Die weltweite
Friedensbewegung im Lichte der Visionen von Immanuel Kant und Stefan
Zweig. Ein Essay von Till Bastian
Der Dichter Stefan Zweig hat 1914 den Beginn
des Ersten Weltkrieges miterlebt. Den Ausbruch massenhafter Kriegsbereitschaft
wertete er so: »Wie nie fühlten tausende und hunderttausende
Menschen, was sie besser im Frieden hätten fühlen sollen: dass sie
zusammengehörten.«
Krieg und Pathos gehören traditionell
zusammen; der Nationalstaat hat diese Verbindung zementiert. Aber die weltweite
Friedensbewegung des Jahres 2003, bei der sich Millionen Menschen von Kanada
bis Indonesien engagiert haben, um einen drohenden Waffengang zu verhindern,
zeigt, dass es friedliche Gefühle des Zusammengehörens gibt
jenseits der Nationalstaaten. Die Friedensbewegung ist ein großer Schritt
zu jenem Weltbürgertum, das Stefan Zweig vorschwebte. Es beruht auf der
Erkenntnis, dass weniger Diplomatie und Verträge als vielmehr Bindungen
zwischen den Menschen dem Krieg dauerhaft entgegenwirken.
Welche Motive zu diesen Bindungen und
Gefühlen beitragen und welche Kräfte ihnen entgegenstehen,
verdeutlicht vor allem das Werk von Immanuel Kant, der weltweit als
größter Philosoph deutscher Sprache gilt. In seinem Aufsatz
»Zum ewigen Frieden« formulierte Kant 1795 drei
»Definitivartikel« eines ewigen Friedens. Im ersten fordert er,
dass die Verfassung aller Staaten republikanisch sein und auf Gewaltenteilung
fußen solle; im zweiten, dass sich die Staaten der Erde zu einer
Föderation, einem »Völkerbund«, zusammenzuschließen
hätten.
Zweihundert Jahre später ist die Welt
diesen Zielen sehr viel näher gekommen. Von den 187 Mitgliedsstaaten der
Vereinten Nationen ist eine große Zahl zumindest dem Buchstaben nach
republikanisch; zu Kants Zeit konnte man dies nur von den Vereinigten Staaten
von Amerika und vom vornapoleonischen Frankreich sagen. Und die von Kant
angeregte Föderation ist gemäß den berühmten »14
Punkten« des US-Präsidenten Woodrow Wilson (formuliert zum Eintritt
der USA in den Ersten Weltkrieg) mit dem »Völkerbund« des
Jahres 1919 entstanden; 1945 wurde sie als »Vereinte Nationen« neu
begründet. Kant hat sich als prophetischer Realist erwiesen, obschon auch
er seinerzeit einräumen musste, dass wohl jede Friedensphilosophie
»allgemein verlacht« werde.
Dennoch ist die Welt noch nicht friedlich
geworden. Gerade deshalb ist auch Kants »Dritter Definitivartikel«
wichtig. Darin forderte er ein »Weltbürgerrecht«
»vermöge des Rechts des gemeinschaftlichen Besitzes der
Oberfläche der Erde, auf der, als Kugelfläche, sie sich nicht ins
Unendliche zerstreuen können, sondern sich doch neben einander dulden
müssen.«
Kant wusste genau, welche Art von Realpolitik
dem »Weltbürgerrecht« entgegensteht. Anders als der Zeitgeist
hatte er einen klaren Begriff von der Brisanz jener Verhältnisse, die man
heute »Nord-Süd-Konflikt« nennt. Vergleiche man, schreibt er,
mit dem von ihm geforderten Weltbürgertum »das inhospitale Betragen
der gesitteten, vornehmlich Handel treibenden Staaten unseres Weltteils, so
geht die Ungerechtigkeit, die sie in dem Besuche fremder Länder und
Völker (welches ihnen mit dem Erobern derselben für einerlei gilt)
beweisen, bis zum Erschrecken weit«. Erwähnenswert ist, dass Kant
sich den Frieden vor allem von zwei Entwicklungen erhofft hat: Von der
Weltwirtschaft, der friedensstiftenden Kraft des Handels und »der
Geldmacht«, desgleichen von der »Weltöffentlichkeit«,
einem Gemeinsamkeitsempfinden, durch das »die Rechtsverletzung an einem
Platz der Erde an allen gefühlt wird«. Unter solchen Bedingungen
sei, so Kant, »die Idee eines Weltbürgerrechts keine fantastische
und überspannte Vorstellungsart des Rechts, sondern eine notwendige
Ergänzung des ungeschriebenen Codex, sowohl des Staats- als
Völkerrechts zum öffentlichen Menschenrechte
überhaupt«.
