tatsachen und
die Verbeugung vor dem Recht des Stärkeren stehen nun im Mittelpunkt der
Kommentare.
Wie immer in solchen Fällen gibt Die Zeit den
Ton an. Wortreich, durchtränkt mit Moral und mit viel faustischem Ringen
hat das Flaggschiff des deutschen Liberalismus die Wende vom Kriegsgegner zum
Kriegsbefürworter vollzogen.
Am 6. März, zwei Wochen vor Kriegsbeginn, hatte Michael
Naumann auf der Titelseite noch gegen "den Abschied vom Völkerrecht im
Namen einer amerikanisch definierten Weltordnung" und die "moralisch
inspirierte Hegemonialpolitik" der USA gewettert. Er ließ keinen Zweifel
daran, in wessen Interesse sich dieser Abschied vom Völkerrecht vollzieht:
"Nicht die Mehrheit der amerikanischen Gesellschaft, nicht ihre Gewerkschaften,
wohl aber ihre gewählte Elite im Kongress und die Lobby der
militärisch-industriellen Interessengemeinschaft, die Erdölkonzerne
und vor allem die ereignisverhexten Massenmedien" würden den
amerikanischen Präsidenten unter Druck setzen.
Naumann folgerte: "Die Zeiten, da Washington
beträchtliche diplomatische Energie in erfolgreiche Friedens- und
Abrüstungsverhandlungen steckte, sind vorerst vorüber. Der
Präsident der ältesten Republik der Welt (die ihn mehrheitlich nicht
gewählt hat) will sie vom Krieg schlechthin im Namen einer
fortwährenden Pax Americana befreien. Und sei es mit Gewalt. Amerika hat
dieses Erlösertum nicht verdient - und das alte Europa auch nicht."
Drei Wochen später - der Krieg hatte seit sieben Tagen
begonnen - verfasste derselbe Autor erneut den Leitartikel. Das faustische
Ringen begann. Naumann bedauerte zwar weiterhin, dass der "Krieg in den
Trümmern des Rechts" stattfinde, wie der Titel des Artikels lautete. Doch
im Untertitel heißt es einschränkend: "Außenpolitik ohne Moral
ist zynisch, doch Moral allein schützt nicht vor Terror und Massenmord."
(Mit "Terror und Massenmord" sind nicht die amerikanischen Bomben gemeint, die
zu diesem Zeitpunkt auf Bagdad niederregneten, sondern die Anschläge vom
11. September und die Diktatur Saddam Husseins.)
Dieses Thema wird über fünf Spalten hinweg so
lange variiert, bis selbst der aufmerksamste Leser nicht mehr weiß, was
Naumann eigentlich will - aber schließlich war zu diesem Zeitpunkt auch
der Ausgang des Kriegs noch nicht entschieden.
Eines wird jedoch klar: Naumann hängt das
Völkerrecht inzwischen wesentlich tiefer als drei Wochen zuvor. Lange
Passagen des Artikels beschäftigen sich damit, internationale
Rechtsgrundsätze zu relativieren, denn, so Naumann, "das Völkerrecht
hat diese Entwicklung [die Anschläge vom 11. September] nicht vorgesehen,
und die in den Vereinten Nationen versammelte Völkergemeinschaft hat viel
zu wenig getan, um sie zu verhindern."
Weitere zwei Wochen später, am 10. April, gelangte
Bernd Ulrich - wiederum im Leitartikel der Zeit - zum Schluss, dass das
Völkerrecht schuld sei, wenn die USA dagegen verstoße: "Ja dieser
Krieg verstößt gegen das Völkerrecht. Dafür sind die
Amerikaner zu kritisieren - und das Völkerrecht."
Und am 16. April - der Krieg war inzwischen entschieden -
stand Die Zeit endgültig im Lager von Bush. "Eine Supermacht mit
moralischem Anspruch ist keine Garantie für das Gute, aber ein Potential
zum Guten ist sie und wenn noch nicht Grund zur Zuversicht, dann immerhin
Anlass zur Hoffnung", heißt es unter der Schlagzeile "Moral unter
Waffen". Als Autor zeichnete diesmal Jan Ross.
Ross stellt die "US-Draufgängerei" der
"europäischen Rechtskultur" entgegen und begeistert sich für erstere.
Amerika, schreibt er, würde sich schwerlich "zu solchen Kraftakten
imstande sehen, wenn es nicht im Kern vom Wert seiner Sache und von der
Universalität seiner Mission überzeugt wäre, davon, dass seine
Ideale echt und allgemein gültig sind". Im europäischen Pochen auf
Völkerrecht, Vereinte Nationen und die Tugenden des Multilateralismus
liege dagegen "etwas missgünstig Unproduktives, die Verhinderungsfreude
des Antriebslosen, eine seltsame Mixtur von illusionärer
Paragrafenfrömmigkeit und ungerührter Realpolitik". Der Artikel warnt
davor, "bei der Abwehr von George W. Bushs revolutionären Umtrieben" in
eine "kalte Staatsräson" zurückzufallen.
