Organtransplantation aus der Sicht einer Betroffenen
Einleitung Meine Damen, meine Herren, ich bin Mitglied der
Initiative: "Kritische Aufklärung über Organspende", einer
Initiative, gegründet von Eltern, die ihre Kinder zur Organspende
freigegeben haben. Völlig unaufgeklärt haben wir uns, ohne die
Tragweite unserer Entscheidung übersehen zu können, von Medizinern in
eine Situation hineinführen lassen, in der es nicht mehr um ein
friedvolles und behütetes Sterben unserer Kinder ging, sondern um das
Überleben Dritter. Als uns klar wurde, wozu wir ja gesagt hatten, hielten
wir es für notwendig, andere Eltern über das aufzuklären, was
wir nicht gewusst hatten. Wir möchten ihnen mitteilen, welche Probleme uns
daraus erwuchsen und was eine Organspende tatsächlich alles beinhaltet. Es
ist ein sehr intimer und schmerzlicher Bereich unseres Lebens, zu dem man
eigentlich Fremden keinen Zugang gewähren möchte, aber wenn wir
betroffenen Eltern nicht darüber reden, diskutieren die Mediziner die
Organspende weiter nur aus dem Blickwinkel der Machbarkeit und der
Möglichkeiten. Organspende rettet Leben, Organspende ist ein Akt der
christlichen Nächstenliebe, die über den Tod hinausgeht, so werben
Transplantationsmediziner und Organempfänger, und so werben viele
gedankenlos mit, weil keiner mehr sterben will. Und doch ist die Vorausetzung
für die Transplantationsmedizin das Sterben eines Menschen, der in den
Minuten, Stunden oder Tagen seines Sterbens, wenn die Lebenskraft für ihn
selber nicht mehr ausreicht, noch genügend Leben für andere in sich
hat. Ungenannt und unbekannt, verschwindet er nach der Entnahme seiner Organe
im Dunkel. Keiner, der die Organspende befürwortet, denkt daran, dass ein
Mensch sterbend noch einmal auf den Operationstisch geschnallt wurde, damit er
Spender von lebenden Organen sein konnte. Der Transplantationsmediziner aber
steht im gleißenden Rampenlicht. "Leben um jeden Preis" steht unsichtbar
auf dem Banner, das Arzt und Transplantierter in den Farben der
Nächstenliebe vor sich hertragen. Die Angst vor der eigenen Sterblichkeit
macht blind, und so lassen wir uns von dem Wunsch nach Unsterblichkeit in
ungeheuerliche Begierden und Begehrlichkeiten führen. In der Forderung
"liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst und Gott über alles" hat die
Nächstenliebe Stabilität. Wie in der Transplantationsmedizin nur
einseitig gebraucht, führt sie Organspender und Angehörige in eine
Einbahnstraße, die in einem Alp träum endet. Heben wir nicht auch
das letzte Gebot auf: "Du sollst nicht begehren, was Deines Nächsten ist"?
C. G. Jung behauptet, trennt man den Menschen von seiner Kultur und Tradition,
muss er an den Anfang seiner Menschwerdung zurück. Genau diesen Weg gehen
wir! Wir befinden uns durch die Transplantationsmedizin im modernen
Kannibalismus. Der Mensch reißt seinem Gegenüber nicht mehr selber
das Herz aus der Brust und verspeist es zur eigenen Kraftgewinnung, nein, in
der heutigen Zeit legt sich der Mensch auf einen Operationstisch,
schließt die Augen und lässt einverleiben. Wozu hatten wir "Ja"
gesagt? Ohne es zunächst begründen zu können, erfasste mich ein
tiefes Misstrauen gegen die Transplantationsmedizin. Organspende als Akt der
christlichen Nächstenliebe war ein Trugbild, eine Einbahnstraße. Wir
waren bereit gewesen, ein Organ zu spenden, jetzt erfuhr ich, dass die
Mediziner meinem Sohn Herz, Leber, Nieren und Augen entnommen hatten, man hatte
ihm sogar die Beckenkammknochen aus dem Körper gesägt. Zerlegt in
Einzelteile war er dann über Europa verteilt worden. Er war zum
Recyclinggut geworden. Wie ein Schlag traf mich die Erkenntnis, dass ich trotz
des Entsetzens - trotz des wachsenden Empfindens, dass man mich in eine
Richtung manipuliert hatte, die ich gar nicht wollte - kein Argument gegen die
Organspende setzen konnte. Meine gefühlsmäßige Abneigung und
mein wachsendes Misstrauen, dass Organtransplantation etwas anderes beinhaltet,
als man uns glauben machen wollte, würde mich nicht davor schützen,
in einer zukünftigen Situation erneut "Ja" zu sagen statt "Nein". Immer