Insbesondere der Verweis auf die
»Weltwirtschaft« und die »Weltöffentlichkeit«
macht die innere Ambivalenz des Programms deutlich. Welthandel und
»Geldmacht« erzwingen zwar eine globale Wirtschaftsgemeinschaft, in
der aber größte Ungerechtigkeit herrscht. Sie bietet auf lange Sicht
genügend Anlass für Gewalttätigkeiten aller Art und
Bürgerkriege. Die Unterhöhlung des Nationalstaates durch die
Weltwirtschaft führt quasi zu einer »Entstaatlichung« der
Kriege, damit auch zur Entwertung der herkömmlichen diplomatischen
Methoden zur Vorbeugung und Schadensbegrenzung. Ähnlich skeptisch ist die
Weltöffentlichkeit zu sehen ist sie doch mindestens partiell von
mächtigen Kartellen und Interessengruppen inszeniert; keineswegs wohnt ihr
immer ein echtes Gemeinschaftsgefühl inne. Oft basiert sie eher auf
sensationsgieriger Schaulust, die Goethes »Faust« zu folgen
scheint: »Sie mögen sich die Schädel spalten Nur in der
Heimat bleibs beim Alten!«
Es bleibt festzustellen, dass der
großartige Kantsche Entwurf eines Weltbürgerrechtes als
entscheidender Grundlage einer friedlichen Welt noch der Verwirklichung harrt.
Freilich scheint die globale Lage dafür heute in mancher Hinsicht
günstiger als im Jahre 1795. Was sind aber die Gegenkräfte, die die
Herausbildung eines solchen Kosmopolitentums bislang verhindert haben?
Immanuel Kants Gesinnungsethik ist jedem
machiavellistischen Erfolgsdenken (»Der Zweck heiligt die Mittel«)
diametral entgegengesetzt. Dies wird am deutlichsten in der dritten Fassung
seines kategorischen Imperatives, der (laut »Grundlegung zur Metaphysik
der Sitten«) von uns fordert, so zu handeln, »dass du die
Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen,
jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst«.
Diese Maxime ist auch ein Umriss globaler Partnerschaft. Was aber sind die
Motive, einer solchen Maxime zu folgen? Für Kant lassen sie sich nur
formal bestimmen: in der ersten Fassung seines Imperatives, der gebietet, so zu
handeln, dass die Maxime unseres Willens jederzeit Grundlage der allgemeinen
Gesetzgebung sein könne. Dagegen ist Widerspruch laut geworden, der am
schärfsten von Albert Schweitzer formuliert wurde: »Dass Pflicht,
wenn ihr nicht zugleich ein Inhalt gegeben wird, ein leerer Begriff bleibt,
will er nicht zugestehen« kritisiert er an Kant. Pragmatische
Einwände gegen Kants Pflichtenlehre speisen sich aus der Erfahrung, dass
nicht jeder Mensch dem anderen gleich nahe steht: Für die meisten von uns
hat das Überleben mancher Menschen das eigene, das der Familie und
der Freunde, oft auch der Mitbürger mehr Bedeutung als das
Überleben der übrigen Menschheit.
