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liebe frau
greinert, zuerst möchte ich zum ausdruck bringen, dass ich ihren
schmerz und ihre trauer, ja wut, verstehen kann. als betroffene, ich bin
nierentransplantiert, kann ich jedoch ihren text nicht unkommentiert stehen
lassen. gewiss, die machenschaften vieler ärzte (und vorallem der
pharmaindustrie) sind nicht zu verteidigen und dies liegt auch nicht in meinem
interesse. ich als organempfänger habe selbst schon oft am eigenem leib
verspürt, dass viele ärtzte (nicht alle) den bezug zum "menschsein"
offensichtlich schon lange verloren haben. sie machen jedoch meiner meinung
nach einen entscheidenen fehler: sie reduzieren ihren sohn auf seinen
körper. wenn man davon ausgeht, dass wir geist sind, und dass wir unser
leben (und im übrigen auch sterben) selbst kreieren, dann gibt es keinen
grund, warum sie in schuld versinken sollten und warum sie im gleichen atemzug
allen "organempfängern" ein schlechtes gewissen einreden. sicherlich,
das "wie" - besonders in ihrem fall - ist grausam, das rechtfertigt aber meiner
meinung nach noch lange nicht, das "warum" abzulehnen. konsequenterweise
müssten sie dann jegliche medizische eingriffe ablehnen. keine
medikamente, keine operationen, alles was medizinisch machbar ist - auch keine
hustentropfen !!! ich darf ihnen versichern, dass sie ihre meinung
sicherlich ädern würden, wenn eines ihrer kinder (oder sie selbst)ein
paar monate auf die dialysemaschine angewiesen wäre. wie kommen sie
eigentlich dazu zu behaupten, das dialyse weniger schlimm ist, als "die
nebenwirkungen" der medikamente nach einer transplantation. bitte verzeihen
sie meine direktheit, aber dies hat mich wirklich wütend gemacht: sie
haben keine ahnung. punkt. die nebenwirkungen der medikamente die man
einnehmen muss sind weit weniger dramatisch, als sie sie hier darstellen. ich
kenne sehr sehr viele transplantierte, und kein einziger ist an irgendwelchen
viren oder bakterien "zugrunde gegangen". ich selbst bin seit 25 jahren
betroffen und habe ebenfalls keine neuerlichen organschäden oder
ähnliches erlitten. ich lebe ein normales leben, das sie mir offenbar
nicht gönnen, denn ich sollte ja tod sein. sicher, darüber kann
man diskutieren. ABER, wenn sie EINE lebensverlängernde massnahme ablehnen
müssen sie - wie bereits gesagt - ALLE lebensverlängernden
massnahmen, ja alle medizinischen eingriffe - selbst hustentropfen - ablehnen.
dialyse patient sein heisst: sich mindestens jeden 2. tag "vergiftet"
fühlen, ständig unter extremen durstgefühl leiden, sich
körperlich schlapp fühlen, "zu nichts mehr fähig sein" ...
dialyse ist meiner meinung nach weit "unmenschlicher" als
"transplantation". meiem hund würde ich keine dialyse zumuten, wohl
aber eine transplantation - wenn dies möglich wäre. ich kenne
beide seiten und weiss daher, wovon ich spreche. ich habe beim lesen ihres
textes den eindruck gewonnen, dass sie vor lauter "schuld" die einwilligung
für die "ausweidung" (bitte verzeihen sie diesen ausdruck) ihres sohnes
gegeben zu haben, eine möglichkeit suchen, damit fertig zu werden. ich bin
der ansicht, dass sie unkonsequent sind und - wie bereits gesagt - einen
wichtigen aspekt dabei übersehen. wir sind nicht unser körper, wir
"bekleiden" ihn nur für eine gewisse anzahl von jahren. natürlich
kann man darüber streiten, ob es rechtens ist, medizinisch einzugreifen,
wenn dieser krank ist. aber wenn man sich gegen transplantationen stark macht,
muss man auch alle anderen "eingriffe" ablehnen. wir sind geist und planen
und kreieren unser leben selbst. ihr sohn ist nicht tot. und er war es, der die
entscheidung getroffen hat, wann und wie er sterben will. dies ist meine feste
überzeugung freundliche grüsse angelika fischer |