wieder prallten meine Erfahrungen und Gefühle, die ich als Mutter von
Christian erlebt hatte, auf die Hoffnungen und Wünsche von Müttern
kranker Kinder. Ich musste mehr über die Transplantationsmedizin erfahren,
um entweder meine Entscheidung doch bejahen zu können oder Argumente
für ein "Nein" zu finden. Auf der Suche nach Informationen In den
folgenden Jahren sammelte ich jede Information zur Transplantationsmedizin. Auf
der Suche nach Antworten versuchten besonders die Transplantationsmediziner der
Medizinischen Hochschule Hannover meine Zweifel und kritischen Fragen damit
abzuwehren, dass sie mich für "zu betroffen" erklärten, um klar
denken zu können. Um mich mundtot zu machen, wurde mir mit gerichtlichen
Schritten gedroht. Man schickte mir Unterlassungsklagen zu, in denen ich mich
verpflichten sollte, für jede öffentliche Stellungnahme zur
Organspende meines Sohnes 1000 DM an das Deutsche Rote Kreuz zu zahlen. Ohne
meine Familie, die sich davon nicht einschüchtern ließ, die mir
half, persönliche Trauer und berechtigte Kritik voneinander zu trennen,
hätte ich den Kampf um Aufklärung und Verstehen aufgegeben. Ein
Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung hatte eine Lawine von
Kontakten zu den Medien, aber auch zu Angehörigen von Organspendern zur
Folge. Ich war gar kein Einzelfall, wie mir eingeredet werden sollte. Alle
diese Angehörigen waren, wie ich, unaufgeklärt oder falsch informiert
in die Organentnahme manipuliert worden. Frau N. erzählte, wie sie immer
wieder bedrängt wurde, die Organe ihrer Tochter möglichst schnell zur
Organspende freizugeben, damit sie ihre Qualität behielten. Falls sie sich
weigere, blieben die Geräte, an die ihre Tochter angeschlossen war,
angestellt. Ein unerträglicher Gedanke für sie. Natürlich sagte
ihr kein Arzt, dass bei irreversiblem Hirntod der endgültige Tod auch bei
Angeschlossensein an Geräte nicht verhindert werden kann. Er tritt nach
Stunden bis Tagen unaufhaltsam ein. Auf diese Weise zu sterben, empfinden viele
Mediziner als humaner, denn beim abrupten Abstellen der Beatmungsgeräte
erstickt der Patient. Frau N. willigte schließlich in eine Organspende
ein, um ihre Tochter von den Maschinen zu befreien. Frau N. hat sich als
Buße auferlegt, später selber einmal Organe zu spenden, um
wenigstens das gleiche Schicksal zu erleiden, das sie ihrer Tochter zugemutet
hat. Inzwischen leidet sie an Multipler Sklerose, wahrscheinlich ausgelöst
durch den Tod ihrer Tochter, haben ihr die Ärzte erklärt. Frau H.
wurde, als die Mediziner ihren irreversiblen Hirntod vermuteten, in einen
Krankenwagen verfrachtet, von Großburgwedel in die MHH (Medizinische
Hochschule Hannover) gefahren, um dort die Hirntodfeststellung
durchzuführen, ohne dass ihr Mann begriffen hatte, dass man ihr
anschließend die Organe entnehmen wollte. Als er die Zustimmung
verweigerte, wurde die Frau in das erste Krankenhaus zurückverlegt und
weiter künstlich ernährt und medikamentös behandelt. Er empfand
es als Schikane, dass die Mediziner sich weigerten, die Geräte
auszustellen. Durch zähen Kampf erreichte er schließlich nur, dass
man die lebenserhaltenden Medikamente wegließ. Frau M. berichtete von
ihrer Bitte an die Mediziner um ein aufklärendes Gespräch nach der
Organspende. Ohne ein Attest über ihre "geistige
Zurechnungsfähigkeit" wollte man aber nicht mit ihr sprechen. Frau M. hat
daraufhin nie wieder den Mut zu einem Gespräch gehabt. Sie ist daran krank
geworden und seitdem immer wieder in psychologischer Behandlung. ' Viele Eltern
haben mir geschrieben, sich nach Vorträgen an mich gewandt, etliche
wollten auch mir gegenüber anonym bleiben, weil sie sich so sehr
schämten. Die Kraft sich zu wehren, hatten die wenigsten. Nur ein Vater
hat seinen Sohn im Wissen, dass dieser kein "menschenwürdiges" Leben mehr
führen könne, zur Organentnahme freigegeben. Er verstand Organspende
als sinnvolle Sterbehilfe. Alle Angehörigen der Organspender sind davon
ausgegangen, dass ihre Kinder so tot waren, wie man sich Tot-Sein vorstellt.
