|
Wen wundert's - der UN-Sicherheitsrat kapituliert auf
ganzer Linie. Er erkennt die Besatzung des Irak und dessen Rekolonialisierung
durch die USA bzw. durch deren schamroten britischen Adjutanten an. Das Timing
des 'Mea culpa' der sogenannten "internationalen Gemeinschaft" ist perfekt.
Denn gestern trafen sich in London die leitenden Geschäftsführer von
mehr als 1000 Firmen und aalten sich in der Sonne des wiedererstellten
Konsensus - unter dem gigantischen Schirmdach von Bechtel, dem
Lieblingsbaukonzern des American Empire. Ein kleiner Beuteanteil soll zur
Teilung freigegeben werden. Was also ist aus dem ganzen Dampfgeplauder
geworden: Europa versus Amerika? Italiens Berlusconi und Spaniens Aznar
repräsentieren die beiden rechtsgerichtetsten Regierungen Europas und
waren von daher genau die richtigen Partner an der Seite Blairs. Die
osteuropäischen Staaten verliehen dem Begriff 'Satellit' (schon
längst auf sie angewandt) eine ganz neue Bedeutung. Nun standen sie in
einer Reihe hinter Bush. Frankreich und Deutschland hingegen hatten über
Monate protestiert; sie waren vehement gegen einen US-Angriff auf Irak gewesen.
Schröder hatte seine knappe Wiederwahl nur seinem Schwur zu verdanken,
keinen Krieg gegen Bagdad zu unterstützen - auch keinen von der UN
authorisierten. Chirac tat sich noch wortgewaltiger mit Erklärungen hervor
- gestützt auf seine Veto-Möglichkeit im Sicherheitsrat - er sagte,
Frankreich werde nie und nimmer einen unauthorisierten Angriff auf den Irak
akzeptieren. Zusammen gelang es Deutschland u. Frankreich, Moskau zu
überreden, sich gleichfalls gegen die US-Pläne auszusprechen. Selbst
Peking fand sich schließlich bereit, ein paar vorsichtige Töne des
Widerstands zu äußern. Die franko-deutsche Initiative rief bei
kommentierenden Diplomaten große Aufregung und Konsternierung hervor, tat
sich hier doch eine Kluft im atlantischen Bündnis von niedagewesener
Größe auf. Was sollte aus der europäischen Einigung werden, was
aus der Nato, was aus der "internationalen Gemeinschaft", wenn dieser
katastrophale Riss nicht gekittet werden konnte? Wäre das Konzept des
Westens in dem Fall noch zu retten?
Sorgen dieser Art wurden allerdings
schnell beschwichtigt. Kaum erleuchteten Tomahawk-Raketen die nächtliche
Skyline Bagdads, kaum killten Marines die ersten irakischen Zivilisten, beeilte
sich Chirac schon, US-Bombern problemlose Überflugrechte für den
französischen Luftraum zu gewähren (derselbe Chirac, der als
damaliger französischer Premier Reagan die Überflugrechte beim
Angriff auf Lybien verweigert hatte). Chirac wünschte den amerikanischen
Waffen im Irak "schnellen Erfolg". Und der kadaver-grüne deutsche
Außenminister Joschka Fischer schloss sich an u. verkündete, auch
seine Regierung hege die ehrliche Hoffnung auf einen "raschen Kollaps" des
(irakischen) Widerstands gegen den amerikanisch- britischen Angriff. Dem wollte
Putin nicht nachstehen und erklärte seinen Landsleuten, "aus
wirtschaftlichen und politischen Gründen" müsse Russland auf einen
entschiedenen Sieg der USA im Irak hoffen. Damit ist Washington allerdings
nicht zufriedengestellt. Zumindest Frankreich will man weiter abstrafen. Wie
wäre es mit einer rituellen Auspeitschung? Murdoch-TV könnte das
Spektakel ja live übertragen: Der gedemütigte kleine Häuptling
(Chirac) beugt sich vornüber, und die Imperial-Prinzessin (Condoleeza
Rice) bearbeitet ihn mit der Peitsche. Dann könnten sich die Führer
des erneut vereinigten Nordens entspannt zurücklehnen und jene
Tätigkeit wiederaufnehmen, die sie am besten können: den Süden
ausplündern.
Die Bagdad-Expedition war geplant als erstes Feilen an
einer neuen imperialen Haltung. Und wie könnte man diesen Wechsel zu einer
mehr offensiven Strategie besser unter Beweis stellen als mit Irak als
Paradebeispiel? Schließlich gab es nicht einen Grund, den Irak als Ziel
zu wählen. Dadurch treten die berechnenden Hintergrundsmotive umso
unverhüllter zutage. Wirtschaftliches Motiv: Der Irak besitzt das
zweitgrößte Reservoir an billigem Öl weltweit. Im Jahr 2000
hatte Bagdad sich entschlossen, seine Exporte künftig in Euro anstatt in
Dollar abzuwickeln. Daher hegte man Befürchtungen, Venezuelas Hugo Chavez
oder die iranischen Mullahs könnten dem Beispiel folgen. Eine
Privatisierung der irakischen Ölquellen unter US-Kontrolle könnte
zudem zur Schwächung der Opec beitragen. Strategische Motive: Dem
israelischen Militär war das unabhängige arabische Regime in Bagdad
schon längst ein Dorn im Auge. Inzwischen haben in Washington ja
Republikaner-Zeloten mit engen Verbindungen zum (israelischen) Likud
Schlüsselpositionen inne. So gesehen war die Eliminierung des alten
Widersachers (Saddam) für Jerusalem ein attraktives kurzfristiges Ziel.
