Für die Israelis ist es ein "Trennzaun", für die
Palästinenser eine "Apartheids-Mauer". Für die Israelis scheint es
ideal, für die Palästinenser eine existenzielle Bedrohung. Für
die meisten Israelis ist es die Zauberlösung für das Übel des
Terrorismus. Die Palästinenser fürchten sie zutiefst. Hier zeigt sich
wiedermal, man versteht sich nicht. Hier sind zwei Nationen, von denen keine
die Ängste der anderen begreift. Trennzaun, Schutzwall, Sicherheit, Krieg
gegen den Terror - die Israelis wissen nicht, welchen Preis die
Palästinener dafür zahlen. Nach den (jüdischen) Siedlungen, den
Außenposten, den Umgehungsstraßen, den Konfiszierungen, der
Abriegelung, der Umzingelung, nach Arbeitslosigkeit u. Ausgangssperre nun also
auch noch dieses neue Problem für tausende im Zaungebiet lebende Menschen.
Erneut wurden sie zu unschuldigen Opfern. Den Bauern hat man ihre Felder
enteignet, den Winzern ihre Weinberge zertrampelt, den Schäfern hat man
die Weiden genommen, die Grundstücke u. Brunnen von Bauern liegen nun auf
der jenseitigen Seite - der jenseitigen Seite des Zauns. Es sind arbeitslose
Männer, denen man nun auch noch die letzte Erwerbsquelle vernichtet, ganze
Dörfer sind von ihrem Lebensquell abgeschnitten. Ein Zaun - der
israelisches Leben schützen soll -, wird willkürlich auf dem ohnehin
geschrumpften Land dieser Leute errichtet, nicht etwa auf israelischem Land -
Gott bewahre! Aber warum? Weshalb nicht auf israelischem Land? Diese Leute hat
niemand gefragt, niemand hat mit ihnen verhandelt, koordiniert. Undenkbar, die
bloße Vorstellung, sie um Erlaubnis zu fragen! Wer sind diese Leute
schon?
Der Klang der Hämmer trägt weit. Überall in der
nördlichen Westbank ist das Geräusch zu hören: Eisen auf Fels.
Ein schreckliches Hämmern echot aus den Tälern und von den
Hügeln herab. Eine Armada aus Lastwagen u. Bulldozern fährt hin u.
her - zerstört die Berge. Was für ein Anblick: zwischen Tul Karm,
Dschenin u. Qalquilya ist die Erde aufgebrochen u. vernarbt; wie eine
große Wunde zieht es sich hin, längs der gesamten nördlichen
Westbank. Was für ein massiver operativer Eingriff: ein Sicherheitspfad,
eine Straße für die Patrouillen, eine Beton- Infrastruktur - das
alles eine gigantische Narbe. Eine hellgrüne Broschüre ('The
Apartheid Wall Campaign'), herausgegeben von den palästinensischen
Umweltorganisationen, informiert über die Statistik. Danach werden
während der ersten Bauphase 2 Prozent des Westbank-Landes enteignet.
Mindestens 30 Dörfer werden einen Teil ihrer Ländereien verlieren, 15
Dörfer zwischen Zaun u. 'Grüner Linie' eingeklemmt, 160 000 - 180 000
Dunams (entspricht etwa 16 000 - 18 000 Hektar) enteignet, 30 Brunnen für
ihre Besitzer unerreichbar. Und diese Zahlen beziehen sich ausschließlich
auf die erste Bauphase bzw. nur auf die nördliche Westbank.
Die
bevorstehende Katastrophe
An der Zufahrtsstraße zum kleinen
Dörfchen Izbet Tabib (es liegt neben der Hauptschnellstraße von
Qalqilya nach Nablus) erhob sich diese Woche wieder eine Straßenblockade
aus Abfall u. Dreck. Da die Schnellstraße nur von Juden benutzt werden
darf, wird dadurch die Abriegelung des kleinen Dörfchens noch perfekter.
Nur einem Besatzungsapparat kann soetwas Widerwärtiges in den Sinn kommen:
eine Blockade aus Abfall u. Müll. Das alles wird einfach zu einer
riesigen, häßlichen u. grausamen Straßenbarriere
zusammenrecycelt. Auf dem schmutzigen Pfad, der um die Straßenblockade
führt, sitzt in seinem Auto der Gemeinderatsvorsitzende von Izbet Tabib u.
winkt uns zu. Die Armee war gestern gekommen, hatte gegraben u. Erde für
die Straßenblockaden ausgehoben. Dabei hat man das Wasserleitungssystem
des Dorfs beschädigt. Die Bewohner haben nun kein Wasser mehr. Unsere
Autofahrt geht durch einen Pinienwald. Wir werden hin- u. hergerüttelt,
über Steinbrocken hinweg. Unser Ziel ist das nächste Dorf. In den
Außenbezirken von Isla sind rechts neben der Straße bereits die
Grabungen für den Zaun sichtbar. In Azun werden große Lastwagen aus
Genf entladen. Sie bringen Mehl in weißen Säcken - ein Geschenk des
Internationalen Roten Kreuzes. Gleichgültig sehen die arbeitslosen
Männer des Dorfes der Entladungsaktion zu. Das hier ist nicht Bagdad oder
Kabul. Am Stadtrand stehen die gelben Taxis versammelt. Sie kennen nur eine
Route, und die ist kurz: bis zur nächsten Straßenblockade. Auch die
Taxifahrer sind arbeitslos.
