Aus unserer Rubik: Der Schwarze Kanal Der Krieg gegen den
Irak ist nicht vorbei. Der US-Präsident drückte sich vorsichtig aus,
als er das Ende der größeren Kampfhandlungen verkündete. Bei
den deutschen Mitgliedern der »Koalition der Willigen«, die sich
unter den zahlreich von George W. Bush angebotenen Kriegsgründen die
Beseitigung Saddam Husseins ausgesucht hatten, begann dagegen bereits das
Leichenzählen. Losung: Je weniger Tote, desto gerechtfertigter der Krieg.
Hans Magnus Enzensberger teilte vor einigen Wochen in der FAZ triumphierend
mit, daß die von der Friedensbewegung befürchteten Ziffern an Toten
weit unterboten wurden. Wann der Dichter sich angesichts der schönen
Tabellen einen weiteren schönen Krieg wünscht, ist vermutlich eine
Frage der Zeit. Der Effekt der »Noch eine Leiche
weniger«-Zahlenpoesie wurde allerdings etwas eingeschränkt durch die
Information Donald Rumsfelds in dieser Woche, daß die USA einen
neuartigen Bombentyp eingesetzt hätten, der Häuser und Anlagen
verschont, aber Menschen verdampft. Da die nicht aufzufinden sind, können
sie auch nicht gezählt werden.
Auf empirisch-exakte Wahrheiten
dieser Art reduziert sich das Kriegsmarketing der »Willigen« aber
nicht. Manchmal drängt es sie zum Allgemeinen. Am Donnerstag
veröffentlichte die FAZ eine aufklärerische Ergänzung zu
Enzensbergers Abzählprosa. Geschrieben hatte sie der US-Autor Ralph
Peters. Er hält sich mit Enzensbergerschen Einzelheiten nicht auf, sondern
bemüht das Ganze: »Die Europäer« halten sich demnach
lieber an Illusionen als »an harte Realitäten«. »Sie
reden viel, tun wenig und machen die Vereinigten Staaten für ihre eigenen
Mißstände verantwortlich.« Die Sprechchöre der
Friedensbewegung in Berlin unterschieden sich kaum von denen in Bagdad. Aber
»Amerika« erwacht jetzt »aus einem tiefen Schlaf«,
entziehe sich »dem Bann einer langen Hörigkeit«: »Wir
werden eure blutbeschmierten, verrotteten Regeln für das internationale
System nicht länger hinnehmen, sondern unsere eigenen Regeln schaffen. Ihr
werdet viele unserer Regeln nicht mögen.«
Zumindest die
Sprachregeln des US-Autors sind relativ neu: »Wir haben unseren Krieg
leicht gewonnen, trotz eurer Proteste und ohne eure Hilfe.« In den USA
wurde die Hälfte der Bevölkerung davon überzeugt, daß
Saddam Hussein Schuld am 11. September sei. Ralph Peters weiß
darüber hinaus, daß Europa nicht half. Deswegen flogen z. B.
deutsche AWACS-Besatzungen lediglich zum Urlaub in die Türkei, fuhren
deutsche ABC-Panzer seit mehr als einem Jahr in Kuweit spazieren, sperrte die
Bundeswehr US-Kasernen und -Flughäfen ab.
Peters
geschichtsphilosophischer Furor führt ihn zu dem Schluß, daß
Hitler »wenigstens aufrichtig in seiner Bigotterie« gewesen sei im
Gegensatz zur heutigen Gesellschaft. Da müßte dem Bush-Krieger die
Wahl nicht schwerfallen. Auf jeden Fall ist die Reeducation der Westdeutschen
ohne Folgen geblieben, die Ostdeutschen hatten ja nie eine. Daher:
»Für die Amerikaner kämpfen die Israelis um ihre Existenz,
gegen Leute, die sie ausrotten wollen. Ihr empfindet die Israelis als Vorwurf
an eure Vergangenheit und schlagt auf sie ein.«, z. B. durch die
Lieferung von Patriot-Raketenbatterien während des jüngsten Krieges.
Der Traktat des sich auch als Völkerpsychologen und
Nationalpauschalisten betätigenden Peters stellt die Versatzstücke
neu zusammen, mit denen sich Antideutsche und sonstiger Mainstream der
Bürgerpresse ihr Bild von Faschismus, vom Verhältnis der
Bundesrepublik zu den USA und von US-geführten Kriegen machen. Das
Resultat läßt die neuen Kombinationen ahnen, die sich zwischen den
»partner in leadership« einstellen könnten.
Das Duo
Roland Koch - George W. Bush ist vielversprechend. Die FAZ forderte am Freitag
schon mal, daß Deutschland sein Verhältnis zu den USA klären
müsse, bevor »Europa auf Weltmachtniveau« angekommen«
sei. Die nötige Aufrichtigkeit wird Roland Koch aufbringen. |