Alle erinnerten sich daran, dass ihre Kinder aber gerade nicht kalt, starr,
leblos und ohne Atem waren. Im Gegenteil: sie waren warm, einige schwitzten,
sie wurden wie Patienten versorgt und behandelt. Im Nachhinein breiten sich
Angst und Entsetzen aus. Das Schuldgefühl, zu früh aufgegeben zu
haben, überwältigt, denn was verlassen wurde, war ein Lebender und
kein Toter. Niemand kann die Angehörigen aus diesem Alptraum
herausführen, weil keiner leugnen kann, dass sie tatsächlich warme,
lebende Körper zurückgelassen haben. An dieser erlebten und im Sinne
des Wortes wirklich "begriffenen" Tatsache geht die Definition des Hirntodes
vorbei. Am erdrückendsten werden die Augenblicke empfunden, in denen die
Eltern über die vielleicht noch vorhandenen Empfindungen ihrer Kinder bei
der Organentnahme nachdenken. Die Mütter erzählen von
nächtlichen Alpträumen, in denen ihre Kinder schreien und ihnen
vorwerfen, sie verlassen zu haben. Und das genau haben wir getan.
Sterbebegleiter waren nicht wir, sondern die Transplantationsteams, die
nacheinander anreisten, um sich ihrer Organe zu bemächtigen. Fixiert auf
dem Operationstisch, anästhesiert wie jeder Patient, der operiert wird,
reagieren einige Spender mit Blutdruckanstieg, wenn der erste Hautschnitt
gesetzt wird. Bei normalen Patienten ist das ein Zeichen für Schmerz.
Haben unsere Kinder etwas empfunden, als man sie vom Kinn bis zum Schambein
aufschnitt, ihre Körperhälften wie eine Wanne auseinander spreizte,
um sie mit eiskalter Perfusionslösung zu füllen? Haben sie empfunden,
wie sie nach der Qualität ihrer Organe beurteilt wurden? Was haben wir
zugelassen, was fügte man ihnen zu, als sie noch zwischen Leben und Tod
schwebten, mit welchem Trauma wurden sie in den Tod geschickt? Es ist nicht zum
Aushalten! Wir finden keinen Weg aus der Schuld. Wir kennen und verstehen nur
einen Tod und merken plötzlich, der Mediziner muss einen ganz anderen Tod
meinen. Die schrittweise Suche nach diesem "neuen Tod" wird begleitet von der
entsetzlichen Erkenntnis, dass dieser Tod vor dem anderen, dem von uns
vorausgesetzten, dem bekannten Tod liegt. Alles Wissen, alle Informationen, die
wir in dieser Frage sammelten, bestätigen und erhärten den Verdacht,
dass unsere Kinder nicht tot waren, sondern erst im Sterben lagen. In den
Krankenakten von Christian befinden sich drei verschiedene Todeszeitpunkte. Das
"Abschalten" der Geräte, das den Tod von Menschen zur Folge hat, die nur
durch Technik am Leben gehalten bzw. am Sterben gehindert wurden, war noch vor
1968, zu einem Zeitpunkt, der im Rahmen unseres Lebensalters liegt, strafbar.
In der Bundesrepublik war diese Diskussion mit der Erinnerung an die Euthanasie
belastet, die Ermordung "unwerten" Lebens im Dritten Reich. Die
Möglichkeit des Abschaltens der Geräte war darüber hinaus auch
dadurch fragwürdig, weil Manipulationen, Beeinflussungen, Entscheidungen
zum Schaden des Patienten und zum Nutzen z.B. der Erben befürchtet werden
mussten. Ob heute ausreichend berücksichtigt wird, dass durch die
Organtransplantation die Möglichkeit gegeben ist, sich in Besitz von
Überleben im ursprünglichsten Sinn zu setzen, scheint mir fraglich.
Eine völlig neue Art von Delikten ist möglich: sich Leben,
Weiterleben zu rauben. In der Dritten Welt eine Realität. Hat die
Transplantationsmedizin daran gedacht, welche menschlichen Eigenschaften
entfesselt werden können, wenn der Lebenstrieb eines Menschen angesprochen
wird? Am 3. Dezember 1967 fand in Kapstadt die erste Herztransplantation statt.
Dr. Christian Barnard nahm dem nicht mehr zu rettenden Clive Haupt das noch
schlagende Herz aus der Brust, um es dem todkranken Zahnarzt Dr. Blaiberg
einzupflanzen. Die Welt jubelte, begriff aber nicht, dass ein nicht mehr zu
rettender Patient natürlich noch kein Verstorbener ist. Weltweit fieberten
Chirurgen danach, nun auch lebende Organe zu transplantieren. Um nicht des
Totschlags angeklagt zu werden, wurden 1968 im Harvard Medical Report die
irreversibel comatösen Patienten für "hirntot" erklärt und man
bezeichnete ihren Zustand als "Tod der Person" oder "Tod des Individuums".
