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RIAD, CASABLANCA UND DIE
LORBEEREN DES SIEGES [*] Durch die "revolutionäre Kriegführung" der
USA im Irak fühlt sich der internationale Terrorismus in seiner
"asymmetrischen Kriegführung" weltweit bestätigt
Der
Irak-Krieg hat erwartungsgemäß dazu geführt, die Kluft zwischen
den Kulturen, wie sie seit dem 11. September 2001 besteht, weiter zu vertiefen.
Die Kulturnationen des Westens, angeführt von den USA, stehen im Kreuzzug
gegen die totalitären, fanatischen Muslime des Nahen und Mittleren Ostens,
die ihrerseits mit dem Heiligen Krieg (Dschihad) gegen die ungläubigen
Kreuzfahrer und ihre Handlanger in der Region reagieren. Die Anschläge von
Riad und Casablanca scheinen dieses Raster der Wahrnehmung zu bestätigen,
sie gehören zur asymmetrischen Antwort des Terrors auf die
militärische Omnipotenz des Eroberers, der die gesamten Region seinem
Kulturdiktat zu unterwerfen gedenkt.
Höchst zufrieden ist
Präsident Bush mit den Ergebnissen der jüngsten Kriege, die sein
Militär so siegreich geführt hat. Afghanistan und Irak, gab er zu
Protokoll, seien exemplarisch für die "revolutionäre Art
amerikanischer Kriegführung". Mit ihren Präzisionswaffen hätten
die USA "Terroristen und Tyrannen gezeigt, dass sie sich nicht länger
hinter Unschuldigen verstecken können". In dieser neuen Ära
könnten die USA jederzeit gezielt ein Regime angreifen und ausschalten.
Ein Urteil, das die neokonservativen Falken in der Administration stärkt,
während die eher moderate Fraktion um Außenminister Powell weiter an
Einfluss verliert. Dessen Drängen hatte Bush nachgegeben, als er im Herbst
vor die UNO trat, um Zustimmung für den geplanten Präventivkrieg
gegen Bagdad einzuholen. Ein Unternehmen, das mit dem wohl größten
diplomatischen Desaster der Amerikaner seit Bestehen der Weltorganisation
endete, drifteten sie doch in eine so nie erwartete Isolation.
Um so
mehr feiern nun die Neokonservativen den mutmaßlich grandiosen Sieg der
amerikanisch-britischen Streitkräfte. Es steht zu befürchten, dass
die kleine, nur etwa 25 bis 30 Mitglieder zählende Gruppe dieser Ideologen
für absehbare Zeit die Außenpolitik der USA dominiert. Die
Protagonisten heißen Richard Perle, Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz,
Richard Cheney, William Kristol, Charles Krauthammer, Douglas Feith und Eliot
Abrams, sie eint vor allem eine kollektive Vision: durch Neuordnung des Nahen
und Mittleren Ostens die gesamte Region als überragenden Gefahrenherd
für die USA und Heimstatt des islamistischen Terrorismus zu
neutralisieren. Sollten die Glaubenkrieger irgendwann auch
Massenvernichtungswaffen besitzen, so Rumsfeld & Co., wäre das Risiko
vollends unkalkulierbar. Der vorhandene Despotismus, die Korruption und Armut
in der arabischen Welt bewirkten eine Frustration der verelendeten Massen, die
besonders in den Moscheen kanalisiert werde. Dort gelte ein Islam, der
Anti-Modernismus mit Anti-Amerikanismus und einer Apotheose der Gewalt
verbinde. Weil schließlich die Völker ihre diktatorischen Herrscher
nicht abschütteln könnten, richteten sie ihren Zorn gegen deren
Schutzmacht, die sich am Golf aufgebaut habe, um einen stabilen Zugang zum
Öl zu sichern - soweit die Lageanalyse der Neokonservativen.
Daraus
folgt: Da spätestens der 11. September 2001 das Scheitern der
traditionellen amerikanischen Nahost-Politik offenbart habe, müsse die
marode und überlebte Architektur der Region zum Einsturz gebracht werden.
Ziel sei es, die arabisch-islamische Welt einem flächendeckenden Transfer
von Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechten auszusetzen. Dafür
brauche man nicht noch einmal den langwierigen und teuren Weg eines friedlichen
Systemwandels wie gegenüber der Sowjetunion einzuschlagen. Schneller und
effizienter sei der Vollzug dieser politischen Agenda mit militärischen
Mitteln. Noch nie in ihrer Geschichte hätten die USA über ein solch
großes und adäquates Machtpotenzial verfügt, um genau so
verfahren zu können. Der in Afghanistan zur Ausschaltung von al Qaida und
zum Sturz der Taleban geführte Krieg habe bereits gezeigt, wie
konzentriert und erfolgreich die US-Streitkräfte für einen
Regimewechsel zu sorgen vermögen - der Feldzug gegen den Irak habe das
bestätigt.
