Bayer-Konzern zahlt 257 Millionen US-Dollar Strafe wegen
Betrugs im US-Gesundheitswesen Die Bayer AG hat im April 2003 zugestimmt,
5,6 Millionen US-Dollar Strafgeld wegen überhöhter Preisberechnung
beim Antibiotikum Cipro und beim Bluthochdruckmittel Adalat zu zahlen, ebenso
251,6 Millionen Dollar Zivilstrafen. Das ist eine der bisher höchsten
Zahlungen wegen Mißbrauchs im US-amerikanischen Gesundheitswesen. Bayer
hatte gegen den Federal Drug Marketing Act verstoßen und durch eine
dreistellige Millionen-Dollar-Summe Medicaid geschädigt, das staatliche
Gesundheitsprogramm für die Bedürftigen.
Zusammen mit der
Bayer AG muß GlaxoSmithKline aufgrund eines Richterspruchs in Boston
Strafe zahlen, wenn auch weniger: 88 Millionen Dollar. Der Londoner
Pharmakonzern hatte Medicaid für sein Antidepressivum Paxil und das
Allergienasenspray Flonase mit einem getricksten Höchstpreis belastet,
während private Pharmavertriebe einen erheblichen Rabatt erhielten.
Die von der Bayer AG angewandte Methode der Preisüberhöhung
läuft in der Branche als »Lick and stick«, »Lecken und
Kleben«. Nach dem Federal Drug Marketing-Gesetz müssen die
Pharma-Unternehmen alle ihre Preise der staatlichen Gesundheitsbehörde
mitteilen und auch dem Medicaid-Programm die Rabatte gewähren, die
für private Vertriebe gelten. Durch »Lecken und Kleben« hat
Bayer dies während mehrerer Jahre umgangen: Bayer verkaufte an Kaiser
Permanente die Medikamente zum Discountpreis und ließ sie durch diesen
Mittelsmann mit einem neuen Aufkleber versehen. Damit vermied Bayer, den
Behörden die niedrigeren Preise mitzuteilen und Medicaid denselben Rabatt
zu gewähren.
Staatsanwalt Michael J. Sullivan sagte zur
Begründung des Urteils, daß in Zeiten hoher Staatsverschuldung und
explodierender Preise für verschreibungspflichtige Medikamente die
Benachteiligung von Medicaid einen »zerstörerischen Effekt«
für staatliche Programme habe, die auf die medizinische Versorgung der
Bedürftigen ausgerichtet sind. Dr. Peter Lurie, stellvertretender Direktor
der Public Citizens Health Research Group in Washington
begrüßte das Urteil und forderte mehr Transparenz bei der
Preisgestaltung: »Diese Art von intransparenten Prozeduren sind eine
Einladung zum Betrug.«
Betrug am öffentlichen
Gesundheitssystem ist bei Pharmakonzernen offenbar übliche Praxis.
Gegenwärtig wird in 47 US-Bundesstaaten gegen eine Reihe weiterer
Pharma-Unternehmen wegen überhöhter Preise ermittelt. Pfizer,
Bristol-Myers Squibb und TAP Pharmaceutical Products, die zu den »global
players« der Branche gehören und auch in Europa tätig sind,
haben in den USA bereits Strafen in Millionenhöhe bezahlt.
Die
Ermittlungen gegen die Bayer AG waren durch einen »whistleblower«
in Gang gekommen. George Couto, Marketing-Manager bei Bayer, hatte 1999
zunächst seinen Vorstand informiert. Nachdem jahrelang keine Reaktion
erfolgte, wandte sich Couto schließlich an das US-Justizministerium. Hier
hat sich eine Einrichtung bewährt, die in den USA gesetzlich abgesichert
ist: Informanten, die gesetzwidrige Handlungen im Gesundheitswesen aufdecken,
werden geschützt. In anderen Bereichen wie Drogen- und Mädchenhandel
wird dies ebenfalls seit längerem mit Erfolg praktiziert. Eine solche
Regelung empfiehlt sich auch bei der Gesundheitsreform in Deutschland. Die beim
Betrug in den USA erwischten Unternehmen sind schließlich hier ebenfalls
tätig und werden von Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen
als »seriös« betrachtet.
Übrigens: In Deutschland
hat bisher keine Zeitung und kein Fachmagazin über den Betrug der Bayer AG
im US-Gesundheitssystem und über die Gerichtsentscheidung in Boston
berichtet. |