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14.05.2003 Rüdiger Göbel Junge Welt
Powell: »Krieg geht weiter«
Zahlreiche Tote und Verletzte nach Anschlägen auf US-Einrichtungen in Saudi-Arabien
So hatte sich US-Außenminister Colin Powell seinen Empfang in Saudi-Arabien nicht vorgestellt. Wenige Stunden vor seiner Ankunft in der Hauptstadt Riad gab es vier gezielte Bombenanschläge, die offensichtlich deutlich machen sollten: Die amerikanische Militärpräsenz im Nahen Osten ist unerwünscht. Erst vor wenigen Tagen hatten die USA die Verlegung ihrer Truppen aus Saudi-Arabien nach Katar angekündigt. Nach den Anschlägen in der Nacht zum Dienstag erwägt das US-Außenministerium nun die Evakuierung aller amerikanischen Staatsbürger aus Saudi-Arabien. Es wäre ein Totalabzug ohnegleichen.

Die Anschläge in der saudi-arabischen Hauptstadt waren gezielt und richteten sich gegen militärische Beraterfirmen der USA, getroffen wurden aber auch Wohnhäuser westlicher Ausländer. So wurde eine Bombe vor einer Wohn- und Geschäftsanlage gezündet, in der die US-Firma Venyl eine Niederlassung besitzt. Das Unternehmen berät die saudische Nationalgarde unter Kronprinz Abdullah. Ein weiterer Sprengsatz galt der Firma Siyanco, die Agenturberichten zufolge »im Umfeld der Nationalgarde« angesiedelt ist und »ausländische Experten« beschäftigt. Die Attentäter hatten sich den Weg in die bewachten Komplexe freigeschossen und danach ihre mit Sprengstoff beladenen Lastwagen zur Explosion gebracht. Möglicherweise wurden mehr als 100 Menschen getötet, wie aus US-Kreisen verlautete. Nach Angaben von US-Außenminister Powell befinden sich unter den Toten zehn Amerikaner. Von mindestens 160 Verletzten war aus australischen Quellen zu erfahren. Offizielle saudiarabische Stellen gingen zunächst von 29 Toten und 194 Verletzten aus.

Für den Chef des State Departement stand sofort fest: Hinter den Angriffen steht das Terrornetzwerk Al Qaida. Die Explosionsserie demonstriere deren nach wie vor »erheblichen Handlungsspielraum«. Powell wörtlich: »Für mich bedeutet das, daß der Krieg weitergeht.« Der Minister wurde am Dienstag morgen aus Jordanien kommend bei seiner Ankunft in Riad von Außenminister Prinz Saud begrüßt. Auch die saudiarabische Regierung machte Al Qaida für die nächtliche Anschlagsserie verantwortlich. Die Aktionen seien bisher beispiellose »Selbstmord-operationen« im Königreich gewesen, hieß es in einer Erklärung des saudiarabischen Innenministeriums.

Aus Geheimdienstkreisen in Washington verlautete, seit zwei Wochen habe es Hinweise auf einen neuen Anschlag der Al Qaida in Saudi-Arabien gegeben. Erst Anfang Mai hatte Washington US-Bürger vor Reisen nach Saudi-Arabien gewarnt. Der saudiarabische Innenminister Prinz Najef brachte die Anschläge mit der Entdeckung eines großen Waffen- und Sprengstofflagers in Riad am 6. Mai in Verbindung. Die Regierung hatte damals eine Belohnung von 50000 Dollar für Hinweise zur Ergreifung von 19 Verdächtigen ausgesetzt. Sie hatte erklärt, die Verdächtigen hätten ihre Anweisungen wahrscheinlich direkt von Bin Laden erhalten. Die Gruppe habe offenbar geplant, die beschlagnahmten Waffen bei Anschlägen auf die königliche Familie und amerikanische und britische Einrichtungen einzusetzen.

Auch im Nachbarland Irak regt sich Widerstand gegen die US-Präsenz. Schiitenführer Ajatollah Mohammed Bakr Al Hakim bekräftigte nach seiner Rückkehr aus dem iranischen Exil am Wochenende, die US-geführten Besatzungstruppen müßten aus dem Irak abziehen. »Die Regierung muß von Irakern gewählt werden und absolut unabhängig sein«, forderte Hakim im Stadion der südirakischen Stadt Basra. »Wir werden keine Regierung akzeptieren, die uns vorgesetzt wird«, sagte er weiter. »Das irakische Volk ist in der Lage, ohne ausländische Hilfe einen neuen Irak aufzubauen.« Der Vorsitzende des Hohen Rats für die Islamische Revolution im Irak (SCIRI) wurde von Zehntausenden Anhängern im Süden des Zweistromlandes euphorisch empfangen.

Der entmachtete irakische Präsident Saddam Hussein rief seine Landsleute direkt zum Widerstand gegen die US-Besatzung auf. Die in London erscheinende arabischsprachige Zeitung Al Quds veröffentlichte am Wochenende einen Brief, der von Saddam Hussein stammen soll. Der ehemalige Staatschef ruft darin das irakische Volk auf, sich gegen die US-geführten Besatzungstruppen im Irak zu erheben. »Die Invasoren haben unsere Reichtümer gestohlen, die archäologischen Funde, unser Öl. Sie haben das Geld von unseren Banken gestohlen«, zitierte Al Quds aus dem Brief. Darin warf Saddam Hussein den irakischen Nachbarländern Saudi-Arabien, Kuwait, Jordanien und Iran vor, die USA bei ihrem illegalen Krieg gegen den Irak unterstützt zu haben. Er äußerte auch Kritik an Syrien. Während das Land Mitgliedern der irakischen Opposition vor dem Krieg Unterschlupf gewährt habe, sei es Anhängern der irakischen Führung nicht gestattet worden, auch nur für wenige Tage im Land zu verweilen.

Beobachter rechnen damit, daß sich irakische Widerstandsgruppen auf größere Operationen vorbereiten. Die Zeitschrift Al Watan Al Arabi nennt als möglichen Beginn eines Guerilla-Krieges den 17. Juli. Bis zum Jahrestag der Baath-Revolution sollen 40000 irakische Kämpfer regruppiert werden und unter Führung des bisherigen Verteidigungsministers Hashim Ahmad gegen die Besatzungstruppen kämpfen.


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