Wer in die gesellschaftliche Praxis schaut,
stellt allerdings fest, dass dies am Anfang des 21. Jahrhunderts nicht mehr
ganz stimmt: Entscheidende Anstöße für globales Handeln
angesichts globaler Probleme stammen heute von Nichtregierungsorganisationen,
die häufig international organisiert sind und damit Weltbürgertum und
globale Partnerschaft praktizieren, ohne weitschweifig über philosophische
Letztbegründungen nachzudenken. Dies lässt hoffen. Anlass zu Hoffnung
gibt auch der zitierte Satz von Stefan Zweig: Hätten die Menschen schon
vor Beginn des Krieges gefühlt, dass sie zusammengehören, der Krieg
hätte gar nicht erst geführt werden können. Ganz ähnlich
stellte übrigens Sigmund Freud kurz vor Ausbruch des nächsten
Weltkriegs fest: Alles, was gefühlsmäßige Bindungen zwischen
den Menschen stiftet, wirkt dem Krieg entgegen.
Dies bedeutet nun keinesfalls, dass alles
Argumentieren vergebens sei, dass die Vernunft nichts mehr zu sagen habe. Es
heißt »nur«, dass das »Prinzip Verantwortung«
wie dies im Anschluss an Albert Schweitzer auch der Philosoph Hans Jonas
deutlich betont hat nicht nur durch vernunftbegründete Appelle
herbeiargumentiert werden kann. Vernunft und Gefühl markieren die beiden
Seiten der gleichen Medaille und damit die Basis für einen ganzheitlichen
Friedensbegriff, den es noch zu verfestigen gilt. Dieser ganzheitliche Ansatz
fußt auf der Einheit jener drei Anwendungsgebiete der praktischen
Philosophie, die schon der griechische Philosoph Aristoteles unterschieden hat
und die erst durch die technokratische Spezialisierung der modernen
Wissenschaft auseinander gerissen worden sind, und zwar der Ethik, der Politik
und der Ökonomie. Dabei sollten wir heute, anders als Aristoteles, aber in
Fortführung seiner Konzeption, noch die Ökologie als vierte
Domäne lebenspraktischer Philosophie hinzurechnen. Es ließe sich
auch anders sagen: Weltbürger, die sich miteinander verbunden fühlen,
werden auch dem für die Moderne charakteristischen Auseinanderdriften
menschlicher Lebensbereiche entgegenzuwirken haben.
Diesem Vierklang entsprechen vier
Grundprinzipien, aus denen heraus sich ein radikaler Wandel des derzeitigen,
rein ökonomistischen Selbstverständnisses der Industriegesellschaften
fordern lässt. Es sind das Prinzip Verantwortung als ethisches
Grundprinzip; das Prinzip Vorbeugung als politisches Grundprinzip; das Prinzip
Nachhaltigkeit als ökonomisches und das Prinzip Anpassung als
ökologisches Grundprinzip. Aus alledem wird sich auch die Notwendigkeit
des Weltbürgertums zwingend ableiten lassen. Seine verpflichtende Kraft
aber speist sich aus Quellen, die tiefer liegen: aus der Ehrfurcht vor dem
Leben und aus dem ihr entspringendem Zusammengehörigkeitsgefühl der
Biosphäre im Allgemeinen und der Menschheit im Besonderen.
Wie aber können solche Gedanken die
unfreundliche Wirklichkeit infizieren? Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab
es eine allerdings kurzlebige Massenbewegung, die von dem
ehemaligen US-Bomberpiloten Garry Davis initiiert worden war: Davis, 1921
geboren, hatte im Mai 1948 in der US-Botschaft in Paris seinen Pass
zurückgegeben und, da er sich selbst als »Weltbürger Nr.
1« bezeichnete, von den Vereinten Nationen die Ausstellung eines
entsprechenden Ausweises verlangt. Binnen Jahresfrist hatten sich 223 801
Männer und Frauen aus 73 Ländern dieser Initiative angeschlossen;
prominentester Befürworter dieses Weltbürgertums in der soeben
entstandenen Bundesrepublik war der Schauspieler Viktor de Kowa. Freilich, im
Zeitalter des Kalten Krieges und der Blockkonfrontation hatte dieses Engagement
keine Chance. Wäre nicht 55 Jahre später, Auge in Auge mit der
Arroganz und dem Vorherrschaftsstreben der einzigen verbliebenen Supermacht,
die Zeit reif, es mit neuem Leben zu erfülllen?
Till Bastian ist Arzt,
Psychotherapeut und Publizist
sowie Mitglied der Vereinigung Ärzte
gegen den Atomkrieg