Dokumentiert: Scott Ritter* zur Kampagne gegen den
Labour-Abgeordneten George Galloway Der britische Labour-Abgeordnete und
prominente Irak-Kriegsgegner George Galloway ist jahrelang von der Regierung
Saddam Husseins ausgehalten worden, behauptet die britische Boulevardpresse
(siehe jW vom 7.5.). Am Dienstag setzte die Partei von Premier Tony Blair nun
die Mitgliedschaft Galloways vorläufig aus »bis eine interne
Untersuchung abgeschlossen ist«, wie es in London hieß.
Ich
war schockiert über die angeblich durch Dokumentenfunde im Irak
gestützten Behauptungen, Galloway sei in irgendeiner Weise durch die
irakische Regierung finanziert worden, um ihre Interessen zu vertreten. Ich war
schockiert, weil diese Behauptungen, sollten sie sich als wahr erweisen, die
Integrität und Glaubwürdigkeit eines Mannes auf dramatische Weise
untergraben würden, für den ich großen Respekt empfinde.
Aber ebenso schockiert war ich über das Timing dieser
Behauptungen. Ich bin selbst Zielscheibe von Schmutzkampagnen gewesen, deren
Zweck der Rufmord an Menschen ist, die sich in Opposition zu den derzeit
Mächtigen befinden. Seither sind mir dramatische Offenbarungen in
höchstem Maß verdächtig geworden, deren passendes Timing eine
Stimme des Widerspruchs zum Schweigen bringt. Die Vorwürfe gegen Galloway
sind ernst und sollten gründlich untersucht werden. Haben sie irgendeinen
Gehalt? Ich werde jedenfalls nach wie vor bis zum Beweis des Gegenteils von
seiner Unschuld ausgehen. Ich hoffe, daß die Vorwürfe gegen ihn
gegenstandslos sind, aber, um ehrlich zu sein, ich weiß es einfach nicht.
Aber ich weiß ein paar Dinge über George Galloway und den
Fall, für den er sich eingesetzt hat. Ich weiß, daß er
mitgeholfen hat, die Mariam-Stiftung ins Leben zu rufen eine
humanitäre Organisation, die 1998 gegründet wurde, um einem
irakischen Mädchen zu helfen, das an Leukämie erkrankt war und wegen
der wirtschaftlichen Sanktionen keine angemessene medizinische Behandlung
bekommen konnte.
Ich weiß, daß Galloway die
Britisch-Irakische Freundschaftsgesellschaft mit aufgebaut hat. Ich weiß
es, weil er mich dazu einlud, beim Gründungstreffen in London zu sprechen.
Seine Rede an jenem Abend war menschlich, voller Freundlichkeit und
Mitgefühl. Er sprach über das Leiden der irakischen Bevölkerung
als Folge des zehn Jahre dauernden wirtschaftlichen Embargos. Ich hörte
ihn die Diktatur Saddam Husseins anprangern. Aber ich hörte auch seine
Prügel für die Politik seines eigenen Landes und die der USA
dafür, daß sie unschuldige Menschen im Irak einem solchen Leiden
ausgeliefert hatten.
Die Gründung der Freundschaftsgesellschaft zu
jener Zeit war politisch völlig unkorrekt. Galloways politische
Widersacher konnten daraus Vorteile schlagen, indem sie sie als »pro
Saddam« denunzierten. Ich bin sicher, daß viele Briten in den
kommenden Monaten solchen Freundschaftsorganisationen beitreten werden
jetzt, wo so etwas voll im Trend liegt. Galloway war den Menschen im Irak zu
einer Zeit ein Freund, als sie diese Freundschaft und das Verständnis der
britischen Bevölkerung am nötigsten brauchten.
Zuzulassen,
daß George Galloway gerade jetzt zum Schweigen gebracht wird, wo sich
seine Kritik an der britischen Politik gegenüber dem Irak als fundamental
berechtigt herausgestellt hat, würde eine Pervertierung jeder Demokratie
bedeuten. Statt ihn kalt zu stellen, sollte die britische Bevölkerung
seine Feststellungen lieber im Licht der zum Vorschein kommenden Tatsache
betrachten, daß es Blair ist und nicht Galloway, der Dinge getan hat, die
der Ermittlung bedürfen.
* Der US-Marine Scott Ritter arbeitete
von 1991 bis 1998 als UN-Waffeninspekteur im Irak (Übersetzung: Annette
Schiffmann) |