Brief aus Bagdad: Es wird von Bürgerkrieg geredet. Vom
»Palestine« zum »Hotel-Lager« Zum Gesicht des
»neuen Irak« gehört neben den Kriegstrümmern die massive
Präsenz der US-Armee. Das Gelände um das Hotel Palestine im Herzen
Bagdads ist militärischer Sicherheitsbereich. US-Panzer haben die
umliegenden Zufahrten abgeriegelt, NATO-Stacheldraht versperrt den Zugang.
Lediglich an drei Stellen können Leute das Gelände betreten.
Voraussetzung sind die erforderlichen Papiere, zum Beispiel ein internationaler
Presseausweis.
Vor den Kontrollpunkten sammeln sich jeden Tag viele
Iraker, die aus irgendeinem Grund Zugang zu dem »Hotel-Lager« haben
möchten »Lager« wegen der militärischen
Abriegelung, »Hotel«, weil sich auf dem Gelände neben der
Journalistenhochburg »Palestine« noch vier weitere Gebäude
befinden, in denen vor allem Journalisten und Mitarbeiter internationaler
Hilfsorganisationen wohnen. Wer dieser Umgebung entkommen will, sucht sich ein
kleineres Hotel in einiger Entfernung. Manche flüchten auch wegen
anhaltenden Geredes über eine mögliche Anschlagsgefahr.
Schließlich lagern hier »die Amerikaner«.
Beliebt ist
die US-Armee wahrlich nicht im Irak, und das noch weniger, seit bekannt wurde,
daß amerikanische Soldaten am Montag 13 Menschen in der Kleinstadt
Faludscha nördlich von Bagdad erschossen haben.
Am Abend danach
kehrt der Ire Michael Birmingham von der Friedensorganisation »Voices in
the Wilderness« völlig entsetzt aus Faludscha zurück. Er hatte
das örtliche Krankenhaus besucht und fühlte sich an Nordirland
erinnert. Es könnte eine ähnliche Eskalation im Irak geben:
»Die britischen Truppen haben mit ihren Einsätzen immer
stärkeren Widerstand bei den Iren provoziert«, sagt er. »Was
soll hier passieren, wenn schon nach zwei Wochen die US-Besatzungstruppen das
erste Massaker an der Zivilbevölkerung verüben?«
»Bürgerkrieg«, befürchtet Athir, ein
Bauingenieur, der bis zum Sommer vergangenen Jahres in Libyen für eine
französische Ölfirma gearbeitet hat. Das sei von den Amerikanern auch
so gewollt. Athir war im Sommer nach Bagdad gekommen, um einen Monat
Militärdienst zu absolvieren. Doch angesichts der wachsenden Kriegsgefahr
wurde die Dienstzeit kurzfristig auf vier Monate verlängert. Das kostete
ihn den Job, weil er nicht rechtzeitig nach Libyen zurückkam. Nun arbeitet
er als Fahrer für eines der Hotels und will, sobald es irgendwie geht, das
Land wieder verlassen. »Das ist nicht mehr mein Irak«, sagt er
heftig und kann nur mit Mühe seine Tränen zurückhalten.
»Ich schäme mich. Wir waren zu schwach, uns zu verteidigen, und nun
kann ich nicht einmal mehr hingehen, wohin ich will«, meint er.
»Ich brauchte eine Genehmigung der Amerikaner. Der alternative Weg
wäre zu unsicher wegen der Räuberbanden.« Athir ist wahrlich
kein Anhänger der alten Regierung, doch eine ausländische
Besatzungsmacht will er auch nicht.
Bürgerkrieg befürchtet
ebenfalls Ahmet, ein Ingenieur. »Wir sind selbst schuld an der
Lage«, sagt er. »35 Jahre haben wir in Dunkelheit gelebt und uns
nicht getraut, den Mund aufzumachen.« Nur die amerikanischen Bomben seien
in der Lage gewesen, »Saddam zu entmachten«, ist er überzeugt.
Gleichzeitig glaubt er, daß der verschwundene irakische
Staatspräsident Saddam nicht tot ist, sondern an einem sicheren Ort sein
Leben bestens genießt: »Der einzige Unterschied zwischen der
amerikanischen und irakischen Regierung ist der, daß Amerika der Lehrer
ist und der Irak nur der Schüler.« Ein Lehrer werde nie bestraft,
doch wehe, wenn ein Schüler Fehler macht. Ahmet ist dennoch mit einem
unerschütterlichen Gleichmut ausgestattet. »Mein Gott hat bestimmt,
wieviel Luft ich atme, wohin ich gehe und wie lange ich lebe«, sagt er
lachend. Und dann fügt er eine altbekannte irakische Formel hinzu, mit der
schon vor dem Krieg fast jedes Gespräch endete: »Allah weiß,
wo es lang geht, was sonst sollen wir tun?« |