Diese Umdefinierung des irreversiblen Comas schuf zuerst in Amerika die
notwendige Legitimation, solche Menschen als Herzspender zu benutzen. Tod der
Person oder Tod des Individuums heißt, dass das Persönliche, das
Individuelle eines Menschen, das, was ihn von anderen unterscheidet, nicht mehr
besteht. Die selbständigen Steuerungsmöglichkeiten des Organismus
sind irreversibel geschädigt. Irreversibel hirntote Patienten sind
Menschen, die nicht mehr zu retten sind. Man legitimierte die Umdefinierung
auch damit, dass sie Angehörige und Pflegepersonal arbeitsmäßig
wie psychisch enorm belasteten, hohe Kosten verursachten und Betten belegten.
Irreversibel Hirntote müssen wie andere Intensivpatienten genährt,
gewaschen und gepflegt werden, werden täglich mehrmals umgelagert, um
sogenannte Druckgeschwüre zu vermeiden. Kontinuierliche Mundpflege,
Hautpflege und Medikamentengabe sind notwendig. Ihr Herz schlägt, und sie
atmen mit technischer Unterstützung durch Beatmungsgeräte. Sie sind
warm, der Stoffwechsel funktioniert. Hirntote Frauen können Kinder
gebären, hirntote Männer können Erektionen haben.
Hirnströme und Hormonproduktion der Hypophyse sind möglich. Sie
reagieren auf äußere Reize, bei 3 von 4 Hirntoten sind Bewegungen
der Arme und Beine möglich. Hirntote können sich aufrichten und
gurgelnde Laute ausstoßen. Nicht neue medizinische Erkenntnisse machten
aus sterbenden Menschen "Teiltote", sondern neue technische Möglichkeiten
schufen neue Bedürfnisse und daraus resultierende Ansprüche. Der
Mensch wird seither in seiner schwächsten und schützenswertesten
Situation, seinem Sterben, umdefiniert zu einem wehrlosen, aber in einer bisher
nie da gewesenen Weise ausbeutbaren Objekt. Sein bisher in einer zivilisierten
Welt als selbstverständlich anerkanntes Recht auf sein eigenes,
ungestörtes und individuelles Sterben wurde umdefiniert in eine Pflicht
zur Organspende. Der Mensch wurde per Definition aufgeteilt in totes Hirn mit
lebenden Organen. Kritische Aspekte der Transplantationsmedizin Die
Transplantationsmedizin vollzieht einen Eingriff in die Natur, der beim
heutigen Wissensstand um deren Fragilität fragwürdig scheint. Auf der
einen Seite beklagen wir Aidspatienten, deren Immunsystem nicht mehr
funktioniert, auf der anderen Seite wird das Immunsystem der Transplantierten
gegen Null gefahren, um die natürlichen Abstoßungsreaktionen zu
verhindern. Die Individualität jedes Menschen reicht bis in seine letzte
Körperzelle und bleibt auch in einem trans-plantierten Organ vorhanden.
