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16.05.2003 Rainer Rupp Junge Welt
»Knochen ohne Fleisch« vor Bagdad
Rumsfeld: Neue Waffen mit thermobarischen Sprengköpfen im Irak eingesetzt
Nach unerwartet harten, wochenlangen Kämpfen im Süden kam der plötzliche Fall von Bagdad am 9. April 2003 ebenso unerwartet. Was war geschehen?« Die Frage, ob dieser plötzliche Wandel mit dem Einsatz neuer, in ihrer Zerstörungskraft demoralisierenden US-Waffen zu tun hatte, stellte jüngst in einem Rundschreiben der »Deutsch-Arabischen Gesellschaft« der Irak-Kenner Prof. Dr. Sommerfeld von der Universität Marburg.

Der weltbekannte Archäologe beschäftigte sich in seinem Bericht zwar hauptsächlich mit den Plünderungen der Museen, schrieb aber auch über den Einsatz neuer US-Waffen, die – so Sommerfeld – nach Berichten von »unmittelbar Beteiligten« dazu geführt hätten, »die Maschinengewehre der Iraker zum Schmelzen« zu bringen. Von den Menschen ließen sie »nur Knochen ohne Fleisch übrig«. Sommerfeld unterstrich, daß die Aussagen seiner Gewährsleute in Bagdad »tendentiell zutreffen dürften, auch wenn die Details gegenwärtig noch nicht ausrecherchiert werden können«. Bereits am 25. April hatte Sommerfeld auf der Einfallstraße nach Bagdad »Dutzende von ausgebrannten normalen Zivilfahrzeugen« gesehen, »die im Weg gewesen waren und eliminiert wurden, wobei die zivilen Wageninsassen, auch viele Frauen und Kinder, zu Tode kamen«.

Bestätigt wurde der Einsatz der neuen thermobarischen Waffen im Irak von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld am Mittwoch (Ortszeit) vor dem militärischen Beschaffungsausschuß des US-Senats, wobei der beschriebene Waffentyp die oben genannten Wirkungen hervorrufen könnte.

Die USA hätten, so Rumsfeld, zum ersten Mal eine Waffe eingesetzt, »die Menschen tötet, aber Gebäude nicht zerstört«. Dabei handele es sich um eine von Kampfhubschraubern abzufeuernde »Hellfire« (Höllenfeuer) genannte Rakete vom Typ »AGM-114N Metal Augmented Charge«, die mit einem neuartigen thermobarischen Kampfkopf ausgerüstet sei. Die Wortteile »therme« (griechisch für Hitze) und »baros« (Druck) deuten an, daß es sich dabei um eine Abwandlung und Miniaturisierung der riesigen als »Daisy Cutter« bekannten Bombe geht. Die »Daisy Cutter« (Gänseblümchenschneider) ist nach der Atombombe die US-Waffe mit der größten, in einem Radius von bis zu 600 Metern absolut tödlichen Wirkung.

Vor dem Kongreßausschuß, in dem Rumsfeld einen 380 Milliarden Dollar-Rüstungshaushalt für 2004 vertrat, schwärmte der US-Verteidigungsminister insbesondere über die Qualität der neuen Waffe, die »im ersten Stock eines Gebäudes alle umbringen kann, ohne daß die darüber oder darunter liegenden Stockwerke beschädigt werden«. Auch könne sie Menschen töten, »die sich um die Ecke« oder »in mehrräumigen Bunkerkomplexen« versteckt halten. Wie oft und wo die neuartige Bombe im Irak-Krieg eingesetzt wurde, sagte Rumsfeld nicht.


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