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05.05.2003 Joachim Guilliard Junge Welt
Bestellte Brandstifter
Die Kolonisierung des Iraks im Geiste der Conquista (Teil 1)
Nach zehnwöchiger Belagerung nahmen am 13. August 1521 die spanischen Eroberer unter Hernán Cortés Tenochtitlán ein. Der Fall der Hauptstadt bedeutete auch das Ende des Aztekenreiches. Mit der anschließenden Plünderung und Zerstörung der aztekischen Gebäude und Kulturgüter Tenochtitláns wurden auch die Spuren der bisherigen Staatlichkeit gründlich ausgelöscht.

An diese finsteren Epochen des europäischen Kolonialismus wird man beim Anblick der Bilder aus dem Irak unwillkürlich erinnert. Auch der Einnahme Bagdads nach mehr als zwölf Jahren Krieg und Belagerung des Landes folgten Plünderungen und Brandschatzungen öffentlicher und repräsentativer Gebäude der Stadt, Raub und Zerstörung unschätzbarer Kulturgüter.

Für die US-Medien mußte dies, nachdem die Bilder jubelnder Iraker ausgeblieben waren, den Volkszorn symbolisieren. Ein Unterfangen, das nicht sehr glaubwürdig gelang, da die Plünderer – tatsächlich »befreit«, nämlich von allen gesellschaftlichen Zwängen – auch vor Krankenhäusern und anderen lebenswichtigen Einrichtungen nicht haltmachten. Angeblich waren die Eroberer nicht auf Polizeiaufgaben vorbereitet gewesen. Doch wie Augenzeugen berichteten, hatten US-Einheiten die Plünderungen selbst eingeleitet, indem sie mit Panzern Türen einbrachen und Slumbewohner per Lautsprecher zur Selbstbedienung aufforderten.

Plünderungen und unkontrollierte Gewalt waren durchaus im Interesse der Invasoren. Wurden sie doch zum mächtigen Druckmittel, um die widerspenstigen Bürger der irakischen Städte zu zwingen, die Invasoren zumindest vorerst als einzige Macht zu akzeptieren, die für genügende Sicherheit und Ordnung sorgen kann, um das Leben wieder in Gang zu bringen.

Während die Plünderungen schnell zum Selbstläufer wurden, mußte man bei den Brandstiftungen in den Ministerien und den anderen staatlichen Einrichtungen nachhelfen. Wie Robert Fisk, der renommierte Reporter des britischen Independent, berichtete, waren es nicht die Plünderer, die Feuer legten. Die Brände brachen erst aus, als diese mit ihrer Beute schon längst abgezogen waren. Sie waren allem Anschein nach das Ergebnis eines systematischen Vorgehens. Fisk selbst hatte bei mehreren Gebäuden Trupps in blauweißen Bussen vorfahren sehen, die die Gebäude anschließend in Brand setzten. Die US-amerikanischen Besatzungstruppen griffen auch auf Aufforderung nicht ein. Selbst das Ministerium für Landwirtschaftliche Bewässerung unmittelbar neben dem von US-Truppen schwer bewachten Ölministerium stand in Flammen. Als Fisk am 21. April Bagdad verließ, waren nach seiner Zählung 158 Regierungsgebäude und mit ihm »die Basis einer neuen Regierung und der kulturellen Identität des Iraks« ausgebrannt.

Plünderer können ihre Beute zu Geld machen, doch wer bezahlt die Armee von Brandstiftern, fragt sich – so Fisk – auch die Bevölkerung von Bagdad: »Wer steckt hinter der Zerstörung ihres kulturellen Erbes, der Plünderung der archäologischen Schätze des Nationalmuseums, dem Niederbrennen des gesamten Ottomanischen, Königlichen und Staatsarchivs, der Koranbibliothek und der gesamten Infrastruktur einer Nation, die wir angeblich aufbauen wollen?«

Würde es nur um die Ersetzung eines Regimes gehen, hätte man wohl in der Tat versucht, z.B. die für den irakischen Staat unverzichtbaren Unterlagen über das zum Teil jahrhundertealte Bewässerungssystem zu erhalten, ebenso wie die Akten im Handelsministeriums oder die im abgebrannten Bildungsministerium aufbewahrten Informationen über die Bildungssysteme. Doch die neuen Herren haben offensichtlich kein Interesse am Erhalt eines unabhängigen Staatswesens. Im Gegenteil: Der Weg zurück wurde gründlich verbaut.

Viel Staat ist beim sogenannten Wiederaufbau von US-Seite ohnehin nicht mehr vorgesehen. Der Großteil dessen, was zuvor staatlich organisiert war – von der Wasserversorgung bis zum Bildungs- und Gesundheitswesen – soll nun in die Hände von Großkonzernen gelegt werden. Genau in die Hände jener Firmen, die personell eng mit der US-Administration verbunden sind. So wird die landwirtschaftliche Bewässerung in Zukunft von der Bechtel Group »betreut« werden, die den Zuschlag für den Wiederaufbau der irakischen Infrastruktur erhielt. »Das Geschäft mit einer Laufzeit von 18 Monaten könnte am Ende Bechtel eine beherrschende Rolle auf so gut wie jedem Gebiet der irakischen Gesellschaft geben«, schrieb der britische Guardian. Mit der Umorganisation der Ölindustrie wurde bereits begonnen, berichtete kürzlich das Wall Street Journal, sie wird nun ähnlich einem US-amerikanischer Konzern organisiert, mit Philip J. Carroll, dem früheren Chef der US-Tochter des Ölgiganten Royal Dutch/Shell, an der Spitze.

* Der Autor ist Ko-Sprecher der »Initiative gegen das Irak-Embargo Deutschland« und Mitherausgeber des Buches »Irak. Ein belagertes Land« (PapyRossa-Verlag)


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