Mit hohen Cortisongaben werden das fremde Organ und der
Empfängerkörper gedopt, um die Natur zu betrügen. Die Folgen
bleiben nicht aus. Die ständigen Cortisongaben schädigen auch die
anderen Organe. Das transplantierte Organ bleibt, trotz Cortison, einer
schleichenden Abstoßung unterworfen. Pilze, Viren und Bakterien, die in
einem gesunden Körper von den körpereigenen Abwehrkräften
bekämpft werden, können sich ungestört vermehren. Manch
Transplantierter stirbt qualvoll an Infektionen, gegen die sich sein
Körper nicht wehren darf, um das transplantierte Organ nicht
abzustoßen. Der Tod ist um einen hohen Preis für die
Transplantierten hinausgeschoben, die Währung ist auch hier
Unmenschlichkeit. Spender wie Empfänger müssen darauf verzichten,
einen der wichtigsten Grundprozesse ihres Menschseins zu durchleben, ihr
eigenes Sterben. Der Transplantierte muss sich so auf sein Leben konzentrieren,
dass er sich aufsein Sterben nicht mehr einrichten kann und übergangslos
dem Tod gegenübersteht. Kassierer/Gewinner ist der
Transplantationsme-diziner, der seinem Traum, den Tod zu besiegen, einen
wesentlichen Schritt näher gekommen ist. Wie kommt es, dass wir so schwer
begreifen, was sich hinter der Transplantationsmedizin verbirgt? Wie kommt es,
dass wir uns auf Werbeveranstaltungen dazu überreden lassen,
Organspendeausweise auszufüllen? Geht es doch um unseren eigenen Tod. Die
Menschen, für die wir als Spender geworben werden, liegen bereits in den
Krankenhäusern und ihr Überleben hängt davon ab, dass wir
möglichst bald unser Leben beenden, um mit unseren gesunden Organen ihr
Sterben aufzuhalten. Die Antwort ist: Die Gesellschaft wird mit ihrer Angst vor
dem Sterben so manipuliert, dass wir uns alle nur in der Rolle der
Organempfänger sehen, aber nicht als Lieferant. Die Akzeptanz der
Organspende beruht darauf, dass keiner mehr sterben will. Jeder hofft, auf
Kosten eines anderen zu überleben Wir steuern auf die recyclebare
Gesellschaft zu. Wir müssen endlich eigene Maßstäbe entwickeln
und begründen, wenn wir nicht eines Tages in einer Welt leben wollen, in
der Menschen zu Ersatzteillagern werden und die Medizin eine Reparaturwerkstatt
ist. Was wir Organspendern zumuten dürfen, die wir brutal in ihrem
Sterbeprozess anhalten und ausweiden, darüber muss ein
Meinungsbildungsprozess in Gang kommen und letztlich die Gesellschaft
entscheiden. Die Organspende ist ein Problem, dem wir uns alle stellen
müssen, zu dem wir eine Einstellung finden müssen auf Grund von
Wissen. Dann kann sich daraus auch unser Gewissen bilden. Von den
Transplantationsmedizinern als Segen gefeiert, zwingt uns die
Organübertragung eine andere Sicht vom Menschen auf. Der Mensch ist nicht
mehr in seiner Ganzheit und Individualität gefragt, sondern als
Recyclingobjekt, als Lieferant von Ware, die er zu Leb- oder Sterbenszeit
abgibt. Das Verpflanzen von Organen fordert die Transplantationsmediziner zu
nie dagewesenenen Entscheidungen heraus. In den Anfängen der
Transplantationsmedizin waren die Organspender Sonderfälle der
Intensivmedizin. Damals war noch ganz klar, wer Spender und wer Empfänger
von Organen ist. Heute ist es durch die Weiterentwicklung der Intensivmedizin
einerseits, die Verbesserung der Transplantationsmedizin andererseits und die
damit verbundene Organknappheit, möglich und nötig geworden, zu
fragen, wer soll Empfänger und wer soll Opfer sein. Es findet eine
doppelte Güterabwägung statt. Was ist lebenswert und welches Leben
ist noch lebenswerter? Gisela Wuttke spricht in diesem Zusammenhang vom
Legomenschen, austauschbar und umbaufähig. Leben, das eigentlich
verschwenderisch vorhanden ist, gerät in einen Recyclingkreislauf. Es
macht sich eine Verwertungsmentalität breit, aus zwei mach eins - aber es
reicht trotzdem nicht. In der 3. Welt ist Organhandel ein Tagesgeschäft.
Kinder werden zum Zwecke der Organentnahme gezeugt und umgebracht. Menschen
werden von der Straße weggefangen und als Organspender gegen ihren Willen
oder ohne ihr Wissen missbraucht. Leichen, denen Organe fehlen, werden auf
Müllhalden gefunden. Seit Jahren können wir so etwas in der Zeitung
lesen. Wir vermeiden es, einen Zusammenhang zu unserem zivilisierten Europa zu
sehen. Doch der Bedarf hier bei uns schafft überhaupt erst die
Notwendigkeit, Menschen, wo auch immer auf der Welt sie leben, Organe zu
entnehmen. Immer sind an der Explantation hoch ausgebildete Mediziner
beteiligt, und es bedarf eines gewaltigen technischen Apparates, um sie
durchzuführen. Organe werden nicht im Hinterhof entnommen. Die Grundangst
des Menschen vor jeder Veränderung, besonders dem Tod, wächst mit der
Möglichkeit, dem Sterben ausweichen zu können. So, wie im
Märchen der Arzt nur schnell das Bett umdrehen muss, kann heute die
Organtransplantation die letzte Möglichkeit sein, dem Tod von der Schippe
zu hüpfen. Der Anspruch der Gesellschaft, der an meiner Haut endete,
reicht jetzt bis in die tiefsten Winkel meines Körpers. Als Träger
einer Menge verwertbarer Organe werde ich zum begehrten Objekt. Meine Organe
finden reißenden Absatz. Über Organverteilerstellen werden sie wie
Ware angeboten und in Europa verteilt. Entnommen und in Kühlboxen
verpackt, werden sie per Hubschrauber oder Jet in Transplantationszentren
geflogen und verwertet. Der Mensch verkommt zum Sonderangebot, tiefgefroren bis
zur Verwertung. Wollen wir das wirklich oder sollten wir nicht endlich Einhalt
gebieten? Waren unterliegen den Regeln des Angebotes und der Nachfrage.
