Gespräch mit Konstantin und
Annik Wecker über den Krieg und die Friedensarbeit
Konstantin Weckers öffentliche
Stellungnahme gegen den Krieg begann nicht erst mit dem drohenden Irak-Krieg.
Aus einer grundsätzlichen Ablehnung des Krieges heraus hat der
Liedermacher in den vergangenen Monaten in vielen öffentlichen Auftritten
gegen den Irak-Krieg Position bezogen. Er ist auch nach Bagdad gereist, um sich
solidarisch zu zeigen mit den Opfern des Krieges. Konstantin Wecker wirkte auch
beim Kongress der IPPNW in Berlin zum Thema «Kultur des Friedens»
mit. Dort sprachen wir mit ihm.
- Zeit-Fragen: Herr Wecker,
können Sie uns sagen, was Sie bewogen hat, nach Bagdad zu gehen, und was
Ihre Eindrücke sind?
Konstantin Wecker: Für mich war
das ein konsequenter Schritt. Ich habe mich auf Tourneen in meinen Konzerten
schon immer mit dem aktuellen Geschehen auseinandergesetzt. Das Publikum hat
dies einerseits von mir erwartet, andererseits kann ich in einem Konzert in
Zeiten, in denen Krieg herrscht, ein solch gravierendes Thema nicht unbeachtet
sein lassen.
Ich kann mich noch gut erinnern, dass
während des Kosovo-Krieges mein Publikum durchaus nicht immer meiner
Meinung war, wenn ich etwas gegen den Krieg sagte. Scharpings Lügen und
Fischers Propaganda haben eben damals gewirkt. Im Afghanistan-Krieg war das
schon anders, die Leute sind kritischer geworden.
In den letzten Jahren habe ich mich
immer intensiver mit Politik und Geschichte beschäftigt und dadurch viel
mehr über die wahren Hintergründe erfahren. Dabei habe ich gemerkt,
dass man gut recherchierte Artikel wirklich suchen muss, das man sie nicht auf
den ersten Seiten der Zeitungen und nicht in den gängigen Medien findet.
Auch das hat sich gerade in den letzten Monaten etwas zum Positiven und
Kritischeren gewandelt, auch wenn ich den Bildern noch immer nicht traue, den
Bildern von beispielsweise ein paar jubelnden Irakern, die den Krieg im
nachhinein rechtfertigen sollen. Welche Bilder des Leidens werden dahinter
ausgeklammert?
Am 11. September 2001 wurde ich
von meinem Publikum auf meiner Website aufgefordert, noch am gleichen Tag
Stellung zu beziehen. Ich habe da schon, so sehr ich den Tod der Menschen
bedauert habe, darauf hingewiesen, dass jeden Tag 30000 Menschen an Hunger
sterben, dass es keinen auch nur annähernd so grossen Schrecken
darüber gibt und dass niemand auf die Strasse gegangen ist oder
Gedenkminuten eingelegt hat, als in Ruanda die Menschen erschlagen worden sind.
Einen Monat später, als der
Afghanistan-Krieg begann, war ich auf Tournee und habe fast jeden Tag mein
Programm umgeschrieben. Der «Willi»Text, den Ihr in Zeit-Fragen ja
auch mal gedruckt habt, musste täglich neu geschrieben werden. Offiziell
gibt es, glaube ich, mittlerweile fünf Versionen, aber auf der Bühne
waren es sicher fast fünfzig. Es ist auch sehr viel Spontanes in dem
Lied.
- Auch sehr viel
Mitgefühl.
Das ist eben der Vorteil eines zur
Musik gesprochenen Textes, im Gegensatz zu einem Vortrag. Man kann einfach mehr
das Gefühl sprechen lassen, und es wird einem auch nicht so übel
genommen, obwohl es mir mittlerweile völlig egal ist, ob mir irgend jemand
etwas übelnimmt. Ich finde es ganz wichtig, dass wir zu unserem
Gefühl stehen, gerade wenn es um Krieg geht. Wir müssen nicht immer
versuchen, alles rational zu erklären. Ich brauche niemanden, der mir
erklärt, warum er dazu berechtigt ist, andere Menschen zu erschiessen.
- Hat sich das entwickelt während
der Zeit, als Sie im Irak gewesen sind?
Als mich Henning Zierrock von der
Aktion «Kultur des Friedens» gefragt hat, ob ich mitfahre, habe ich
eigentlich nicht lange überlegen müssen. Ich ging von der Vorstellung
aus: Wie würde es mir gehen, wenn ich in München wäre und
wüsste, es wird wahrscheinlich in den nächsten Wochen bombardiert.
Was würde ich mit meinen Kindern machen, wie würde ich sie
schützen, was für eine Panik würde wohl ausbrechen?
Ich fuhr in den Irak und merkte, dass
sie ganz anders reagiert haben, als ich reagieren würde und als wir hier
in Deutschland reagieren würden. Ich habe dort die Menschen erlebt und
lieben gelernt. Es ist ein grosser Unterschied, ob man etwas anfassen kann und
wirklich erlebt, oder ob man nur Bücher liest. Das ist der beste Weg,
Vorurteile abzubauen.