Und zuletzt: Der Einsatz von Atomwaffen gegen Hiroshima u. Nagasaki war damals
eine eindeutige Machtdemonstration der USA an die Adresse der Sowjetunion
gewesen. Und in gleicher Weise soll nun also der 'Blitzkrieg', mit dem der Irak
überrollt wurde, aller Welt zeigen: Seht her, wenn es hart auf hart geht,
werden die USA zuletzt immer in der Lage sein, ihren Willen
durchzusetzen.
Die UN haben im Nachhinein einen Präventiv-Krieg
abgesegnet. Der Völkerbund war der tragische Vorläufer der UN. Der
hatte damals wenigstens noch den Anstand zu kollabieren, als seine Charta
ständig vergewaltigt wurde. Die Cheerleader des jetzigen Kriegs ziehen
Vergleiche zu Hitlers Blitzkrieg 1940 - und dies auf schamlose Weise. So
schreibt etwa Max Boot in der Financial Times: "Die Franzosen kämpften
1940 hart - zumindest am Anfang. Schließlich führten Geschwindigkeit
und Härte des deutschen Vormarsches jedoch zum totalen Kollaps
(Frankreichs). Das Gleiche wird im Irak passieren". Der Gedanke an das was nach
1940 in Frankreich passierte, sollte diese Enthusiasten zum Verstummen
bringen.
Zu einem spontanen Begrüßungsjubel vonseiten der
Schiiten kam es nicht, und bewaffnete Irreguläre leisteten (den Invasoren)
gleich zu Beginn erbitterten Widerstand. So entstand die Theorie von den
Irakern als "krankem Volk". Man müsse diesen Leuten eine
Langzeitbehandlung angedeihen lassen, erst dann könne man sie (falls
überhaupt) ihrem eigenen Schicksal überantworten. So sieht es
zumindest David Aaronovitch im 'Observer'. Und George Mellon warnend im Wall
Street Journal: "Der Irak wird sich nicht so einfach von Saddams Terror
erholen" - "nach drei Dekaden, in denen dort die arabische Variante einer
Mörder GmbH an der Macht war, haben wir es mit einer sehr kranken
Gesellschaft zu tun". Mellon besteht darauf, um eine "geregelte Gesellschaft"
zu entwickeln und der Wirtschaft wieder Energie einzuflößen (sprich:
sie zu privatisieren), brauche es Zeit. Reporter Mark Franchetti zitiert auf
der Titelseite der Sunday Times einen amerikanischen NCO (Mitglied d.
Offizierskorps): ""Die Irakis sind ein krankes Volk, und wir sind ihre
Chemotherapie", sagt Corporal Ryan Dupre. "Ich fange an, dieses Land zu hassen.
Warte, bis ich so einen verfluchten Iraker in die Finger kriege. Quatsch, ich
kriege keinen in die Finger, ich werde ihn einfach killen."" Ich bin sicher,
die Theorie von der 'kranken Gesellschaft' wird man intellektuell noch etwas
verfeinern. Aber schon jetzt ist klar, die (vorgeschobenen) Rechtfertigungen
sind geschaffen, um aus den neu-besetzten Gebieten eine Mischung aus Guantanamo
und Gaza zu machen.
Müßig, zu hoffen, die UNO oder Euroland
werden den amerikanischen Zielen im Nahen/Mittleren Osten ernsthaft etwas
entgegensetzen - ganz zu schweigen von Russland u. China. Aber wo soll der
Widerstand dann herkommen? Zuerst muss er natürlich in der Region selbst
starten. Es ist zu hoffen, dass zunehmender nationaler Widerstand gegen das
Besatzungsregime, die Irak-Invasoren schließlich aus dem Land jagen wird.
Und möge die Kollaborateure dasselbe Schicksal ereilen wie einst den
früheren irakischen Premier Nuri Said.
Früher oder später
wird der Ring brutaler u. korrupter Tyrannen-Regime rund um den Staat Irak
zerbrechen. Denn: Wenn es noch eine Region gibt, in der das Klischee,
Revolutionen der klassischen Art gehörten der Vergangenheit an,
widerlegbar scheint, ist es die arabische Welt. An jenem Tag, an dem die
Herrschaft Mubaraks, des Haschemiten-Regimes, der Saudis und anderer Dynastien
endet, indem sie der Zorn der Bevölkerung hinwegfegt, wird auch die
amerikanische u. israelische Arroganz in der Region ein Ende
haben.
Tariq Alis neues Buch, 'Bush in Babylon: Re-colonising Iraq',
erscheint im Herbst bei Verso. tariq.ali3@btinternet.com
|