Besonders begehrte Objekte, wie Organe, sind knapp. Die Transplantationsmedizin
muss sich ständig nach neuen Quellen umsehen. Sie befindet sich in der
bitteren Situation, dass Träger von Organen zwar im Überfluss
vorhanden sind, sie aber nicht so frei darüber verfügen kann, wie sie
möchte und müsste, um den Bedarf zu befriedigen. Die
Transplantationsmediziner und Organempfänger unterstellen der Gesellschaft
eine allgemeine Akzeptanz der Organspende und fordern den Zugriff auf jeden
Hirntoten. Die Ressourcen wären enorm. Nach Bedarf könnte man in den
"Pool" greifen und das passende Organ herausfischen. Es wäre sogar
denkbar, dass wir uns auf diese Weise braune, statt blaue Augen beschaffen
könnten. Die Transplantationsmediziner wären in der für sie
wünschenswerten Situation, dass an den Intensivpatienten nicht mehr die
Frage zu stellen ist, wen dürfen wir als Spender benutzen, sondern nur
noch: wen können wir nicht gebrauchen. Es sind 15 Jahre seit dem Tod
meines Sohnes vergangen. Ich habe eine lange Zeit gebraucht, um einen eigenen
Standpunkt zur Transplantationsmedizin zu entwickeln. Ich weiß, dass ich
weder Organspender sein werde, noch fremde Organe annehmen möchte. Als
Christ werde ich in einer Beziehung zu Gott geboren, lebe und beende mein Leben
in der Beziehung zu Gott. Das gilt für den Gesunden wie für den
Kranken. Das gilt aber nicht in der vertikalen Bezie-hung, in den
Verantwortlichkeiten und Verbindlichkeiten von Mensch zu Mensch. Der Kranke ist
in der Beziehung zu Gott sicher aufgehoben, wenn er es denn zulässt.
Akzeptiert er die Verbindung zur Transplantationsmedizin, wird eine Lebensgier
entfacht, die zur Bedrohung für andere werden kann, und der eigene Tod
wird damit aus den Augen verloren. Mir wurde deutlich, dass nicht
Überleben unser Ziel ist, sondern das Aufgreifen von
Lebensmöglichkeiten, die sich auf dem Bogen von der Geburt bis zum Tod
bieten. Das Leid um Sterben und Tod meines Sohnes hat mir bewusst gemacht, wie
viel Erfahrungsmöglichkeiten die Mediziner uns genommen haben, wie viele
Türen uns die hochtechnisierte Medizin geschlossen hat. Sterben findet
dahinter statt und ist so unbekannt geworden, dass die Angst vor diesem
Grundprozess des Menschseins ins Unerträgliche rückt und wir
mithelfen, diese Türen zuzuhalten. Auch ich habe mich so verhalten. Den
Tod meines Vaters, der nach einem Autounfall starb, hatte ich verdrängt
und auch den Tod von anderen Angehörigen und Freunden. Durch den Tod
meines Sohnes rückten sie alle wieder in mein Bewusstsein. Es war ein
langwieriger Prozess, zu begreifen, dass Sterben etwas Alltägliches ist,
dass der Tod die Krönung des Lebens ist. Sterben, ein Grundprozess des
Lebens, findet nicht mehr in der Familie statt und ist daher für uns nicht
mehr erlebbar. Wir begleiten Sterbende nicht mehr auf der letzten Strecke ihres
Lebens. Wir lassen uns jede Chance entgehen, dieses Fremde mitzuerleben. Wir
haben das Sterben an Krankenhäuser oder andere Institutionen abgegeben.
Das Altern findet in speziellen Häusern statt. Tote werden an
Bestattungsinstitute weitergeleitet. Nichts mehr haben wir von den
Ausklängen des Lebens in Händen behalten. Wie sollen wir da Sterben
und Tod begreifen? Wie können wir reif werden zum Tod, wenn wir uns
zunehmend diesem Erleben verschließen? Wir lassen den Tod zum Feind des
Lebens werden, dem man aus dem Wege gehen muss, dem man ein Schnippchen
schlagen muss. Der Tod als Freund am Ende eines erfüllten Lebens ist uns
verloren gegangen. Die Angst vor dem Sterben, ist ins Irrationale abgeglitten.
