Zahlreiche Tote und Verletzte nach Anschlägen auf
US-Einrichtungen in Saudi-Arabien So hatte sich US-Außenminister Colin
Powell seinen Empfang in Saudi-Arabien nicht vorgestellt. Wenige Stunden vor
seiner Ankunft in der Hauptstadt Riad gab es vier gezielte
Bombenanschläge, die offensichtlich deutlich machen sollten: Die
amerikanische Militärpräsenz im Nahen Osten ist unerwünscht.
Erst vor wenigen Tagen hatten die USA die Verlegung ihrer Truppen aus
Saudi-Arabien nach Katar angekündigt. Nach den Anschlägen in der
Nacht zum Dienstag erwägt das US-Außenministerium nun die
Evakuierung aller amerikanischen Staatsbürger aus Saudi-Arabien. Es
wäre ein Totalabzug ohnegleichen.
Die Anschläge in der
saudi-arabischen Hauptstadt waren gezielt und richteten sich gegen
militärische Beraterfirmen der USA, getroffen wurden aber auch
Wohnhäuser westlicher Ausländer. So wurde eine Bombe vor einer Wohn-
und Geschäftsanlage gezündet, in der die US-Firma Venyl eine
Niederlassung besitzt. Das Unternehmen berät die saudische Nationalgarde
unter Kronprinz Abdullah. Ein weiterer Sprengsatz galt der Firma Siyanco, die
Agenturberichten zufolge »im Umfeld der Nationalgarde« angesiedelt
ist und »ausländische Experten« beschäftigt. Die
Attentäter hatten sich den Weg in die bewachten Komplexe freigeschossen
und danach ihre mit Sprengstoff beladenen Lastwagen zur Explosion gebracht.
Möglicherweise wurden mehr als 100 Menschen getötet, wie aus
US-Kreisen verlautete. Nach Angaben von US-Außenminister Powell befinden
sich unter den Toten zehn Amerikaner. Von mindestens 160 Verletzten war aus
australischen Quellen zu erfahren. Offizielle saudiarabische Stellen gingen
zunächst von 29 Toten und 194 Verletzten aus.
Für den Chef
des State Departement stand sofort fest: Hinter den Angriffen steht das
Terrornetzwerk Al Qaida. Die Explosionsserie demonstriere deren nach wie vor
»erheblichen Handlungsspielraum«. Powell wörtlich:
»Für mich bedeutet das, daß der Krieg weitergeht.« Der
Minister wurde am Dienstag morgen aus Jordanien kommend bei seiner Ankunft in
Riad von Außenminister Prinz Saud begrüßt. Auch die
saudiarabische Regierung machte Al Qaida für die nächtliche
Anschlagsserie verantwortlich. Die Aktionen seien bisher beispiellose
»Selbstmord-operationen« im Königreich gewesen, hieß es
in einer Erklärung des saudiarabischen Innenministeriums.
Aus
Geheimdienstkreisen in Washington verlautete, seit zwei Wochen habe es Hinweise
auf einen neuen Anschlag der Al Qaida in Saudi-Arabien gegeben. Erst Anfang Mai
hatte Washington US-Bürger vor Reisen nach Saudi-Arabien gewarnt. Der
saudiarabische Innenminister Prinz Najef brachte die Anschläge mit der
Entdeckung eines großen Waffen- und Sprengstofflagers in Riad am 6. Mai
in Verbindung. Die Regierung hatte damals eine Belohnung von 50000 Dollar
für Hinweise zur Ergreifung von 19 Verdächtigen ausgesetzt. Sie hatte
erklärt, die Verdächtigen hätten ihre Anweisungen wahrscheinlich
direkt von Bin Laden erhalten. Die Gruppe habe offenbar geplant, die
beschlagnahmten Waffen bei Anschlägen auf die königliche Familie und
amerikanische und britische Einrichtungen einzusetzen.
Auch im
Nachbarland Irak regt sich Widerstand gegen die US-Präsenz.
Schiitenführer Ajatollah Mohammed Bakr Al Hakim bekräftigte nach
seiner Rückkehr aus dem iranischen Exil am Wochenende, die
US-geführten Besatzungstruppen müßten aus dem Irak abziehen.
»Die Regierung muß von Irakern gewählt werden und absolut
unabhängig sein«, forderte Hakim im Stadion der südirakischen
Stadt Basra. »Wir werden keine Regierung akzeptieren, die uns vorgesetzt
wird«, sagte er weiter. »Das irakische Volk ist in der Lage, ohne
ausländische Hilfe einen neuen Irak aufzubauen.« Der Vorsitzende des
Hohen Rats für die Islamische Revolution im Irak (SCIRI) wurde von
Zehntausenden Anhängern im Süden des Zweistromlandes euphorisch
empfangen.
Der entmachtete irakische Präsident Saddam Hussein rief
seine Landsleute direkt zum Widerstand gegen die US-Besatzung auf. Die in
London erscheinende arabischsprachige Zeitung Al Quds veröffentlichte am
Wochenende einen Brief, der von Saddam Hussein stammen soll. Der ehemalige
Staatschef ruft darin das irakische Volk auf, sich gegen die US-geführten
Besatzungstruppen im Irak zu erheben. »Die Invasoren haben unsere
Reichtümer gestohlen, die archäologischen Funde, unser Öl. Sie
haben das Geld von unseren Banken gestohlen«, zitierte Al Quds aus dem
Brief. Darin warf Saddam Hussein den irakischen Nachbarländern
Saudi-Arabien, Kuwait, Jordanien und Iran vor, die USA bei ihrem illegalen
Krieg gegen den Irak unterstützt zu haben. Er äußerte auch
Kritik an Syrien. Während das Land Mitgliedern der irakischen Opposition
vor dem Krieg Unterschlupf gewährt habe, sei es Anhängern der
irakischen Führung nicht gestattet worden, auch nur für wenige Tage
im Land zu verweilen.
Beobachter rechnen damit, daß sich
irakische Widerstandsgruppen auf größere Operationen vorbereiten.
Die Zeitschrift Al Watan Al Arabi nennt als möglichen Beginn eines
Guerilla-Krieges den 17. Juli. Bis zum Jahrestag der Baath-Revolution sollen
40000 irakische Kämpfer regruppiert werden und unter Führung des
bisherigen Verteidigungsministers Hashim Ahmad gegen die Besatzungstruppen
kämpfen. |