"Die Menschen sollten verstehen, dass wir uns im Vierten
Weltkrieg befinden, nach zwei heißen Kriegen und einem kalten Krieg. Es
ist ein Krieg, der anständige Regierungen im Nahen Osten bringen soll. Von
ganz Nordafrika bis in den Iran. Dort und in 22 arabischen Staaten gibt es
nämlich keine einzige demokratische Regierung." James Woolsey,
ehemaliger CIA Director
In der Tat mutet der Blitzkrieg, mit dem die
amerikanisch-britischen Streitkräfte den irakischen Staat innerhalb von
nur 20 Tagen zum völligen Kollaps brachten, phänomenal an - besonders
angesichts der zuvor von vielen Analysten beschworenen Schreckensszenarien.
Ausschlaggebend für den totalen Sieg der Koalition war ein ganzes
Bündel von Faktoren. Neben der bekannten rüstungstechnologischen
Überlegenheit kamen eine enorme Planungsfähigkeit und der Einsatz
beispielloser Kapazitäten bei der Nachrichtengewinnung wie der
strategischen Aufklärung hinzu. In der Konsequenz konnten Heer, Luftwaffe,
Marine und Marines äußerst flexibel sowie in einem bisher
unerreichten Operationstempo disloziert werden. Die Schlacht der
Invasionstruppen wurde ohne Unterbrechung rund um die Uhr - in der Nacht und
bei jedem Wetter - geführt, dies galt für die Dauer des gesamten
Feldzuges. Das wiederum war entscheidend einer um den Globus reichenden,
flexiblen Logistik mit riesigen See- und Lufttransportkapazitäten
(einschließlich der Luftbetankung) zu danken. Außerdem fiel der
hohe Ausbildungsstandard sowohl der amerikanischen als auch der britischen
Streitkräfte ins Gewicht, womit der Krieg im Irak einmal mehr die
Vorzüge professioneller Freiwilligen- gegenüber
überdimensionierten Wehrpflichtarmeen erkennen ließ.
Diese so
furios anmutende Bilanz weist allerdings bei genauerem Hinsehen durchaus
etliche Makel auf. So stellte sich zu Beginn des Angriffs heraus, dass die
amerikanisch-britischen Militärplaner den Kampfeswillen der irakischen
Armee ebenso unterschätzt hatten wie deren Kreativität bei einer
asymmetrischen Kriegführung. Daraus sowie aus Defiziten bei der
Freund-Feind-Erkennung resultierten vermeidbare Verluste in den eigenen Reihen,
obwohl die im Vergleich zu anderen seit 1990 geführten Kriegen
ähnlicher Dimension geringer ausfielen: Auf jeden getöteten
alliierten Soldaten kamen zehn tote Zivilisten und etwa 100 gefallene irakische
Soldaten - der Krieg artete damit zu einem Massaker aus, das mindesten 22.000
Irakern das Leben kostete. Wahrlich keine Quantité négligeable.
In diesen Relationen zeigt sich zugleich, wie sehr mit der Siegeseuphorie eine
militärische Illusion verdeckt wird. De facto handelte es sich um einen
gigantischen Overkill jenseits aller Verhältnismäßigkeit.
Briten und Amerikaner schlugen ein weitgehend entwaffnetes, ausgeblutetes Land
mit einer "Barfuß-Armee" in einer physisch wie psychisch zermürbten
Region. Während sich die nachhaltigen Folgen dieser Aggression und ihrer
Umstände erst noch erweisen müssen, fallen doch nicht zuletzt mit den
Attentaten von Riad und Casablanca in den vergangenen zehn Tagen zwei
gravierende, vor dem Einmarsch in Bagdad bereits prophezeite Risiken ins Auge -
der im Grunde genommen zweifelhafte Sieg über den Irak steigert das
Ressentiment in der arabisch-islamischen Welt gegenüber den USA in
ungeahnte Höhen, und der strategische Impuls für die so genannte
"asymmetrische Kriegführung" des Terrorismus ist unübersehbar. Es
besteht tatsächlich die reale Gefahr, dass die neokonservativen
Kreuzzügler um George W. Bush in ihrer siegestrunkenen Verblendung die
Welt in jenen Vierten Weltkrieg treiben, den Ex-CIA-Direktor James Woolsey
schon ausgerufen hat.
Dipl. Päd. Jürgen Rose ist
Oberstleutnant der Bundeswehr. Er vertritt mir diesem Text nur seine
persönlichen Auffassungen.
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