Meine Tante brauchte für ihr bewusstes Sterben 24 Stunden. Meine
Schwiegermutter brauchte viele Monate, um endlich den Tod zu akzeptieren. Sie
lebte ihre letzten 6 Jahre in meiner Familie. Für mich ist die Begleitung
der letzten Strecke eines Lebens zum Schlüsselerlebnis geworden. Der
Sterbeprozess führt einen Menschen, wie eine Schleuse ein Schiff, auf ein
anderes Niveau, wo es gefahrlos in höherem oder tieferem Wasser abgesetzt
wird. Das Schleusen mag lang oder kurz dauern, nie stürzt ein Schiff
übergangslos ab. Wie ein Schiff eine Schleuse, so braucht der Mensch sein
Sterben, um gefahrlos und angstfrei in neue Gewässer gelangen zu
können. Mir ist deutlich geworden, welch zutiefst menschlicher Prozess das
Sterben ist. Die Angst vor dem Leben, vor neuen Erfahrungen, verdammt uns zur
Bewegungslosigkeit. Das sind die schmerzlichen Erfahrungen, die uns Stillstand
und Tod mitten im Leben bringen. Im Laufe der Jahre bin ich oft gefragt worden,
warum ich nicht endlich aufhöre, nachzuforschen, warum ich nicht endlich
den Medizinern und mir Ruhe gebe. Ich habe oft genug Lust dazu gehabt, alles
hinzuwerfen, denn sich mit der Transplantationsmedizin auseinander zu setzen,
bedeutet ein Eintauchen in einen gefährlichen Strudel von Macht,
Größenwahn und Lebensgier. Ich habe oft Angst gehabt, wenn ich vor
einer Gruppe von Menschen gestanden habe und meine Informationen weitergegeben
habe. Die Androhung, mir etwas zu Leide zu tun, habe ich sehr ernst genommen.
Sie hat mich in einen Konflikt gestürzt: Welchen Preis bin ich bereit zu
zahlen, inwieweit bin ich mitbeteiligt und unterstütze die
Transplantationsmedizin, wenn ich ihr nicht mit meinem Wissen entgegentrete?
Die Transplantierten haben mir vorgeworfen, falsche Informationen weiterzugeben
und damit ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Hass auf Lebende, die dem Tod noch
einmal von der Schippe gehüpft sind, wären mein Motiv, weil es meinem
Sohn nicht vergönnt war, zu überleben. Ich sehe das nicht so. Ich
sehe eine Verpflichtung meinem verstorbenen Sohn gegenüber, dessen Tod
nicht den Stellenwert eines überfah-renen Kaninchens hat, und der nun,
weil er tot ist, nicht mehr zählt. Ich sehe auch eine Verpflichtung den
Lebenden gegenüber, deren Tod mich immer wieder in die gleiche Situation
der Frage nach der Organentnahme führen kann. Die Entscheidung, Ja oder
Nein zur Organentnahme, gefällt nach umfassenden Informationen, kann immer
nur eine ganz persönliche sein, aber sie muss dann standhalten, wenn die
Organentnahme beginnt, denn dann ist keine Korrektur mehr möglich.
Verliere ich wirklich nicht die Nächstenliebe aus den Augen? Wird sich
nicht doch meine Einstellung zu Krankheit und Tod ändern, wenn mir mit
einem Organ geholfen werden könnte? Was würde ich zum Beispiel tun,
wenn einem meiner Kinder mit einer Organspende "geholfen" werden könnte?
