Demokratischer Senator und Präsidentschaftskandidat
beschuldigt Bush der Vertuschung Zum ersten Mal hat in den USA ein bekannter
Politiker die Bush-Regierung offen wegen ihres Versagens am 11. Septembers 2001
direkt angegriffen. Der demokratische Senator Bob Graham aus Florida, ein
ehemaliger Vorsitzender des Geheimdienstausschusses des Senats, hat
Präsident George W. Bush im Zusammenhang mit dem 11. September eine
»riesige Vertuschung« vorgeworfen. Leben und Sicherheit der
amerikanischen Bürger seien dadurch gefährdet worden. Damit hat
Senator Graham, der sich kürzlich als Präsidentschaftskandidat der
Demokraten für die nächsten Wahlen im Herbst 2004 vorgestellt hat,
seine Marschrichtung festgelegt.
Bisher war es Präsident Bush mit
massiver Unterstützung konservativer und neoliberaler Medien stets
gelungen, alle kritischen Fragen über die Fehler und Pannen vor und nach
dem 11. September als im »höchsten Maße unpatriotisch«
und als »Hilfe für die Terroristen« darzustellen und
unliebsame Fragesteller so mundtot zu machen. Die Tatsache aber, daß
gerade Senator Graham dieses heiße Eisen als Einstiegsthema für den
Vorwahlkampf gegen Bush aufgegriffen hat, läßt hoffen, daß nun
endlich mehr Details über die Hintergründe des schlimmsten
Terroranschlages in der amerikanischen Geschichte ans Tageslicht kommen. Zur
Diskussion würde dann auch das seltsame, wenn nicht gar mysteriöse
Verhalten Bushs und seiner führenden Vertreter stehen.
Unstimmigkeiten und offensichtliche Widersprüche zwischen dem
seither festgestellten und belegten Ablauf und der von US-Regierungsseite
offiziell präsentierten Version der Ereignisse haben vor allem im Internet
zur Diskussion über eine Reihe von Theorien geführt. Unter anderem
sollen demnach die neokonservativen Falken um Bush selbst für die
Katastrophe des 11. September verantwortlich sein. Dies habe schließlich
die Rechtfertigung für deren weltweiten Eroberungsfeldzug unter dem
Vorwand des »globalen Krieges gegen den Terror« geliefert. So weit
geht Senator Graham jedoch nicht. Zwar weist auch er auf Fehler und
Widersprüche in der offiziellen Darstellung der Bush-Regierung hin, aber
er geht davon aus, daß die Vertuschung der Pannen lediglich dazu dienen
soll, die Bush-Regierung politisch in einem besseren Licht erscheinen zu
lassen.
Die Vorwürfe der Vertuschung sind nicht neu. Bereits nach
den ersten Anhörungen der Untersuchungsausschüsse zum 11. September
durch Senat und Repräsentantenhaus hatte die Senatorin Arlen Specter im
Juni letzten Jahres erklärt, daß bereits lange vor dem Tag
ausreichende Informationen vorgelegen haben, »um eine Blaupause der
Angriffe zu liefern«. Dadurch seien »Gegenmaßnahmen
möglich gewesen«, wenn nicht von höchster Ebene in Washington
alle Entdeckungen der regionalen FBI-Agenturen ignoriert und deren weiteren
Nachforschungen per Befehl von der Zentrale gestoppt worden wären. Senator
Herb Kohl aus Wisconsin sagte damals im US-Nachrichtensender CBS: »Es
sieht so aus, als ob das FBI ausreichende Informationen und Ressourcen hatte,
um den Terroranschlag noch vor dem 11. September aufzudecken«.
Senator Bob Graham, der zur Zeit der Untersuchungen Vorsitzender des
Senatsausschusses war, ist empört, daß die Veröffentlichung des
800 Seiten umfassenden Untersuchungsberichtes des US-Kongresses seit Dezember
von der Bush-Regierung blockiert wird, indem sie einfach große Teile des
Berichts als »streng geheim« eingestuft hat, auch solche Stellen,
die bereits in öffentlichen Anhörungen im Kongreß zur Sprache
gekommen waren. Dies veranlaßte das amerikanische Nachrichtenmagazin
Newsweek Anfang Mai zu der Frage, welche »Geheimnisse des 11.
Septembers« die Bush-Regierung für sich behalten möchte.
Für Senator Graham hat das Ganze jedoch weniger mit Geheimnissen, als viel
mehr mit der Unfähigkeit der Bush-Regierung zu tun. In dem bevorstehenden
Wahlkampf möchte Bush sich lieber als strahlender Sieger über Irak
und Afghanistan und als Rächer des 11. September feiern lassen. Fragen
über die Pannen des 11. Septembers stören dabei.
* Zu dem
Thema ist jüngst in der aktualisierten, zweiten Auflage erhältlich:
»Das Schweigekartell Fragen und Widersprüche zum 11.
September«. Das Buch kostet 18 Euro und ist erschienen im Kai Homilius
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