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02.05.2003 Karin Leukefeld Junge Welt
Erinnerungen an Nordirland
Brief aus Bagdad: Es wird von Bürgerkrieg geredet. Vom »Palestine« zum »Hotel-Lager«
Zum Gesicht des »neuen Irak« gehört neben den Kriegstrümmern die massive Präsenz der US-Armee. Das Gelände um das Hotel Palestine im Herzen Bagdads ist militärischer Sicherheitsbereich. US-Panzer haben die umliegenden Zufahrten abgeriegelt, NATO-Stacheldraht versperrt den Zugang. Lediglich an drei Stellen können Leute das Gelände betreten. Voraussetzung sind die erforderlichen Papiere, zum Beispiel ein internationaler Presseausweis.

Vor den Kontrollpunkten sammeln sich jeden Tag viele Iraker, die aus irgendeinem Grund Zugang zu dem »Hotel-Lager« haben möchten – »Lager« wegen der militärischen Abriegelung, »Hotel«, weil sich auf dem Gelände neben der Journalistenhochburg »Palestine« noch vier weitere Gebäude befinden, in denen vor allem Journalisten und Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen wohnen. Wer dieser Umgebung entkommen will, sucht sich ein kleineres Hotel in einiger Entfernung. Manche flüchten auch wegen anhaltenden Geredes über eine mögliche Anschlagsgefahr. Schließlich lagern hier »die Amerikaner«.

Beliebt ist die US-Armee wahrlich nicht im Irak, und das noch weniger, seit bekannt wurde, daß amerikanische Soldaten am Montag 13 Menschen in der Kleinstadt Faludscha nördlich von Bagdad erschossen haben.

Am Abend danach kehrt der Ire Michael Birmingham von der Friedensorganisation »Voices in the Wilderness« völlig entsetzt aus Faludscha zurück. Er hatte das örtliche Krankenhaus besucht und fühlte sich an Nordirland erinnert. Es könnte eine ähnliche Eskalation im Irak geben: »Die britischen Truppen haben mit ihren Einsätzen immer stärkeren Widerstand bei den Iren provoziert«, sagt er. »Was soll hier passieren, wenn schon nach zwei Wochen die US-Besatzungstruppen das erste Massaker an der Zivilbevölkerung verüben?«

»Bürgerkrieg«, befürchtet Athir, ein Bauingenieur, der bis zum Sommer vergangenen Jahres in Libyen für eine französische Ölfirma gearbeitet hat. Das sei von den Amerikanern auch so gewollt. Athir war im Sommer nach Bagdad gekommen, um einen Monat Militärdienst zu absolvieren. Doch angesichts der wachsenden Kriegsgefahr wurde die Dienstzeit kurzfristig auf vier Monate verlängert. Das kostete ihn den Job, weil er nicht rechtzeitig nach Libyen zurückkam. Nun arbeitet er als Fahrer für eines der Hotels und will, sobald es irgendwie geht, das Land wieder verlassen. »Das ist nicht mehr mein Irak«, sagt er heftig und kann nur mit Mühe seine Tränen zurückhalten. »Ich schäme mich. Wir waren zu schwach, uns zu verteidigen, und nun kann ich nicht einmal mehr hingehen, wohin ich will«, meint er. »Ich brauchte eine Genehmigung der Amerikaner. Der alternative Weg wäre zu unsicher wegen der Räuberbanden.« Athir ist wahrlich kein Anhänger der alten Regierung, doch eine ausländische Besatzungsmacht will er auch nicht.

Bürgerkrieg befürchtet ebenfalls Ahmet, ein Ingenieur. »Wir sind selbst schuld an der Lage«, sagt er. »35 Jahre haben wir in Dunkelheit gelebt und uns nicht getraut, den Mund aufzumachen.« Nur die amerikanischen Bomben seien in der Lage gewesen, »Saddam zu entmachten«, ist er überzeugt. Gleichzeitig glaubt er, daß der verschwundene irakische Staatspräsident Saddam nicht tot ist, sondern an einem sicheren Ort sein Leben bestens genießt: »Der einzige Unterschied zwischen der amerikanischen und irakischen Regierung ist der, daß Amerika der Lehrer ist und der Irak nur der Schüler.« Ein Lehrer werde nie bestraft, doch wehe, wenn ein Schüler Fehler macht. Ahmet ist dennoch mit einem unerschütterlichen Gleichmut ausgestattet. »Mein Gott hat bestimmt, wieviel Luft ich atme, wohin ich gehe und wie lange ich lebe«, sagt er lachend. Und dann fügt er eine altbekannte irakische Formel hinzu, mit der schon vor dem Krieg fast jedes Gespräch endete: »Allah weiß, wo es lang geht, was sonst sollen wir tun?«


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