Würde ich denn wenigstens ein Organ von mir hergeben? Diese Fragen werden
mir immer wieder gestellt. Die Antworten lauten immer "nein". Ich liebe meine
Kinder, meine Familie, wie jede Mutter und Frau es tut. Brauchten meine Kinder
ein Organ, dann fielen mir die Organempfänger ein, die ich im Laufe der
Jahre kennengelernt habe. Mit einem unsichtbaren Band "ein Leben lang" an einen
Transplantationsmediziner gekettet zu sein, macht unfrei, abhängig,
erschreckt mich. Die vielen Nebenwirkungen, die auftreten durch die Einnahme
von Medikamenten, die die noch funktionierenden Organe des Körper
schädigen, lehne ich ab. Sie entsprechen nicht uns und unserer
Lebensweise. Ich fühle mich auch nicht als Ersatzteillager für meine
Kinder. In ihrem Werdungsprozess habe ich meinen Körper mit ihnen geteilt,
später mein Bett, meine Nahrung. Heute teile ich mein Geld und manchmal
meine Kleidung mit ihnen. Mein Mann und ich haben jetzt noch 5 Kinder. Im
Extremfall hätte ich eine Niere, ein Stück meiner Leber und
vielleicht zwei Hornhäute abzugeben. So verstehe ich aber meine Aufgabe
und Pflicht als Mutter nicht. Immer würde ich sie auf Krankheitswegen
begleiten und sie unterstützen, bis zum Tode. Könnte ich wenigstens
eine Niere abgeben, denn da hört man doch viel Positives? Nein, auch das
nicht, ich halte das Leben eines Dialysepatienten nicht für leicht, aber
ich beneide auch keinen Nierentrans-plantierten, der voller Pilzinfektionen
steckt. Der Tod meines Sohnes hat mich in eine tiefe Krise geführt. Damals
glaubte ich, dass auch für mich das Leben vorbei sei. Ich fühlte mich
gefangen in tiefster Dunkelheit, bewegungslos. In dieser Zeit tiefster
Bedrängnis habe ich mich ein einziges Mal so umfassend gehalten und
geborgen gefühlt von einer Kraft, die so unendlich war, dass ich sie in
Notzeiten immer noch fühlen kann. Sie wurde zur Energiequelle, die mich
wieder hinausführte ins Leben. Gleichzeitig erlebte ich die Grenzen der
Realität wie einen Schleier, der sich bewegte und ab und zu einen Blick in
das Dahinter zuließ. Mit den Erfahrungen und Begegnungen hinter diesem
Schleier und der Verankerung dieses Wissens in mein Leben und in die
Realität, habe ich für mich eine neue Lebensdimension gewonnen, die
mich auch den Tod meines Sohnes anders sehen lässt. Diese 15 Jahre Leben,
die er nur hatte, leben in mir und mit mir, sie sind für mich unsterblich
geworden. Sie tun mir gut, und ich erinnere mich gerne daran. Leben, Sterben
und Tod stehen für mich jetzt zusammen und eröffnen mir eine neue
Sichtweise. Der Tod lauert nicht mehr am Ende meines Lebens wie eine Falle, der
ich ausweichen muss. Weil er nun neben mir steht, ist jeder Tag ein neues
Geschenk für mich, das ich in mein Lebensgefäß hineintun kann,
bis es eines Tages überläuft und sich in neue Bahnen ergießt.
Die einzige Alternative zur Transplantationsmedizin für Spender und
Empfänger von Organen, für jeden von uns, ist die Akzeptanz des
Sterbens. Ich habe gelernt, dass die Lebensqualität eines Menschen, der
auf ein Organ verzichtet und sich auf das Sterben einstellt, die
Lebensqualität eines Gesunden übertreffen kann. Das Ziel meiner
Bemühungen, das Sterben meines Sohnes zu begreifen, habe ich erreicht. Es
ist ein Alptraum, mit dem ich leben lernen musste. Ich habe das Vertrauen
verloren, das ich der Transplantationsmedizin gegenüber empfand, aber ich
habe Vorstellungen zu meinem eigenen Sterben gewonnen. Dafür bin ich
dankbar. Die Wahrheit über die Organtransplantation - das ist es, was
Renate Greinert in ihrem erschütternden hier dokumentierten Vortrag auf
der Frühjahrstagung 2000 der Gesellschaft für Gesundheitsberatung GGB
in Lahnstein aufdeckt. Sie gab ihren 15-jährigen Sohn Christian zur
Explantation frei. Entsetzt mußte sie Stunden später sehen, was die
Chirurgen mit dem schönen Körper ihres Sohnes angerichtet hatten. Dr.
Max Otto Bruker warnt in dem Buch "Sterben auf Bestellung. Fakten zur
Organentnahme" (Hrsg. I. Gutjahr, M. Jung, emu-Verlag): "Geburt und Leben sind
etwas ganz Besonderes, Schöpferisches. Das Sterben, so lehrte mich mein
Beruf, jedoch auch. Gerade beim Sterben gilt es, genau hinzuhören, zu
spüren und den oft nicht analysierbaren Vorgang mit allen Zeichen des noch
Lebenden wahrzunehmen... Es ist erschreckend, mit welcher
Selbstverständlichkeit entscheidungsfrohe Politiker und ,Experten' die
totale Explantation als etwas Normales, etwas Fortschrittliches betrachten. So
ist auch die Haltung zur Diagnose ,Hirntod' eine zwangsläufige Folgerung
dieses Machbarkeitswahns, der sich bereits lange abgezeichnet hat." Die
"Dr. Max Otto Bruker-Stiftung", Taunusblick la, 56112 Lahnstein,
ermöglichte die Herausgabe dieser Broschüre. © emu-Verlags- und
Vertriebs GmbH Taunusblick l a, 56112 Lahnstein/Rhein Gesamtherstellung:
Kösel, Kempten Schutzgebühr: DM 3,- |