Ich habe sehr viele Bücher
über den Irak, über die Wirtschaftssanktionen, die vorhergehenden
Kriege und die Kultur gelesen, aber diese Reise hat mein Leben verändert:
das Erleben der Menschen, das Erleben der Stadt und das Spüren dessen, was
da in der Luft lag. Eine Mischung aus Herzlichkeit und Angst und der
Fähigkeit, den Moment, den Tag leben zu können, all das, was wir hier
völlig verloren haben. Ich kam zurück und habe bei der Rückreise
einen Kulturschock bekommen, nicht bei der Hinfahrt. Ich war plötzlich
wieder mit meinen eigenen Egoismen konfrontiert, die ich dort in manchen
Situationen ablegen konnte, weil ich gesehen habe, dass es um so viel
Wichtigeres als immer nur um das eigene kleine Ego geht.
- Haben Sie den Eindruck, dass es bei
uns Tendenzen gibt, die Iraker oder überhaupt die islamische Welt als
untergeordnete Menschen zu sehen, oder ist Ihnen das begegnet?
Man würde im Rahmen der
politischen Korrektheit nie wagen, so etwas deutlich zu sagen, aber selbst
angesehene Zeitungen wie beispielsweise die «F.A.Z.», schrieben in
einem Kommentar: «Als Wecker vor den Wasserpfeife rauchenden
Handtuchträgern spielte.» Das ist eigentlich ein treffendes Beispiel
für die Missachtung der fremden Kultur und der westlichen
Überheblichkeit ihr gegenüber. Die meisten Kriege, die in den letzten
50 Jahren geführt worden sind, waren Kriege von Weissen gegen
Andersfarbige. Das ist Rassismus.
- Was sagen Sie zur jetzigen
Situation, zur Besatzung, zu den neuen Herren im Irak?
Wer jetzt der Meinung ist, wie es kurz
nach Kriegsende in der «Welt» stand, dass der Krieg ein Erfolg war,
der ist entweder bösartig, oder er ist überhaupt nicht informiert.
Ich finde es obszön, das Wort Krieg und Erfolg zusammenzubringen. Dieser
Krieg war und ist eine menschenverachtende Situation, das zieht sich bis jetzt
und wird sich weiterziehen.
Ich glaube, dass die US-Regierung unter
Demokratie etwas ganz anderes versteht als ich. Sie versteht unter Demokratie
in erster Linie, dass ihre wirtschaftlichen Interessen nicht behindert werden.
In vielen Ländern der Welt haben Agenten der US-amerikanischen Regierung
vom Volk gewählte Politiker abgesetzt und sie durch Militärdiktatoren
ersetzt, Marionetten, die bereit waren und sind, ihr eigenes Volk an
nordamerikanische Multis zu verkaufen. Jahrelang war auch Saddam Hussein eine
solche Marionette.
- Was denken Sie, wie es für die
Friedensbewegung, die ja sehr individuell und sehr vielfältig gewesen ist,
weitergehen kann?
Die Friedensbewegung wird sich
weiterbewegen, davon bin ich überzeugt. Es werden sich weiter Netzwerke
bilden. Dabei sollte man immer wieder den schönen Vergleich von Hans-Peter
Dürr erwähnen: Er sagt, dass auch der Kirschbaum jedes Jahr wieder
erblüht, und es gebe überhaupt nichts dagegen zu sagen, dass wir
immer wieder mit dem gleichen Thema von vorne beginnen. Wir brauchen vereinte
Nationen engagierter Bürger und keine erpressbaren Politfachkräfte.
Wir brauchen Ideenwerkstätten, in denen wir lernen, die ungeheure Energie,
die in die Erfindung immer abscheulicherer Waffen gesteckt wird, umzuwandeln in
die Poesie eines gewaltfreien Miteinanders.
- Darf ich Sie, Frau Wecker, noch
etwas fragen? Wie sehen Sie die Aktivitäten Ihres Mannes? Sie
unterstützen das?
Annik Wecker: Ich unterstütze das,
indem ich unsere Website mache. Sie heisst www.hinter-den-schlagzeilen.de. Dort
verlinken wir Veröffentlichungen, Artikel usw., die nicht die gängige
Meinung widerspiegeln. Wir suchen täglich aus den Zeitungen und aus
verschiedensten Seiten im Internet interessante, unserer Meinung nach
lesenswerte Artikel heraus.
Natürlich unterstütze ich
das. Am liebsten wäre ich mit in den Irak gefahren, aber das kann ich
nicht, weil ich zwei kleine Kinder zu Hause habe.
Drei und sechs. Selbst wenn man es
schafft, die Kinder eine Woche unterzubringen, dann kommt irgendwas, irgendeine
Schwierigkeit bei der Ausreise, das wäre mir zu
gefährlich.
Vielen Dank Ihnen beiden für das
Gespräch.
Das neue Buch von Konstantin Wecker zum
Thema: «Tobe, zürne, misch Dich ein». Widerreden und
Fürsprachen, Eulenspiegel-Verlag, ISBN 3-359-01478-2
Artikel 4: Zeit-Fragen Nr.17 vom 12. 5.
2003, letzte Änderung am 12. 5. 2003 |