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13.05.2003 Werner Rügemer Junge Welt
Faule Tricks
Bayer-Konzern zahlt 257 Millionen US-Dollar Strafe wegen Betrugs im US-Gesundheitswesen
Die Bayer AG hat im April 2003 zugestimmt, 5,6 Millionen US-Dollar Strafgeld wegen überhöhter Preisberechnung beim Antibiotikum Cipro und beim Bluthochdruckmittel Adalat zu zahlen, ebenso 251,6 Millionen Dollar Zivilstrafen. Das ist eine der bisher höchsten Zahlungen wegen Mißbrauchs im US-amerikanischen Gesundheitswesen. Bayer hatte gegen den Federal Drug Marketing Act verstoßen und durch eine dreistellige Millionen-Dollar-Summe Medicaid geschädigt, das staatliche Gesundheitsprogramm für die Bedürftigen.

Zusammen mit der Bayer AG muß GlaxoSmithKline aufgrund eines Richterspruchs in Boston Strafe zahlen, wenn auch weniger: 88 Millionen Dollar. Der Londoner Pharmakonzern hatte Medicaid für sein Antidepressivum Paxil und das Allergienasenspray Flonase mit einem getricksten Höchstpreis belastet, während private Pharmavertriebe einen erheblichen Rabatt erhielten.

Die von der Bayer AG angewandte Methode der Preisüberhöhung läuft in der Branche als »Lick and stick«, »Lecken und Kleben«. Nach dem Federal Drug Marketing-Gesetz müssen die Pharma-Unternehmen alle ihre Preise der staatlichen Gesundheitsbehörde mitteilen und auch dem Medicaid-Programm die Rabatte gewähren, die für private Vertriebe gelten. Durch »Lecken und Kleben« hat Bayer dies während mehrerer Jahre umgangen: Bayer verkaufte an Kaiser Permanente die Medikamente zum Discountpreis und ließ sie durch diesen Mittelsmann mit einem neuen Aufkleber versehen. Damit vermied Bayer, den Behörden die niedrigeren Preise mitzuteilen und Medicaid denselben Rabatt zu gewähren.

Staatsanwalt Michael J. Sullivan sagte zur Begründung des Urteils, daß in Zeiten hoher Staatsverschuldung und explodierender Preise für verschreibungspflichtige Medikamente die Benachteiligung von Medicaid einen »zerstörerischen Effekt« für staatliche Programme habe, die auf die medizinische Versorgung der Bedürftigen ausgerichtet sind. Dr. Peter Lurie, stellvertretender Direktor der Public Citizen’s Health Research Group in Washington begrüßte das Urteil und forderte mehr Transparenz bei der Preisgestaltung: »Diese Art von intransparenten Prozeduren sind eine Einladung zum Betrug.«

Betrug am öffentlichen Gesundheitssystem ist bei Pharmakonzernen offenbar übliche Praxis. Gegenwärtig wird in 47 US-Bundesstaaten gegen eine Reihe weiterer Pharma-Unternehmen wegen überhöhter Preise ermittelt. Pfizer, Bristol-Myers Squibb und TAP Pharmaceutical Products, die zu den »global players« der Branche gehören und auch in Europa tätig sind, haben in den USA bereits Strafen in Millionenhöhe bezahlt.

Die Ermittlungen gegen die Bayer AG waren durch einen »whistleblower« in Gang gekommen. George Couto, Marketing-Manager bei Bayer, hatte 1999 zunächst seinen Vorstand informiert. Nachdem jahrelang keine Reaktion erfolgte, wandte sich Couto schließlich an das US-Justizministerium. Hier hat sich eine Einrichtung bewährt, die in den USA gesetzlich abgesichert ist: Informanten, die gesetzwidrige Handlungen im Gesundheitswesen aufdecken, werden geschützt. In anderen Bereichen wie Drogen- und Mädchenhandel wird dies ebenfalls seit längerem mit Erfolg praktiziert. Eine solche Regelung empfiehlt sich auch bei der Gesundheitsreform in Deutschland. Die beim Betrug in den USA erwischten Unternehmen sind schließlich hier ebenfalls tätig und werden von Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen als »seriös« betrachtet.

Übrigens: In Deutschland hat bisher keine Zeitung und kein Fachmagazin über den Betrug der Bayer AG im US-Gesundheitssystem und über die Gerichtsentscheidung in Boston berichtet.


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