Im Dorf Jiyus hängt in einem Zimmer des
frischrenovierten Rathauses eine Karte mit dem Verlauf der "Apartheids-Mauer".
Sie hängt an der Wand im Büro von Abdel Ataf Khaled von der
'Palästinensischen Hydrologischen Gesellschaft' (Palestinian Hydrological
Group'). Auf der Karte sind große, breite Purpur- Flecken östlich
der 'Grünen Linie' eingezeichnet. "Wir stehen vor einer Katastrophe", sagt
Khaled, der Hydrologe. Als Aktivist vor Ort kämpft er gegen die Mauer. Im
letzten Juli hätte man über das Dorf eine eintägige
Ausgangssperre verhängt. An dem Tag sei die Israelische Armee mit
Bulldozern angerückt u. habe Marker in die Dorfgrundstücke gepflanzt.
Die Bewohner hätten nicht verstanden, was vor sich ging, hätten
nichts begriffen. "Heute wissen wir, das war die Planungs-Phase", so Khaled.
Dann ging die Sache weiter. In der ersten Septemberwoche des letzten Jahres
fanden Bauern Zettel - überall in ihren Feldern verstreut. Es waren
Enteignungsverfügungen, plus Karte. Geht es nach diesen Verfügungen
bzw. nach der eingelegten Karte, so Khaled, würde der Zaun 55 - 58 Meter
breit. 292 Dunams (etwa 30 Hektar) Land, auf einer Länge von 4 100 Metern,
würden dem Dorf enteignet. "Später fanden wir aber heraus, dass es
600 Dunams (etwa 60 Hektar) sein werden - auf 6 000 Metern", so Khaled. Eine
Woche später wurde Khaled u. andern Dorfbewohnern von der Israelischen
Armee ein Treffen mit Rami von der (israelischen) 'Zivilen Administration'
anvisiert. Man werde eine Tour durch das betroffene Gebiet arrangieren. "Die
Tour hat die Dorfbewohner geschockt", sagt ihr Vertreter Khaled. "Wir sind doch
Bauern, sagten sie. Sie fragten, wird man uns auch weiter erlauben, unsere
Grundstücke zu bewirtschaften, die auf der andern Seite der Mauer liegen?
Rami sagte 'ja'. Ohne Schwierigkeiten? Ohne Schwierigkeiten, versprach Rami.
Sie haben ihm aber nicht geglaubt".
Letzte Chance
Jiyus hat 3 200
Einwohner, 550 Familien. Etwa 300 dieser Familien, so erklärt uns Khaled,
leben ausschließlich von ihrer Subsistenzlandwirtschaft, von der Bebauung
ihres Landes. Die rund 200 andern Familien hätten von Jobs in Israel
gelebt, die nun aber nicht mehr existieren. Auch diese Familien versuchten nun,
Bauern zu werden - ihre letzte Chance. Von den insgesamt zur Gemeinde
zählenden 12 500 Dunams Land (etwa 1 250 Hektar), Häuser
eingeschlossen, lägen jetzt 8 600 Dunams (etwa 860 Hektar) jenseits der
Mauer. "Und wir sprechen hier nicht von unfruchtbarem Land", betont Khaled,
"das ist kultivierte Fläche. Hier gibt es 120 Treibhäuser. Jedes
davon produziert 35 Tonnen Tomaten (oder Gurken) pro Jahr. Und 7 Brunnen, die
sich die Dorfbewohner teilen, liegen jetzt auch jenseits der Mauer. 700 Dunams
(etwa 70 Hektar) sind Obstgartenfläche, 500 Dunams (etwa 50 Hektar)
Früchte- und Gemüsefläche, dazu 3 000 Dunams (300 Hektar)
Oliven, der Rest ist Weide". Der Hydrologe erklärt: "65 000 Arbeitstage
dieser Gemeinde (Jiyus) liegen jetzt jenseits der Mauer". Und was wird wohl im
Sommer aus denjenigen, deren Brunnenwasser auf der anderen Mauerseite
liegt?