Es fällt schwer, die passenden Worte zu finden, um
diese schamlose Verbeugung vor der nackten Gewalt zu beschreiben. Das brutale
Vorgehen der amerikanischen Militärmaschinerie und das provokante
Auftreten eines Rumsfeld oder Franks hat die Leitartikler der Zeit
offenbar beeindruckt und fasziniert.
Doch ein Verbrechen bleibt auch dann ein Verbrechen, wenn es
Erfolg hat. Das amerikanische Vorgehen, das vor Kriegsbeginn
völkerrechtswidrig und kriminell war, bleibt auch nach Kriegsende
völkerrechtswidrig und kriminell. Oder würde jemand einen Autoren
ernst nehmen, der nach einem erfolgreichen Bankraub schreibt: "Ja dieser Raub
verstößt gegen das Strafrecht. Dafür ist der Bankräuber zu
kritisieren - und das Strafrecht." Oder der die "Draufgängerei" des
Räubers, der "von seiner Mission überzeugt" ist, der
"Verhinderungsfreude, Antriebslosigkeit und Paragrafenfrömmigkeit" der
Richter entgegenstellt?
Der Verlauf des Kriegs - der Abwurf Tausender Bomben auf
nahezu wehrlose irakische Soldaten - hat ebenso wie das Vorgehen der
Besatzungstruppen den verbrecherischen Charakter des gesamten Unternehmens
unterstrichen. Nichts symbolisiert seinen Inhalt so deutlich, wie der Schutz
der Ölquellen und des Ölministeriums durch amerikanische Panzer,
währen alle anderen Ministerien und die Jahrtausende alten
Kulturschätze des Landes der Plünderung anheim gegeben wurden. Es
geht um die koloniale Unterwerfung des Landes und der gesamten Region unter die
Interessen der USA und ihrer Konzerne.
Nicht nur die Zeit ist zum Schluss gelangt, dass im
Konflikt zwischen Völkerrecht und amerikanischem Hegemonialstreben das
Völkerrecht weichen müsse. In vielen anderen Zeitungen sind
ähnliche Kommentare erschienen.
So gesteht Stefan Kornelius in der Süddeutschen
Zeitung vom 12. April ein, dass die USA "die Fesseln der internationalen
Ordnung gesprengt" haben. "Die Souveränität von Staaten - eines der
wichtigsten Gebote im Zusammenleben der Völker - gilt immer weniger",
schreibt er. Doch das, fährt er fort, "muss nicht in jedem Fall in die
Rechtlosigkeit führen". Vielmehr seien die USA nun gefordert, mit ihren
Verbündeten neue Regeln zu erarbeiten, weil "die Geschichte von den
Siegern geschrieben wird".
Die Zurückweisung von international anerkannter
Rechtsgrundsätzen zugunsten gewaltsam geschaffener Tatsachen, die
Ablehnung von "Rechtskultur" im Namen von "Draufgängerei" erinnern an
eines der schlimmsten Kapitel der deutschen Geschichte. Viele deutsche
Akademiker und Juristen hatten 1933 wenig Mühe, ihre Grundsätze, ihre
Lehren und ihre Überzeugungen dem Nazi-Regime anzupassen. Dahinter steckte
mehr als nur Anpassung und Duckmäuserei. Das brutale Vorgehen der Nazis,
die Politik der vollendeten Tatsachen übte eine starke Faszination auf sie
aus. Ein Widerhall dieser Haltung findet sich bis heute in dem Kult, der um
Figuren wie Ernst Jünger und Leni Riefenstahl getrieben wird.
Es wäre allerdings ungerecht, die Leitartikler der
Zeitungen allein für diese Haltung verantwortlich zu machen. Sie sprechen
nur aus, was in der Regierung praktisch vollzogen wird. Kanzler Schröder
und Außenminister Fischer bemühen sich längst um eine
Annäherung an die USA.
"Anders als die offiziellen Verlautbarungen vermuten
lassen", meldete der in der Regel mit Regierungsinterna gut versorgte
Spiegel schon vor zwei Wochen, "haben sich die deutschen Realos
Schröder und Fischer mit dem Triumph der Vereinigten Staaten am Golf und
den daraus resultierenden Siegerrechten längst arrangiert." Eine "zentrale
Rolle" der UNO wird nur noch in offiziellen Verlautbarungen gefordert, und auch
die Beteiligung an den Kosten für den Wiederaufbau und die Entsendung von
Bundeswehrsoldaten ist im Gespräch.
Schröder gibt kein Interview, indem er nicht die
"gemeinsame Wertebasis" zwischen Deutschland und den USA unterstreicht. In
einem Gespräch mit dem jüngsten Spiegel entschuldigte er sich
beinahe gegenüber Präsident Bush. "Dass es überzogene
Äußerungen gab, auch aus meinem früheren Kabinett, habe ich
sehr bedauert", sagte er.
Nachdem es ihnen nicht gelungen ist, die US-Regierung mit
diplomatischen Mitteln von ihrem Kriegsvorhaben abzuhalten, möchten
Schröder und Fischer als Juniorpartner an ihre Seite treten. |