"Wenn die Felder nicht bewässert werden können, droht
eine Umweltkatastrophe", so Khaled. "Davon abgesehen hat die Israelische Armee
schon jetzt 6 der 7 Wege zu den Dorffeldern abgeriegelt - noch ehe der Zaun
steht. Schon jetzt braucht man zwei Stunden, bis man die Felder erreicht -
egal, in welche Richtung. Der ganze Tag geht drauf für den Weg auf die
Felder und retour. Die Felderbewirtschaftung ist hier Familiensache. Was
geschieht, wenn sie uns eine Gebühr für die Passage auferlegen? Muss
ein Bauern dann jedesmal 50 NIS (Schekel) zahlen, damit er mit seiner Familie
auf sein Feld kann? Meine Nachbarin hat drei Jahre gearbeitet, bis sie ein
bisschen Geld für ein Stück Land beisammenhatte", fährt Khaled
fort. "Sie hat sich 8 Olivenbäume gekauft - einen Baum für jedes
Familienmitglied. Sie hatte nicht geglaubt, dass die Mauer ausgerechnet bis zu
ihren 8 Bäumen hochkommt - dann entdeckte sie rote Zeichen an ihren
Olivenbäumen. Sie war geschockt, denn das bedeutet, genau hier wird die
Mauer entlanglaufen. Die Bäume haben sie schon alle abgeholzt. Für
sie (die Frau) waren die 8 Bäume ihre ganze Existenz. Der Mann, der die 8
Bäume abgeholzt hat, weiß sicher nicht, was für eine Geschichte
dahintersteckt. Hier gibt es Menschen, für die die Bäume wie ihre
Kinder sind." Und Khaled weiter: "Die Leute hier sagen, wir werden zu
Flüchtlingen. Was dann, wenn die Mauer steht, und das Tor bleibt
geschlossen? Schon jetzt ist die Situation im Dorf sehr schwierig. Dieses Jahr
mussten 45 Kinder aus dem Kindergarten genommen werden, weil ihre Eltern die 35
NIS monatliche Gebühr nicht aufbringen konnten. 60 Familien wurde der
Stromanschluss gekappt, weil sie ihre Schulden an die Regionalverwaltung nicht
bezahlen konnten. Was wird da erst, wenn die Mauer steht?" Und was verlangen
diese Menschen - angesichts der vor ihren Augen entstehenden Mauer? Khaled:
"Drei Dinge: Sie sollen uns unkomplizierten, leichten Zugang zu unseren Feldern
geben. Zweitens wollen wir unseren Landbesitz behalten. Und wir wollen in
Frieden und guter Nachbarschaft mit (den jüdischen Siedlungen) Kochav
Yair, Tzur Yigal und unseren übrigen jüdischen Nachbarn leben
können". Vor dem Dorf haben sich Teenager versammelt. Sie fordern
inzwischen schon etwas anderes: "Geht zurück nach Europa!"
Auf
unsere entsprechende Anfrage schreibt die (israelische) 'Zivile
Administration': "Für Land, das für den Zaunbau physisch
übernommen wurde, kann Geld ausgezahlt werden - für die
Überlassung bzw. als Kompensation - sofern der Besitzer den Nachweis
über den Besitz erbringt. Für Ländereien, die auf der westlichen
Zaunseite verbleiben, gilt: Die Besitzer, oder von ihnen beauftragte Personen,
können das Land zu agrikulturellen Zwecken betreten. Der Zugang wird durch
Tore gewährleistet. Diese werden entlang des Zaunverlaufs eingerichtet.
Unser Sicherheitsapparat wird sich um eine Lösung bemühen, sodass die
Bewohner zu ihren Grundstücken und Ländereien passieren können.
Nur solche Landbesitzer können allerdings auf Entschädigung rechnen,
deren Land physisch beschädigt wurde. Für jede Übernahme von
Besitz wurde dagegen ein ordnungsgemäßer Erlass ausgestellt. Dieser
Erlass enthält auch eine arabische Version. Zusätzlich wurde der
Erlass auf den zu enteignenden Grundstücken ausgelegt sowie im jeweils
zuständigen Hauptquartier der 'Koordinations- und Verbindungsbüros
des Israelischen Verteidigungsministeriums' ('Offices of Coordination and
Liaison of the Israeli Defense Ministry'). In Kenntnis gesetzt wurde auch das
palästinensische Verbindungsbüro. Einige Tage nach Verteilung der
Enteignungsverfügungen wurden Touren für die Landbesitzer
organisiert, und man teilte ihnen mit, welche Grundstücke man
zukünftig noch beschlagnahmen werde".
In der unabhängigen
palästinensischen 'Al-Quds'-Zeitung ist nachzulesen, es sei geplant, den
Bauern, deren Land auf der andern Zaunseite liegt, jedesmal eine
Durchgangsgebühr von 10 NIS pro Person abzuverlangen. Die 'Zivile
Administration' bestreitet dies allerdings. Die Bauern, die wir diese Woche
getroffen haben, wären noch froh über eine solche Gebühr: Schon
jetzt läßt man sie nicht mehr auf ihre Felder - dabei ist der Zaun
noch nicht fertiggestellt. Da ist zum Beispiel Bauer Abed Khaled aus Jiyus. Er
hat 8 Kinder u. 15 Jahre lang in Israel gearbeitet. Jetzt ist er wie alle
anderen arbeitslos. Er ist überzeugt, sein Land ist ihm verloren, er sei
nun auch noch seiner letzten Existenzquelle beraubt: "Keine Arbeit, kein Land",
erklärt er uns diese Woche. "Das Leben ist vorbei". |